Űber das weite
Feld zwischen Max Nordau, Walter Benjamin und der Christoph-Hein-Rezeption an
der Universität Leiden
Auch
in pdf und rtf –version:
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© Maria Trepp 2004,2005,2006 Alle Rechte vorbehalten
Meine
Arbeit postuliert die folgenden wesentlichen Zusammenhänge:
1. Christoph Heins Stück Passage stellt eine Modellierung dar von Max Nordaus Schriften, vor
allem von dessen Buch Entartung. Christoph Hein stellt
Walter Benjamins Passagen-Werk als ein Produkt entarteten
Denkens dar.
2. Christoph Heins Denken kann mit guten Gründen
faschistisch und antisemitisch genannt werden.
3. Günter Grass hat sich ausführlich mit Hein, Nordau
und deren faschistoiden und antisemitischen Denkbildern auseinandergesetzt, vor
allem, aber nicht nur, in Ein
weites Feld.
4. Die positive Christoph-Hein-Rezeption an der
Universität Leiden ist sehr gut im Einklang mit der heutigen fremdenfeindlichen
Stimmung in den Niederlanden und dem intellektuellen Rechtspopulismus in Leiden.
Der Leidener Germanist Jerker Spits verherrlicht den Rechtspopulisten Geert
Wilders und den Nazi-Juristen und Antisemiten Carl Schmitt.[1]
Kapitel 1 Walter Benjamins Passagen-Werk
als entartetes Denken
Kapitel 2 Die Karikatur Walter Benjamins in
Christoph Heins Passage
Dr. Frankfurther: Die Würstchen-Metaphorik
Kapitel 3 Der intertextuelle Bezug auf die antike
Tragödie
Kapitel 5 Der asoziale Selbstmörder
und der soziale Held
Kapitel 6 Die Intellektuellen- Kritik
1. Die China- und die Tui-Kritik
2. Die Verachtung von Denken und von kritischer Reflexion
3. Hein als autoritärer Intellektueller: Hein versus
Havemann; Hein versus Grass
Kapitel 7 “Ein weites Feld”- der Antisemitismus
bei Christoph Hein und Max Nordau
8. Heins klassizistischer Aristotelismus (siehe www.passagenproject.com/aristoteles.html
)
8.1. Geschlossenheit
versus experimentelle Offenheit
8.2. Aristotelische Ethik
8.3. Aristotelismus und
Religion
9. Die Illusionskritik (www.passagenproject.com/illusion.html)
9.1. Rausch und Illusion
9.2. Die Illusionskritik
bei Hein, Cervantes und Meyrink
10. Sprache und Stil (www.passagenproject.com/sprache.html )
10.1. Nützliche Banalität,
sentimentale Brutalität
10.2. Untragische Pathetik
10.3. Scheinironie
10.4. Wirklichkeitsferne
Unwahrhaftigkeit
10.5. Unpoetische Anti-Erotik
10.6. Selbstbewußtes
Kulturbarbarentum
11. Der autoritäre Idealismus (www.passagenproject.com/idealismus.html
)
11.1. Der idealistische Führer
Hirschburg
11.2. Sinnenfeindliche Gnadenlosigkeit und
Sozialdarwinismus
11.3. Die patriarchale und die kritische Tradition im
Protestantismus und im deutschen Idealismus
11.4. Idealismus und L‘art pour
l‘art
12. Die Dekadenz-Kritik: Krankheit und Verbrechen www.passagenproject.com/dekadenz.html
)
12.1. Durchschnittlichkeit
als Norm: Feindselige Psychologisierung
12.2. Teufel und
Antichrist
12.3. Die Hetze gegen
zweifelnde Ketzer
Schluß: Das Passage(n)-Projekt
1. Wissenschaft, “Objektivität“ und die Zensur des
kritischen Denkens
2. Form und Funktion meines Schreibens
Das Passage(n)-Projekt
ist ein kollektives wissenschaftlich-künstlerisch-journalistisches Projekt.[2]
Das Passage(n)-Projekt ist ein Manifest gegen den Zynismus in
Wissenschaft und Gesellschaft im Sinne von Peter Sloterdijks Kritik der
zynischen Vernunft. Das Passage(n)-Projekt ist außerdem eine Hommage an
die Wissenschafts-, Kunst- und Gesellschaftstheorie von Walter Benjamin, Günter
Grass und Heinz Brandt.
