Die Tragödie bei Brecht und Dürrenmatt

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Abschlußarbeit Germanistik Universität Leiden, März 2001

       

Diese Abschlußarbeit wurde zensuriert (das Schlußwort mußte gestrichen werden auf Veranlassung des heutigen Leidener Vice-Rectors Prof.Dr. van Haaften). Zur Zensuraffaire an der Universität Leiden siehe das Schlußwort meiner Arbeit

Über das weite Feld zwischen Max Nordau, Walter Benjamin und dem autoritären Anitmodernismus bei Christoph Hein auf www.passagenproject.com/inhalt.html .

 

Scriptie Universiteit Leiden; het slothoofdstuk (8.Schluß) moest worden weggehaald, wetenschappelijke argumenten werden niet gegeven; zie ook www.passagenproject.com/betrokkenbestuurders.html 

 

 

Inhalt

 

 

 

1. Einleitung  2

2. Tragödie und Vaterlandsliebe  8

3. Die Parodie der Erhabenheit 17

4. Schmerz und Verzweiflung  25

5. Fatalismus  34

7. Rausch und Illusion  61

8. Schluß  73

9. Literatur 81


1. Einleitung

Brecht und Dürrenmatt haben sich beide in ihren theoretischen Schriften mit der Gattung der Tragödie auseinandergesetzt und ihre dramaturgischen Erneuerungen als Gegenentwürfe zu den formalen Eigenschaften der Tragödie aufgefaßt. Die Form der Tragödie wird von ihnen abgelehnt, weil die äußeren Voraussetzungen dafür nicht mehr gegeben sind: politisch gibt es keine Helden, “große Einzelne” mehr, und die religiöse Gemeinschaft hat sich aufgelöst. Vermischung von Politik und Religion wie in der griechischen Polis stellt sich im Zwanzigsten Jahrhundert als gefährlich heraus. Beide lehnen eine distanzlose Einfühlung des Zuschauers in die Figuren ab, wie sie durch die Tragödie gefördert wird, ebenso wie die gefühlsmäßige Vereinigung des vereinzelten Publikums in einer Scheingemeinschaft. In der Auseinandersetzung und Abgrenzung bleiben beide Autoren der Tragödienform aber immer noch verbunden. Sowohl inhaltlich als auch formal knüpfen sie an einzelne Elemente der aristotelischen Tragödienauffassung an. Dies kommt auch in der intertextuellen Bezugnahme auf Tragödien zum Ausdruck, die bei beiden Autoren ein wichtiges Element ihrer Stücke ist.

 

Wenn man sich mit dem Thema beschäftigt, wie Brecht und Dürrenmatt mit der Gattung der Tragödie umgehen, ist es nicht ganz einfach, auf der Ebene der Texte eine Übereinstimmung zwischen den beiden Autoren zu finden. Im konkreten Umgang mit der Tragödie lassen sich vor allem Unterschiede zwischen den Autoren feststellen. Diese Unterschiede zeigen sich an dem Bezug auf die literarischen Vorlagen: Dürrenmatt setzt sich in seinen erfolgreichsten Dramen und in der Formulierung seiner Komödientheorie mit der antiken Tragödie auseinander. Brecht hat sich nur in wenigen Werken auf die griechische Tragödie bezogen. Bei ihm ist die Auseinandersetzung mit Schiller wichtig, die wiederum bei Dürrenmatt kaum eine Rolle spielt. Auch hat Brecht im Gegensatz zu Dürrenmatt Kontrafakturen[1][1] zu zeitgenössischen Tragödien geschrieben, die von ihm wegen ihrer Sentimentalität als minderwertig eingestuft worden sein dürften;  ganz zu Beginn seiner Karriere schon Baal (1918) zu Hanns Johsts Der Einsame (1917) und gegen Ende seiner Bühnenautorenschaft Die Tage der Commune (1949)[2][2] zu Nordahl Griegs Die Niederlage (1937).

