Aus: Passage(n)-Projekt.
Űber das
weite Feld zwischen Max Nordau, Walter Benjamin und der
Christoph-Hein-Rezeption an der Universität Leiden
Inhaltsverzeichnis: www.passagenproject.com/inhalt.html )
Meine Arbeit postuliert die folgenden wesentlichen Zusammenhänge:
1. Christoph Heins Stück Passage stellt eine Modellierung dar von Max Nordaus Schriften, vor allem von dessen Buch Entartung. Christoph Hein stellt Walter Benjamins Passagen-Werk als ein Produkt entarteten Denkens dar.
2. Christoph Heins Denken kann mit guten Gründen faschistisch und antisemitisch genannt werden.
3. Günter Grass hat sich ausführlich mit Hein und dessen faschistoiden und antisemitischen Denkbildern auseinandergesetzt, vor allem, aber nicht nur, in Ein weites Feld.
4. Die positive Christoph-Hein-Rezeption an der Universität Leiden und die damit zusammenhängende Zensur und die Stigmatisierungsversuche sind sehr gut im Einklang mit der heutigen fremdenfeindlichen Stimmung in den Niederlanden. Bei der Fachgruppe Germanistik der Universität Leiden, bei der sich der Konflikt um Passage abspielte, wird jetzt (von dem Mitarbeiter Jerker Spits) der Rechtspopulist Geert Wilders und der Nazi-Jurist und Antisemit Carl Schmitt verherrlicht.[1]
© Maria Trepp 2004,
2005 Alle Rechte vorbehalten m.trepp@wanadoo.nl
Der Begriff “Antisemitismus” wird unterschiedlich definiert. Einer engen Definition nach ist Antisemitismus immer auch (genetischer) Rassismus, so wie z.B. der nationalsozialistische Antisemitismus ein Rassismus war. Aber historisch gesehen waren nicht alle Antisemiten auch Rassisten: ein “Klassiker” des Antisemitismus, Paul de Lagarde meinte zum Beispiel: “Das Deutschtum liegt nicht im Geblüte, sondern im Gemüthe”[2]. Personen, die wesentlich zur Verbreitung des Antisemitismus in Deutschland beigetragen haben, wie der wilhelminische Hofprediger Adolf Stoecker und der Berliner Historiker Heinrich von Treitschke (“Die Juden sind unser Unglück!”) haben bei aller Agitation einem Rassenantisemitismus nicht offen zugestimmt.[3] Häufig wird auch die nicht-rassistische Judenfeindlichkeit als Antisemitismus bezeichnet, weil “auf der mentalitätsgeschichtlichen Ebene der Vorurteilsbildung [...] sich zwischen der traditionellen Judenfeindschaft und dem modernen Antisemitismus eine klare Trennungslinie nicht ziehen [läßt]”[4].
Heins Antisemitismus ist zunächst nicht rassenbiologisch orientiert, weil seine Judenfeindlichkeit u.a. in der Unterscheidung guter Jude/ schlechter Jude besteht. Doch zeigt sich gerade an Hein, wie wenig sich rassenbiologischer und nicht-rassistischer Antisemitismus unterscheiden lassen, denn Hein lehnt sich in seiner Auffassung vom Judentum nachweisbar an Max Nordau an, dessen Antisemitismus wiederum ausdrücklich rassentheoretisch begründet ist.
In der letzten Zeit werden in Literaturkritik und Gesellschaft hitzige Antisemitismus-Diskussionen geführt. Viele zeigen sich unzufrieden mit einer Literaturkritik, die Bücher als antisemitisch bezeichnet und deswegen verwirft. Martin Walser hat in seiner Friedenspreisrede 1998 schon von Auschwitz als “Moralkeule” gesprochen und dabei viel Beifall geerntet. Weithin besteht ein großer Konsens über die Ablehnung aller Moralkeulen, und allseits wird das Bedürfnis, ständig alles auf Auschwitz zu beziehen, als unzureichend gesehen. Es lassen sich zahlreiche Beispiele dafür anführen, daß Bücher und Personen zu unrecht wegen Antisemitismus angegriffen wurden. Dennoch kann aus der Tatsache, daß der Begriff Antisemitismus oft und vielleicht sogar überwiegend mißbraucht wird, nicht abgeleitet werden, daß ein Buch nicht als antisemitisch klassifiziert werden darf oder daß die künstlerische Qualität eines Textes immer völlig unabhängig vom Gehalt an Menschenwürde sei.
Für die Analyse von Heins Antisemitismus gilt: Heins Antisemitismus kann konkret am Text von Passage nachgewiesen werden. Heins Antisemitismus besteht erstens in der Kontrastierung guter Jude/ schlechter Jude, zweitens im Gebrauch von alten antisemitischen Metaphern (Teufel, Pest, Schmarotzer), drittens im bejahenden Bezug auf Max Nordaus antisemitische, zionistische Schriften viertens in der verharmlosenden und sozialdarwinistischen Darstellung der Judenverfolgung und fünftens in einer Vertauschung von Opfer und Täterrolle beim Gedenken an die Judenvervolgung..
Günter Grass’ Roman Ein weites Feld stellt eine Auseinandersetzung mit Hein und seinem Antisemitismus dar. Dieser Roman ist bei seinem Erscheinen auf großen Protest gestoßen. Vor allem Marcel Reich-Ranicki, der schon die Blechtrommel kein gutes Buch fand, hat das Buch verrissen und auf dem Spiegel-Titelbild sogar zer-rissen. Ein weites Feld wurde von vielen als ein billiger Versuch des Autors gesehen, sich mit Fontane zu identifizieren und die BRD-Gesellschaft nach der Wende zu kritisieren. Dieser Roman hat jedoch auch ganz andere, literarisch und intertextuell sehr komplexe Seiten. “Ein weites Feld” ist nicht nur ein Fontane-Zitat, sondern auch ein Hein-Zitat, und zwar aus Heins Rede Ein bißchen laut (1990),[5] in der Hein abfällig über den Selbstmord der Juden Kurt Tucholsky und Walter Benjamin spricht. Grass macht in seinem Roman die geistesgeschichtliche Verbindung zwischen dem Ende des 19. Jahrhunderts und dem Ende des 20. Jahrhunderts transparent. Christoph Hein wird von Grass sowohl in die Tradition des antisemitischen wilhelminischen Hofpredigers Stoecker als auch in die Tradition von Max Nordau und des Kreuzzeitungsmannes Georg Hesekiel eingeordnet. “Ein weites Feld” zitiert schon im Titel sowohl Fontane als auch Hein. Noch komplexer wird der Titel durch die Tatsache, daß Fontane und Hein den Berührungspunkt Max Nordau teilen: Fontane kannte und schätzte Nordau,[6] figuriert selbst (positiv) in einem Roman von Nordau Die Krankheit des Jahrhunderts (1889) und hat eine Nordau-Satire Der Vater vons Janze (1893) geschrieben.[7] Nordau kommt in Ein weites Feld zurück als Fontys Literaturfreund, der Sanierer, Treuhandchef und “Chef vons Janze”[8], dem die “Chefin vons Janze” nachfolgt, die noch “einen Zahn draufgelegt” hat. “Die zuckt mit der Wimper nicht. Hat die nicht, kennt die nicht: Angst.”[9]
Ein weites Feld kann als ein Beitrag in einer zum Teil innerliterarisch ausgefochtenen Auseinandersetzung zwischen Hein und Grass betrachtet werden. Die ideologischen Differenzen zwischen Grass und Hein wurden schon 1992 in einem der in Zeit veröffentlichten Gespräch deutlich.[10] 1993 hat Hein in Randow dann Grass im negativen Sinne zitiert;[11] Ein weites Feld ist wiederum 1995 Grass’ selbstironische Auseinandersetzung mit Hein. Und Heins Willenbrock (2000) kann unter anderem als Heins Antwort auf Ein weites Feld gesehen werden; Grass’ Krebsgang (2002) wieder als Antwort hierauf, und Heins neuester Roman In seiner frühen Kindheit ein Garten (2005) als Antwort auf Grass’ Krebsgang.
