Passage(n)-Projekt.

Űber das weite Feld zwischen Max Nordau, Walter Benjamin und der Christoph-Hein-Rezeption an der Universität Leiden

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Zusammenfassung

 

Meine Arbeit postuliert die folgenden wesentlichen Zusammenhänge:

 

1. Christoph Heins Stück Passage stellt eine Modellierung dar von Max Nordaus Schriften, vor allem von dessen Buch Entartung. Christoph Hein stellt Walter Benjamins Passagen-Werk als ein Produkt entarteten Denkens dar.

 

2. Christoph Heins Denken kann mit guten Gründen faschistisch und antisemitisch genannt werden.

 

3. Günter Grass hat sich ausführlich mit Hein und dessen faschistoiden und antisemitischen Denkbildern auseinandergesetzt, vor allem, aber nicht nur, in Ein weites Feld.

 

4. Die positive Christoph-Hein-Rezeption an der Universität Leiden und die damit zusammenhängende Zensur sind sehr gut im Einklang mit der heutigen fremdenfeindlichen Stimmung in den Niederlanden. Bei der Fachgruppe Germanistik der Universität Leiden, bei der sich der Konflikt um Passage abspielte, wird jetzt (von dem Mitarbeiter Jerker Spits) der Rechtspopulist Geert Wilders und der Nazi-Jurist und Antisemit Carl Schmitt verherrlicht.[1]

 

Zusammenfassung. 1

1.1. Zum Kontext 2

1.2. Zur Methode. 10

1.3. Thesen. 20

1.4. Christoph Hein im philosophisch-literarisch-politischen Feld. 29

 

 

1. Einleitung

 

Das Passage(n)-Projekt ist ein kollektives wissenschaftlich-künstlerisch-journalistisches Projekt.[2] Das Passage(n)-Projekt ist ein Widerstandsprojekt gegen Zensur und mittelalterliches Denken in Wissenschaft, Kunst und Gesellschaft und ein Manifest gegen den Zynismus in Wissenschaft und Gesellschaft im Sinne von Peter Sloterdijks Kritik der zynischen Vernunft. Das Passage(n)-Projekt ist außerdem eine Hommage an die Wissenschafts-, Kunst- und Gesellschaftstheorie von Walter Benjamin, Günter Grass und Heinz Brandt.

 

Im Mittelpunkt meiner Arbeit steht die Analyse von Christoph Heins Drama Passage (1987), einem Stück, das an der Universität Leiden aufgeführt werden sollte. In Passage wird der jüdische Literaturtheoretiker Walter Benjamin als ein impotenter Schwätzer, verwöhnter Parasit und unnützlicher Wissenschaftler verhöhnt und wird Benjamins Passagen-Werk als entartetes Denken dargestellt. Wie hier aufgezeigt werden soll, ist ein direkter intertextueller Zusammenhang festzustellen zwischen dem Werk von Max Nordau, Verfasser des einflußreichen Werkes Entartung (1892/93) und dem Werk des Autors Christoph Hein. Mein Titel spielt auch an auf Günter Grass’ Roman Ein weites Feld (1995), sowie auf den Bezug dieses Romans auf Christoph Hein und Max Nordau. Mit dem Stichwort “Feld” schließe ich außerdem an Pierre Bourdieus Werk und Bourdieus gesellschaftlichen und literaturtheoretischen Feld-Begriff an.

 

Meine Arbeit hat viele verschiedene Ebenen: auf der konkretesten Ebene handelt meine Arbeit von Heins Drama Passage und der Hein-Rezeption an der Universität Leiden; auf der abstraktesten vom autoritären Idealismus und Aristotelismus der vergangenen 2000 Jahre. Dazwischen handelt meine Arbeit von den totalitären Zügen des modernen Markt- und Management-Denkens (z.B. an der Universität Leiden) und vom faschistoiden Populismus der letzten hundert Jahre.

 

 

1.1. Zum Kontext

Es handelt sich bei der vorliegenden Arbeit um eine erweiterte Version einer Abschlußarbeit des Germanistikstudiums an der Universität Leiden.[3] Diese Abschlußarbeit mit dem Titel Politische Tendenz und literarische Qualität in Christoph Heins Kammerspiel ‘Passage’ wurde bei der Fachgruppe Deutsch abgelehnt. Der Inhalt der Abschlußarbeit, der auch den Kern der vorliegenden Arbeit darstellt, war ein Beitrag zu einer aktuellen Diskussion an der Fachgruppe: zu der Auseinandersetzung um die Aufführungspläne der Fachgruppe von Heins Drama Passage.

Im Wintersemester 1999 wurde bei der Fachgruppe Deutsch der Universität Leiden der Versuch unternommen, dieses Stück mit Studenten aufzuführen. Die Aufführungspläne scheiterten an dem Widerstand der Studenten. Die Ablehnung des Stücks gründete sich hauptsächlich auf den undramatischen und wenig spielerischen Charakter von Passage, richtete sich aber auch gegen die poetische Qualität des Stücks. In einer abschließenden Diskussion wurde Passage von keinem der teilnehmenden Studenten verteidigt; daneben wurde der ethische Gehalt des Stücks in Frage gestellt.

 

In der ursprünglichen Arbeit wurde besonders den Argumenten der Diskussion zwischen Studenten und Dozenten Aufmerksamkeit geschenkt. Ein Fragenkomplex berührte die Darstellung des Dr. Frankfurther. Dabei wurde von Prof. Anthonya Visser verneint, daß das Stück ein negativ verzerrtes Bild des Literaturtheoretikers Walter Benjamin gebe. Eine zweite wichtige Frage wurde durch von Prof. Anthonya Visser aufgeworfen; sie argumentierte, daß das Stück gerade so gut zeige, daß Juden auch Deutsche seien; ganz besonders an der Figur Hirschburgs sei dies zu sehen. Mit ihrer Auffassung des Stücks steht die Professorin keineswegs allein. Im Kritischen Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur schreibt Manfred Behn zu Heins Passage:

“Hoffnungsvoll, geradezu wundersam ist die letzte Szene, in der 15 Juden in Kaftanen, aus der Gegend von Auschwitz quer durch Europa geflohen, mit dem deutschnationalen Juden an der Spitze der spanischen Grenze zueilen.” [4]

 

Es läßt sich zeigen, daß gerade die Darstellung der “15 Juden in Kaftanen” und der Figur Hirschburgs die Judenfeindlichkeit des Stücks nicht aufhebt, sondern vertieft und einen wesentlichen Beitrag leistet zur Abwertung des Dr. Frankfurther.

 

Alles, was ich hier aufgeschrieben habe, liegt in meiner heftigen Gefühlsreaktion begründet, die schon das Lesen der drei ersten Seiten von Passage bei mir hervorrief, und in meinem Haß gegen die Judenfeindlichkeit dieses Dramas, die ich erst nach dem Lesen des ganzen Stücks wirklich sehen konnte. Im Laufe der Zeit wurde mir ständig mehr bewußt, daß diese Gefühle, die Passage bei mir hervorruft, nicht nur mit Judenfeindlichkeit im ganz Allgemeinen zu tun haben, sondern in privaten Erfahrungen und Erlebnissen wurzeln. Auf der anderen Seite sah ich aber auch immer mehr, daß das Problem der Hein-Rezeption sich nicht auf Judenfeindlichkeit reduzieren läßt, sondern daß eine positive Hein-Rezeption nur mit einer antiaufklärerischen, wert- und geschmacksbefreiten Haltung oder mit einer idealistisch-aristotelischen Haltung möglich ist; daß also das Problem der Hein-Rezeption auch ein Problem der antimodernen  Postmoderne[5] ist. Von vielen wurde die Tatsache, daß meine erste Kritik des Stückes auf dem Lesen von nur drei Seiten von Passage gegründet war, (also extrem wert- und geschmacksbelastet ist), als Beweis dafür angesehen, daß meine Argumente nicht qualifiziert sein können. Selbst glaube ich aber, ganz im Geiste von Rabelais, der in Vorwort zu Gargantua meint: „Es ziemt euch, nach des Hundes Vorbild klug zu sein, auf daß ihr diese wohlgenährten Bücher wittert, riechet und schätzt“[6], daß im Fall Passage schon eine minimale Textmenge genügt, um von der maximal unerotischen und maximal unpoetischen Qualität dieses Textes zu überzeugen.

