Politische Tendenz und literarische Qualität
in Christoph Heins Kammerspiel Passage
Copyright
Maria Trepp 2000, Alle Rechte vorbehalten
Inhalt
1.
Einleitung
2. Die
Parodie des Passagen-Werks
3. Die
Karikatur Walter Benjamins
3.1
Der Bezug auf Leben und Werk
3.2
Dr. Frankfurther: Die Würstchen-Metaphorik
4. Die
Apologie der Verfolgung
5.
Episierung und Poetisierung
6. Die
undialektische Figurencharakterisierung
7.
Zusammenfassung: Korrespondenz- und Kontrastrelationen zwischen Dr.
Frankfurther und Hirschburg
8.
Schluß
9.
Literatur
Die
Auseinandersetzung mit Heins Kammerspiel Passage (1987) wird durch einen
aktuellen Anlaß verursacht: Im Wintersemester 1999 wurde bei der Fachgruppe
Deutsch der Universität Leiden der Versuch unternommen, dieses Stück mit
Studenten aufzuführen. Die Aufführungspläne scheiterten an dem Widerstand der
Studenten. Die Ablehnung des Stücks gründete sich hauptsächlich auf den
undramatischen und wenig spielerischen Charakter von Passage, richtete
sich aber auch gegen die poetische Qualität des Stücks. In einer abschließenden
Diskussion wurde Passage von keinem der teilnehmenden Studenten
verteidigt; daneben wurde der ethische Gehalt des Stücks in Frage gestellt.
In der
vorliegenden Arbeit soll besonders den Argumenten der Diskussion zwischen
Studenten und Dozenten Aufmerksamkeit geschenkt werden. Ein Fragenkomplex
berührt die Darstellung des Dr. Frankfurther. Dabei wurde von den Dozenten
verneint, daß das Stück ein negativ verzerrtes Bild des Literaturtheoretikers
Walter Benjamin gebe. Eine zweite wichtige Frage wurde durch die Sichtweise der
Dozenten aufgeworfen, die wiederum argumentierten, daß das Stück gerade so gut
zeige, daß Juden auch Deutsche seien; ganz besonders an der Figur Hirschburgs
sei dies zu sehen. Mit dieser Meinung stehen die Dozenten keineswegs allein. Im
Kritischen Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur schreibt
Manfred Behn zu Heins Passage:
“Hoffnungsvoll, geradezu wundersam ist die letzte Szene, in der 15 Juden in Kaftanen, aus der Gegend von Auschwitz quer durch Europa geflohen, mit dem deutschnationalen Juden an der Spitze der spanischen Grenze zueilen.” [1][1][1][1]
Im
Folgenden soll dagegen gezeigt werden, daß gerade die Darstellung der “15 Juden
in Kaftanen” und der Figur Hirschburgs die Judenfeindlichkeit des Stücks nicht
aufhebt, sondern vertieft und einen wesentlichen Beitrag leistet zur Abwertung
des Dr. Frankfurther.
Es
geht in dieser Arbeit um die Rezeption von Passage bei der Fachgruppe
und um eine Analyse des Stücks in diesem Kontext. Das Thema dieser Arbeit ist
also nicht Passage im Kontext von Christoph Heins Schaffen. Abgesehen
von der gründlichen Analyse des Stücks wird keine Anstrengung unternommen, Hein
gerecht zu werden. Die Texte Heins, die hier diskutiert werden (außer Passage
einige Reden und Die Ritter der Tafelrunde), entstammen allesamt
den Kursmaterialien der Ausbildung. Passage hat bei mir keinerlei
Neugier auf Hein geweckt.[2][2][2][2] Auch geht die Rezeption des Stücks in der
Literaturkritik und in der Literaturwissenschaft nur mit der Zusammenfassung
Behns in die Besprechung ein, weil diese schon ausreicht, um einen Standpunkt
aufzuzeigen, der auch in der Theatergruppe vertreten wurde und den die
vorliegende Arbeit zurückweisen will. Es war durch den Kontext der Diskussion
bei der Fachgruppe nicht nötig, nach weiteren Rezeptionsdokumenten zu suchen,
die sicher dem Stück gegenüber nicht positiver hätten sein können. Auf der
anderen Seite kann die Argumentation gegen das Stück ausreichend und
vollständig durch die Verwendung der Schriften Walter Benjamins durchgeführt
werden, auf dessen Lebensende und Werk Passage anspielt. So wenig
Neugier Passage bei mir auf Hein geweckt hat, so viel Neugier hat das
Stück auf Benjamins Werk geweckt. Benjamin war mir zur Zeit der Theaterproben
nur dem Namen nach bekannt. Veranlaßt durch die Auseinandersetzungen um das
Stück, begann ich mit zunehmender Faszination seine Schriften zu lesen. Je mehr
ich von ihm las, desto wütender wurde ich über die Weise, wie er in Passage
dargestellt wird und wie wir ihn also auch als Fachgruppe nach außen
dargestellt hätten.[3][3][3][3]
Meine
Gefühle gegen Hein und alle, die ihm unkritisch gegenüberstehen, haben über
Hein und die Hein-Rezeption hinausgehende Gründe. Ich glaube dennoch, daß ich
in dieser Arbeit nicht nur einen privaten Standpunkt vertrete. Reine
“Objektivität” ist niemandem möglich, auch nicht demjenigen, der sich selbst
und anderen über seine Abneigungen und Zuneigungen keine Rechenschaft gibt. Ich
habe übrigens, veranlaßt durch die Kritik an meiner Objektivität, mit der
vorliegenden Arbeit ein Experiment unternommen, und versucht, durch
Streichungen und Anpassungen eine objektivierte Analyse von Passage zu
erhalten. Das Resultat dieser Verstümmelung der Arbeit[4][4][4][4] ist teils schrecklich, teils lustig, also
grotesk. Das Verzichten auf die Darstellung von Zusammenhängen und das
Vermeiden des Ziehens von kritischen Schlußfolgerungen ergibt keineswegs eine
objektive wissenschaftliche Arbeit. Interessanterweise bleiben aber die
wesentlichen Erkenntnisse auch dann immer noch bewahrt, wenn sie von jeder
kritischen Schlußfolgerung befreit werden. So entkommt ein kritischer Leser
meiner “objektivierten” Arbeit kaum dem Schluß, daß es sich bei Heins Stück um
ein judenfeindliches Drama handelt. Einen prinzipiell unkritischen Leser dagegen
wird auch die vorliegende tendenziöse Arbeit nicht überzeugen können.