Grass stellt in seinem Roman Ein weites Feld die Bundesrepublik nach der Wende als eine Neuauflage der fortschrittsgläubigen und wirtschaftsliberalen Gründerzeit dar. Wie sehr er Recht mit seiner Darstellung hat, wird an Christoph Hein und der Hein-Rezeption deutlich: zum Ende des 19. Jahrhunderts erfreuten sich der antisemitische Hofprediger Stoecker und der Entartungsgegner und Hetzer gegen moderne Kunst und Philosophie Max Nordau größter Beliebtheit, zum Ende des zwanzigsten Jahrhunderts hat es ihr Geistesbruder Christoph Hein geschafft, mit einem Buch, das Selbstjustiz modellhaft vorführt und Hitler und Stalin anerkennend nennt, in den Suhrkamp-Verlag aufgenommen zu werden und von einer Leidener Germanistik-Professorin mit größtmöglichstem persönlichen Einsatz verteidigt zu werden. Es ist deswegen kein Zufall, daß Grass, dem die Hein-Rezeption auf jeden Fall ein Dorn im Auge gewesen sein muß, auch die neoliberale Literaturwissenschaft selbst zur Zielscheibe seiner Kritik macht. Max Nordau selbst wußte auch schon, daß auf Professoren Verlaß ist. Professoren gehören zur “Regierungsmaschine”; deshalb fallen nach Nordaus Ansicht auch Professoren und Akademikern weit größere Ehren zu als Dichtern und Künstlern.[12] Nordaus Hetze gegen die modernen Künstler erwartet sich deshalb auch zuallererst Stütze von den Professoren.[13]
Grass erwähnt Hein in Ein weites Feld einmal mit Namen.[14] Es gibt aber deutliche Hinweise darauf, daß Hein in indirekter Form noch weitere Male auftaucht. Auf die Hein-Aspekte der Fonty -Figur wurde schon hingewiesen.[15] Wer Heins alttestamentarisch-patriarchalisches Denken kennt, wird aber auch aufmerksam, wenn in dem Abschnitt, der mit dem Stichwort beginnt: “So baute Fonty beiden Vätern ein Denkmal”[16] einige DDR-Schriftsteller aufgezählt werden; dabei auch eine Frau, die Billig-Literatur produziert, namens “Ludovica Hesekiel”, ein “Blaustrumpf” mit “Sechser-Moral und Dreier-Patriotismus”. Das Kritische Lexikon der Gegenwartsliteratur kennt keine Autorin dieses Namens. Es gab eine historische Ludovica Hesekiel (1847-1889), Tochter des Kreuzzeitungsmannes Georg Hesekiel; jedoch ist diese Ludovica als historische Person offensichtlich im genannten Zitat, das auf DDR-Autoren zielt, nicht gemeint. Dagegen paßt der alttestamtentarische Name Hesekiel ausgezeichnet auf Hein, ebenso wie die anderen Ludovica[17] zugeordneten Attribute. Das Stichwort “Hesekiel” taucht später noch einmal auf,[18] und trägt dazu bei, die Hypothese zu stützen, daß Ludovica Hesekiel ein Deckname für Hein ist: Hesekiel heißt Fontys Hündchen; dieser Name könnte also für eine hündische autoritätshörige Untergebenheit stehen[19] (der Dackel Hesekiel selbst hört übrigens lieber auf “Fifi”). “Hesekiel” heißt darüber hinaus auch ein Kreuzzeitungsmann und “Erzreaktionär”,[20] der historische Vater Ludovikas Georg Hesekiel, dessen Bücher Fontane respektvoll besprach. Wie oben schon aufgezeigt, versteckt sich schon hinter Heins Namengebung für das “Frankfurther” Würstchen eine komplexe Intertextualität. Auch bei Grass ist die Namengebung raffiniert. Mit dem “Kreuzzeitungsmann Hesekiel” macht Grass nicht nur von der historischen Verbindung Fontane-Hesekiel Gebrauch, er spielt auch auf die geistige Verbindung Hesekiel-Nordau-Hein an.[21] Die Reaktion von Hesekiels Kreuzzeitung auf Nordaus Entartung war enthusiastisch.[22] Hesekiel, “Jeremias”[23] Nordau und “Hesekiel” Hein gebrauchen alle drei Literatur bewußt als Waffe - Hein ist wirklich alles andere als ein neutraler Chronist!- , und hängen einer populistischen “Volkstümlichkeit” an.[24]
Auch an anderen Stellen in Ein weites Feld lassen sich Hinweise auf Hein finden. Vor allem der Hofprediger, “Judenfresser” und Begründer der christlich-sozialen Tradition Adolf Stoecker verweist auf Hein: der Stoeckersche Antisemitismus wird als gerade heute wieder populäre Auffassung beschrieben.[25] Auch die Beschreibung von Fontanes Sohn Theodor läßt aufhorchen: ein “Prinzipienreiter”, eine “Tugendsäule”, wenn auch ein “Schlauberger”. “Soll man ihn auffliegen lassen? Jetzt noch, nach Ladenschluß?”[26] “Schon bald könnte sich zeigen, daß selbst Du, der Tugendritter, in keine Vortrefflichkeitsschablone mehr passen wirst...”[27] Schließlich zielt in Ein weites Feld wohl auch Fontys Bemerkung über “den letzten Verbandspräsidenten der schreibenden Zunft” ” ‘einen Scribifax, den Gott in seinem Zorn erschaffen hat’ ”[28] auf Hein - auch diesem Zitat geht wieder der Hinweis auf “den beiden Vätern ein Denkmal bauen”[29] voraus. Ein Scribifax, der von einem alttestamentarischen Gott erschaffen wurde: das kann nur Christoph Hein sein!
Die Frage kann gestellt werden, warum Grass seine Hein-Kritik so stark verschlüsselt hat. Der Grund kann sicher nicht nur in Heins Hintergrund als Ossi gesucht werden. Vermutlich war Grass der Überzeugung, daß ein direkter Angriff nur auf Unverständnis und Abwehr gestoßen wäre und daß man Hein in Schutz genommen hätte. Die Aufklärung, die Grass betreibt, ist indirekt. Heinz Brandt begründet aus seiner Erfahrung von Diskussionen mit Mitgefangenen im Konzentrationslager und aus deren Angst und Abwehr eine indirekte Aufklärungsstrategie:
“Wir wollen weder Verzweiflungsstimmung heraufbeschwören noch Fememethoden der Verdunkelten provozieren.
So stellten wir auf die sokratische Methode um: Fragen stellen … Fragen, die zum Nachdenken zwingen, zu fruchtbarem Zweifel führen, ohne zur Verzweiflung zu treiben. Immer wieder auf den Widerspruch zwischen Realität und Doktrin durch Fragen hinzielen. Die Antwort den Befragten aufgeben, sie nicht selbst übernehmen. Die Sucht nach ,maximaler Aufklärung‘ überwinden.“[30]
Grass vertraute zu Recht darauf, daß “die Wahrheit ein Kind der Zeit”[31] sei und daß Literatur eine “Zeitbombe mit Spätzündung”[32] sein kann. Anstelle einer zu harten Enthüllungsstrategie, die nur auf Widerstand gestoßen wäre und Hein gedient hätte, setzt er auf eine organische, diffuse Aufklärung. Die Zeit arbeitet für die wahrhaftige Aufklärung und gegen Hein. Mit Willenbrock hat Hein, wie auch die Reaktionen im Literarischen Quartett[33] zeigten, die Grenze des Akzeptablen für viele, selbst für so konventionelle Literaturkritiker wie Reich-Ranicki[34], überschritten. Die Zeit ist reif für die Anti-Hein-Offensive auf breiterer Basis.
In Passage wird mit der Darstellung der Flucht und Verfolgung von Juden und Kommunisten auf kollektives Wissen über den Faschismus zurückgegriffen. Dramatische Texte greifen sehr häufig mythische oder historische Stoffe auf. So können bekannte Sachverhalte produktiv eingesetzt werden. Vorauszusetzende geschichtliche Kenntnisse werden in Passage genannt, aber nicht dazu benutzt, um die Mechanismen und Fakten der Verfolgung auf der deutschen Seite weiter zu untersuchen.[35] Vorkenntnisse werden mit neuen Informationen nur ergänzt, um zu zeigen, daß das Ausland auch schuld ist, und daß auch die Verfolgten selbst zu wenig tun, um ihre schlechte Lage zu verbessern.