 

Der Leidener Astrophysiker Vincent Icke, mit dem ich beim Schreiben meiner Arbeit eng zusammen gearbeitet habe, meint, daß ein Wissenschaftler seine Forschung oft nicht mit einer Frage beginnt, sondern mit einer Wahrnehmung.[7] Genau so war es bei mir. Ich hatte keine Frage zu Christoph Hein, der mich auch eigentlich überhaupt nicht interessiert. Ich habe allerdings bei Hein etwas wahrgenommen (diese Wahrnehmung war übrigens -und dies ist wichtig!- nicht nur durch das Lesen des Stückes ausgelöst worden, sondern dadurch, daß ich eine der Rollen des Stückes - Rosa Grenier- spielen sollte. Meine Lesehaltung war also nicht die eines Lesers, sondern eines die Mitspielers- auch daraus erklärt sich die starke Ablehnung die ich fühlte). Diese Wahrnehmung, die ich selbst für banal hielt und halte, hat sich verblüffenderweise als maximal kontrovers und deswegen als wissenschaftlich sehr ergiebig herausgestellt. Icke betont immer wieder, wie wichtig das Wahrnehmen – und nicht unbedingt die Neugierde- in der Wissenschaft ist.[8] Vielleicht war es wirklich eine besondere Leistung, daß ich bei Hein überhaupt etwas wahrgenommen habe. Meine Wahrnehmungsfähigkeit ist begründet in meinem lebenslangen Mißtrauen gegen selbstgerechte und phantasielose Zyniker und meinen Erfahrungen mit deren Denkstrukturen. Meine Wahrnehmungsfähigkeit war aber auch durch die lange Auseinandersetzung mit Brecht und seinen Gedanken zur Verfremdung (was nichts anderes ist als andersartiges, neues Wahrnehmen) geschärft.

 

Der Amsterdamer Soziologe Kees Schuyt, mit dem ich ebenfalls beim Schreiben meiner Arbeit eng zusammengearbeitet habe, zitiert Jaques Barzun, der seinerseits zu den Zielen von Ausbildung William James zitierte: „A college education is to help you to know a good man when you see him.“ Und Schuyt fügt hinzu, daß moralisches Urteilen in Kombination mit kritischer Selbstreflexion das wichtigste Ziel der Erziehung ist. Der Satz von William James kann meiner Ansicht nach auch sehr gut umgedreht werden, und besagt dann, daß es das Ziel der Erziehung wäre, einen schlechten Menschen zu erkennen, wenn man ihn sieht. Ich meine, daß ich dieses in die Praxis gebracht habe, und daß ich damit nicht nur bewiesen habe, daß ich selbst viel gelernt habe, sondern auch, daß die Ausbildung, die ich in Leiden (aber nicht nur da) erhalten habe, von hoher Qualität war.

 

Aus meiner ablehnenden Wahrnehmung heraus ergab sich die grundlegende Frage meiner Untersuchung: Warum finde ich das Stück Passage so schlimm? Die Struktur dieser Frage an sich ist kompliziert, weil sie direkt mit der wissenschaftstheoretischen Frage nach Objektivität und Subjektivität zusammenhängt. Zwischen objektiver und subjektiver Erkenntnis ist für mich keine absolute Grenzlinie zu ziehen. Die Frage nach dem Objekt Passage war also auch zugleich eine Frage nach dem erkennenden Subjekt, also nach mir selbst. Pierre Bourdieu zitiert Pascal (der auch von Hein in Passage –in einem abwertenden Kontext - genannt wird)[9] zum untrennbaren Zusammenhang von Objektivität und Subjektivität:

„Durch den Raum erfaßt und verschlingt das Universum mich wie einen Punkt: Durch das Denken erfasse ich es.“[10]

 

Vincent Icke meint, daß der Wissenschaftler manchmal durch zu viel Wissen gehindert werden kann.[11] Ich bin froh, daß ich beinahe nichts über Christoph Hein wußte, als ich das Stück Passage zum ersten Mal las. Hätte ich geahnt, wie anerkannt und einflußreich Hein ist, hätte ich meine Wahrnehmungen wahrscheinlich sehr schnell zensuriert. Weil ich aber nicht mit positiven Vorurteilen zu Hein vorbelastet war, traf mich der Text von Passage als das, was er fünf Jahre und hunderte Seiten produzierter Forschungsarbeit später für mich immer noch und jetzt erst recht ist: brutale, banale, zynische und billige Anti-Kunst (eine Anti-Kunst, die übrigens nichts mit Dada gemeinsam hat, sondern als auch maximal Anti-Dada bezeichnet werden kann). Trotzdem ist mir jedes Verabsolutieren von Gefühlen fern, umgekehrt, Instinktverherrlichung und Kritiklosigkeit werden gerade auf eine gefährliche Weise von Christoph Hein in Passage propagiert. Moderne Literatur fordert viel vom Leser, und auch die Texte von anderen Autoren als Hein haben bei mir eine Abwehr ausgelöst, die sich manchmal, aber nicht immer, über die Zeit hinweg erhalten hat.[12] Gefühle müssen von kritischem Denken begleitet werden. Pierre Bourdieu hat sich ausführlich mit der Problematik von Geschmacksurteilen beschäftigt. Er zeigt in Die feinen Unterschiede  (1979), wie der “gute Geschmack” dazu dient, die eigene gesellschaftliche Position und die eigene Verfeinerung, Gelehrtheit und Belesenheit zur Schau zu stellen und zu verteidigen. Ich stimme Bourdieu zu, und meine, daß mein negatives Geschmacksurteil gegenüber Hein nicht das Urteil einer kultivierten Person den Unkultivierten gegenüber war. Hein und seine Freunde sind gerade kultivierte Leute, die mir in Sachen Belesenheit, Bildung und sozialem Status viel voraus haben. Das Wertesystem, das Passage zugrunde liegt - und dies macht sicher einen Teil meiner Ablehnung aus - ist ein engstirnig-kleinbürgerliches. Aber mein Urteil zu Passage ist nicht das einer Großbürgerin den Kleinbürgern gegenüber. Hein und seine Freunde haben gesellschaftlich sehr angesehene Positionen; andererseits gehöre ich selbst von meiner Herkunft her teilweise dem Kleinbürgertum an. Bourdieus Kritik am “guten Geschmack” ist eine Kritik am verfeinerten Geschmacksurteil, das sich auf eine Antithese von Kultur und Natur gründet und volksnahen, körperlichen Genuß als minder abtut.[13] Mein Geschmacksurteil zu Passage war im Gegensatz dazu eine körperlich begründete Abscheu vor dem kunst-, körper- und lebensfeindlichen Idealismus, der sich in Passage manifestiert.[14]

 