Die
Wissenschaftlichkeit meiner Darstellung folgt nicht aus meiner Objektivität,
sondern aus dem Anspruch, eine weithin anerkannte Methode, nämlich Manfred
Pfisters Dramenanalyse, ohne Abstriche zu verwenden, und ein genau abgegrenztes
Objekt, nämlich Christoph Heins Stück Passage, unter Einbeziehung aller
wesentlichen Details zu analysieren. Eine Kritik an meiner Wissenschaftlichkeit
kann deswegen nur entweder eine Kritik an Pfisters Methode sein, wofür ich
selbst aber nicht ansprechbar bin, oder eine Kritik daran, daß ich seine
Methode nicht sauber auf Passage angewendet habe.
In der
Literatur selbst wird das literatur- oder kunstwissenschaftliche Arbeiten auch
zum Thema. Zwei besonders geistreiche Beispiele hiervon finden sich in neu
erschienenen Romanen von zwei Verfassern, die im letzten Jahr bei der
Fachgruppe Lesungen hielten, nämlich in Christoph Peters Stadt Land Fluß (1999)
und Hans-Ulrich Treichels Tristanakkord (2000).[5][5][5][5] Der
Literaturwissenschaftler Treichel hat außerdem in seinem Aufsatz Verteidigung
des Sekundären eine Stellungnahme zum literaturwissenschaftlichen Arbeiten
gegeben, die ich übernehmen möchte:
“Es scheint
neben der berufsbedingten und anfangs oft genug bewerbungsstrategischen auch
eine existentielle Notwendigkeit zu geben, einen literaturwissenschaftlichen
Aufsatz oder Essay zu schreiben. Nun ist es gewissermaßen Konvention, daß sich
ein literarischer Autor zu dieser Notwendigkeit, zum Schreiben als
‘Existential’ offen bekennt. Literaturwissenschaftliche Autoren scheuen sich
jedoch, dieses zu tun, obwohl sie es meines Erachtens ruhig dürften. Und sie
dürften auch, was bisher so gut wie nicht geschieht, die eigenen
Schreibprozesse und das eigene Schreibverhalten einmal theoretisch und
reflektierend in den Blick nehmen, also Aufklärung über die eigene
Produktionsweise betreiben.”[6][6][6][6]
Man
hat mir wiederholt gesagt, daß ich in der Sache Passage aus einer Mücke
einen Elefanten mache, und sogar, daß ich mit rein privaten Racheaktionen nur
Haß gegen die Fachgruppe und gegen Hein verbreiten will. Ich habe deswegen
mehrfach ernsthaft überlegt, diese Arbeit nicht als Abschlußarbeit
einzureichen. Weil ich aber glaube, daß die Reichweite der Probleme, die sich
in der Frage Passage abzeichnen, über persönliche Gegensätze und
Universitätspolitik hinausgehen, und weil ich unter anderem durch Heins neuen
Roman und die Rezeption dieses Romans[7][7][7][7] von der brennenden Aktualität dieser
Probleme überzeugt bin, will ich den Freiraum benutzen, den ich in der Wahl des
Themas meiner Abschlußarbeit habe. Ich kann aber gleichzeitig in der Diskussion
um Hein nicht von den konkreten Umständen meiner eigenen Hein-Rezeption
absehen. Ohne die Aufführungspläne und das dadurch erzwungene intensive
Kennenlernen des Stücks hätte ich überhaupt keinen Grund gehabt, mich auf einen
Kampf gegen einen alten Ossi einzulassen, mit dem ich nichts zu tun haben will.
Es ist
ein bekanntes Phänomen, daß derjenige, der einen Feind bekämpft, diesem
irgendwie ähnlich ist. Dies wird bei Friedrich Dürrenmatt mehrfach zum Thema,
zum Beispiel in seinem Kriminalroman Der Richter und sein Henker (1950),
in dem die klassische Aufteilung Mörder - Detektiv unterminiert wird, weil
Detektiv Bärlach im Kampf gegen den Verbrecher ein Mittäter wird. In Romulus
der Große (1948/49) entdecken die Feinde Romulus und Odoaker, wie ähnlich
sie einander sind; in Die Ehe des Herrn Mississippi (1950) ist
die ideologische Ähnlichkeit zwischen Ost und West ein Thema. Auch zu Brechts
Selbstbild und Weltbild gehört Ähnlichkeit zwischen Feinden. In Walter
Benjamins Tagebüchern wird eine Unterhaltung mit Brecht geschildert, die dies
illustriert: Brecht erzählt über seine eigenen managerialen und militärischen Fähigkeiten und Gemeinheiten, die er bei der
Leitung einer Lazarettstation im ersten Weltkrieg (oder in der Phantasie in
Gesprächen mit Benjamin?) auslebte.[8][8][8][8] Brecht kannte seine Feinde offenbar nicht
nur von außen, sondern auch von innen, sonst hätte er sie nicht so gut
beschreiben und bekämpfen können. Wenn Feinde sich nicht ganz unähnlich sind,
läßt sich ein absoluter, schwarz-weiß gefärbter Gegensatz nie konstruieren,
sondern nur ein relativer Gegensatz, also einer, der sich auf konkrete Fragen
und Standpunkte bezieht.