 

Um im einzelnen die Unterschiede in der Tragödienauffassung bei Brecht und Dürrenmatt besprechen zu können, müssen aber Texte gefunden werden, wo sich neben Unterschieden auch große Gemeinsamkeiten ergeben. Dazu scheint die Behandlung des Antigonestoffs bei beiden Autoren die richtige Voraussetzung zu geben, denn beide haben sich mit der Antigone des Sophokles auseinandergesetzt. Aber im Fall der Antigone ist es nicht nur der stoffliche oder der formale Zusammenhang mit der Tragödie des Sophokles in der Übersetzung Hölderlins, sondern auch ein raum-zeitlicher Zusammenhang, der die beiden Autoren gerade in bezug auf die Behandlung dieses Stoffes zusammenbringt. Brechts Bearbeitung der Antigone des Sophokles und die erste Fassung Dürrenmatts Romulus der Große entstanden 1947/48 in der Schweiz.

 

Brecht bearbeitete die Antigone des Sophokles in der Übersetzung Hölderlins. Er hatte eine Vorliebe dafür, Stoffe zu behandeln, die schon durch mehrere kulturelle Filter gegangen waren. Dies ist auch der Fall bei einem seiner größten Theatererfolge Die Gewehre der Frau Carrar (1937)[3][3], wo er die Tragödie in einem Akt Reiter ans Meer von John Millington Synge verwendete, die wiederum auf die griechische Tragödie (Ödipus-Stoff) zurückgeht; ebenso bei dem Volksstück Herr Puntila und sein Knecht Matti (1940), das über die Bearbeitung Hella Wuolijokis[4][4] Komödie Die Sägemehlprinzessin auch auf Strindbergs Tragödie Fröken Julie (1888) anspielt. Mehrfache literarische Rezeptionsstufen haben Brecht offensichtlich in ihrer Komplexität gereizt. Aber nicht nur die literarische Rezeption, sondern auch die wissenschaftliche und gesellschaftliche Rezeption von Literatur oder von geschichtlichen Ereignissen wird thematisiert. In dem ungefähr gleichzeitig mit der Antigone-Bearbeitung - ebenfalls in der Schweiz - entstandenen Stück Die Tage der Commune wird mit verschiedenen literarischen und nicht-literarischen Rezeptionsstufen eines Stoffes ein kompliziertes Spiel getrieben: Die geschichtlichen Ereignisse der Pariser Kommune von 1871 werden im Stück durch Montage historischer Dokumente dargestellt; gleichzeitig wird das Stück durch die kritische Rezeption der Stellungnahmen von Marx und Lenin zur Kommune wie auch des Dramentextes von Grieg geprägt. Auch im Leben des Galilei (1938)[5][5] gibt Brecht nicht nur die geschichtlichen Ereignisse wieder, sondern mindestens ebenso die wissenschaftliche und gesellschaftliche Wirkung von Galileis Erkenntnissen.

 

Auch Dürrenmatt hat sich mit dem Thema der verschiedenen Rezeptionsstufen beschäftigt. In seinem Aufsatz Theaterprobleme von 1954 meint er:

“...der Künstler [ist] nicht nur von Meinungen über Kunst umstellt [...], sondern auch von Stoffen, die nicht mehr Stoff, das heißt: Möglichkeiten, sondern schon Gestalten, das heißt: Geformtes sind; Cäsar ist für uns kein reiner Stoff mehr, sondern ein Cäsar, den die Wissenschaft zum Objekt ihrer Forschung gemacht hat. Es ist nun einmal so, daß die Wissenschaft, indem sie sich, und immer heftiger, nicht nur auf die Natur, sondern auch auf den Geist und die Kunst stürzte, [...] Fakten schuf, die heute nicht mehr zu umgehen sind (denn es gibt keine bewußte Naivität, die die Resultate der Wissenschaft umgehen könnte), dem Künstler aber dadurch die Stoffe entzog, indem sie selber das tat, was doch Aufgabe der Kunst gewesen wäre.”[6][6]