Historische Vorinformation, die beim Zuschauer/Leser vorausgesetzt wird, macht dramatische Ironie möglich, die immer dann auftritt, wenn
“die sprachliche Äußerung oder das
außersprachliche Verhalten einer Figur für den Rezipienten aufgrund seiner
überlegenen Informiertheit eine der Intention der Figur widersprechende
Zusatzbedeutung erhält”.[36]
In Passage entsteht dramatische Ironie durch das Wissen der Leser/Zuschauer um den Holocaust, das die Figuren nicht besitzen. Zum Beispiel diskutieren die Flüchtlinge die Judenvergasung und sind sich alle einig, daß dies ein übertriebenes Märchen ist. Nur der so negativ charakterisierte Frankfurther scheint plötzlich etwas hellsichtiger zu sein und fragt sich, ob die Nachricht von der Judenvergasung wahr sein könnte. Aber wie sich schnell herausstellt, ist diese Äußerung nur wieder eine Vorlage für Diffamierung, Otto wird seine Anklage über Frankfurthers Zusammenarbeit mit der brauen Pest los. Und Frankfurther zeigt danach auch gleich, was der Leser von ihm erwarten kann: Wirklichkeitsverkennung. Diese wird außerdem auch noch an seine Areligiosität gekoppelt, die später wieder sehr gut kontrastiert mit dem sicheren Gottesvertrauen Hirschburgs:
“FRANKFURTHER: Und was ist, wenn es wahr ist, Otto? Wenn sie die Juden in Deutschland umbringen? Wenn es kein Gerücht ist?
OTTO: Es ist unmöglich.
FRANKFURTHER: Ja, es ist gar nicht möglich. Es ist nicht möglich. Es ist so unmöglich wie Gott.”[37]
Das Problem der Wirkung im äußeren Kommunikationssystem dieser Szene ist nicht, daß die Verfolgten nicht an die Vernichtungslager glauben wollen (die es historisch zu dieser Zeit –1940- noch gar nicht gab). Das Problem ist, daß die Verfolgung in ihren historischen Fakten angesprochen wird, daß aber die Geschichte nur mißbraucht wird. Der ganze zwei Seiten lange Wortwechsel über die Judenvergasung hat in der Gesamtheit des Stücks nicht die Funktion, Kritik an der Judenvernichtung durch Deutsche zu geben, sondern dient der Kritik an Frankfurther. Seine Ahnungslosigkeit ist nämlich viel schlimmer als die der anderen Figuren, weil sie mit seiner Anmaßung als Wissenschaftler und Philosoph konfrontiert werden muß: obwohl er als einziger etwas über die Wirklichkeit ahnt, macht er durch seinen Unglauben an Gott und sich selbst keinen Gebrauch von seinem inneren Wissen. Der Zuschauer weiß, daß möglich war, was Frankfurther nicht für möglich hält. Pfister erläutert die dramatische Ironie am Beispiel des Ödipus.[38] Auch in Passage wird eine Verbindung zwischen Frankfurther und Ödipus gemacht. Wie in der griechischen Tragödie wird auch hier die begrenzte Einsicht der Figur deutlich. Weil sich aber Passage nicht an das griechische Weltbild anlehnt, sondern eine moderne Machbarkeit des Lebens vertritt, drängt sich als Schlußfolgerung auf: er hätte es wissen können und er hätte es wissen müssen. Hirschburg jedenfalls zeigt am Ende des Stücks, daß bodenständiger Instinkt die Problematik der polnischen Juden aus der Gegend um Auschwitz gut erfassen kann, und, was mehr ist - ihnen sogar noch helfen kann. Der Bemerkung Frankfurthers über Gott kommt in vieler Hinsicht größte Bedeutung zu: strukturell, weil sie die letzte Äußerung Frankfurthers im Stück ist und seinem Selbstmord unmittelbar vorhergeht, und philosophisch, weil in der Frage der Religiosität oder im übertragenen Sinne: des Idealismus Hein und Benjamin einander unversöhnlich gegenüberstehen.
In Gerard Reves zum Teil autobiographischem Roman Het Boek Van Violet En Dood wird eine Reaktion a là Hirschburg (individuelle Tüchtigkeit und positives Denken) auf die deutsche Besetzung ironisiert (Reve war im Krieg als niederländisches Kommunistenkind an Widerstandsaktivitäten beteiligt):
“Het waren moeilijke
tijden, maar moest ik het mijzelve nòg moeilijker gaan maken? Ons kleine landje
aan de zee maakte weliswaar een tragische tijd door, vol dreiging en gevaar,
maar als ik goed oplette en mij voorzichtig bleef gedragen, dan zoude dat
gevaar best mede vallen. Ja, op de terugweg zoude ik op die boot nog eens
dezelfde controle moeten ondergaan, maar als mijn papieren op de heenweg in
orde waren bevonden, waarom zouden die dan op de terugweg moeilijkheden
opleveren? Een mens kon zijn eigen net zo gek maken als hij zelf wilde, maar
wat had men daaraan? Gevaren, ja, die waren er, want het gehele leven was
immers één lange een gevaarlijke reis, één bange vlucht dus, ja voor wat? Voor
de dood? Had ik dat ergens gelezen: Eén Bange Vlucht Voor De Dood?
Waarschijnlijk wel, want zoiets bedacht je niet zelf als je goed bij je
verstand was. Pessimistische dichtkunst was het, dat was duidelijk want de
literatuur van de bourgeoisie was niet opbouwend maar door en door negatief,
teneinde de arbeidersjeugd van de klassenstrijd af te houden.”[39]
“Es waren schwere Zeiten, aber mußte ich es mir selbst noch schwerer machen? Unser kleines Land am Meer machte zwar eine tragische Periode durch, voll Drohung und Gefahr, aber als ich gut aufpaßte und mich vorsichtig benahm, dann würde alles gut gehen. Ja, auf dem Zurückweg mußte ich die gleiche Kontrolle nochmals mitmachen, aber warum sollte diese dann Schwierigkeiten machen? Jeder Mensch konnte sich selbst verrückt machen, wenn er wollte, aber was hat man davon? Gefahren, ja, die waren da; das ganze Leben war ja eine lange und gefährliche Reise, eine ängstliche Flucht also, ja wovor? Vor dem Tod? Hatte ich das irgendwo gelesen, Eine Ängstliche Flucht Vor Dem Tod? Wahrscheinlich schon, denn sowas denkt man sich nicht selbst aus, wenn man vernünftig ist. Pessimistische Dichtkunst war das, das war deutlich, denn die Literatur der Bourgeoisie war nicht aufbauend, sondern durch und durch negativ, mit dem Ziel, die Arbeiterjugend vom Klassenstreit abzuhalten.”
Scheinbar nimmt hier Reve die Bourgeoisie-kritische Weltsicht Heins ein, aber mit einem gegensätzlichen Effekt, nämlich dem, daß eine solche simple Welt- und Literaturanschuung deutlich und kritisierbar gemacht wird.
Das Stichwort „Auschwitz“ in Passage in Verbindung mit Frankfurther hat noch einen anderen Aspekt. Frankfurthers Selbstmord muß bei dem Gedanken an Auschwitz zur Bagatelle werden, jedenfalls wenn man mit Michael Rohrwasser und Günter Anders einig ist:
“Der Blick auf eine vom Genozid bedrohte Menschheit; der Blick auf die Leichenberge des Faschismus und Stalinismus nimmt dem Selbstmord die heroische Geste, von der Baudelaire gesprochen hat. Die schwärzeste Zukunft weckt die Beschäftigung mit dem Tod, aber im Schatten der Inflation der Toten wird auch der Selbstmord entwertet [...] ‘Denn wenn’ schreibt Günter Anders, ‘Millionen straflos umgebracht werden können, dann wird eben, da nur ein Einzelner zum Opfer fällt, auch der Selbstmord zur Bagatelle.’ “[40]
Die Abwertung des einzelnen Todes in diesem Zitat ist unethisch; ein einzelner Tod bleibt ebenso einzigartig im Vergleich mit Millionen anderen, wie es ein einzelnes Leben neben Milliarden anderen ist. Das Bemühen vieler Literaten und Künstler ist denn auch, im Zusammenhang mit dem Holocaust gerade die einzelnen, auch oft unauffälligen Namen und Schicksale bekannt zu machen und die Einzelnen aus der Anonymität des Vergessens zu holen. Hein dagegen macht den Tod Benjamins zur Bagatelle. Dafür es auch wichtig, daß Frankfurther sich selbst pathetisch eine tragische Haltung zuspricht (mit dem Hinweis auf die griechische Tragödie), denn dies kann dann mit gutem Gewissen als falsche Pathetik entlarvt werden.