Der
Analyse des Stückes Passage wird hier ein allgemeines
Kommunikationsmodell zugrunde gelegt, das den Hauptunterschied zwischen
narrativen und dramatischen Texten zum Ausgangspunkt nimmt:
“ (...) der sprachlogische Ort des Dramas im System der Dichtung ergibt sich allein aus dem Fehlen der Erzählfunktion, der strukturellen Tatsache, daß die Gestalten dialogisch gebildet sind.”[9][9][9][9][10][10][10][10]
Das
heißt, daß es in dramatischen Texten im Unterschied zu narrativen keinen
Erzähler oder allgemeiner ausgedrückt kein “vermittelndes Kommunikationssystem”
gibt. Nur die “inneren” und “äußeren” Kommunikationsebenen sind narrativen und
dramatischen Texten gemeinsam, wobei das innere Kommunikationssystem die
dialogisch miteinander kommunizierenden Figuren, das äußere
Kommunikationssystem den Autor und die (empirischen) Leser umfaßt. Das Fehlen
eines vermittelnden Kommunikationssystems wird im Drama auf verschiedene Weisen
kompensiert: einerseits verfügen dramatische Texte über außersprachliche Mittel
der Darstellung. Andererseits kann ein Teil der Kommunikation des äußeren Kommunikationssystems
auf das innere Kommunikationssystem verlagert werden, zum Beispiel durch
Sprecherfiguren. [11][11][11][11]
Bei
der Dramenanalyse ist es unerläßlich, zwischen dem Informationswert im inneren
Kommunikationssystem und dem im äußeren Kommunikationssystem zu unterscheiden.
Wenn, wie in Passage, episierende Tendenzen fehlen, gilt,
“daß jede sprachliche Äußerung streng der Perspektive der jeweils sprechenden Figur untergeordnet ist, die nur artikulieren kann, was ihrer Disposition und ihrer Situation glaubhaft entspricht. [...]. Die einzelnen Figurenperspektiven müssen als autonom in bezug auf die Perspektive des Autors betrachtet werden [...].”[12][12][12][12]
Sprachliche
Äußerungen und Figurenperspektive sind also in erster Instanz autonom in bezug
auf den Autor, kommunizieren nicht direkt mit dem Leser/Zuschauer im äußeren
Kommunikationssystem. Allerdings ist es auch wieder nicht so, daß
Figurenaussagen prinzipiell niemals mit der Gesamtaussage des Stücks
zusammentreffen können. Welcher Stellenwert einer Äußerung oder Handlung
zukommt und was ihr Aussagewert im äußeren Kommunikationssystem ist, kann nur
unter Einbeziehung des Gesamtkontextes des Stücks und manchmal auch des
historischen und intertextuellen Kontexts festgestellt werden. Dabei läßt sich
eine absolute Aussage über Texte nicht gewinnen, weil die möglichen
einzubeziehenden Kontexte unendlich in Anzahl sind. Die Qualität der
Interpretation einzelner Figuren und deren Aussagen nimmt aber in dem Maße zu,
als die Kontexte im Stück selbst so vollständig wie möglich einbezogen werden,
und auch die geschichtlichen und intertextuellen Kontexte, die im Text selbst
markiert werden, bei der Interpretation verwendet werden. Die Interpretation
muß allerdings manchmal auch über das Gesagte, Dargestellte und Markierte
hinausgehen und feststellen, was der Stellenwert der Auslassungen ist. Nur so
kann die Selektivität des “fiktionalen Weltmodells”[13][13][13][13], das mit dem Drama angeboten wird,
betrachtet werden.
Von
zentraler Bedeutung für die Interpretation von Passage ist die Tatsache,
daß der Autor die Rezeption nicht nur dann beeinflußt, wenn er episierende
Techniken einsetzt. Zum Beispiel stellen die Auswahl, Kombination und
Wiederholung von Informationen und das Gesamtverhalten der Figuren
Bewertungssignale dar, die den Kontext zur Auswertung einzelner Aussagen und
Verhaltensweisen von Figuren geben. Pfister nennt verschiedene
“implizit-auktoriale Charakterisierungstechniken”, zu denen er z.B. die
Namengebung der Figuren zählt. Als wichtigste Form nennt er die “Pointierung
von Korrespondenz- und Kontrastrelationen zu anderen Figuren”. Figuren werden
immer durch “die Summe der Korrespondenz- und Kontrastrelationen zu den anderen
Figuren des Textes” charakterisiert.[14][14][14][14] Die Pointierung dieser Charakterisierung
(die bei Pfister anhand des Schachspiels erläutert wird, auf das in Passage
auch schon in der Eröffnungsszene angespielt wird) wird dadurch erreicht, daß
die Figuren verschiedenen Charakters mit derselben Situation konfrontiert
werden:
“Eine Möglichkeit ist dabei, Korrespondenzrelationen im Haupttext selbst zu thematisieren und damit den Rezipienten zu einem kontrastierenden Vergleich anzuregen, […] wodurch gerade die Unterschiede im gesellschaftlichen Hintergrund, in den Bildungsvoraussetzungen und im Bewußtsein der beiden Figuren implizit verdeutlicht werden. Eine andere Möglichkeit ist, verschiedene Figuren entweder gleichzeitig oder nacheinander mit einer ähnlichen Situation zu konfrontieren, um sie durch ihre unterschiedlichen Reaktionen darauf voneinander abzuheben und zu individualisieren.”[15][15][15][15]
Passage
konfrontiert die Figuren
mit der Situation der Flucht und Verfolgung. Die Figuren werden durch ihr
Umgehen mit dieser Situation charakterisiert und von einander abgehoben.
Walter
Benjamin, auf dessen Tod Passage Bezug nimmt, hat in seinen Schriften
das Zusammenspiel von Autor und Gesellschaft analysiert und den Zusammenhang
zwischen Form und Inhalt eines Textes deutlich gemacht. Benjamin behauptet in
seiner Ansprache zu dem Thema Der Autor als Produzent (1934), daß
zwischen der politischen Tendenz und der Qualität der Dichtung ein Zusammenhang
besteht, und zwar daß
“die Tendenz der Dichtung politisch nur stimmen kann, wenn sie auch literarisch stimmt. Das heißt, daß die politisch richtige Tendenz einer Dichtung die literarische einschließt. Und, um das gleich hinzuzufügen: diese literarische Tendenz, die implicit oder explicit in jeder richtigen politischen Tendenz enthalten ist - die und nichts anderes macht die Qualität des Werks. Darum also schließt die richtige politische Tendenz eines Werkes seine literarische Qualität ein, weil sie seine literarische Tendenz einschließt.”[16][16][16][16]
Benjamin
führt aus, daß normalerweise die Einschätzung eines Textes in seiner Stellung
zu der Gesellschaft als revolutionär oder reaktionär eine Frage danach ist, wie
der Text zu den Produktionsverhältnissen steht. Im Gegensatz dazu fragt
er selbst, wie der Text in den Produktionsverhältnissen steht. Dies ist
seiner Meinung nach an der schriftstellerischen Technik selbst abzulesen.[17][17][17][17] Wenn Benjamin damit recht damit hat, daß
die literarische und die politische Qualität eines Werkes zusammenhängen, ist
es nicht so, daß die Tendenz von Passage nur nach eingehenden
literarischen und historischen Untersuchungen erkennbar ist. Die formale
Struktur steuert die Rezeption über ästhetische Signale nämlich sehr schnell.