 

Diese Stellungnahme Dürrenmatts wird von Wolfgang Karrer in Parodie, Travestie, Pastiche als eine düstere Meinung bezeichnet. Er weist auf ähnliche Gedankengänge Nietzsches hin. Beide, Nietzsche und Dürrenmatt, denken aber nicht nur düster. Nietzsche spricht von dem Reich der Erfindung, das gerade entdeckt werden kann, weil die ‘Kostüme’ der Moralen, Glaubensartikel und Kunstgeschmäcker zum “Karneval großen Stils” vorbereiten. Er spricht von den Möglichkeiten, die Parodie und Lachen haben:

“Vielleicht, daß wir hier gerade das Reich unsrer Erfindung noch entdecken, jenes Reich, wo auch wir noch original sein können, etwa als Parodisten der Weltgeschichte und Hanswurste Gottes, - vielleicht, daß, wenn auch nichts von heute sonst Zukunft hat, doch gerade unser Lachen noch Zukunft hat.”[7][7]

 

Auch für Dürrenmatt bietet die Parodie neue Möglichkeiten der Gesellschaftskritik und der Freiheit:

“Die Dramaturgie der vorhandenen Stoffe wird durch die Dramaturgie der erfundenen Stoffe abgelöst. Im Lachen manifestiert sich die Freiheit des Menschen, im Weinen seine Notwendigkeit, wir haben heute die Freiheit zu beweisen. Die Tyrannen dieses Planeten werden durch die Werke der Dichter nicht gerührt, bei ihren Klageliedern gähnen sie, ihre Heldengesänge halten sie für alberne Märchen, bei ihren religiösen Dichtungen schlafen sie ein, nur eines fürchten sie: ihren Spott. So hat sich die Parodie in alle Gattungen geschlichen, in den Roman, ins Drama, in die Lyrik.[8][8]

 

Dürrenmatt geht deswegen mit der antiken Tragödie auf die für ihn charakteristische Weise um: er parodiert sie.

 

Jede Parodie ist eine Form der Intertextualität. Intertextualität wird nach Art und Weise der Markierung unterschieden, also danach, auf welche explizite oder implizite Weise sich der Text auf seine Vorlage bezieht. Dabei können grob vier Formen der Markierung unterschieden werden, die Jörg Helbig in Intertextualität und Markierung als Nullstufe, Reduktionsstufe, Vollstufe und Potenzierungsstufe bezeichnet und dazu erläutert:

„Obwohl diese Terminologie eine digitale Skalierung impliziert, ist die entworfene Systematik als analoges Modell zu verstehen“[9][9]

 

Auf der Abbildung 11 des Buches, in der die Progressionskala intertextueller Markierung visuell dargestellt wird, ist die zunehmende Markierungsdeutlichkeit über die genannten Stufen entsprechend als eine kontinuierliche Kurve dargestellt; die Übergangsformen sind also mitgedacht. Markierungsdeutlichkeit wird hier darüber hinaus als Gegenteil der “Wahrscheinlichkeit des intertextuellen Mißverstehens“ gekennzeichnet.[10][10]

 

Helbig beschreibt zwei Varianten der Potenzierungsstufe, die „Markierung durch Thematisierung literarischer Produktion und Rezeption“ und die „Markierung durch Identifizierung des Referenztextes“[11][11]. Die Antigone des Sophokles und Romulus der Große markieren den Referenztext jeweils mit diesen beiden Subformen der Potenzierung.

 

Brecht nennt im Titel Sophokles und nimmt so unmißverständlich Bezug auf eine bestimmte Version der Antigone. Helbig zählt neben der Nennung des Autors weitere Möglichkeiten auf, um Intertextualität zu thematisieren, zum Beispiel können Informationen zu „Inhalt, Textsorte, Datierung oder Erscheinungsort“[12][12] gegeben werden. Brecht nennt nicht nur den Autor, sondern auch den Übersetzer: „nach der Hölderlinschen Übertragung“[13][13].