Eine wichtige Argumentation zum Geschmacksurteil habe ich bei Diderot gefunden. Ernst Cassirer schreibt über Diderots Überlegungen zum Geschmacksurteil:

Für ihn [Diderot] ist der Geschmack zugleich subjektiv und objektiv subjektiv, weil er keine andere Basis als das indviduelle Gefühl besitzt, objektiv, weil eben dieses Gefühl nur as Ergebnis und der Nachklang hundertfacher individueller Erfahrungen ist. In seiner bloßen Tatsächlichkeit, in seiner reinen Gegenwart ist er freilich ein nicht weiter Definierbares, und ein nicht weiter Begründbares, ein ‚je ne sais quoi’; aber ein mittelbares Wissen von diesem ‚Unwißbaren’ läßt sich gewinnen, wenn wir diese Gegenwart auf ihre Vergangenheit zurückbeziehen. In jedem Geschmacksurteil faßt sich eine Unzahl früherer Erfahrungen zusammen.“[15]

 

Weil ich vom Geschmacksurteil ausgegangen bin, bin ich, im Laufe meiner Objektivierungsbemühungen, auf meine eigene Geschmacksbildungsgeschichte gestoßen und bespreche diese im Methodenteil der Einleitung mit

 

Ich habe, veranlaßt durch die Kritik an meiner ersten abgewiesenen Abschlußarbeit, nämlich daß die Arbeit nicht “objektiv“ sei (was ich übrigens gar nicht bestreite), mit der ursprünglichen Arbeit ein Experiment unternommen, und versucht, durch Streichungen und Anpassungen eine (schein)objektivierte Analyse von Passage zu erhalten. Das Resultat dieser Verstümmelung der Arbeit[16] ist teils schrecklich, teils lustig, also grotesk. Das Verzichten auf die Darstellung von Zusammenhängen und das Vermeiden des Ziehens von kritischen Schlußfolgerungen ergibt keineswegs eine “objektive” Arbeit. Es ist aber interessant, daß aber die wesentlichen Erkenntnisse auch dann immer noch bewahrt blieben, als sie von jeder kritischen Schlußfolgerung befreit wurden. So entkommt ein kritischer Leser meiner “objektivierten” Arbeit kaum dem Schluß, daß es sich bei Heins Stück um ein judenfeindliches Drama handelt. Einen prinzipiell unkritischen Leser dagegen wird auch die vorliegende tendenziöse Arbeit nicht überzeugen können.

“Wer komplexe Wirklichkeit leugnet, gibt sich gern objektiv und bezichtigt die Problembewußten der Wirklichkeitsflucht und Träumerei. Nicht einmal bei den scheinbar eindeutigsten und entschiedensten Figuren läßt sich ‘objektiv’ bestimmen, für welche Tendenz sie letztlich angeheuert sind [...] “[17]

 

Wissenschaft muß sich um Objektivierung bemühen, beginnt aber immer in der subjektiven Sphäre. Dies gilt sogar auch für die Naturwissenschaft:

“Het is amusant, dat ook nieuwe natuurkunde begint als een piepkleine waarheid in het hoofd van één mens. In dat stadium is de natuurkundige waarheid niet te onderscheiden van geloof of van kunst.” [Es ist amüsant, daß auch neue Naturwissenschaft beginnt als winzig kleine Wahrheit im Kopf von einem Menschen. In diesem Stadium ist die naturwissenschaftliche Wahrheit nicht zu unterscheiden von glaube oder Kunst] [18]

 

Eine absolute Objektivitätsforderung ist gleichbedeutend mit einer Forderung nach innerer Zensur: bestimmte Wahrnehmungen, die zunächst nicht anders als subjektiv sein können, dürfen nicht mehr gemacht werden. Nach der Meinung Peter Sloterdijks wird (vermeintliche) ‘Objektivität’ mit einer „methodischen Stillstellung oder Normierung dessen erkauft, was das Subjekt beim ‘Erkennen’ darf oder nicht darf.”[19] Diese Meinung vertrat auch der kürzlich verstorbene französische Soziologe Pierre Bourdieu. Er meinte, daß die Idee von der wissenschaftlichen Objektivität eine Form der Zensur sei.[20]

 

Vincent Icke verlangt zu Recht, daß neue Erkenntnisse im Großen und Ganzen mit früheren Erkenntnissen vereinbar sein müssen:

“Het is een romantische misvatting, dat de wetenschap voortschrijdt door ‘vernietigen van het oude’ “ [Es ist ein romantisches Mißverständnis, daß die Wissenschaft fortschreitet durch die ‚Vernichtung des Alten‘].[21]

 

Tatsächlich ist auch alles, was ich über Hein sage, relativ banal und nichts anderes als eine Anwendung der Standard-Dramenanalyse Manfred Pfisters; der Wissenschafts-, Kunst- und Gesellschaftsreflexion von Vincent Icke und Pierre Bourdieu; und der Kunstphilosophie Peter Sloterdijks. Immer wieder wurde mir von meiner Umgebung, die meine Hein-Antipathie mehr oder weniger als einen spleen einordnete, vorgehalten, daß Hein entweder ein völlig unbekannter oder unbedeutender Autor sei und die Beschäftigung mit ihm schon von daher unergiebig sei oder daß es ansonsten unmöglich sei, daß niemand außer mir das Problem Hein erkannt haben sollte. Letzteres konnte ich immer nur damit kontern, daß ich sicher nicht die erste bin, die das Problem sieht, aber daß man Hein als Ossi nicht öffentlich hat angreifen wollen. Inzwischen habe ich entdeckt, daß Günter Grass’ Roman Ein weites Feld (1995) eine ausführliche Auseinandersetzung mit Heins Antisemitismus, dessen geistesgeschichtlichen Wurzeln und auch Heins gesellschaftlicher und literaturwissenschaftlicher Stellung darstellt. Grass’ Darstellung ist komplex verschlüsselt - auch er landete keinen undifferenzierten Frontalangriff auf einen Ossi - und ich konnte sie nur deswegen verstehen, weil sie direkt an meine eigene Analyse anschließt. Icke fordert mit Recht, daß neue wissenschaftliche Erkenntnisse sich dadurch beweisen müssen, daß sie Vorhersagen machen können, die sich bewahrheiten. In der Literaturwissenschaft ist dies nicht ganz so leicht möglich wie in der Naturwissenschaft. Doch meine ich, daß ich im Fall Hein eine Reihe von Vorhersagen gemacht habe, die sich bewahrheitet haben. Meine Abwehr gegen Hein, die anfänglich nur auf dem Lesen von drei Seiten von Passage gegründet war, hat nach fünf Jahren Analyse und kritischer Prüfung nichts als Bestätigung erhalten. Diese Bestätigung ist mehr als eine simple Selbstrechtfertigung. Ich kann meine Auseinandersetzung mit kritischen Einwänden aller Art im Detail nachweisen. Meine Hein-Bewertung erhält zudem auch noch Bestätigung von einem so schwergewichtigen Kenner der deutschen Kultur wie Günter Grass.

 

 

Meine Arbeit durchbricht viele Tabus.