Ein wichtiges Thema in Passage sind die Untaten und Unterlassungen des Auslands.[41] Die folgende Äußerung wirkt sehr stark, weil zwischen Kurt und Frankfurther schon ein großer persönlicher Gegensatz aufgebaut worden ist, der die Übereinstimmung in diesem Punkt auffälliger erscheinen lassen muß:
“FRANKFURTHER: [...] Hier sind wir lediglich ‘auf Verlangen auszuliefern’, Artikel 19, vergessen Sie den nie, Kurt.
KURT: Die sind nicht besser ...”[42]
Der explizite Teil wurde mit Pünktchen ersetzt, aber implizit steht hier: “Die sind nicht besser als die Deutschen”, oder in logischer Umkehrung, die die Apologie sichtbar macht: “Die Deutschen sind auch nicht schlimmer als die anderen.” Nirgendwo wird im Verlauf des Stücks etwas gesagt oder getan, das diesen Satz zurücknehmen oder relativieren würde, umgekehrt wird er in verschiedenen Varianten wiederholt. Deswegen kann er nicht nur den beiden Figurenperspektiven zugeordnet werden. Im ganz Allgemeinen ist es sicher wahr, daß “die Deutschen auch nicht schlimmer sind als alle anderen”, aber im historischen Kontext kann das Opfer nicht mit den Angreifern auf eine Stufe gestellt werden, selbst wenn dem Opfer Kollaboration nachgewiesen werden kann.
Die darauffolgende Stelle läßt eine andere Figur, Lenka, mit Kritik an den Franzosen hervortreten; Frankfurther hat hier die Aufgabe der Scheinverteidigung, um eine Vorlage für den erneuten Angriff zu geben:
“FRANKFURTHER: [...] Die Franzosen haben alle Lager noch rechtzeitig geöffnet. Sie werden doch nicht Antifaschisten in die Hände der Nazis fallen lassen.
LENKA: Und Les Milles? Man hat das Lager an die Deutschen ausgeliefert. Haben Sie das vergessen?
KURT: Ja. Und das Lager Gurs? Auf Verlangen ausgeliefert. Und Le Vernet? Fünfhundert Antifaschisten auf Verlangen ausgeliefert.”[43]
In der folgenden Äußerung geht es gegen Spanien, aus der Perspektive einer anderen Figur, einer Jüdin:
“LISA: Spanien erkennt die Visa aus Marseille nicht mehr an. Sie verlangen ein Visum aus Paris, aus der besetzen Zone.
HIRSCHBURG: Ich kann aber nicht nach Paris fahren.
LISA: Natürlich nicht.”[44]
In der nächsten Replik wird die Anklage auf die ganze Welt erweitert:
“OTTO: Die Welt kann uns schließlich nicht verrecken lassen. Man kann doch nicht tatenlos zusehen, wie wir an die Nazis ausgeliefert werden.
FRANKFURTHER: Die Welt muß nicht zusehen. Sie wird schlicht und einfach weggucken.”[45]
Scheinbar wird diese Äußerung Frankfurthers durch die folgende Replik entkräftigt:
“OTTO: Sie sind ein Feigling und ein Opportunist. [...]”
Dies ist aber nicht als eine Relativierung der Aussage Frankfurthers zu sehen, sondern paßt zu der negativen Charakterisierung Frankfurthers. Deswegen setzt die folgende Äußerung auch wieder gleich die Beweisführung gegen das Ausland fort, jetzt gegen die USA:
“LISA: [...] Die USA haben ihre Einreisequoten nicht heraufgesetzt […] Im Gegenteil. Derzeit läßt es kaum die Hälfte der gesetzlich erlaubten Einwanderungen zu. Das Komitee hat in Washington mehrmals protestiert. Alles erfolglos.” [46]
Auch die Tschechen sind mitschuldig, wenn auch nicht politisch, sondern als private Verräter: Lenkas Familie wurde von ihrer Köchin verraten.[47]
Die Schuld des Auslandes an der Judenverfolgung wird von Antisemiten und Nazi-Sympathisanten gerne hervorgehoben. ***Gesine Schwan zitiert in Schuld und Politik Christopher R. Browning zum „Rechtfertigungsdrang“ der Angehörigen des Polizeibatallions 101:
„Sie zeichneten das Bild ‚einer recht gutmütigen deutschen Besatzungspolitik in Polen’ und warfen den Polen vor, viele Juden an die Deutschen ‚verraten’ zu haben. Bezeichnend ist dabei, daß den deutschen Polizisten die moralische Kategorie ‚Verrat’ durchaus gegenwärtig war, daß sie aber eine völlige Verzerrung der Situation vornahmen. Denn sie verschwiegen, daß so manche Polen trotz der Lebensgefahr von deutscher Seite Juden geholfen hatten und dafür von den Deutschen oft mit dem Tod bestraft worden waren, daß die Todesgefahr für die Juden ja überhaupt von Deutschland und nicht von Polen ausging und daß viele Deutsche Polen zum Verrat angestiftet hatten.“[48]
Zwar gesteht Christoph Hein den Franzosen zu (am Beispiel Rosa Grenier) , daß sie den Juden geholfen haben; gleichzeitig wird jedoch die Undankbarkeit und Lästigkeit der Juden hervorgehoben. Weite Teile des Textes in Passage liefern in allen Facetten Kritik an den Verfolgten und ihrem Handeln, wobei die Opfer durch ihre Äußerungen entweder einander oder auch sich selbst entlarven. So attackiert Kurt Frankfurther:
“Schweigen! Wir haben zu reden. Wir haben die Wahrheit zu sagen. Wenn Sie nur schweigen wollten, hätten Sie Deutschland nicht verlassen müssen. Schweigen kann man immer in Deutschland.”[49]
Diese Äußerung kann nicht ausschließlich auf die Figurenperspektive bezogen werden. Die hier ausgedrückte Meinung wird im Stück vielfach wiederholt. Und: das Stück bietet keine valide Gegenmeinung. Allein die Tatsache, daß Kurt, wie alle Figuren im Stück, unsentimental geschildert wird und keineswegs eine Identifikationsfigur ist, ändert nichts an der Tatsache, daß die hier vorgetragene Meinung im Gesamtkontexts des Stücks als begründete Stellungnahme gesehen werden muß. Während man mit seinem geschichtlichen Vorwissen davon ausgehen kann, daß die Hauptmotivation der Flüchtlinge zur Flucht die persönliche Gefährdung war, wird hier angegeben, daß Flüchtlinge immer im Widerstandskampf aktiv bleiben müssen. Dies ist sicher ein Anliegen vieler Flüchtlinge gewesen. Dadurch aber, daß dieses Motiv gegenüber der Angst vor Verfolgung in den Vordergrund gerückt wird, läßt sich plötzlich alles Verhalten der Flüchtlinge an der moralischen Richtschnur des mutigen Kampfes gegen den Faschismus messen. Diejenigen Flüchtlinge, die, aus welchen Gründen auch immer, dieser hohen Zielsetzung nicht entsprechen, können leicht als feige und egoistisch verdammt werden. Dies wird noch deutlicher hervorgehoben, wenn Marie Grenier später Kurt unterstellt, daß er von Amerika aus nicht genug gegen den Faschismus kämpfen wird. Damit greift sie scheinbar Kurt an, aber in Wirklichkeit untermauert sie nur seine oben hart formulierten Forderungen an sich und alle anderen Flüchtlinge:
“MARIE GRENIER: Was wirst du tun in Amerika?
KURT: Kämpfen, Marie. Auch in Amerika werde ich gegen Hitler kämpfen.
MARIE GRENIER: Den ganzen Tag?
KURT: Natürlich. Was soll die Frage?
MARIE GRENIER: Aber du hast doch auch einmal Feierabend.
KURT: Im Kampf gegen Hitler gibt es keinen Feierabend.
MARIE GRENIER: Aber du wirst dir doch auch Amerika ansehen, die Städte, New York. Du wirst in die Cafés gehen, dir die amerikanischen Mädchen ansehen.
KURT: Ich gehe nicht nach Amerika, um mir dort die
Mädchen anzusehen.”[50]
Nur oberflächlich betrachtet geht es hier um Eifersucht. In bezug auf die historischen und politischen Ereignisse wird wiederholt auf einen Kampf gegen Hitler rund um die Uhr gepocht - was grob unethisch ist, wenn dies nicht nur als Appell, sondern als Beurteilungskategorie von Verhalten aufgestellt wird. So wird die Anforderung an die Flüchtlinge in die Äußerung einer verliebten Frau verpackt, um unter der Oberfläche der Eifersucht alle Flüchtlinge zu diskreditieren, denen ungenügende Aktivität nachgewiesen werden kann.