 

Sowohl Brecht als auch Dürrenmatt geben den Titel des Referenztextes Antigone an. Dürrenmatt lokalisiert den Text auch noch innerhalb des Werkes als das Lied der Antigone, bevor sie in den Tod geht. Er markiert den Bezugstext und macht ihn als Spiel im Spiel - der Text wird im Stück als Dramentext aufgesagt - zum Gegenstand einer „Intertextualitätshandlung“ (Helbig): der Referenztext gibt Anlaß zu kritischer Diskussion im Stück selbst. Romulus setzt immer wieder die Vorliebe seiner Tochter für die Tragödie in Zusammenhang zu ihrem Weltbild und ihren Verhaltensstrategien. Dürrenmatt betritt so die „Zone der maximalen Explizitheit intertextueller Markierung“[14][14].

 

Eine ähnliche Intertextualitätshandlung wie der Schauspielunterricht Reas im Romulus findet sich auch in Brechts Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui (1941)[15][15]. Hitler-Karikatur Arturo Ui nimmt Schauspielunterricht und sagt dabei einen Text aus Shakespeares Tragödie Julius Cäsar auf. Wie im Romulus wird das Zitat in der Vorlage genau lokalisert, und zwar als die Antoniusrede am Sarg Cäsars. Dies ist eine auffällige Stelle, denn Brecht hat in seinen Stücken die Intertextualität selten markiert (doch findet sich “potenzierte Intertextualität” stellenweise, zum Beispiel im Leben des Galilei[16][16]). Brecht hat wohl nicht ohne weiteres beim Publikum Belesenheit voraussetzen wollen.

 

Sowohl Brecht als auch Dürrenmatt spielen in ihren Dramen mit Hilfe der Inszenierungsanweisungen auf Tragödien an; dies ist eine Form der reduzierten Intertextualität, die von vielen Theaterbesuchern wohl kaum erkannt wird. Brechts umgekehrter deus ex machina, ein Medea-Zitat in Der gute Mensch von Sezuan (1940/41) gehört hierzu, ebenso wie die Schiller/ Wallenstein -Parodien im Romulus (Auftritt der Figuren in hereinstürzender Gangart) oder das Shakespeare/ Macbeth-Zitat des lebenden Waldes in Der Besuch der alten Dame (1955).

 

Dürrenmatt parodiert außer im Romulus die Antigone auch im Besuch der alten Dame. Die Vorlage wird nicht mehr direkt genannt; es wird nur in den Regieanweisungen allgemein auf die griechische Tragödie verwiesen:

”...die Güllener, Frauen und Männer in Abendkleidern und Fräcken, zwei Chöre bildend, denen der griechischen Tragödien angenähert, nicht zufällig, sondern als Standortsbestimmung, als gäbe ein havariertes Schiff, weit abgetrieben, die letzten Signale.”[17][17]

 

Sowohl im Romulus als auch hier in der Alten Dame ist die Intertextualität durch einen “linguistischen Codewechsel”[18][18] markiert: Die Textteile, die sich auf die Tragödienvorlage beziehen, heben sich für den Leser im Schriftbild ab. Beim Lesen und bei der Aufführung fällt die pathetische und rhythmische Sprache auf, die sich stark von dem vorhergehenden Text des Stücks unterscheidet. Helbig meint zu dieser Form der relativ deutlichen intertextuellen Markierung im Verhältnis zu reduzierter Markierung:

“Die Systematik intertextueller Markierung erreicht somit eine Zone größerer Signaldeutlichkeit, da nunmehr erstmalig die Nahtstellen zwischen einer eingelagerten Einschreibung und ihrem Kontext sichtbar werden, und zwar auch für solche Rezipienten, die nicht über die erforderliche Allusionskompetenz verfügen, um das Zitatsegment semantisch als intertextuelle Einschreibung zu identifizieren.