Ich habe ein Tabu durchbrochen, indem ich als eine in der Demokratie aufgewachsene Beurteilerin einen DDR-Autor sehr negativ beurteile. Sicher kann es nicht Ziel der Literaturwissenschaft sein, Autoren zu verurteilen und abzulehnen. Normalerweise wird man in einer Arbeit einen Autor besprechen, den man schätzt. Die schlechte Angewohnheit vieler Literaturwissenschaftler, über Künstler herablassend zu schreiben, kann als Schuß nach hinten losgehen, wenn sich erweist, daß der Literaturwissenschaftler die Komplexität hinter scheinbar einfachen literarischen Konstruktionen nicht durchschaut hat. Im Fall Hein muß zugestanden werden, daß sich unter der banalen Textstruktur eine unerwartete philosophische und intertextuelle Komplexität verbirgt. Ich habe im Laufe der Beschäftigung mit Passage überrascht feststellen müssen, daß Hein literarisch und philosophisch extrem belesen ist. Meine Kritik an Hein ist deswegen eine Kritik an den philosophischen und politischen Voraussetzungen seiner literarischen Texte, die, wie gezeigt werden soll, weitreichende Konsequenzen für die poetische Qualität haben.

 

Eine im konkreten Fall Hein große Schwierigkeit ist die Tatsache, daß Hein als Ostdeutscher, der selbst in einem autoritären System aufwuchs, eine gewisse Immunität genießt - insbesondere allen Wessis gegenüber. Es ist unerträglich, daß viele Schriftsteller aus dem Osten nach der Wende an den Pranger gestellt wurden. Deswegen hat Günter Grass seine beißende Hein-Kritik in seiner ausführlichen Auseinandersetzung mit Hein und seinem Antisemitismus in Ein weites Feld auch verschlüsselt und hat seinen Kollegen nicht[22] namentlich angefallen. Auch Sjaak Onderdelindens Artikel zu Heins Stück Die Ritter der Tafelrunde (Onderdelinden war der Regisseur von Passage in Leiden, und gleichzeitig auch derjenige, der mich aufgefordert hat, meine Analyse über den Antisemitismus in Passage auf Papier zu setzen) enthält sich der direkten Wertungen und stellt Heins Stück und seine öffentlichen Äußerungen in einen objektivierten Zusammenhang. Was in der vorliegenden Arbeit als Heins Systemangepaßtheit beschreiben wird, formuliert Onderdelinden nur indirekt, indem er zunächst auf Heins eigenen Anspruch, ein Systemkritiker zu sein, hinweist, und gleichzeitig die Interpretation der Tafelrunde doch deutlich zeigt, wie sehr Hein sich auf die Seite des alten Politbüros stellt: Onderdelinden gibt an, daß Hein mit seiner kompromißlosen Wahrheitssuche auch zum “Nestbeschmutzen” bereit wäre;[23] gleichzeitig zeigt er aber auch - ohne daß diese zwei widersprüchlichen Tatsachen in seinem Artikel ausdrücklich aufeinander bezogen würden - , daß die Haltung, die Hein mit der Tafelrunde im Verhältnis zum Politbüro einnimmt, doch vor allem die eines sich Kontinuität wünschenden, sich vor dem Vater verneigenden Sohnes sei.[24] Ohne zu moralisieren oder zu ausdrücklich zu provozieren, mißt Onderdelinden Hein so an seinen eigenen Maßstäben.

 

In einer Situation, in der man als Literaturwissenschaftler keinen akuten und persönlichen Anlaß hat, sich gegen einen wie auch immer angepaßten Autor auszusprechen, können Ironie und understatement angemessene Mittel der distanzierten wissenschaftlichen Auseinandersetzung sein.

Während es einerseits von niemandem gefordert werden kann, alles, was gesagt werden könnte, auch immer zu sagen (Onderdelinden läßt z.B. die Morddrohung der Vätergeneration an den Sohn außer Acht),[25] kann doch nicht umgekehrt gefordert werden, daß Literaturwissenschaftler sich nicht kritisch mit der Rezeption eines Autors und dessen antidemokratischem Werk auseinandersetzen dürfen, wenn sie ganz konkret mit dieser Problematik in ihrer nächsten Umgebung konfrontiert werden.

 

Ich selbst sehe mich Hein gegenüber nicht nur als ein beurteilender Wessi gegenüber dem Ossi - ein Aspekt, den ich natürlich nicht beseitigen kann, aber durch den ich mich in diesem konkreten Falle nicht hindern lassen will. Hein und ich teilen auch einen gewissen biographischen Hintergrund: wir stammen beide aus dem evangelischen Pfarrhaus, dessen deutschnational-judenfeindliche Tradition ich außerdem auch aus der eigenen Familiengeschichte kenne. [26] 

 

Ein zweites Tabu durchbreche ich, indem ich die präfaschistische Tendenz in den Schriften des Juden Max Nordau aufweise. Es gibt wenig kritische Sekundärliteratur zu Nordau. Auch ich hätte mich nicht mit Max Nordau auseinandergesetzt; ich wäre mit Sicherheit Nordau aus dem Weg gegangen oder hätte wenigstens versucht, so wie sein Biograph Christoph Schulte, ihn rücksichtsvoll-objektivierend zu besprechen, wenn ich mich nicht schon restlos und ohne Rückzugsmöglichkeit einem Kampf gegen “Hein und seine Freunde” verpflichtet hatte, als ich Heins Nordau-Jüngerschaft entdeckte. Ich hatte mich schon selbst in eine Ecke manövriert und konnte es nicht mehr vermeiden, der Tatsache ins Auge zu sehen, daß Nordaus Werk keinen anderen Schluß zuläßt, als daß ein Jude wesentliche Gedankengänge Hitlers vorweggenommen hat. Ich kann keinen anderen als eben diesen Schluß ziehen, auch wenn ich mit Entsetzen entdeckt habe, daß die Nordau-Rezeption genau parallel läuft zu der Hein-Rezeption. Man stimmt Nordau weitgehend zu, ebenso wie man Christoph Hein schätzt. Das Triumphgefühl, das ich neben allen Ekelgefühlen beim Lesen von Nordau hatte - daß ich nämlich nun Hein als Entartungsdenker endgültig überführen konnte - wird inzwischen wieder durch Resignation ersetzt. Christoph Hein stellt dem Juden Frankfurther, der sich eng an Walter Benjamin anlehnt, als Musterbeispiel eine an Max Nordau angelehnte Figur gegenüber, den Juden Hirschburg. Hein hat damit demjenigen, der ihm seine Judenfeindlichkeit nachweisen will, eine raffinierte Falle gestellt. Denn der Nachweis der geistesgeschichtlichen Wurzeln von Heins Antidemokratismus erzwingt, daß man sich gleichzeitig mit der faschistoiden Tendenz bei jüdischen Denkern auseinandersetzt- und eben diese Tendenz ist das das wichtige Thema in Arnon Grunbergs De joodse messias (2004), einem Roman, den ich auch bespreche.

In seiner Novelle Krebsgang setzt sich Günter Grass ebenso wie in seinem Roman Ein weites Feld mit Hein und mit Nordau auseinander. Er zeigt im Krebsgang auf, wie unmenschlich und selbstzerstörerisch ein forcierter Philosemitismus wird und wie nahe sich der Zionismus (Nordau war Zionist) und der Faschismus sind.[27] Der Fall Max Nordau zeigt, daß eine Pro-Israel-Haltung sehr gut mit Antisemitismus einher gehen kann,[28] so sehr dieser Gedanke auch dem Alltagsdenken widerstrebt.