Schiller meinte zu hohen Idealen als Beurteilungskategorie in Über die ästhetische Erziehung des Menschen (1794/95):
“Es ist ein sehr verderblicher Mißbrauch, der von dem Ideal der Vollkommenheit gemacht wird, wenn man es bei der Beurteilung anderer Menschen, und in den Fällen, wo man für sie wirken soll, in seiner ganzen Strenge zum Grund legt. [...] Man macht sich freilich seine gesellschaftlichen Pflichten ungemein leicht, wenn man dem wirklichen Menschen, der unsere Hilfe auffordert, in Gedanken den Ideal-Menschen unterschiebt, der sich wahrscheinlich selbst helfen könnte. Strenge gegen sich selbst, mit Weichheit gegen andere verbunden, macht den wahrhaft vortrefflichen Charakter aus. Aber meistens wird der gegen andere weiche Mensch es auch gegen sich selbst, und der gegen sich selbst strenge es auch gegen andere sein; weich gegen sich selbst und streng gegen andre ist der verächtlichste Charakter.”[51]
Die niederländische Kolumnistin Marjolein Februari bespricht in ihrer Artikel-Serie zum Thema Tugend die Frage, wieviel Tugend ein Mensch von einem anderen fordern darf.[52] Sie kommt, in Anlehnung an einen Artikel von Judith Jarvis Thomson, zu dem Schluß, daß wir von unserem Nächsten nicht fordern können und dürfen, daß er ein barmherziger Samariter sei. Alles, was wir fordern können, ist, daß er ein “Minimally Decent Samaritarian” sein soll. Mit anderen Worten, die Tugendanforderung an andere kann sich niemals daran orientieren, was einem Helden oder Märtyrer möglich wäre, sondern daran, was von jedem Menschen noch unter allen Umständen gefordert werden muß. Auf der Grundlage des Minimally Decent-Standards (auch von Brecht sehr ähnlich formuliert in den Flüchtlingsgesprächen)[53] kann auch immer noch einiges vom Mitmenschen gefordert werden, z.B. daß man Opfer von Verfolgung und Gewalt nicht mit moralischen Vorwürfen belästigt. Andererseits kann aber auf der Minimally Decent-Grundlage von Menschen, deren Leben bedroht ist, moralisches Handeln nicht mehr verlangt werden, so wünschenswert das moralische Handeln auch unter bedrängtesten Umständen ist.
Lenka berichtet über deutsche Schriftsteller, denen ihr Mann geholfen hat, und die, einmal in Sicherheit in den USA, ihm nicht zur Flucht helfen können.[54] Durch Rosa Greniers drängendes Nachfragen und mit Gedanken an den Wortwechsel Marie - Kurt drängt sich der Verdacht auf, daß die Schriftsteller sich nicht allzu sehr anstrengen. Sicher, vielen Menschen und Instanzen muß im Nachhinein Unterlassung vorgeworfen werden. Eigentlich kann man die Wahrheit sehr leicht mit der zynischen Weisheit zusammenfassen, daß jedem, der zur Zeit des Nationalsozialismus lebte und nicht als Märtyrer starb, eigentlich Unterlassung vorgeworfen werden muß.[55] In Lenkas Mund wird (in einem anderen Zusammenhang) die moralische Beurteilung der Verfolgten gelegt:
“Jeder denkt nur an sich.”[56]
Ist es aber gerechtfertigt, die Unterlassungen der Exilschriftsteller anzudeuten, und gleichzeitig die aktiven und passiven Täter in Deutschland ungeschoren zu lassen? Während das deutsche Militär in der Person Hirschburgs und seinen hilfsbereiten “Frontkameraden”[57] aufgewertet wird,[58] werden die deutschen Exilschriftsteller implizit als faule unpolitische Lebensgenießer entlarvt. Ihre schriftstellerische Produktion kann die politische Passivität auch nicht kompensieren. Frankfurther über sein Ersatz-Kochbuch:
“Möglicherweise ist es das einzige deutsche Buch, was international von Bedeutung ist.”[59]
Im externen Kommunikationssystem ist dies
entweder nur als eine Abwertung Frankfurthers, der die deutsche Literatur nicht
genug schätzt, zu sehen, oder auch als Abwertung der deutschen Literatur und
Exilliteratur. Letzteres ergibt im Zusammenhang des Stücks mehr Sinn, denn
Literatur ist im Vergleich zum Handeln zweitrangig und Hein bezieht sich
deutlich und negativ-kontrastierend auf das Buch der jüdischen Exilantin Anna
Seghers Transit.[60]
Die Abwertung der unnützlichen, nicht direkt zum Handeln führenden Literatur
(wozu Hein sich selbst nicht zählen muß, denn er fordert zum Handeln auf) wird
auch in Ritter der Tafelrunde (natürlich in bester Nordau-Tradition)
vertreten. Der Titel eines Artikels von Detlef Gwosc zum Publizisten und Redner
Hein “...Unstrittig ist die Schädlichkeit der Literatur und des Lesens”
- ein Hein Zitat - trifft den Nagel völlig auf den Kopf. Leider bespricht der
Autor des Artikels diesen ernstzunehmenden Satz nicht in seinem Artikel. Gwosc
verfehlt denn auch in allen Details und im Ganzen Heins Weltbild völlig, obwohl
viele Zitate, die aufgeführt werden, völlig enthüllend sind. Warum kommen bei
Gwosc keine Fragezeichen auf, wenn er zum Beispiel Hein zum Prager Frühling
zitiert? Hein brachte es fertig, das Mißlingen des Prager Frühlings und des
Sozialismus in der DDR zu bedauern, weil der Versuch mißlungen sei, das
“Leistungsprinzip” in einem sozialistischen Land einzuführen![61]
Leistungsprinzip und Sozialdarwinismus positionieren Hein nicht, wie Gwosc
meint,[62]
als orientiert an der deutschen Klassik des ausgehenden 18. Jahrhunderts (dies
will Hein natürlich, wie Nordau auch, glauben machen) sondern als orientiert am
Entartungsdenken des ausgehenden 19. Jahrhunderts.[63]
Abstoßend ist die Interpretation der Verfolgung, die Frankfurther in den Mund gelegt wird:
“FRANKFURTHER: Kennen Sie Wang Yang Min? Er wurde von einem kaiserlichen Eunuchen denunziert, wurde ausgepeitscht und jahrelang verbannt. In der Verbannung, in einer Wüste, mußte der gelehrte Mann als Pferdeknecht arbeiten. Aber dort fand er auch seine Philosophie. Er fand in der Verbannung seinen Gleichmut, seinen Humor, sein inneres Maß. In der Verbannung erst wurde er zu dem großen Philosophen.” [64]
Diese Bemerkung ist im höchsten Maße zynisch, und zwar doppelt: zunächst ist die Äußerung an sich zynisch im inneren Kommunikationssystem. Ein Jude auf der Flucht spricht über die großartige Chance zu innerer Entwicklung in der Verbannung. Dies wird von Kurt auch zurückgewiesen. Er ist kommunikativ viel kompetenter als Frankfurther und reagiert sofort auf Unverschämtheiten:
“KURT: Ich will kein Philosoph werden. Sie gehen mir mit Ihren Chinesen auf die Nerven. Mit diesen weisen Sprüchen kommen wir nicht über die Grenze.” [65]
Wie es sich zeigt, behält Kurt recht. Viel zynischer noch wird Frankfurthers Äußerung im äußeren Kommunikationssystem. Einerseits zeigt er sich mit dieser Bemerkung als ein auf unglaubwürdige Weise die Verfolgung idealisierender Jude, was dazu dient, ihn als Schwächling und idealisierenden Philosophen darzustellen. Andererseits kommuniziert das Stück vor allem durch die Entwicklung der Figur Hirschburgs, daß die Verfolgung doch auch als eine Art Läuterung dienen kann. Auch hierfür kann sich Hein schrecklicherweise wieder auf Max Nordau berufen:
“Der Antisemitismus hat gleichfalls viele gebildete Juden die Rückkehr zu ihrem Volke finden gelehrt. Er hat die Wirkung einer scharfen Prüfung gehabt, welche die Schwachen nicht bestehen können, aus der aber die Starken stärker oder doch selbstbewusster hervorgehen.”[66]
Letztlich ist Frankfurthers Äußerung dann auch im Einklang mit der idealistischen Tendenz des Stücks: die Flucht ist eine Entwicklungschance; allerdings nur dann, wenn sie ein Ablegen der schwächlichen, verwöhnten und bourgeoisen Haltung mit sich bringt.