Im
Mittelpunkt meiner Arbeit steht die Analyse von Christoph Heins Drama Passage (1987), einem Stück, das an der Universität Leiden
aufgeführt werden sollte. In Passage wird der jüdische
Literaturtheoretiker Walter Benjamin als ein impotenter Schwätzer, verwöhnter
Parasit und unnützlicher Wissenschaftler verhöhnt und wird Benjamins Passagen-Werk als entartetes Denken dargestellt.
Wie hier aufgezeigt werden soll, ist ein direkter intertextueller Zusammenhang
festzustellen zwischen dem Werk von Max Nordau, Verfasser des einflußreichen
Werkes Entartung (1892/93) und dem Werk des
Autors Christoph Hein. Mein Titel spielt auch an auf Günter Grass’ Roman Ein weites Feld (1995), sowie auf den Bezug dieses
Romans auf Christoph Hein und Max Nordau. Mit dem Stichwort “Feld” schließe ich
außerdem an Pierre Bourdieus Werk und Bourdieus gesellschaftlichen und
literaturtheoretischen Feld-Begriff an.
Meine
Arbeit hat viele verschiedene Ebenen: auf der konkretesten Ebene handelt meine
Arbeit von Heins Drama Passage und der Hein-Rezeption an
der Universität Leiden; auf der abstraktesten vom autoritären Idealismus und
Aristotelismus der vergangenen 2000 Jahre. Dazwischen handelt meine Arbeit von
den totalitären Zügen des modernen Markt- und Management-Denkens (z.B. an der
Universität Leiden) und vom faschistoiden Populismus der letzten hundert Jahre.
Es
handelt sich bei der vorliegenden Arbeit um eine erweiterte Version einer
Abschlußarbeit des Germanistikstudiums an der Universität Leiden.[3]
Diese Abschlußarbeit mit dem Titel Politische
Tendenz und literarische Qualität in Christoph Heins Kammerspiel ‘Passage’ wurde bei der Fachgruppe
Deutsch abgelehnt. Der Inhalt der Abschlußarbeit, der auch den Kern der
vorliegenden Arbeit darstellt, war ein Beitrag zu einer aktuellen Diskussion an
der Fachgruppe: zu der Auseinandersetzung um die Aufführungspläne der
Fachgruppe von Heins Drama Passage.
Im
Wintersemester 1999 wurde bei der Fachgruppe Deutsch der Universität Leiden der
Versuch unternommen, dieses Stück mit Studenten aufzuführen. Die
Aufführungspläne scheiterten an dem Widerstand der Studenten. Die Ablehnung des
Stücks gründete sich hauptsächlich auf den undramatischen und wenig spielerischen
Charakter von Passage, richtete sich aber auch
gegen die poetische Qualität des Stücks. In einer abschließenden Diskussion
wurde Passage von keinem der
teilnehmenden Studenten verteidigt; daneben wurde der ethische Gehalt des
Stücks in Frage gestellt.
In
der ursprünglichen Arbeit wurde besonders den Argumenten der Diskussion
zwischen Studenten und Dozenten Aufmerksamkeit geschenkt. Ein Fragenkomplex
berührte die Darstellung des Dr. Frankfurther. Dabei wurde von Prof. A. V.
verneint, daß das Stück ein negativ verzerrtes Bild des Literaturtheoretikers
Walter Benjamin gebe. Eine zweite wichtige Frage wurde durch von Prof. A. V.
aufgeworfen; sie argumentierte, daß das Stück gerade so gut zeige, daß Juden
auch Deutsche seien; ganz besonders an der Figur Hirschburgs sei dies zu sehen.
Mit ihrer Auffassung des Stücks steht die Professorin keineswegs allein. Im
Kritischen Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur schreibt Manfred
Behn zu Heins Passage:
“Hoffnungsvoll, geradezu wundersam ist die letzte
Szene, in der 15 Juden in Kaftanen, aus der Gegend von Auschwitz quer durch
Europa geflohen, mit dem deutschnationalen Juden an der Spitze der spanischen
Grenze zueilen.” [4]
Es
läßt sich zeigen, daß gerade die Darstellung der “15 Juden in Kaftanen” und der
Figur Hirschburgs die Judenfeindlichkeit des Stücks nicht aufhebt, sondern
vertieft und einen wesentlichen Beitrag leistet zur Abwertung des Dr.