 

Christoph Hein hat “seinen” Juden, auf den er sich stützen kann: Max Nordau. Aber auch ich kenne einen Juden, der in der deutschen Geschichte eine wesentliche Rolle gespielt hat, einen wie Nordau literarisch sehr belesenen Juden, dessen Lebenslauf in vielfältigen Beziehungen zu der vorliegenden Arbeit steht. Der humanistische Sozialist Heinz Brandt hat nicht nur neun Jahre Nazi-Zuchthaus und später Auschwitz und Buchenwald überlebt (war an der Befreiung von Buchenwald beteiligt) ; er war auch ein intimer Kenner des ostdeutschen Staates und ost-westdeutscher Korruption. Heinz Brandt, Exkommunist und “Renegat“,[29] wurde, nachdem er aus dem Osten in den Westen geflohen war, vom KGB (wie sich später herausstellte: unter Mithilfe von IG-Metall-Vorstandsmitgliedern) aus West-Berlin entführt und verbrachte drei Jahre in Einzelhaft in Ostberlin. Nach seiner durch Amnesty International und Bertrand Russell betriebenen Freilassung hat er als deutschlandpolitischer Berater der SPD an der Ostpolitik der Koalition mitgearbeitet. Heinz Brandt hat außerdem auf mein Leben einen großen Einfluß gehabt. Obwohl ich ihn selbst nicht oft getroffen habe, war ich über ihn und sein Leben; seine Konflikte mit der IG-Metall, den Grünen, der Kernkraft-Lobby, seine Meinungen und Vorlieben auf dem Laufenden (er war z.B. ein großer Günter-Grass-Fan; sein Lieblingsbuch war der Butt. Er kannte Grass persönlich von gemeinsamen Gewerkschaftsseminaren). Schon sein Andenken allein wäre Grund genug, um die Welt- und Literatursicht Heins und der Hein-Anhänger zu bekämpfen. Brandts Autobiographie Ein Traum, der nicht entführbar ist. Mein Weg zwischen Ost und West (1967)[30] gibt den Standpunkt eines mutigen Mannes, der wie Hirschburg die Verfolgung überlebt und seinen Glauben behält. Doch kann Heinz Brandts Leben und sein hoffnungsvolles Denken auf keinen Fall als Kontrastprogramm zu sich aufgebenden Selbstmördern begriffen werden. Es kann allerdings als Kontrastprogramm zu einem an das unmenschliche DDR-System angepaßten Denken gelten ebenso wie auch als Kontrastprogramm zu einer an die moderne Marktwirtschaft optimal angepaßten „Wissenschaft“.

 

Treibe ich selbst also auch das Spiel “guter Jude gegen schlechter Jude”, das Hein spielt? Ist also Heinz Brandt der gute Jude gegen den schlechten Juden Nordau? Umgekehrt. Für mich war die jüdische Kultur, bevor ich Nordau kennenlernte, eine Kultur der Gelehrten und der kritischen Denker. Dieses positive Vorurteil hat einen Kratzer bekommen.

Bei aller harten Nordau-Kritik kann ich mich jedoch nicht mit einem streng anti-zionistischen Standpunkt identifizieren. Es ist wahr, daß einige Zionisten Rassisten waren und sind und daß sie einiges mit den Nazis gemeinsam hatten (und einige wohl auch haben). Es ist auch nachgewiesen worden, daß einige Zionisten konkret mit den Nazis kooperiert haben. Ich lehne aber jeden Versuch ab, den Opfern die Schuld der Verfolgung in die Schuhe zu schieben ab wie auch eine Kritik an dem Staat Israel an sich.[31] Ich bekämpfe Faschismus und Rassismus, auch bei Juden. Es kann aber in Europa keine Kritik an einem Juden geben, die nicht die jahrhundertelange Judenverfolgung im Auge behält. Nordau-Kritik heißt nicht, den Juden die Verfolgung in die Schuhe zu schieben. Gerade der Nordau-Fan Hein bringt es fertig, seine Nordau-Verehrung mit einer Anklage an die Opfer der Verfolgung zu verbinden. Außerdem ist nicht alle Hein-Kritik auch Nordau-Kritik. Christoph Hein schließt direkt an Max Nordaus Entartungsdenken an, geht aber auch noch weit über Nordau hinaus. Nordau hat sich in seiner Entartungsargumentation fast ausschließlich an die Texte der „Entarteten“ gehalten, und hat, im Gegensatz zu Hein, ihre Biographie kaum in die Diskussion mit einbezogen. Er nimmt außerdem eindeutig und polemisch Stellung, während Hein sich hinter einer harmlosen Oberfläche versteckt. Hein geht auch noch weit über Nordau hinaus, indem er trotz des historischen Wissens, was aus Nordaus Entartungs-Theorien geworden ist, Nordaus Entartungs-Denken auf ein Opfer der Nazi-Verfolgung und des Nazi-Entartungs-Denken anwendet.

 

In Heinz Brandts Autobiographie wie auch in der seines Freundes, des Dissidenten, Wissenschaftstheoretikers und geistigen Wegbereiters des Herbstes ‘89 Robert Havemann ,[32] fand ich erst nach über einem Jahr meiner “Überreaktion” gegen Passage weitere objektive (in meiner eigenen Biographie begründete) Motive für meinen subjektiven Haß auf Christoph Hein. Ich glaube, aufzeigen zu können, daß Christoph Hein mit seiner ausführlichen Abwertung von “chinesischer Philosophie” auch auf Robert Havemann zielt. Heinz Brandt hat mich auch auf andere Spuren im Fall Hein gebracht. Brandts Sprachkritik hat dazu geführt, daß ich mich mit Karl Kraus beschäftigte, der in Brandts Autobiographie erwähnt wird. Über Brandts Stichwort “Entartung” und über Kraus kam ich dann zu Nordau. Und wie ich schließlich feststellte, ist der Roman Ein weites Feld des von Brandt so geschätzten Autors Günter Grass nicht nur eine Auseinandersetzung mit Fontane und mit der neoliberalen Literaturwissenschaft, sondern auch und vor allem eine Auseinandersetzung mit Hein und seinem Antisemitismus. “Ein weites Feld” ist nicht nur ein Fontane-Zitat, sondern auch ein Hein-Zitat, und zwar aus Heins Rede Ein bißchen laut (1990),[33] in der Hein abfällig über den Selbstmord der Juden Kurt Tucholsky und Walter Benjamin spricht.

 

Erst im August 2004 erfuhr ich, daß Heinz Brandt 1984 die Ehrendoktorwürde der Universität Osnabrück erhalten hat. In der Rede von Professor Heinrich Mohr für Heinz Brandt sagt dieser zu Brandts Buch Ein Traum..., das in der Affäre Hein in Leiden eine so große Rolle spielte:

„Wo Anpassung dominiert, verschwimmt und verkümmert kollektive wie individuelle Identität.[...] Da ich an die Wirkung von Literatur glaube, glauben will, sage ich, daß Brandts Buch gegen solche Übel helfen kann.“[34]

 

Heinz Brandt beendet seine Danksagung mit seinem von Marx inspiriertem Lebensmotto:

„Wahrnehmen, was ist- und nicht verzweifeln! Aussprechen, was ist! Wißbegierig die Welt interpretieren, im Bemühen, sie so zu verändern, daß sie erhalten bleibt.“

 

Alle Beteiligten am Projekt in Leiden haben genau in diesem Sinne gehandelt. Heinz Brandt zählt in seiner Danksagungsrede einige „Traum-Dissertationen“ auf, die er gerne geschrieben hätte. Eine davon würde sich damit beschäftigen, was Jesus meinte mit „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und gebt Gott, was Gottes ist.“ Brandt interpretiert dies anders als Luther, und zwar als Aufforderung zum Widerstand - aber ausschließlich nur da, wo die heilligsten Werte berührt sind. Ich stimme dem zu. Ich habe nicht die geringste Lust zum Kampf, es sei denn, wenn es um absolute Dinge geht und wenn außerdem die Gunst der Stunde eine Chance bietet.