Die Herstellung einer solchen Interferenz ist grundsätzlich auf zwei Weisen möglich: Entweder greift ein Autor manipulierend oder kommentierend ein, um eine Einschreibung zu markieren, oder er übernimmt diese in ihrer ursprünglichen Erscheinungsform in den aktuellen Text.”[19][19]

 

Dürrenmatt nennt in der Alten Dame die Antigone vielleicht deswegen nicht mehr direkt, weil er auch mit Lesern und Zuschauern rechnet, die seine früheren Werke kennen. Diese könnten sich durch eine übertriebene Wiederholung leicht unterschätzt fühlen. Auch in den Physikern (1961) gibt es keinen direkten Hinweis zur parodierten Vorlage des Ödipus. Die Beziehung zwischen den Physikern und dem Ödipus wird auf verschiedene Weisen aufgerufen: durch den allgemeinen Hinweis auf die griechische Tragödie in dem Einleitungstext (“Zur Ausstattung der Bühne, auf der im Gegensatz zu den Stücken der Alten, das Satyrspiel der Tragödie vorausgeht, gehört wenig”[20][20]); durch die Anspielung im Text der Alten Dame, [21][21] die eine Assoziation mit Ödipus jedenfalls für die Kenner der Alten Dame leichter macht; durch die Ähnlichkeit des Namens “Möbius“ mit “Ödipus” und durch Dürrenmatts Darstellung in seinem Essay Turmbau Stoffe IV-IX:

“Möbius in den Physikern weiß wie Ödipus sein Schicksal nicht durch ein Orakel, sondern weil er sich als Wissenschaftler denken kann, was ihm droht. Wie Ödipus will auch Möbius seinem Schicksal entgehen, die Ausnutzung seiner Forschung durch die Technik, er flüchtet wie Ödipus, wie dieser wählt er den falschen Weg, er flüchtet ins falsche Irrenhaus ... “[22][22]

 

Im Fall von Physikern und Ödipus ist die Verbindung zum Referenztext so schwach ausgebildet, daß von einer “Reduktionsstufe” der Intertextualität gesprochen werden kann. [23][23] In zeitlicher Reihenfolge betrachtet bietet Romulus also eine Potenzierungsstufe, die Alte Dame mit dem Hinweis auf Medea, Ödipus, Antigone eine Vollstufe, und die Physiker schließlich die Reduktionsstufe der Intertextualität. Hiermit soll allerdings nicht gesagt werden, daß Dürrenmatt in seinen Dramen systematisch eine abnehmende Markierung eingesetzt hätte. Z.B. finden sich in den Wiedertäufern (1966/67) ausführliche markierte Tragödienzitate, u.a. aus König Ödipus.[24][24]

2. Tragödie und Vaterlandsliebe

In Dürrenmatts Stück Romulus der Große nimmt die Prinzessin Rea Schauspielunterricht und spricht dabei “das Klagelied der Antigone bevor sie in den Tod geht”[25][25]. Sophokles oder Hölderlin werden im Romulus nicht genannt. Literarische Produktion und Rezeption kann nach Helbig außer durch die Nennung des Verfassers des Referenztextes auch durch metakommunikative Verben zur Bezeichnung der Rezeption von Texten, “die einen Referenztext oder dessen Rezeption deskripitiv erfassen”[26][26] angesprochen werden. Im Romulus werden für den Antigone-Text die folgenden Verben verwendet: “studieren” (dreimal), “fortfahren” “sprechen”, und “zitieren”.[27][27] Der Autor des Originaltextes Sophokles wird nicht genannt. Es geht bei Dürrenmatt auch nicht um eine Auseinandersetzung mit Sophokles, sondern um die Parodie der Tragödienrezeption in der modernen Gesellschaft. Wie Karrer meint, kritisiere ein Parodist oft