Frankfurther.
Alles,
was ich hier aufgeschrieben habe, liegt in meiner heftigen Gefühlsreaktion
begründet, die schon das Lesen der drei ersten Seiten von Passage bei mir hervorrief, und in meinem Haß gegen die
Judenfeindlichkeit dieses Dramas, die ich erst nach dem Lesen des ganzen Stücks
wirklich sehen konnte. Im Laufe der Zeit wurde mir ständig mehr bewußt, daß
diese Gefühle, die Passage bei mir hervorruft, nicht
nur mit Judenfeindlichkeit im ganz Allgemeinen zu tun haben, sondern in
privaten Erfahrungen und Erlebnissen wurzeln. Auf der anderen Seite sah ich
aber auch immer mehr, daß das Problem der Hein-Rezeption sich nicht auf
Judenfeindlichkeit reduzieren läßt, sondern daß eine positive Hein-Rezeption
nur mit einer antiaufklärerischen, wert- und geschmacksbefreiten Haltung oder
mit einer idealistisch-aristotelischen Haltung möglich ist; daß also das
Problem der Hein-Rezeption auch ein Problem der antimodernen Postmoderne[5]
ist. Von vielen wurde die Tatsache, daß meine erste Kritik des Stückes auf dem
Lesen von nur drei Seiten von Passage gegründet war, (also extrem
wert- und geschmacksbelastet ist), als Beweis dafür angesehen, daß meine
Argumente nicht qualifiziert sein können. Selbst glaube ich aber, ganz im
Geiste von Rabelais, der in Vorwort zu Gargantua meint: „Es ziemt euch, nach
des Hundes Vorbild klug zu sein, auf daß ihr diese wohlgenährten Bücher
wittert, riechet und schätzt“[6],
daß im Fall Passage schon eine minimale
Textmenge genügt, um von der maximal unerotischen und maximal unpoetischen
Qualität dieses Textes zu überzeugen.
Der
Leidener Astrophysiker Vincent Icke, mit dem ich beim Schreiben meiner Arbeit
eng zusammen gearbeitet habe, meint, daß ein Wissenschaftler seine Forschung
oft nicht mit einer Frage beginnt, sondern mit einer Wahrnehmung.[7]
Genau so war es bei mir. Ich hatte keine Frage zu Christoph Hein, der mich auch
eigentlich überhaupt nicht interessiert. Ich habe allerdings bei Hein etwas
wahrgenommen (diese Wahrnehmung war übrigens -und dies ist wichtig!- nicht nur
durch das Lesen des Stückes ausgelöst worden, sondern dadurch, daß ich eine der
Rollen des Stückes - Rosa Grenier- spielen sollte. Meine Lesehaltung war also
nicht die eines Lesers, sondern eines die Mitspielers- auch daraus erklärt sich
die starke Ablehnung die ich fühlte). Diese Wahrnehmung, die ich selbst für
banal hielt und halte, hat sich verblüffenderweise als maximal kontrovers und
deswegen als wissenschaftlich sehr ergiebig herausgestellt. Icke betont immer
wieder, wie wichtig das Wahrnehmen – und nicht unbedingt die Neugierde- in der
Wissenschaft ist.[8] Vielleicht war es wirklich
eine besondere Leistung, daß ich bei Hein überhaupt etwas wahrgenommen habe.
Meine Wahrnehmungsfähigkeit ist begründet in meinem lebenslangen Mißtrauen
gegen selbstgerechte und phantasielose Zyniker und meinen Erfahrungen mit deren
Denkstrukturen. Meine Wahrnehmungsfähigkeit war aber auch durch die lange
Auseinandersetzung mit Brecht und seinen Gedanken zur Verfremdung (was nichts
anderes ist als andersartiges, neues Wahrnehmen) geschärft.