1.4. Zur Methode

Aus mindestens drei Gründen erschien meine ursprüngliche Arbeit einigen Leuten auf den ersten Blick als unwissenschaftlich:

Erstens, weil ich nicht versucht habe, mir den Anschein der stoischen Abständlichkeit zu geben, die man vom Wissenschaftler fordert,[35] zweitens, weil ich (universitäts)-politisch Stellung bezogen habe,[36] und vor allem, weil ich nicht, so wie Descartes es als Vorschrift Nr. 1 seiner Methode empfiehlt, mit Vorsicht begonnen bin und langsam meine unumstößliche, zweifelsbefreite Sicherheit aufgebaut habe, sondern meine subjektive, aber nicht völlig zweifelsbefreite Sicherheit mein Ausgangspunkt war und auch eigentlich mein Endresultat ist. Doch ich meine, daß ich wissenschaftlich arbeite, und zwar nicht in Widerspruch zu Descartes. Denn Descartes hat seine Methode ausdrücklich als die nur für ihn richtige gekennzeichnet, er versteht seine Vorschriften nicht als normative, er berichtet ganz einfach über seine Methode.[37] Auch ich erhebe nicht den Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Ich berichte von meiner Methode, die immerhin mit Descartes‘ Methode die Analyse, die Systematik und die Vollständigkeit gemeinsam hat (siehe Vorschriften 2-4 bei Descartes)[38] Ich meine, wie Descartes,[39] daß meine Methode Früchte getragen hat und ich bin, wie er, außerordentlich zufrieden über den Fortschritt, den ich bei der Erforschung der Wahrheit gemacht zu haben meine.

 

Der wissenschaftliche Kern meiner Arbeit besteht aus der Anwendung einer weithin anerkannten literaturwissenschaftlichen Methode, nämlich Manfred Pfisters Dramenanalyse, die ich ohne Abstriche verwendet habe, um ein genau abgegrenztes Objekt, nämlich Christoph Heins Stück Passage, unter Einbeziehung aller wesentlichen Details zu analysieren. Eine Kritik an meiner Wissenschaftlichkeit kann deswegen nur entweder eine Kritik an Pfisters Methode sein oder eine Kritik daran, daß ich seine Methode nicht sauber auf Passage angewendet habe. Manfred Pfister hat mich aber inzwischen[40] wissen lassen, daß ich seine Methode in seinem Sinne angewendet habe. Auch Wolfgang Karrer und Michael Rohrwasser, zwei Literaturwissenschaftler, von deren Texte ich ausführlich Gebrauch gemacht habe, und der Antisemitismus-Forscher Helmut Berding haben mir zustimmende Briefe geschrieben.

 

Um den streng methodischen Kern meiner Arbeit herum formt sich auch eine assoziative Schicht. Weil die assoziative Schicht aber erst als zweite Schicht hinzukommt, kann man mir nicht vorwerfen, daß ich auf eine willkürlich-subjektivistische Weise drauflos schreibe und beliebig wechselnde Standpunkt einnehme. Assoziativen Gedankenkonstruktionen können gefährlich werden, wenn Einzelfälle aufgeblasen und verallgemeinert werden.[41] Was mich, trotz meiner nahezu grotesken Verallgemeinerung von Passage auf die westliche Kulturgeschichte, von anderen und gefährlicheren Verallgemeinern unterscheidet, sind zwei Dinge: die saubere, nicht assoziative, sondern logische und vollständige Analyse von Heins Stück Passage ist der rote Faden, auf den hin alle anderen Diskussionen ihren Sinn und Wert erhalten; und auch da, wo ich mich von Assoziationen leiten lasse, argumentiere ich mindestens ebenso abgrenzend, differenzierend und negativ, wie selbstbestätigend-positiv.

 

In der Anfangsphase meiner Arbeit sah es danach aus, daß ich mit dem Thema Passage eine nicht aktuelle und recht uninteressante Fragestellung gewählt hatte. Ich war von Anfang an vom Gegenteil überzeugt. Mit der Entdeckung der Intertextualität zwischen Grass und Hein im Herbst 2000, und mit der Entdeckung der Intertextualität zwischen Hein und Nordau und dann auch Grass, Hein und Nordau im Sommer 2001 war ich mir sicher, das ich ein großes Thema gefunden hatte. Das wird dadurch für mich noch dadurch weiter bestätigt, daß regelmäßig literarische Texte erschienen, die sich mit Hein oder Nordau auseinandersetzen: im Jahr 2002 z.B. Günter Grass Im Krebsgang, Christa Wolf Leibhaftig und Martin Walser Tod eines Kritikers . Auch Arnon Grunbergs De joodse messias (2004) ist u.a. ein Buch der Nordau-Kritik. Heins im Jahre 2005 erschienene Roman In seiner frühen Kindheit ein Garten macht plötzlich auch einem weiteren Kreis von Lesern bewußt, daß Hein die Literatur und die Demokratie vor Probleme stellt, die es wert sind, besprochen zu werden.

 

Ich habe im Laufe der Arbeit auch gemerkt, daß Hein mir als ein Instrument dient, um Literatur, Philosophie und Geschichte zu studieren. Hein hat Philosophie und Literatur geplündert. Ihm in seinen Plünderungs- und Vergewaltigungstouren zu folgen, heißt, Literatur und Philosophie kennenzulernen. Peter Sloterdijk:

„Die Inkarnation denken bedeutet, die Vergewaltigung entdecken. Die Subversion der Inkarnation meint daher keinen Enthemmungsfaschismus, sondern im Gegenteil ein befreiendes Spiel mit der gewaltsamen Vergangenheit.“[42]

 

Denjenigen, die mir vorwerfen möchten, daß ich Hein nur für meine eigenen Zwecke instrumentalisiere, will ich also von vornherein Recht geben. Sjaak Onderdelinden meint, daß ohnehin jede aktive Rezeption auch Instrumentalisierung bedeute: ”Wirkung ist Instrumentalisierung.”[43] Vielleicht ist es tatsächlich unvermeidlich, daß man bei der Interpretation einen Autor für sich instrumentalisiert. Ich mache für mich selbst allerdings einen großen Unterschied zwischen der Art und Weise, wie ich Hein behandle, und wie ich mit anderer Literatur umgehe. Während sonst mein Vereinnahmen eines Autors immer auch heißt, daß ich mich selbst von dem Autor vereinnahmen lasse, also zumindest der Intention nach eine gleichberechtigte Beziehung zwischen Autor und Leser besteht, will ich mich von Hein nicht vereinnahmen lassen. Mein Verhältnis zu Hein ist hoffentlich: Instrumentalisierung ohne Wirkung. Vereinnahmen lasse ich mich von Heins und Nordaus direkten Feinden (von Karl Kraus bis Günter Grass), und von denjenigen Autoren, die Hein mißbrauchend instrumentalisiert oder offen verachtet: Heinrich von Kleist, Franz Kafka, Walter Benjamin und Peter Sloterdijk.