Natürlich kann dies nicht dahingehend verabsolutiert werden, daß jede schnelle
Ablehnung eines Kunstwerks richtig sein muß. Doch ist es gerade in dem Fall von
Passage so, daß die ästhetische und gefühlsmäßige Rezeption, die sich
nach zehn Minuten Lesen einstellt, mit der Rezeption nach eingehender Analyse
zusammenfallen kann, weil inhaltliche und formale Elemente hier stark zusammen
spielen.
Im
Folgenden soll gezeigt werden, daß in diesem Stück alle inhaltlichen und
formalen Elemente in die gleiche Richtung weisen: politisch ermutigt das Stück
zu simplem moralistischen Optimismus; formal ist jede Spur moderner Kunst abwesend;
inhaltlich wird künstlerische und philosophische Verfeinerung abgelehnt;
gefühlsmäßig wird Gebrauch gemacht von antijüdischen Ressentiments und dem
Bedürfnis, beim Thema der Judenverfolgung den Blick von den Tätern und den
gesellschaftlichen Prozessen abzuwenden und auf die Opfer zu lenken. Das
Zusammenspiel aller dieser Elemente soll hier aufgezeigt werden und damit auch
die Meinung vertreten werden, daß eine Abweisung des Stückes aufgrund von
formalen Gründen sich im Kern nicht von einer Abweisung aufgrund von
inhaltlichen Gründen unterscheidet.
Passage kann als eine Parodie des Passagen-Werks
Walter Benjamins gelesen werden. Die Gesamttendenz von Passage ist dabei
eine Antwort auf die Intention Benjamins, die er in den ersten Entwürfen
formuliert hatte:
“In der Passagenarbeit muß der Kontemplation der Prozeß gemacht werden. Sie soll sich aber glänzend verteidigen und behaupten.”[18][18][18][18]
In Passage
wird gezeigt, daß die Kontemplation sich nicht verteidigen konnte; es wird der
Versuch gemacht, über sie das endgültig vernichtende Urteil auszusprechen. In
der Figurenkonstellation wird eine nachdenkliche kontemplative Haltung durch
Dr. Frankfurther verkörpert; die ihr logisch entgegengesetzte,
praktisch-zupackende Haltung durch Hirschburg. Durch den Verlauf der Handlung
des Stücks werden die Figuren im äußeren Kommunikationssystem bewertet. Zur
Bewertung der Figurenperspektiven meint Pfister, daß
“das gesamte VERHALTEN einer Figur natürlich Bewertungssignale ihrer Figurenperspektive [impliziert].[...] Zu diesen primär figurbezogenen Steuerungstechniken kommen solche, die auf den HANDLUNGSABLAUF bezogen sind, wobei sich diese Kategorien zum Teil überschneiden.[...] Zu eindeutig handlungsbezogenen Steuerungstechniken [...] gehört zum Beispiel [...] die Gestaltung des Dramenschlusses. Durch den für eine Figur glücklichen Handlungsausgang wird nachträglich deren Perspektive bestätigt, wie umgekehrt durch unglückliches Ende die Perspektive der betroffenen Person verworfen wird.”[19][19][19][19]
Während
Frankfurther sich umbringt - entgegen aller Ansprüche auf kluge Voraussicht,
Gleichmut und (geistige und physische) Grenzüberschreitung - ,[20][20][20][20] übernimmt der praktische Hirschburg am
Ende des Stücks die Führung der polnischen Juden durch die Berge und
demonstriert die Kraft einer glaubensvollen Vision, die vom Handelnden in die
Wirklichkeit umgesetzt werden kann. Die vita activa gewinnt gegen die vita
contemplativa.[21][21][21][21]
Der
Begriff “Passage” hat zahlreiche Bedeutungen, die Benjamin auch im Passagen-Werk
anspricht. Benjamin nennt die rites de passage, Zeremonien, die sich zum
Beispiel in der Folklore an das Mannbarwerden anschließen; allgemeiner auch
Übergangserlebnisse[22][22][22][22], von denen Benjamin meint, daß diese Übergänge
im modernen Leben immer unkenntlicher und unerlebter geworden seien.[23][23][23][23] Eine Ferdinand Noack zitierende
Textstelle ist besonders interessant, weil sich Passage als Illustration
der hier geschilderten Zusammenhänge verstehen läßt. Dabei lehnt sich das Stück
an Details der Vorlage an, verkehrt die Wertung Benjamins aber ins
Gegenteil:
“Das Tor steht mit den rites de passage in Zusammenhang. ’Man passiert den irgendwie angedeuteten Durchgang - sei es zwischen zwei in den Boden gesteckten Stäben, die sich gelegentlich einander zuneigen, durch einen gespaltenen und auseinandergetrennten Baumstamm ...einem zum Kreis gebogenen Birkenzweige ... - stets gilt es, einem feindlichem Elemente zu entgehen, sich zu befreien von irgendwelchem Makel, sich abzugrenzen von Krankheit oder von den Geistern, Verstorbenen, die durch den engen Weg nicht folgen können.‘ Ferdinand Noack: Triumph und Triumphbogen (Vorträge der Bibliothek Warburg V Lpz 1928 p 153) Wer in die Passage eintritt, legt den Tor-Weg im umgekehrten Sinne zurück (Oder er begibt sich in die intra-uterine Welt hinein).“[24][24][24][24]
Der
letzte Satz stellt den rites de passage das Betreten der Kauf-Passage
als eine umgekehrte Handlung entgegen. Diese Opposition ist in Passage
auch gestaltet. Der Tod Frankfurthers als angstvoller Rückzug aus der Welt
entspricht dem Eintreten in die Passage und steht im Gegensatz zu der Aktion
Hirschburgs als einem rite de passage. Hirschburg und Frankfurther
teilen zunächst noch einige Eigenschaften, aber im Laufe des Stücks macht
Hirschburg, ganz anders als Frankfurther, eine Entwicklung durch: er
überschreitet die Grenze (den Berg”paß”) und entgeht “feindlichen Elementen”.