Der
Amsterdamer Soziologe Kees Schuyt, mit dem ich ebenfalls beim Schreiben meiner
Arbeit eng zusammengearbeitet habe, zitiert Jaques Barzun, der seinerseits zu
den Zielen von Ausbildung William James zitierte: „A college education is to
help you to know a good man when you see him.“ Und Schuyt fügt hinzu, daß
moralisches Urteilen in Kombination mit kritischer Selbstreflexion das
wichtigste Ziel der Erziehung ist. Der Satz von William James kann meiner
Ansicht nach auch sehr gut umgedreht werden, und besagt dann, daß es das Ziel
der Erziehung wäre, einen schlechten Menschen zu erkennen, wenn man ihn sieht.
Ich meine, daß ich dieses in die Praxis gebracht habe, und daß ich damit nicht
nur bewiesen habe, daß ich selbst viel gelernt habe, sondern auch, daß die
Ausbildung, die ich in Leiden (aber nicht nur da) erhalten habe, von hoher
Qualität war.
Aus
meiner ablehnenden Wahrnehmung heraus ergab sich die grundlegende Frage meiner
Untersuchung: Warum finde ich das Stück Passage
so schlimm? Die Struktur dieser Frage an sich ist kompliziert, weil sie direkt
mit der wissenschaftstheoretischen Frage nach Objektivität und Subjektivität
zusammenhängt. Zwischen objektiver und subjektiver Erkenntnis ist für mich
keine absolute Grenzlinie zu ziehen. Die Frage nach dem Objekt Passage war also auch zugleich eine Frage nach dem
erkennenden Subjekt, also nach mir selbst. Pierre Bourdieu zitiert Pascal (der
auch von Hein in Passage –in einem abwertenden
Kontext - genannt wird)[9]
zum untrennbaren Zusammenhang von Objektivität und Subjektivität:
„Durch den Raum erfaßt
und verschlingt das Universum mich wie einen Punkt: Durch das Denken erfasse
ich es.“[10]
Vincent
Icke meint, daß der Wissenschaftler manchmal durch zu viel Wissen gehindert
werden kann.[11] Ich bin froh, daß ich
beinahe nichts über Christoph Hein wußte, als ich das Stück Passage zum ersten Mal las. Hätte ich geahnt, wie anerkannt
und einflußreich Hein ist, hätte ich meine Wahrnehmungen wahrscheinlich sehr
schnell zensuriert. Weil ich aber nicht mit positiven Vorurteilen zu Hein
vorbelastet war, traf mich der Text von Passage
als das, was er fünf Jahre und hunderte Seiten produzierter Forschungsarbeit
später für mich immer noch und jetzt erst recht ist: brutale, banale, zynische
und billige Anti-Kunst (eine Anti-Kunst, die übrigens nichts mit Dada gemeinsam
hat, sondern als auch maximal Anti-Dada bezeichnet werden kann). Trotzdem ist
mir jedes Verabsolutieren von Gefühlen fern, umgekehrt, Instinktverherrlichung
und Kritiklosigkeit werden gerade auf eine gefährliche Weise von Christoph Hein
in Passage propagiert. Moderne Literatur
fordert viel vom Leser, und auch die Texte von anderen Autoren als Hein haben
bei mir eine Abwehr ausgelöst, die sich manchmal, aber nicht immer, über die
Zeit hinweg erhalten hat.[12]
Gefühle müssen von kritischem Denken begleitet werden. Pierre Bourdieu hat sich
ausführlich mit der Problematik von Geschmacksurteilen beschäftigt. Er zeigt in
Die feinen Unterschiede (1979), wie der “gute Geschmack” dazu dient,
die eigene gesellschaftliche Position und die eigene Verfeinerung, Gelehrtheit
und Belesenheit zur Schau zu stellen und zu verteidigen. Ich stimme Bourdieu
zu, und meine, daß mein negatives Geschmacksurteil gegenüber Hein nicht das Urteil
einer kultivierten Person den Unkultivierten gegenüber war. Hein und seine
Freunde sind gerade kultivierte Leute, die mir in Sachen Belesenheit, Bildung
und sozialem Status viel voraus haben. Das Wertesystem, das Passage zugrunde liegt - und dies macht sicher einen Teil
meiner Ablehnung aus - ist ein engstirnig-kleinbürgerliches. Aber mein Urteil
zu Passage ist nicht das einer Großbürgerin
den Kleinbürgern gegenüber. Hein und seine Freunde haben gesellschaftlich sehr
angesehene Positionen; andererseits gehöre ich selbst von meiner Herkunft her
teilweise dem Kleinbürgertum an. Bourdieus Kritik am “guten Geschmack” ist eine
Kritik am verfeinerten Geschmacksurteil, das sich auf eine Antithese von Kultur
und Natur gründet und volksnahen, körperlichen Genuß als minder abtut.[13]
Mein Geschmacksurteil zu Passage war im Gegensatz dazu eine
körperlich begründete Abscheu vor dem kunst-, körper- und lebensfeindlichen
Idealismus, der sich in Passage manifestiert.[14]
Eine
wichtige Argumentation zum Geschmacksurteil habe ich bei Diderot gefunden.