 

Während Christoph Hein stolz von sich sagt, daß er ein “Chronist” sei, der “sine ira et studio”[44] die Geschichte beschreibe, sage ich von mir selbst, daß ich “cum maxima ira” seine Fährte aufgenommen habe. Als würde er selbst schon ahnen, daß eines Tages jemand ihm auf die Spur kommen würde, spricht er sich schon 1983 gegen eine Literaturwissenschaft aus, die sich auf den “ästhetischen Geschmack [gründet], was sie nötigt, Witterung aufzunehmen und auf die eingeschlagene Fährte zu setzen, als sei sie die Spur des Zeitgeistes.” [45] Dann sei die Literaturwissenschaft keine Wissenschaft mehr, der “Kunstwissenschaftler werde dann “zum Geisterseher, zum Spökenkieker.” Ein Geisterseher in der Bürgerwelt - das war nach der Meinung von Ernst Fischer Walter Benjamin selbst.[46] Zum Geisterseher, wie Hein es nennt, bin ich tatsächlich geworden. Die Geister sprechen zu mir, und dennoch bin ich nicht verrückt. Das Sprechen der Geister hat bei mir auch nichts Übersinnliches. Die Toten sprechen zu mir, wenn ich ihre Texte lese; mich an ihre Worte erinnere oder von ihnen träume oder über sie schreibe (Bourdieu: „Die Kabylen sagen ‚Zitieren heißt auferwecken‘ “)[47]. Paranoiker fühlen sich bedroht von Geistern; Schamanen glauben, daß sie über die Geister befehlen können. Weder das eine noch das andere gilt für mich. Wohl habe ich das Gefühl, daß die Geister etwas von mir wollen: sie wollen, daß ich mich erinnere. Und sie wollen mir helfen. [48]

 

In Heins Worten bin ich also ein „Spökenkieker“ und Kunstwissenschaft betreibe ich nach Heins Maßstäben sicher ohnehin nicht, denn für Hein ist Wissenschaft alles dasjenige, was kein Rätsel mehr ist, also gelöst ist oder lösbar.[49] Für mich bleibt aber vieles ein Rätsel: immer neue Aspekte der Angelegenheit Hein (und Nordau) verblüffen und erstaunen mich und erscheinen mir unerklärlich. Für mich gilt:

“Das Nichtwissen darf am Wissen nicht verarmen. Für jede Antwort muß - in der Ferne und scheinbar gar nicht in Zusammenhang damit - eine Frage aufspringen, die früher geduckt schlief. Wer viel Antworten hat muß noch mehr Fragen haben.”[50]

 

 

Ich gebe zu, daß Passage bei mir nahezu direkt eine gefühlsmäßige Abwehr hervorgerufen hat. Bei einer Argumentation die sich auf ein Gefühlsurteil beruft, besteht die Gefahr, daß die Argumentation sich immerzu nur selbst beweisen will. Das ist jedoch in meinem Fall nicht so. Es liegt mir fern, “einen unwiderlegbaren Subjektivismus einklagen”[51] zu wollen. Zum einen habe ich versucht, die meisten meiner Thesen am Ende der Einleitung so zu formulieren, daß Widerspruch möglich ist und eine eventuelle Fehlerhaftigkeit nachweisbar ist. Nicht alle meiner Behauptungen sind reine Wertungen. Zum anderen habe ich im Laufe meiner Arbeit einige Hypothesen aufgeben müssen - wie jeder beim Vergleich meiner ersten Arbeit und der jetzt vorliegenden feststellen kann. Dazu gehört die These, daß Passage einen Ausnahmefall unter den Texten Heins darstelle. Darüber hinaus war ich mir zunächst unsicher, ob Hein sich selbst seines Benjamin-Hasses wohl bewußt war, während ich jetzt meine, nachweisen zu können, daß Hein genau wußte, was er tat. Auch nahm ich erst eine wesentliche Überschneidung zwischen Heins und Brechts Weltbild an, weil ich einige von Brechts Äußerungen nicht als Nordau-Karikaturen erkannte. Auch habe ich meine Versuche aufgeben müssen, rassistischen und nicht-rassistischen Antisemitismus grundsätzlich zu unterscheiden. Weiterhin konnte ich zu Beginn meiner Arbeit noch nicht sehen, daß Heins Texte eine philosophische Grundlage haben; ich nahm an, daß Hein sich gegen jede Philosophie wendet.

 

Im vorliegenden Essay geht es hauptsächlich um Passage, weil dieses Stück der Auslöser und aktuelle Anlaß für meine Beschäftigung mit Hein war. Weiterhin wird hier auch das Stück Ritter der Tafelrunde diskutiert, das in einem Seminar in Leiden besprochen wurde und das viele Parallelen zu Passage aufweist, vor allem Zitate aus Benjamins Passagen-Werk und Nordaus Entartung. Im Zeitraum, in dem ich meine Arbeit geschrieben habe, sind drei Romane von Hein erschienen: Willenbrock (2000),  Landnahme (2004) und In seiner frühen Kindheit ein Garten (2005). Auch diese Romane bespreche ich, wobei vor allem Willenbrock für mich wichtig ist, weil Hein mit diesem Roman in den Suhrkamp-Verlag aufgenommen wurde und der Suhrkamp-Verleger Christoph Buchwald diese Entscheidung bei einem Auftreten an der Univesität Leiden verteidigt hat (11.9.2000). Auch Heins Stück Randow (1994), ein Stück, das in einem Seminar an der Universität Leiden besprochen wurde, und das durch ein Günter Grass/ Blechtrommel-Zitat zum wichtigen Beitrag im interliterarischen Dialog Grass/ Hein wurde, wird in meiner Arbeit mit betrachtet.

 

Im Laufe der Zeit hat sich auch gezeigt, wie wichtig eine Analyse der Essays und Reden Heins ist, in denen er sich als Künstler und Demokrat zu präsentieren weiß und denen er wohl auch hauptsächlich seinen guten Ruf zu verdanken hat. Eine genaue Analyse dieser Texte im Kontext von Passage kann die raffinierten Strategien der Heinschen Manipulativität aufzeigen. Ein Großteil seiner Reden enthält Zitate oder Paraphrasen von Dichtern und Denkern. Vieles, was Hein in seinen Essays sagt, ist ohne Abstriche richtig - nur, daß es nicht das geringste mit seinen eigenen literarischen Produkten zu tun hat. Hein hat mit seinen Essays demonstriert, wie belesen er ist und wie gut er die Kunst- und Demokratie-Rhetorik, die von einem modernen Autor erwartet wird, beherrscht. Seine kunstliebenden und demokratischen Essays stehen aber auf schrill gespanntem Fuß mit anderen Essays, in denen er die gleiche Kunst- und Menschenfeindlichkeit und den Krankheitswahn und Sozialdarwinismus vertritt wie in den hier untersuchten literarischen Texten.

 

Die Rezeption von Passage in der Literaturkritik und in der Literaturwissenschaft ging in den ersten Versionen der Arbeit nur mit der Zusammenfassung Behns in die Besprechung ein, weil diese schon ausreichte, um einen Standpunkt aufzuzeigen, der auch von Prof. Anthonya Visser in Leiden beharrlich vertreten wurde und den die vorliegende Arbeit zurückweisen will. Später wurden auch die Beiträge der Christoph-Hein-Konferenz Christoph Hein - ein Chronist seiner Zeit, die im Juli 1999 abgehalten wurde, mit einbezogen. Eine wichtiges Dokument der Sekundärliteratur zu Hein war für mich Sjaak Onderdelindens Besprechung von Ritter der Tafelrunde, weil Onderdelinden der Regisseur von Passage in Leiden war und auch derjenige war, der mich nachdrücklich aufgefordert hat, meine Analyse von Passage aufzuschreiben.