“...nicht so sehr die Vorlage, sondern deren gesellschaftliche Verwendung.[...] So schreibt Hannah Arendt bereits 1950, die Parodien von Brecht richten sich ‘weniger gegen die Tradition selbst als gegen diejenigen, welche uns mit ihrer Hilfe über unsere eigenen Probleme beruhigen möchten’. Schulte-Sasse (1973) kommt für eine Goetheparodie in Die heilige Johanna der Schlachthöfe zum gleichen Ergebnis:’.. der Text zeigt ‘Ideologie in Aktion’, nämlich die Funktionalisierung von Elementen der klassischen literarischen Tradition für die Zwecke der bürgerlichen Interessen.’ “[28][28]

 

Weder Sophokles noch Hölderlin, dessen Übersetzung Dürrenmatt ebenso wie Brecht verwendet, werden im Romulus erwähnt. Dagegen wird die Gattungsform direkt angesprochen:

„[Romulus zu Rea] Studiere nicht diesen alten, traurigen Text, übe dich in der Komödie, das steht uns viel besser.“

Die Kaiserin ist empört

JULIA Romulus, du weißt genau, daß sich dies für ein Mädchen nicht schickt, dessen Bräutigam seit drei Jahren in germanischer Gefangenschaft schmachtet.

ROMULUS Beruhige dich, Frau. Wer so aus dem letzten Loch pfeift wie wir alle, kann nur noch Komödien verstehen.“[29][29]

 

Romulus spricht hier aus, was Dürrenmatt in seinem Essay Theaterprobleme formulierte: „Uns kommt nur noch die Komödie bei“[30][30]. Dies muß wohl so kurz nach dem Zweiten Weltkrieg von vielen als Hohn empfunden worden sein. Doch ist es nicht Zynismus oder eine Absage an die Politik, die Dürrenmatt zur Formulierung seiner Komödientheorie veranlaßt hat, sondern die Ablehnung der Verherrlichung von Opferbereitschaft und Vaterlandsliebe, wie sie typisch war für Wilhelminische Zeit und den Nationalsozialismus:

„REA Das Vaterland geht über alles.

ROMULUS Siehst du, du hast doch zu viel in den Tragödien studiert.“[31][31]

 

Diese Replik ist auf den ersten Blick nicht ganz verständlich, denn Vaterlandsliebe an sich ist kein notwendiger oder häufiger Bestandteil von Tragödien. Ein bekanntes Stück aus der deutschen Literatur, bei dem es um Vaterlandsliebe geht, Prinz Friedrich von Homburg (1811) von Heinrich von Kleist, ist ein Schauspiel und keine Tragödie.[32][32] Wenn man allerdings statt „Vaterland“ „Gemeinschaft“ setzt, schließt der Gedanke, daß der Einzelne sich für die Gemeinschaft opfern muß, durchaus an die Tragödie des Sophokles an, allerdings eher an König Ödipus als an Antigone. Ödipus beendet durch die Nachforschungen zu seiner eigenen Person die Pest in Theben, wird aber selbst ins Unglück gestürzt. Sophokles‘ Antigone geht es bei der Beerdigung ihres Bruders nicht um die Gemeinschaft, sondern um den Respekt vor den Toten und das Verhältnis zu ihrem Bruder. Obwohl das Stichwort „Vaterland“ der griechischen Polis unangemessen ist, fällt es im Romulus auch in dem Sophokles zitierenden Klagelied Antigones, das Rea im zweiten Akt aufsagt:

“Seht ihr, des Vaterlandes Bürger,

den letzten Weg gehen mich,

und das letzte Licht

anschaun der Sonne .

Und das nie wieder?

[...]

Der alles schweigende Todesgott,

lebendig führt er mich

zu der Hölle Ufer, und nicht zu Hymenäen

berufen bin ich, noch ein bräutlicher singt