Ernst Cassirer schreibt über Diderots Überlegungen zum Geschmacksurteil:
Für ihn [Diderot] ist
der Geschmack zugleich subjektiv und objektiv subjektiv, weil er keine andere
Basis als das indviduelle Gefühl besitzt, objektiv, weil eben dieses Gefühl nur
as Ergebnis und der Nachklang hundertfacher individueller Erfahrungen ist. In
seiner bloßen Tatsächlichkeit, in seiner reinen Gegenwart ist er freilich ein
nicht weiter Definierbares, und ein nicht weiter Begründbares, ein ‚je ne sais
quoi’; aber ein mittelbares Wissen von diesem ‚Unwißbaren’ läßt sich gewinnen,
wenn wir diese Gegenwart auf ihre Vergangenheit zurückbeziehen. In jedem
Geschmacksurteil faßt sich eine Unzahl früherer Erfahrungen zusammen.“[15]
Weil
ich vom Geschmacksurteil ausgegangen bin, bin ich, im Laufe meiner
Objektivierungsbemühungen, auf meine eigene Geschmacksbildungsgeschichte
gestoßen und bespreche diese im Methodenteil der Einleitung mit
Ich
habe, veranlaßt durch die Kritik an meiner ersten abgewiesenen Abschlußarbeit,
nämlich daß die Arbeit nicht “objektiv“ sei (was ich übrigens gar nicht
bestreite), mit der ursprünglichen Arbeit ein Experiment unternommen, und
versucht, durch Streichungen und Anpassungen eine (schein)objektivierte Analyse
von Passage zu erhalten. Das Resultat dieser
Verstümmelung der Arbeit[16]
ist teils schrecklich, teils lustig, also grotesk. Das Verzichten auf die
Darstellung von Zusammenhängen und das Vermeiden des Ziehens von kritischen
Schlußfolgerungen ergibt keineswegs eine “objektive” Arbeit. Es ist aber
interessant, daß aber die wesentlichen Erkenntnisse auch dann immer noch
bewahrt blieben, als sie von jeder kritischen Schlußfolgerung befreit wurden. So
entkommt ein kritischer Leser meiner “objektivierten” Arbeit kaum dem Schluß,
daß es sich bei Heins Stück um ein judenfeindliches Drama handelt. Einen
prinzipiell unkritischen Leser dagegen wird auch die vorliegende tendenziöse
Arbeit nicht überzeugen können.