Noch spezifischer auf die Kritik an den Juden und auf ihre Untaten, nicht nur ihre Schwäche, geht die folgende Textstelle ein. Die Flüchtlinge besprechen ihre notwendigen finanziellen Transaktionen. Hirschburg wendet sich moralisierend dagegen:
“HIRSCHBURG: In China haben wir zwei Soldaten standrechtlich erschossen, weil sie solche Tauschgeschäfte betrieben.
KURT: Haben Sie die Soldaten erschossen, Herr Hirschburg?
[...]
KURT: Haben Sie die Soldaten erschossen, Herr Hauptmann? Warum antworten Sie mir nicht?”[67]
Hirschburg wird durch Kurts Drängen als Täter bloßgestellt. Dies geschieht implizit, indem Hirschburg sich nicht verteidigt, aber die unausgesprochene Mitteilung ist deutlich: Hirschburg hat im Boxeraufstand die Soldaten brutal niedergeknallt. Hirschburg wird in jeder Hinsicht als deutscher Militarist beschrieben, deswegen scheint die Kritik an ihm nur eine Kritik am deutschen Militarismus zu sein. Dies erweist sich aber im Laufe des Stücks als Trugschluß: erstens wendet sich gerade seine militärische Handlungsfähigkeit, seine willensstarke Disziplin und sein Interesse für Pfadfinderei und Landkarten ins Gute, indem er die “fünfzehn Juden in Kaftanen” rettet. Zweitens ist Hirschburg Jude. Das Stück gibt den Juden einen Persilschein, indem es ihnen gnädig zugesteht, daß sie auch Deutsche sind, wenn sie sich wie Hirschburg praktisch-nützlich betätigen können. Aber die Darstellung der alten Mitschuld des Juden in Form einer brutalen Kriegstat ist im Kontext der Judenverfolgung des Nationalsozialismus unpassend. Im Klartext heißt dies nichts anderes, als daß die Juden eben auch an der deutschen unseligen militaristischen Kultur beteiligt waren. [68] Selbst wenn diese Darstellung historisch nicht völlig unrichtig ist - es gab auch eine kleine Gruppe (!) deutschnationale jüdische Militaristen[69] - , liegt ein ethisches Problem im Blickwinnkel: Das Opfer ist eigentlich ein Mittäter. Auch Frankfurthers Familie hat keine weiße Weste: Frankfurthers Vater war ein hoher Beamter im Außenministerium und war also im Hintergrund auch beteiligt an der politischen Entwicklung.[70] Unabhängig von der historischen Wahrheit oder Falschheit dieses Faktums ist die Erwähnung dieser Tatsache, also die Selektion der Information, konsistent mit der Darstellung der Juden als mitverantwortlich für die historische Entwicklung - eine grobe und verzerrende Vereinfachung.. Selbst Max Nordaus entsetzliches Buch Entartung kann nicht als Beweis dafür herangezogen werden, daß die Juden eben selbst mit an der Entwicklung schuld waren. Was die Auseinandersetzung der Juden mit ihrem Anteil an der historischen Entwicklung betrifft, kann es auch ohnehin niemals die Aufgabe der Deutschen als Nachkommen der Verfolger sein, die Rolle der Opfer zu untersuchen und die Opfer auf die Anklagebank zu stellen.
Zum Kontrast Frankfurther/ Hirschburg gehört auch noch der folgende Wortwechsel, der auf den ersten Blick die Aufgabe hat, die Nazis zu kritisieren und ihre Denktraditionen darzustellen:
“KISTNER: Den Weltkrieg haben wir verloren. Durch die Juden.
HIRSCHBURG: Ich bin Deutscher.
KISTNER: ‘Aus einem Juden einen Deutschen zu machen, dazu sehe ich kein anderes Mittel als das, ihm den Kopf abzuschneiden und einen anderen aufzusetzen.‘ Das ist deutsch, Jude, deutsche Philosophie. Fichte.”[71]
Hierzu ist zunächst zu sagen, daß es wohl allgemein bekannt sein dürfte, daß die Nazis die Schuld für alles, insbesondere die Niederlage des Ersten Weltkriegs, den Juden in die Schuhe schoben. Hier kommt Hein nicht weiter als jedes Geschichtsbuch für die Oberstufe; gleiches gilt für die hier und sonst im Stück großzügig ausgeteilte Information, daß auch voll assimilierte Juden von den Nazis verfolgt wurden.[72] Der Wortwechsel Kistner/ Hirschburg hat kaum Sinn als zielgerichtete, über ohnehin vorauszusetzende Kenntnis hinausgehende Kritik an den Nazis.[73] Und wieder ist die Figur Hirschburgs der Schlüssel zur Interpretation: das Stück stellt den Nazis und Frankfurther ein anderes Modell gegenüber: Dem Juden muß nicht der Kopf abgerissen werden und ein anderer aufgesetzt werden, um aus ihm einen Deutschen zu machen. An Hirschburg wird demonstriert, daß ein Jude auch mit Kopf noch dran verbesserbar ist, wenn er seine alberne Verwöhnung und Bourgeoisie fahren läßt, und in gesundem Gottesvertrauen instinktvoll-nützlich-deutsch handeln lernt.
Hirschburg wird deutlich mit Frankfurther kontrastiert als erfolgreicher Grenzüberschreiter.[74] Rüdiger Safranski schreibt im Zusammenhang mit Hitler und dem Holocaust auch über das Thema der Grenzüberschreitung, aber in einem ganz anderen Sinne als Hein:
„Hitler hat eine Tür aufgestoßen und eine Schwelle überschritten. Etwas Unwiderrufliches ist geschehen, das Bild des Menschen hat sich seitdem verändert. Deshalb bleibt Auschwitz eine Vergangenheit, die nicht vergehen kann - ein Menetekel der entfesselten Moderne.“[75]
In Heins Überlebensparabel wird Auschwitz zitiert, und auch das Grenzenüberschreiten wird thematisiert, aber nirgendwo im Sinne Safranskis. Umgekehrt: Passage zeigt, daß trotz Auschwitz ein Überleben und Entkommen möglich gewesen wäre.
Ein kritischer Punkt im Stück ist die Ablehnung der Bourgeoisie. Schon die Judenfeindlichkeit des 19. Jahrhunderts gründete sich stark auf sozialen Neid und hing mit dem Aufstieg der Juden in Deutschland zusammen. Während um 1780 noch “neun Zehntel der deutschen Juden den in völliger Armut lebenden Marginal - und Unterschichten”[76] angehört hatten, gelang vielen Juden in Deutschland innerhalb weniger Generationen der wirtschaftliche und soziale Aufstieg. “Zu Beginn des Kaiserreiches zählte die Mehrzahl der Juden [...] zur wirtschafts- und bildungsbürgerlichen Oberschicht.”[77] Kritik an bourgeoisen Juden, so wie sie im externen Kommunikationssystem an Frankfurther und dem noch ungeläuterten Hirschburg geübt wird, paßt zu den Traditionen der Judenfeindschaft. Berding meint, daß, während die Sozialdemokratische Partei Deutschlands zu den entschiedensten Gegnern des Antisemitismus zählte, [78] die Kommunisten teilweise zu einem opportunistischen Umgang mit dem Antisemitismus verführt wurden:
“Tretet die Judenkapitalisten nieder, hängt sie an die Laterne, zertrampelt sie.”[79]
Heinz Brandt berichtet in Ein Traum, der nicht entführbar ist nicht nur über die Judenfeindlichkeit Stalins und der Stalinisten (er erwähnt einen antisemitischen Prawda- Artikel und Stalins Pläne zur Deportation von Juden)[80], sondern auch über die Judenfeindlichkeit in der DDR. Man erkundigte sich zum Beispiel in seiner Umgebung im Parteisekretariat, wer in den Abteilungen jüdischer Abstammung sei[81] und kündigte eine Sonderbehandlung für die jüdischen Mitarbeiter an. Brandt zitiert Fritz Reuter:
“Ist es nicht eine Tatsache – und das hat doch mit rassistischem Antisemitismus überhaupt nichts zu tun – daß die Juden zumeist kleinbürgerlichen Schichten entstammen, sozial nicht mit der Arbeiterklasse verbunden sind und überall im Westen Verwandte und Bekannte haben? Daher bilden sie für den Klassengegner sehr geeignete Ansatzpunkte, stellen einen Unsicherheitsfaktor dar.”[82]
Die Parallele zu der ebenfalls nicht betont rassistischen, sondern eher klassenkritisch ausgerichteten Judenfeindlichkeit in Passage fällt auf.