Er entgeht nicht nur den Feinden, sondern er überwindet auch alte “Makel”, zum
Beispiel seine alte Kriegsschuld aus der Zeit des Boxeraufstands.[25][25][25][25] Umgekehrt gelingt es Frankfurther nicht,
sich von seiner verwöhnten Herkunft und Kränklichkeit “abzugrenzen” und im
Sinne des Zitats den Geistern zu entfliehen.
In der
Figurendarstellung Frankfurthers und Hirschburgs finden sich zahlreiche
inhaltliche und formale Anspielungen auf einzelne “Passagen” des Passagen-Werks.
Insbesondere der bourgeoise Hintergrund beider Figuren wird durch viele Details
gezeigt, die das Passagen-Werk anklingen lassen. Dr. Frankfurther hat
als Kind eines hohen Beamten den Urlaub mit seiner Mutter[26][26][26][26] in einem Seebad zugebracht.[27][27][27][27] Benjamin zum Badeort:
“Während die Reise den Bourgeois für gewöhnlich über seine klassenmäßigen Bindungen hinwegtäuscht, bestärkt ihn der Badeort in seinem Bewußtsein, der Oberklasse anzugehören.”[28][28][28][28]
Auch
die modischen Details in der Kleidung Frankfurthers und seiner Mutter,
Matrosenanzug und Strohhut, spiegeln ihre soziale Klasse.[29][29][29][29] Benjamin zitiert Rudolph von Ihering:
“... die Mode in unserem heutigen Sinn hat keine
individuellen Motive, sondern ein sociales Motiv, und auf der richtigen
Erkentnis[s] desselben beruht das Verständnis[s] ihres ganzen Wesens. Es ist
das Bestreben der Abscheidung der höheren Gesellschaftsklassen von den niederen
oder richtiger den mittleren. Die Mode ist die unausgesetzt von neuem
aufgeführte, weil stets von neuem niedergerissene Schranke, durch welche sich
die vornehme Welt von der mittleren Region der Gesellschaft abzusperren sucht,
es ist die Hetzjagd der Standeseitelkeit.”[30][30][30][30]
Bei
Frankfurther kann die Mode im Kontexts dieses Zitats als Anstrengung, sich von
den anderen zu unterscheiden, gesehen werden. Er zeigt diese Tendenz zur
Angeberei auch in anderen Zusammenhängen:
“Ich bin merkwürdig.[...] Haben Sie den Mut, so merkwürdig zu sein, wie Sie sind. Sie haben ein Recht darauf, Kurt”.[31][31][31][31]
Dies
wird von Kurt abgewiesen, indem er Frankfurthers “chinesische Philosophie” an
seinen Willen, sich sozial zu unterscheiden, koppelt:
“Die Chinesen sehen ja alle gleich aus, für mich jedenfalls. Und es gibt so viele von ihnen. Da ist es vielleicht nützlich, merkwürdig zu sein. Aber wir tun besser daran, nicht aufzufallen. Für die Polizei daheim wie hier will ich nur irgendeiner sein. Einer, bei dem es sich nicht lohnt, ihn anzuhalten, ihn auszufragen, ihn mitzunehmen. Bei dem es sich nicht lohnt, ihn anzusehen.”[32][32][32][32]
Kurt
weist hier ausdrücklich daraufhin, daß Merkwürdigkeit, insbesondere
Modebewußtsein, in der Situation der Verfolgung gefährlich ist. Tatsächlich
gefährdet Hirschburg die Dorfbevölkerung durch seine Kleidung:
“[BÜRGERMEISTER zu HIRSCHBURG]: Ziehen Sie sich andere Sachen an. Das ist ein Dorf von Weinbauern. Wenn man nicht auffallen darf, dann läuft man hier nicht herum wie in der Pariser Oper.
HIRSCHBURG: Es ist mein einziger Anzug.
BÜRGERMEISTER: So geht das nicht. Ich werde etwas für Sie heraussuchen. Und gelbe Schuhe, das geht auch nicht.”[33][33][33][33]
Die
“Pariser Oper” bezieht die Bourgeoisiekritik auf Benjamin und sein Werk über
die Pariser Passagen. Gelbe Schuhe sind als intertextueller Hinweis auf die
bürgerlich-gespreizte Werther-Mode zu sehen. Hirschburgs Schuhe symbolisieren
aber auch die Entwicklung von der verwöhnten bürgerlichen Haltung weg, wenn er
eine feierliche Erklärung zu seiner Haltung und zu seinen Schuhen abgibt:
“Es ist mir nicht angenehm, in solcher Kleidung umherzulaufen. Ich fühle mich wie kostümiert.[…] Aber wenn es notwendig ist, kann ich auch Schlimmeres ertragen. Nur aufgeben werde ich mich nie. Im Gegenteil. Sehen Sie, meine Schuhe, die Sie so stören und die zu dieser Hose völlig unpassend sind, inkommensurabel sozusagen, aber ich habe viel größere Füße als der Bürgermeister, diese Schuhe sind schon mit Draht und Bindfaden repariert. Die ursprüngliche Eleganz ist wohl ein wenig dahin, dennoch putze ich sie Tag für Tag. Ich will die Schuhe nicht aufgeben, weil ich mich nicht aufgeben will. Mich nicht, und auch nicht die großen Worte.”[34][34][34][34]
Vor
allem der Kontrast zu Werther ist hier wichtig: Hirschburg behandelt seine
Schuhe, sich selbst und seine soziale Umwelt gerade anders als Werther: er
bringt sich nicht um, er übernimmt Verantwortung. An den Schuhen wird
Hirschburgs Entwicklung von der destruktiven Verfeinerung zu einer praktischen
Haltung demonstriert. Er zeigt vorbildliche Akzeptanz des Alltäglichen ohne
Allüren und ohne Anmaßung. Er scheut die mühevolle und sorgfältige Detailarbeit
nicht. So bewahrt er Altes und ist letzten Endes auch für den modernen
Konsummenschen, der seine Schuhe am liebsten täglich wechseln würde, ein
Vorbild.