“Wer komplexe Wirklichkeit leugnet, gibt sich
gern objektiv und bezichtigt die Problembewußten der Wirklichkeitsflucht und
Träumerei. Nicht einmal bei den scheinbar eindeutigsten und entschiedensten
Figuren läßt sich ‘objektiv’ bestimmen, für welche Tendenz sie letztlich
angeheuert sind [...] “[17]
Wissenschaft
muß sich um Objektivierung bemühen, beginnt aber immer in der subjektiven
Sphäre. Dies gilt sogar auch für die Naturwissenschaft:
“Het is amusant, dat ook nieuwe
natuurkunde begint als een piepkleine waarheid in het hoofd van één mens. In
dat stadium is de natuurkundige waarheid niet te onderscheiden van geloof of
van kunst.” [Es ist amüsant, daß
auch neue Naturwissenschaft beginnt als winzig kleine Wahrheit im Kopf von
einem Menschen. In diesem Stadium ist die naturwissenschaftliche Wahrheit nicht
zu unterscheiden von glaube oder Kunst] [18]
Eine
absolute Objektivitätsforderung ist gleichbedeutend mit einer Forderung nach
innerer Zensur: bestimmte Wahrnehmungen, die zunächst nicht anders als
subjektiv sein können, dürfen nicht mehr gemacht werden. Nach der Meinung Peter
Sloterdijks wird (vermeintliche) ‘Objektivität’ mit einer „methodischen
Stillstellung oder Normierung dessen erkauft, was das Subjekt beim ‘Erkennen’
darf oder nicht darf.”[19]
Diese Meinung vertrat auch der kürzlich verstorbene französische Soziologe
Pierre Bourdieu. Er meinte, daß die Idee von der wissenschaftlichen
Objektivität eine Form der Zensur sei.[20]
Vincent
Icke verlangt zu Recht, daß neue Erkenntnisse im Großen und Ganzen mit früheren
Erkenntnissen vereinbar sein müssen:
“Het is een romantische
misvatting, dat de wetenschap voortschrijdt door ‘vernietigen van het oude’ “
[Es ist ein romantisches Mißverständnis, daß die Wissenschaft fortschreitet
durch die ‚Vernichtung des Alten‘].[21]
Tatsächlich
ist auch alles, was ich über Hein sage, relativ banal und nichts anderes als
eine Anwendung der Standard-Dramenanalyse Manfred Pfisters; der Wissenschafts-,
Kunst- und Gesellschaftsreflexion von Vincent Icke und Pierre Bourdieu; und der
Kunstphilosophie Peter Sloterdijks. Immer wieder wurde mir von meiner Umgebung,
die meine Hein-Antipathie mehr oder weniger als einen spleen einordnete,
vorgehalten, daß Hein entweder ein völlig unbekannter oder unbedeutender Autor
sei und die Beschäftigung mit ihm schon von daher unergiebig sei oder daß es
ansonsten unmöglich sei, daß niemand außer mir das Problem Hein erkannt haben
sollte. Letzteres konnte ich immer nur damit kontern, daß ich sicher nicht die
erste bin, die das Problem sieht, aber daß man Hein als Ossi nicht öffentlich
hat angreifen wollen. Inzwischen habe ich entdeckt, daß Günter Grass’ Roman Ein
weites Feld (1995) eine ausführliche Auseinandersetzung mit Heins
Antisemitismus, dessen geistesgeschichtlichen Wurzeln und auch Heins
gesellschaftlicher und literaturwissenschaftlicher Stellung darstellt. Grass’
Darstellung ist komplex verschlüsselt - auch er landete keinen
undifferenzierten Frontalangriff auf einen Ossi - und ich konnte sie nur
deswegen verstehen, weil sie direkt an meine eigene Analyse anschließt. Icke
fordert mit Recht, daß neue wissenschaftliche Erkenntnisse sich dadurch
beweisen müssen, daß sie Vorhersagen machen können, die sich bewahrheiten. In
der Literaturwissenschaft ist dies nicht ganz so leicht möglich wie in der
Naturwissenschaft. Doch meine ich, daß ich im Fall Hein eine Reihe von
Vorhersagen gemacht habe, die sich bewahrheitet haben. Meine Abwehr gegen Hein,
die anfänglich nur auf dem Lesen von drei Seiten von Passage gegründet war, hat nach fünf Jahren Analyse und kritischer
Prüfung nichts als Bestätigung erhalten. Diese Bestätigung ist mehr als eine
simple Selbstrechtfertigung. Ich kann meine Auseinandersetzung mit kritischen
Einwänden aller Art im Detail nachweisen. Meine Hein-Bewertung erhält zudem
auch noch Bestätigung von einem so schwergewichtigen Kenner der deutschen
Kultur wie Günter Grass.
Meine Arbeit durchbricht viele Tabus.
Ich habe ein Tabu durchbrochen, indem ich als eine in der
Demokratie aufgewachsene Beurteilerin einen DDR-Autor sehr negativ beurteile. Sicher kann es nicht Ziel
der Literaturwissenschaft sein, Autoren zu verurteilen und abzulehnen.