Die Judenfeindlichkeit in Passage wird nicht dadurch gemildert, daß das Stück dieselbe Anti-Bourgeoisiekritik auch der nicht-jüdischen Tschechin Lenka angedeihen läßt, deren bohemischer Lebensstil dem jüdischer Künstlerfamilien gleicht.[83] Lenka erzählt, daß sie ein großes Haus und Köchin in Prag zurückgelassen hat, worauf Rosa Grenier sagt:
“Und jetzt sind Sie allein. Kein Küchenmädchen, kein Gärtner. Jetzt sind Sie einfach nur eine Frau, nichts weiter.”[84]
Isoliert gesehen, ist diese Bemerkung noch keine unethische Stellungnahme, die die Flucht positiv wertet. Im Gesamtkontext des Stücks ist diese Bemerkung dennoch hauptsächlich so zu interpretieren, denn sie paßt zur Bourgeoisiekritik an Frankfurther und Hirschburg; zu Hirschburgs positiver Entwicklung, die das Abwerfen von bürgerlichem Ballast bedeutet; und schließlich auch zu der letztendlich sehr positiven Bewertung Rosa Greniers am Schluß des Stücks, wo alle anfänglichen Andeutungen, die sie zu einer harten Frau machen, entkräftet werden. Auch aus Lenkas Perspektive wird die Flucht als Entwicklungschance bewertet:
“Noch vor zwei Jahren hätte ich es mir nicht vorstellen können, so zu leben. Daß ich einmal glücklich sein werde, in einer Küche abzuwaschen und Salat zu putzen.”[85]
Benjamin sah den Zusammenhang zwischen Bourgeoisiekritik und Judenverfolgung. In seiner Besprechung des Gedichts Brechts Zu dem dritten Gedicht des ‘Lesebuchs für Städtebewohner’ meint er, daß der Nationalsozialismus den Antisemitismus dafür brauchte, um eine Haltung künstlich ins Leben zu rufen, die für die unterdrückte Klasse gegenüber den Herrschenden natürlich wäre:
“Der Jude soll - das will Hitler - so trätiert werden, wie der große Ausbeuter hätte trätiert werden müssen. Und weil es eben dem Juden gegenüber nicht wirklich ernst ist, weil es sich in seiner Behandlung um das Zerrbild eines echten revolutionären Verfahrens handelt, wird der Sadismus in dieses Spiel gemischt.”[86]
Das schwierige Thema “Zusammenarbeit zwischen Juden und Nazis” hat Brecht auch behandelt, aber ganz anders als Hein. Brecht hat die naive wirtschaftliche Zusammenarbeit der Juden mit den Nazis kritisiert, zum Beispiel an der Figur des I. Aaron im Dreigroschenroman[87] (“Aaron hatte von Maceath einen starken Eindruck”[88]). Schließlich heißt es unter den kleinbürgerlichen Ladenbesitzern:
“Nur eines hätte Macheath nicht machen sollen: sich mit dem Juden Aaron einlassen!”[89]
Parodistische Kommentierung der Handlungsdimension des Romans trifft sich mit beißender Satire auf faschistische Judenfeindlichkeit, die bis zuletzt mit Ausbeutung der jüdischen Geschäftspartner Hand in Hand ging. Aber Brecht vermeidet es, die marxistische Bourgeoisiekritik gegen die Juden zu wenden. In Furcht und Elend des Dritten Reiches (1935/1938)[90] ist es deswegen wichtig, daß die reiche jüdische Frau mit einem “Arier” verheiratet ist; die materielle Grundlage also beiden gemeinsam ist. Brecht stellt den großbürgerlichen Hintergrund realistisch dar (Angestellte, die für die Familie arbeitet; Wohlstand: Pelzmantel), ohne damit die Verfolgung im geringsten zu verteidigen. Zu Furcht und Elend meint Walter Benjamin:
“Jeder dieser kurzen Akte weist eines auf: wie unabwendbar die Schreckensherrschaft, die sich als Drittes Reich vor den Völkern brüstet, alle Verhältnisse zwischen den Menschen unter die Botmäßigkeit der Lüge zwingt:[...] Lüge ist es, die mit hydraulischem Druck in das gepreßt wird, was sich in der letzten Minute ihres Zusammenlebens die Gatten zu sagen haben (‘Die jüdische Frau’) ...”[91]
Benjamins Interpretation ist hier aber etwas einseitig und zu fatalistisch. Denn es geht bei Brecht nicht nur um den unabwendbaren Zwang der Schreckensherrschaft auf die Menschen, sondern auch darum, wie die Menschen den immer existierenden, wenn auch noch so kleinen Spielraum benutzen. Der Ehemann der jüdischen Frau zum Beispiel bezieht Stellung, indem er der Nazi-Ideologie, der Lehre von der politischen Lage als Krankheit, zustimmt:
“Allzulang geht das hier überhaupt nicht mehr. Von irgendwoher kommt der Umschwung. Das klingt alles ab wie eine Entzündung.- Es ist wirklich ein Unglück.”[92]
Er sagt dies scheinbar gegen die Nazis, aber er sagt es zu seiner jüdischen Frau, die im Begriff ist, ins Ausland zu fliehen: so wendet sich der Sinn der Äußerung gegen sie. Er verwendet das Nazidenken von Menschen als Krankheitserregern wie Kurt in Passage; beide verraten sich als Mitdenker und nicht Gegendenker der Nazi-Ideologie. Der Unterschied zwischen Brecht und Hein besteht immer im Kontext: während bei Hein die insgesamte Abwertung der Bourgeoisie und Frankfurthers dafür sorgt, daß im äußeren Kommunikationssystem keine Kritik an Kurts faschistischem Denken kommuniziert wird, ist bei Brecht die jüdische Frau in keiner Weise abgewertet. Dadurch wird aber das Handeln und Sprechen ihres Mannes der Kritik ausgeliefert. Der Kontext der Szene macht dem Leser deutlich, daß das Problem für diesen Mann kleiner wird, wenn seine Frau geht. Die Krankheit klingt auch ab, wenn die Juden verschwinden.
Bei Hein und bei Brecht gehören nicht nur Juden der Oberschicht an. Bei Hein werden aber die Tschechin und ihr Mann (der kränkliche Ludvik) ähnlich beurteilt wie die Juden, so kann die Bourgeoisiekritik gegen die Verfolgten gerichtet werden. Bei Brecht ist dies nicht möglich, denn Bürgerlichkeit ist bei ihm kein Unterscheidungskriterium zwischen gut und böse, oder noch schlimmer: zwischen stark und schwach. Innerhalb der Bourgeoisie und innerhalb der Ehe geht hier die Bruchlinie zwischen Verfolgter und Verfolger, Naziopfer und Nazidenker. Bei Brecht wird auf subtile Weise angedeutet, daß eine Beziehung zwischen Opfer und Täter besteht, denn die Frau war mit gerade diesem Mann verheiratet. Wenn man will, kann man dies als einen Hinweis auf die kulturelle Ehe zwischen Juden und Deutschen lesen. Die Behandlung dieses Themas ist aber eine so schwierige Gratwanderung, daß die geringste Abweichung von Realismus in Richtung von (undialekischem) Moralismus einen Absturz in die Verurteilung der Opfer bedeuten muß.