Obwohl
Hirschburgs Umgang mit den Schuhen auch Anlaß zu Kritik gibt - seine Idee,
Nägel in die Schuhe zu schlagen, erweist sich als unpraktisch[35][35][35][35] - muß sein Verhältnis zu den Schuhen als
vorbildlich gewertet werden. Auch und gerade seine “trottel”ige[36][36][36][36] bzw. “idiot”ische[37][37][37][37] Naivität erweist sich am Ende auf einer
höheren Ebene als ebenso positiv wie Frankfurthers Weisheit als scheinhaft:
“BÜRGERMEISTER: Sie wollen mit diesen alten Männern über die Pyrenäen?
HIRSCHBURG: Ja.
BÜRGERMEISTER: Das ist, entschuldigen Sie, das Dümmste, was ich je in meinem Leben hörte.
HIRSCHBURG: Sie haben gewiß recht, Herr Bürgermeister. Aber kann uns Vernünftiges helfen? Sagen Sie. Dann muß uns Dummes helfen.”[38][38][38][38]
Alle
Abwertung wird durch Hirschburgs Mut und Erfolg widerlegt. Kurt meint noch zu
Hirschburgs Aktion: “Ich glaube nicht, daß Hirschburg fähig ist ...” Aber Otto
entgegnet ihm:
“Sei still, Kurt. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht.”[39][39][39][39]
Und
schließlich sind sich Bürgermeister und Otto einig, daß Hirschburg und die
fünfzehn Juden es geschafft haben.[40][40][40][40]
Hirschburg
ist ein positives Beispiel, das nicht nur Frankfurther gegenübersteht, sondern
auch einem anderen modebewußten DDR-Dramenhelden, Beinahe-Selbstmörder und
asozialen Subjekt: Edgar Wibeau aus Plenzdorfs Die neuen Leiden
des jungen W. (1972). Die zahlreichen spöttischen und abfälligen
Kommentare, die von anderen Figuren nicht nur zu Frankfurther, sondern ungefähr
in gleichem Umfang auch zu Hirschburg abgegeben werden, dürfen nicht darüber
hinwegtäuschen, daß er auf der Handlungsebene der Held ist. In gewisser Weise
ein moderner Held, der nichts aristokratisches an sich hat. Aber er wächst über
sich und seine kleinbürgerliche Begrenztheit hinaus, indem er vormacht, wie
auch kleine Leute ohne große Begabung Helden sein können.
Die
gelben Schuhe gehören noch in einen zweiten intertextuellen Zusammenhang. Im Passagen-Werk
lassen einige Zitate auch die Anpassungsfunktion der Mode, die eigentlich im
Gegensatz zur Unterscheidungsfunktion steht, anklingen:
“Simmel erklärt ‘weshalb die Frauen im allgemeinen der Mode besonders stark anhängen. Aus der Schwäche der sozialen Position nämlich, zu der Frauen den weit überwiegenden Teil der Geschichte hindurch verurteilt waren, ergibt sich ihre enge Beziehung zu allem, was ‘Sitte’ ist’. Georg Simmel: Philosophische Kultur Lpz 1911 p 47 (Die Mode).”[41][41][41][41]
Hirschburgs
Kleidung (Krawattennadel, steifer Kragen)[42][42][42][42] paßt zu einer solchen Anpassungsfunktion.
Als militärisch ausgebildeter Offizier ist er ein Mensch, der Unterordnung
gelernt hat. “Gelbe Schuhe” signalisieren Massenverhalten als intertextuelle
Anspielung auf Dürrenmatts Der Besuch der Alten Dame (1955). Im Laufe
dieses Stücks lassen sich die Dorfbewohner von der alten Dame umkaufen und
tragen als äußeres Zeichen ihrer sinkenden Moral und des zunehmenden
Konsumverhaltens gelbe Schuhe. Hirschburg entwickelt sich schließlich durch
seinen handwerklich-individuellen Umgang mit den Schuhen weg vom modischen Massenverhalten.
Hirschburgs
Leidenschaft für Landkarten spielt auf das Kapitel über Fourier im Passagen-Werk
an (“die Betrachtung der Landkarte war eine Lieblingsbeschäftigung von Fourier”[43][43][43][43]). Die Entwicklung Hirschburgs im Laufe
des Stücks stellt sich dar als eine Entwicklung von der bourgeoisen Haltung
Fouriers weg. Hirschburg wächst über die rein zweckfreie “Betrachtung” der
Landkarte als Kontemplation hinaus. Die Betrachtung des Gegenstands[44][44][44][44] wird bei Hirschburg zum Verinnerlichen
der Landkarte und zu einem “Pfadfindertum” im wörtlichen Sinne. Während
Hirschburg im zweiten Akt noch über seine Leidenschaft für Landkarten sagt:
“Jeder hat so seinen kleinen Luxus. Ich schleppe noch immer meine Karten mit mir herum. Es sind gute Generalstabskarten. Für Kartographen so etwas wie der Schatz der Pharaonen. Warum ich sie nicht weggeworfen habe, weiß ich nicht. Nutzen kann ich sie nicht. Luxus. Es macht mir Spaß, sie zu studieren. Sie regen meine Phantasie an. Ich werde mich wohl mit ihnen beerdigen lassen.”[45][45][45][45]
macht
er sich zum Ende des Stücks von dieser Bindung an den Luxus frei. Im zweiten
Akt ist er noch nicht so weit gekommen, zu erkennen, daß er nutzlosen Luxus
überhaupt nicht braucht. Er hat zwar schon einen Beginn gemacht mit einer
Entwicklung, die ihn von materiellem Überfluß befreit:
“Im Verlauf der Reise habe ich alles, was nicht lebensnotwendig ist, verschenkt oder liegengelassen. Und jedesmal, wenn ich wieder irgendein Stück meines Gepäcks zurückgelassen hatte, stellte ich fest, daß ich es so dringend gar nicht brauchte. Erstaunlich, wie wenig man wirklich benötigt. Jetzt besitze ich nur noch einen kleinen, leichten Handkoffer. Und wahrscheinlich ist die Hälfte davon auch noch überflüssiger Ballast. Vor fünf Jahren hätte ich es mir nicht vorstellen können, auch nur ein Möbel, eine Vase, an die ich mich gewöhnt hatte, zu verlieren.”[46][46][46][46]
Aber
seinen letzten Luxus, die Landkarten, legt er erst zum Ende des Stücks ab. Ganz
im Gegensatz zu Frankfurther, der die anderen Flüchtlinge belästigt und
gefährdet mit seinem schweren Manuskriptenkoffer,[47][47][47][47] läßt Hirschburg zum Schluß allen
unnötigen Ballast fahren[48][48][48][48].