Normalerweise wird man in einer Arbeit einen Autor besprechen, den man schätzt.
Die schlechte Angewohnheit vieler Literaturwissenschaftler, über Künstler
herablassend zu schreiben, kann als Schuß nach hinten losgehen, wenn sich
erweist, daß der Literaturwissenschaftler die Komplexität hinter scheinbar
einfachen literarischen Konstruktionen nicht durchschaut hat. Im Fall Hein muß
zugestanden werden, daß sich unter der banalen Textstruktur eine unerwartete
philosophische und intertextuelle Komplexität verbirgt. Ich habe im Laufe der
Beschäftigung mit Passage überrascht feststellen
müssen, daß Hein literarisch und philosophisch extrem belesen ist. Meine Kritik
an Hein ist deswegen eine Kritik an den philosophischen und politischen
Voraussetzungen seiner literarischen Texte, die, wie gezeigt werden soll,
weitreichende Konsequenzen für die poetische Qualität haben.
Eine
im konkreten Fall Hein große Schwierigkeit ist die Tatsache, daß Hein als
Ostdeutscher, der selbst in einem autoritären System aufwuchs, eine gewisse
Immunität genießt - insbesondere allen Wessis gegenüber. Es ist unerträglich,
daß viele Schriftsteller aus dem Osten nach der Wende an den Pranger gestellt
wurden. Deswegen hat Günter Grass seine beißende Hein-Kritik in seiner
ausführlichen Auseinandersetzung mit Hein und seinem Antisemitismus in Ein
weites Feld auch verschlüsselt und hat seinen Kollegen nicht[22]
namentlich angefallen. Auch Sjaak Onderdelindens Artikel zu Heins Stück Die Ritter der Tafelrunde (Onderdelinden war der Regisseur
von Passage in Leiden, und gleichzeitig auch
derjenige, der mich aufgefordert hat, meine Analyse über den Antisemitismus in Passage auf Papier zu setzen) enthält sich der direkten
Wertungen und stellt Heins Stück und seine öffentlichen Äußerungen in einen
objektivierten Zusammenhang. Was in der vorliegenden Arbeit als Heins
Systemangepaßtheit beschreiben wird, formuliert Onderdelinden nur indirekt,
indem er zunächst auf Heins eigenen Anspruch, ein Systemkritiker zu sein,
hinweist, und gleichzeitig die Interpretation der Tafelrunde doch deutlich
zeigt, wie sehr Hein sich auf die Seite des alten Politbüros stellt:
Onderdelinden gibt an, daß Hein mit seiner kompromißlosen Wahrheitssuche auch
zum “Nestbeschmutzen” bereit wäre;[23]
gleichzeitig zeigt er aber auch - ohne daß diese zwei widersprüchlichen
Tatsachen in seinem Artikel ausdrücklich aufeinander bezogen würden - , daß die
Haltung, die Hein mit der Tafelrunde im Verhältnis zum Politbüro einnimmt, doch
vor allem die eines sich Kontinuität wünschenden, sich vor dem Vater
verneigenden Sohnes sei.[24]
Ohne zu moralisieren oder zu ausdrücklich zu provozieren, mißt Onderdelinden
Hein so an seinen eigenen Maßstäben.
In
einer Situation, in der man als Literaturwissenschaftler keinen akuten und
persönlichen Anlaß hat, sich gegen einen wie auch immer angepaßten Autor
auszusprechen, können Ironie und understatement angemessene Mittel der
distanzierten wissenschaftlichen Auseinandersetzung sein.
Während
es einerseits von niemandem gefordert werden kann, alles, was gesagt werden
könnte, auch immer zu sagen (Onderdelinden läßt z.B. die Morddrohung der
Vätergeneration an den Sohn außer Acht),[25]
kann doch nicht umgekehrt gefordert werden, daß Literaturwissenschaftler sich
nicht kritisch mit der Rezeption eines Autors und dessen antidemokratischem
Werk auseinandersetzen dürfen, wenn sie ganz konkret mit dieser Problematik in
ihrer nächsten Umgebung konfrontiert werden.
Ich selbst sehe mich Hein gegenüber nicht nur als ein beurteilender Wessi gegenüber dem Ossi - ein Aspekt, den ich natürlich nicht bese