Rolf Hochhuth gelingt diese Gratwanderung in der Schilderung von Opfern der Verfolgung nicht. Er entkommt in seinem Stellvertreter (1963), einer Neuauflage des christlichen Trauerspiels (komplett mit Teufel und Märtyrer), zwar zunächst einer unethischen Darstellung der Juden, indem er fragwürdiges Verhalten, z.B. das Anspucken eines anderen Juden oder die sexuelle Abhängigkeit einer Frau vom Mörder ihrer Kinder als Folge von brutalster Gewalt zeigt, die nur Aussagen über die Täter, nicht aber über die Opfer zuläßt.[93] Allerdings ist bei Hochhuth die Idealisierung der Opfer ausgesprochen problematisch. Schon im Stellvertreter erhebt die betont gute Ehe[94] der verfolgten Juden die Frage, ob denn promiskuöse Juden vielleicht anders zu beurteilen wären. Verschärft werden die Probleme mit der Idealisierung von Opfern dann in Wessis in Weimar (1993) deutlich, wo zwar der Selbstmord - diametral anders als in Passage, aaber auch moralistisch - als Mord gestaltet wird. Der Selbstmord einer Jüdin wird dadurch nicht ihr persönlich zur Last gelegt: die Witwe Max Liebermanns wurde “in den Selbstmord gehetzt”[95]. Diese Formulierung befriedigt aber nicht, Übertreibung bietet Gegnern, die andere Motive nachweisen könnten (Selbstmord ist niemals nur als passive Reaktion erklärbar), eine leichte Angriffsfläche.[96] Hochhuth verherrlicht auf eine problematische Weise “die Tugend der Unterdrückten”[97].
Die Judenfeindlichkeit in Passage verbirgt sich nicht nur hinter der Ablehnung des unnützen Juden Frankfurther und der Bourgeoisiekritik des Stücks, sondern auch hinter der gegen alle Flüchtlinge gewendeten Grundstimmung des Stücks: daß die Flüchtlinge einfach zu viel fordern; durch merkwürdige Kleider und anderes Verhalten die Gastgeber gefährden; zu lästig sind, kurzum: zu viele sind. Die Jüdin Lisa darf es deutlich formulieren:
“Wir sind zu viele für so ein kleines Dorf.”[98]
Auch Flüchtling Lenka weiß, daß sie “zu viel” ist:
“Es sind zu viele Flüchtlinge. Kein Land will uns aufnehmen. Wir sind zu viele. Zu viele Fremde, zu viele Bettler. Man ist unser überdrüssig, überall.”[99]
Diese Äußerungen fallen nur deswegen nicht unmittelbar als in höchstem Maße unethisch auf, weil sie den Flüchtlingen in den Mund gelegt werden. Hätte Hein die Gastgeber das “zu viel” in dieser Intensität direkt aussprechen lassen, wäre der Effekt auf den Leser viel unmittelbarer. Denn Passage schließt mit dem Stichwort “zu viele” auf sehr unangenehme Weise an das Gefühl der Deutschen an, daß die Juden ganz einfach zu viele seien (aus heutiger Sicht hauptsächlich: waren). Ursprünglich wollte man die Juden auch nicht ausrotten, sondern nach Madagaskar umsiedeln. Eichmann in Heinar Kippharts Bruder Eichmann (1983):
”Im Innern blieb ich immer auf der Linie Auswanderung, Niesko, Madagaskar, es wollte sie doch aber keiner auf der ganzen Welt ....”[100]
”Soll die Million Juden doch hingehen, wo der Pfeffer wächst. Wir haben sie angeboten wie sauer Bier. Niemand hat sie haben wollen. Sie spielen seit 2000 Jahren die Verfolgten und schlagen auf die Tränendrüsen, um aus Westdeutschland Milliarden an Restitutionsgeldern herauszuschlagen.”[101]
Hier ist es der Verfolger, der dies sagt, und nicht das Opfer. In Passage dagegen müssen die Opfer selbst eingestehen, wie lästig sie sind, und wird auf der Handlungsebene Hirschburg auch deswegen positiv gewertet, weil er das Dorf von zu vielen merkwürdig aussehenden Juden befreit:
OTTO: “Fünfzehn alte Juden. Sechzehn.”[102]
Eine Bemerkung über „zu viele“ Kaftanjuden findet sich in den Jugenderinnerungen von Elias Canetti Die gerettete Zunge (und Hein bezieht sich, wie schon aufgezeigt, mit Passage auch stark auf Canetti). Canetti sah als Junge zusammen mit einem Schulkameraden, wie im Ersten Weltkrieg galizische Flüchtlinge mit Schläfenlocken und Hüten in Bahnwaggons als Flüchtlinge ankamen. Der elfjährige Canetti sagte erschreckt zu seinem Freund: „Wie Vieh.“ Und dieser antwortete: „Es sind eben so viele.“ Canetti kommentiert:
„Seine Abscheu vor ihnen war mit Rücksicht auf mich [Canetti ist Jude] temperiert [...]“[103]
Die Abscheu des Freundes vor den Juden blitzte in seiner Bemerkung auf, die Viehjwaggons für die „so vielen“ akzeptierte, und der kleine Canetti war entsetzt. Vielleicht hatte er auch schon eine Vorahnung, wohin nicht mal zwanzig Jahre später die Viehwaggons die „so vielen“ „zu vielen“ bringen würden.
Karl Kraus meint, daß der Arier immer schon “alle Gelegenheiten, zu denen es ihn drängte, von Juden, die eben schnellerundmehr waren, besetzt fand”:
“Wirtschaft und Geschäft - überall der Jud
Presse, Theater, Film, blick hin wo du willst
Überall der Jud die Hauptrolle miemt
Allüberall, ja bald jedes Kloset
War von irgend einem Juden besetzt
Wo war der Deutsche noch zu finden?
Vixierbild - ja bald war es so schlimm
Da wundert man sich nun heut’ in der Welt
Daß der Deutsche aufwacht, sich abschüttelt diese Plag
Doch genug jetzt! nicht mehr weiter so! Welt es vernimm![104]
Mit dem Stichwort “zu viele”, das durch die Handlungsstruktur des Stücks im äußeren Kommunikationssystem stark unterstrichen und keineswegs ironisiert oder zurückgenommen wird, stellt Hein sich in die breite Strömung antijüdischen Sentiments, die auch unter Bürgern, die einer brutal-rassistischen Einstellung fernstanden, weit verbreitet war.[105] Grass beschreibt in Ein weites Feld auch die Angst des Judenfreundes Fontanes, der zwar “den Juden als eigentlichen Kulturträger hinjubeln wollte”, warnte aber auch vor der “ ‘Verjüdelung’ der sogenannten ‘heiligsten Güter der Nation’ “[106].Die Nazis konnten später auf Fontanes Bemerkungen zurückgreifen:
“ ...die europäische Presse ist eine große Judenmacht, die es versucht hat, der ganzen Welt ihre Meinung aufzuzwingen.”
“Dennoch habe ich das Gefühl ihrer Schuld, ihres grenzenlosen Übermuts, daß ich den Juden eine ernste Niederlage nicht bloß gönne, sondern wünsche. Und das steht mir fest, wenn sie sie jetzt nicht erleiden und sich jetzt auch nichts ändert, so bricht in Zeiten, die wir beide freilich nicht mehr erleben werden, eine schwere Heimsuchung über sie herein.” [107]
Im Sommerurlaub fühlte Fontane sich bedrängt von den Juden, auf die er überall traf:
” ‘Fatal waren die Juden; und ihre frechen Gaunergesichter - denn in Gaunerei liegt ihre ganze Größe - drängen sich einem überall auf...’ [...] ‘Hoffentlich habe ich ein judenfreies Abteil’ ”[108]
Hätten alle Juden sich rechtzeitig davongemacht, wäre auch den Nazis nicht die schwere Aufgabe zugefallen, sie alle zu ermorden. Zu Einsteins Auswanderung hieß es zum Beispiel beifällig:
“So hätten wir wieder einen unangenehmen Hebräer los.“[109]
Leider ist auch zum Thema “Zu viele” zu sagen, das sich Hein hierfür wieder auf Max Nordau stützen kann. Nordaus Version des Zionismus ist von den Zielen der Nationalsozialisten kaum zu unterscheiden. Das Positivste, was über Nordau noch gesagt werden kann, ist, daß er keine “Endlösung” anvisiert - den Untergang von lebensuntüchtigen Juden begrüßt er allerdings. Er glaubt außerdem noch an eine “Madagaskar”/ Palestina-Lösung des Problems. Max Nordau selbst zitiert seine Kritiker, die meinen, daß die “Zionisten die gleichen Ziele wie die Antisemiten erstreben und deren Alliierte seien”[110]. Während dies wohl nicht für alle Zionisten aufgeht, stimmt es für Max Nordau, dessen Ideologie sehr weitgehend mit der der Nazis übereinstimmt. Bei ihm findet sich völkisches Blut- und-Boden Denken,[111] Rassismus, härtester Sozialdarwinismus, Juden-Raus-Denken, Gebrauch von antisemitische