Auf
Hirschburgs Selbstwert als Jude hat es einen günstigen Einfluß, daß er sich von
der Fourierhaltung distanziert, denn Fourier haßte die Juden: ”In den Juden sah
er nicht Zivilisierte, sondern Barbaren, die die patriachalischen Sitten
beibehalten haben.”[49][49][49][49] Sowohl Frankfurther als auch Hirschburg
zeigen merkwürdig altmodische Auffassungen und Vorurteile über Juden bzw.
Unkenntnisse über die Geschichte der Assimilation:
“FRANKFURTHER: So weit sind wir gekommen, ein Goi
muß einem Juden ein Geschäft erklären.”[50][50][50][50]
“HIRSCHBURG: Ich bin Deutscher. Ich habe immer
Schwein gegessen.”[51][51][51][51]
Hier
wie an anderen Stellen zeigen Frankfurther und Hirschburg ähnliche Eigenschaften,
wobei sich aber nur Hirschburg dann bewährt und verbessert, Frankfurther aber
in seiner Entwicklung versagt. Das Stück gibt einen positiven Blick auf
Hirschburg, weil er seine Vorurteile transzendiert, indem er einerseits
praktisch-deutsch Flüchtlinge über die Grenze führt,[52][52][52][52] andererseits seinen jüdischen
patriarchalen Wurzeln auf positive Weise entspricht, indem er à-la-Moses
anderen Juden zur Flucht hilft. [53][53][53][53] Man könnte meinen, daß hier das Ei des Kolumbus gefunden sei:
jüdisch-christlicher no-nonsense, der zeigt, wie die Juden es zur Zeit
des Nationalsozialismus auch hätten machen können.
In der
Gegenüberstellung Frankfurther - Hirschburg stellen religiöse Elemente einen
wichtigen Faktor dar. Das religiöse Denken Benjamins steht einem traditionellen
patriarchalischen Denken fern und ist auf einen kontemplativen Zugang zur
Dingwelt ausgerichtet. Ein wichtiges Thema des Stücks ist die Ablehnung der
Religiosität Benjamins (nicht nur die der Figur Frankfurther, denn Hein trifft
den Kern der Aussagen Benjamins gut und zielzicher), indem ihr die
traditionsbewußte Religiosität Hirschburgs gegenübergestellt wird.[54][54][54][54] Der Jude ist also nur ein guter Jude,
wenn er sich an bestimmte Stereotypen hält.[55][55][55][55]
Hirschburgs
Entwicklung in Richtung praktischer Moses, einer echten Führerfigur, steht in
jeder Hinsicht im Kontrast zu den Wertungen des Passagen-Werks.
Hirschburgs moralische Entwicklung ist eine, die von der Haltung Fouriers
(Liebe zu Landkarten, Judenfeindlichkeit) wegführt. Benjamin schreibt an einer
Stelle zu Fourier:
“Es ist nicht nur die Gewaltherrschaft, sondern nicht minder der Moralismus, den Fourier an der großen Revolution haßt. Die subtile Arbeitsteilung der harmoniens stellt er als den Gegensatz der égalité, ihren eifrigen Wettbewerb als den der fraternité dar.”[56][56][56][56]
Fourier
lehnt Moralismus ab; Moralismus aber durchzieht Passage, wie auch Heins
öffentliche Äußerungen. Hein muß sich durch Benjamins Meinung provoziert
gefühlt haben:
“Im Zusammenhang mit der fourieristischen Pädagogik ist vielleicht der Dialektik des Beispiels nachzugehen, das als Musterbeispiel im Sinne der Moralisten pädagogisch wertlos, wenn nicht verhängnisvoll ist, als gestisches Beispiel aber, das Gegenstand einer kontrollierbaren und stufenweise erlernbaren Nachahmung werden kann, die größte Bedeutung besitzt.”[57][57][57][57]
Hein
stellt in Hirschburg offensichtlich das Musterbeispiel auf, während die von
Benjamin hier befürwortete Dialektik des Beispiels und die Gestik in Passage
keine Rolle spielen. Der undialektische Musterbeispiel-Moralismus Heins
unterscheidet sich wesentlich vom Moralismus anderer Verfasser, z.B. von
Brechts dialektisch-marxistischem und Dürrenmatts basischristlichem Moralismus.
Passage bezieht sich nicht nur im Titel, der
Figurendarstellung und dem Handlungsverlauf, sondern auch im Text direkt auf
Benjamins Passagen-Werk (Frankfurther: “das Ergebnis meines ganzen
Lebens”):
“Ich fürchte, spannend ist es nicht. Leider. In dem ganzen Werk geht es nur um einen einzigen Buchstaben, einen einzigen chinesischen Laut.”[58][58][58][58]
Insgesamt
wird Passage von der Abwertung des Passagen-Werks gefärbt.
Gleichzeitig werden aber auch Grundzüge des Werks gut wiedergegeben. Mit der
Charakterisierung des Werks als eine auf ein einziges Schriftzeichen
zurückgehende Abhandlung, mit der die Sprache und Philosophie der Chinesen
erfaßt werden kann,[59][59][59][59] trifft Hein in zwei Punkten wesentliche
Anliegen Benjamins: das Passagen-Werk ist ein Versuch, in der
Beschreibung der Pariser Passagen ein geschichtliches und philosophisches Bild
des 19. Jahrhunderts, aber auch der Moderne überhaupt zu geben. Benjamin
versucht, im Konkreten das allgemein Gültige zu finden. Die Darstellung in Passage
paßt auch dazu, daß Benjamin in seinem Buch Ursprung des deutschen Trauerspiels
(1925) ausführlich über die allegorische Bedeutung der Schrift nachgedacht hat[60][60][60][60], und selbst einen inneren Zusammenhang
zwischen seinem Trauerspielbuch und dem Passagen-Werk sah.[61][61][61][61]
Die
Ablehnung “Chinas” im Passagen-Werk ist als ein wohldurchdachter,
künstlerisch und philosophisch konsistenter Standpunkt Heins zu verstehen, in
dem sich die Ablehnung Benjamins, aber letztlich auch die Ablehnung Brechts
kristallisiert. Die chinesische Schrift ist ein Paradebeispiel für das
Zusammenspiel von Wort und Schrift, von dem Benjamin im Trauerspielbuch, Johann
Wilhelm Ritter zitierend, schreibt:
“Wort und Schrift sind gleich an ihrem Ursprung eins.”[62][62][62][62]
Die
Ablehnung “Chinas” und der chinesischen Philosophie[63][63][63][63], die zu der Abwertung Frankfurthers
gehört, paßt zu der ungestischen Dramatik Heins, die einen Gegenentwurf zu der
Gestik und dem epischen Theater Brechts formt. Brecht hat seine
Verfremdungseffekte unter anderem aus der chinesischen Schauspielkunst
entwickelt.[64][64][64][64] “China“ ist ein gutes Symbol für alles,
was von Hein in Passage abgewiesen wird: Gestik, Verfeinerung,
Kompliziertheit, Kontemplation. Das Studium der asiatischen Kulturen ist, wie
in Passage richtig bemerkt wird, nicht von dem ihrer Schriften zu
trennen; dieses Studium kann ohne intensivste und darum zeitweise
weltabgewandte Konzentration nicht betrieben werden.[65][65][65][65]
Dem
ersten Kapitel des Trauerspielbuchs, der erkenntniskritischen Vorrede, hat
Benjamin ein Goethezitat vorangestellt, das Goethes Sicht auf die Wissenschaft
beschreibt. Diese war für Benjamin eine Grundlage seines philosophischen
Strebens: er möchte wie Goethe die Ganzheit erhalten.
“Da im Wissen sowohl als in der Reflexion kein Ganzes zusammengebracht werden kann, weil jenem das Innre, dieser das Äußere fehlt, so müssen wir uns die Wissenschaft notwendig als Kunst denken, wenn wir von ihr irgendeine Art von Ganzheit erwarten. Und zwar haben wir diese nicht im Allgemeinen, im Überschwenglichen zu suchen, sondern, wie die Kunst sich immer ganz in jedem einzelnen Kunstwerk darstellt, so sollte die Wissenschaft sich auch jedesmal ganz in jedem einzelnen Behandelten erweisen. [Johann Wolfgang von Goethe: Materialien zur Geschichte der Farbenlehre].”
Das
Bild des einen Buchstabens, also einer Ganzheit, aus dem sich eine ganze Welt
der Kultur entwickeln läßt, stimmt für das Passagen-Werk und dessen
Bezug auf die Pariser Passagen. Aber so, wie auch das Streben nach
ganzheitlichem Denken in der Wissenschaft von vielen, vor allem von
technokratischen Fortschrittsdenkern, heftig abgelehnt wird, ist auch die
Grundhaltung in Passage die Ablehnung des Ganzheitsstrebens im Passagen-Werk.
Ganzheitlichkeit macht sich verdächtig als weltfremde und unnütze Schwärmerei,
die die Welt verkennt und nicht erkennt. Benjamin war sich dessen bewußt und
diskutierte seinen eigenen Anspruch auf Wahrheit, den er auf Platons
Erosbegriff bezieht: bei Platon ist Wahrheit “nicht Enthüllung, die das
Geheimnis vernichtet, sondern Offenbarung, die ihm gerecht wird.”[66][66][66][66] In Benjamins Werk wird der Zugang zur
Wahrheit aber nicht durch Offenbarung erreicht, sondern durch kontemplatives
Betrachten, in dem sich sowohl objektiv-historische Elemente der Analyse als
auch subjektiv-physische Elemente des Erkennens wie der Traum treffen.
Kontemplation ist ein religiöser Zugang zu den Dingen. Benjamins Denken ist
stark von Vorstellungen geprägt, die sich für sozialistische wie auch für
kapitalistische Materialisten, genauso wie für hochmoralische Idealisten als
barer Unsinn darstellen müssen. Einem platten Nützlichkeitskriterium entspricht
Benjamins Werk nicht, auch hier hat Heins Kritik einen wahren Kern.
“KURT: Ihr Chinesisch hat Ihnen nicht viel geholfen, Herr Doktor. Sie hätten viel Geld gespart, wenn Sie nicht chinesisch lesen könnten.
FRANKFURTHER: Es scheint so.
KURT: Es ist keine sehr praktische Wissenschaft, nicht wahr?
FRANKFURTHER: Für einen, der auf der Flucht ist, gibt es nützlichere Berufe.”[67][67][67][67]
Benjamins
Werk entspricht einem engen Nützlichkeitskriterium sicher nicht,[68][68][68][68] aber in Passage geht die Kritik
viel weiter. Frankfurthers Wissenschaft wird mit seiner mißlichen Situation auf
der Flucht zusammengebracht. Es wäre besser für ihn, wenn er kein Chinesisch
verstehen würde: er kauft im Gegensatz zum ungebildeten, aber pragmatischen
Hirschburg ein brauchbares Visum nur deswegen nicht, weil er die chinesische
Schrift richtig lesen kann. Hirschburg ahnt die Fälschung, ist aber so klug,
sich darum nicht zu kümmern. Frankfurthers theoretische Ausbildung versagt in
der Praxis, sogar auch da, wo er eigentlich recht hat. Die Fluchtsituation
überführt den weltfremden Wissenschaftler als Nichtsnutz.
Die
Kritik an Frankfurthers Wissenschaft wird noch einmal in anderer Form
wiederholt. Damit wird das enge Nützlichkeitskriterium fest zementiert, denn
der Philosoph muß zugeben, daß er im Grunde seines Herzens auch ganz gern ein
Geschäft machen will:
“KURT: Und wer soll so ein Buch kaufen?
FRANKFURTHER: Das weiß ich nicht.
KURT: Vielleicht die Chinesen. Dann kann es ein Geschäft für Sie werden.
FRANKFURTHER: Das ist ein guter Gedanke, Kurt. Ich werde darüber nachdenken.”[69][69][69][69]