 

Die Grundlage meiner Kritik an Passage besteht nicht aus Rezeptionsdokumenten. Die Grundlage der Kritik ist Manfred Pfisters Methode der Dramenanalyse und Helmut Berdings Darstellung der historischen Denkmuster des Antisemitismus. Auch wurden die Schriften Walter Benjamins herangezogen, auf dessen Lebensende und Werk Passage anspielt[52]. Benjamin war mir zur Zeit der Theaterproben nur dem Namen nach bekannt. Veranlaßt durch die Auseinandersetzungen um das Stück, begann ich mit zunehmender Faszination seine Schriften zu lesen. Je mehr ich von ihm las, desto wütender wurde ich über die Weise, wie er in Passage dargestellt wird.

 

In der Literatur selbst wird das literatur- oder kunstwissenschaftliche Arbeiten auch zum Thema. Zwei besonders geistreiche Beispiele hiervon finden sich in Romanen von zwei Autoren, die bei der Fachgruppe Deutsch in Leiden Lesungen hielten, nämlich in Christoph Peters Stadt Land Fluß (1999) und Hans-Ulrich Treichels Tristanakkord (2000). Der Literaturwissenschaftler Treichel hat außerdem in seinem Aufsatz Verteidigung des Sekundären eine Stellungnahme zum literaturwissenschaftlichen Arbeiten gegeben, der ich folgen möchte:

“Es scheint neben der berufsbedingten und anfangs oft genug bewerbungsstrategischen auch eine existentielle Notwendigkeit zu geben, einen literaturwissenschaftlichen Aufsatz oder Essay zu schreiben. Nun ist es gewissermaßen Konvention, daß sich ein literarischer Autor zu dieser Notwendigkeit, zum Schreiben als ‘Existential’ offen bekennt. Literaturwissenschaftliche Autoren scheuen sich jedoch, dieses zu tun, obwohl sie es meines Erachtens ruhig dürften. Und sie dürften auch, was bisher so gut wie nicht geschieht, die eigenen Schreibprozesse und das eigene Schreibverhalten einmal theoretisch und reflektierend in den Blick nehmen, also Aufklärung über die eigene Produktionsweise betreiben.”[53]

 

Eine solche Reflexivität des wissenschaftlichen Autors fordert auch Pierre Bourdieu:

“Indem das wissenschaftliche Subjekt sich die wissenschaftlichen Mittel verschafft, seinen naiven Standpunkt gegenüber dem Gegenstand zum Gegenstand zu machen, bricht es wahrhaft mit dem empirischen Subjekt und zugleich mit den anderen Akteuren, die, ob als Spezialisten oder Laien, einem Standpunkt verhaftet sind, den sie als solchen verkennen [...] Den Standpunkt der Reflexivität einnehmen heißt nicht, auf Objektivität verzichten [...]”[54]

 

Gerade die Reflexion des Wissenschaftlers auf den eigenen Ort in Raum, Zeit und in sozialem Feld macht nach Bourdieu das wissenschaftliche Subjekt dem empirischen Subjekt überlegen:

“Diese völlig ungewöhnliche Form des Reflektierens führt zum Verzicht auf die absolutistischen Prätentionen der klassischen Objektivität, verurteilt aber deswegen nicht zu Relativismus [...]”[55]

 

Die nicht -reflektierenden, vermeintlich “objektiven” Wissenschaftler heben sich selbst als “im Feld engagiertes Objekt” auf, um schließlich, umgeben vom “Glorienschein der Objektivität und Transzendenz ‘über dem Handgemenge’ wieder aufzutauchen”[56]. Dabei ist die nicht-reflexive Scheinobjektivität nicht nur ein Herrschaftsmittel. Sie bedingt auch ein “Auseinanderklaffen von Selbstverständnis und tatsächlicher Stellung innerhalb des sozialen Feldes”[57].

 

Einerseits stehe ich zu meiner von Anfang an ablehnenden Haltung gegenüber Hein, die von nahezu allen in meiner Umgebung als „unwissenschaftlich“ empfunden wird (die ich selbst aber als vorwissenschaftlich, und nicht unwissenschaftlich bezeichne). Andererseits habe ich aber auch nach dem gestrebt, was Pierre Bourdieu in Die Regeln der Kunst fordert:

„Es gilt, den Raum der aktuellen und potentiellen künstlerischen Positionierungen zu rekonstruieren, mit Bezug auf den [das] künstlerische Projekt [des Autors] entwickelt wurde [...] Den Standpunkt des Autors zu konstruieren bedeutet, wenn man so will, sich an seine Stelle setzen, allerdings auf eine Art und Weise, die jener gleichsam projektiven Identifikation, in der sich die ‚schöpferische‘ Kritik übt, in allem entgegengesetzt ist.

Paradoxerweise hat der Versuch, die subjektive Intention des Autors [...] nachzuvollziehen, nur dann Erfolg, wenn man die langwierige Arbeit der Objektivierung auf sich nimmt, deren es bedarf, um das Universum der Positionen zu rekonstruieren, innerhalb dessen er situiert war und in dem sich sein Vorhaben bestimmte.“[58]

 

Aus der Literatur selbst ist zu ersehen, wie Literaturwissenschaft auf eine scheinobjektive und sinn- und herzlose Weise betrieben werden kann. Doktorand Georg Zimmer aus dem Tristanakkord kommt mit seiner lexikalischen Methode auf keinen grünen Zweig. In Günter Grass’ Ein weites Feld (1995), ein Roman in dem sich Grass ausführlich mit Christoph Hein auseinandersetzt, bevorzugt Martina Grundmann Sekundärliteratur vor Primärliteratur:

“Der Urtext sei bloßer Vorwand für das, was Literatur eigentlich ausmache, nämlich den endlosen Diskurs über all das, was nicht geschrieben stehe und über den Urtext hinausführe, ihn nebensächlich, schließlich gegenstandslos werden lasse und so den Diskurs fördere, bis er den Rang des eigentlich Primären erreicht habe. “[59]

 

 

In der vorliegenden Arbeit wird dagegen lieber Fontane-Reinkarnation Fontys Stellungnahme aus Ein weites Feld gefolgt, der den “immerhin möglichen Gewinn beim Lesen von Originaltexten”[60] anpries. Gerade in der Frage Christoph Hein hat die interpretierende Sekundärliteratur bis in die Literaturlexika hinein ihre Schwäche bewiesen.[61]

 

In der Literaturwissenschaft wird bisweilen gefordert, daß eine Neuinterpretation eines Textes sich systematisch auf alle bisherigen Interpretationen beziehen muß und transparent machen muß, welche Argumente der alten Interpretationen zurückgewiesen werden.[62] Demgegenüber wird hier behauptet, daß, weil Prioritierungen gemacht werden müssen - schließlich soll hier nicht gearbeitet werden wie in Kafkas Schloß, wo Beamte wie Sordini auch dem kleinsten Fall die gleiche Aufmerksamkeit widmen wie dem größten - ,[63] es auch gerechtfertigt sein muß, sich auf zusammenfassende, aktuelle Interpretationen zu stützen, die einen repräsentativen Anspruch erheben und allgemeines Ansehen genießen. Dies ist sowohl der Fall für Literaturlexika wie auch für öffentliche Aussagen von Literaturwissenschaftlern. Deswegen ist es zu rechtfertigen, daß ich mich zunächst (in meiner abgelehnten Abschlußarbeit) nur auf die Besprechung von Behns Artikel und der Stellungnahme von Prof. Anthonya Visser in Leiden beschränkt habe.

 

Ich habe mich im Verlauf meiner Arbeit auch durch das Lesen der Beiträge der Christoph-Hein-Konferenz Christoph Hein - ein Chronist seiner Zeit, die im Juli 1999 stattfand, über die Hein-Rezeption informiert. Es ist mir aber zeitlich und räumlich unmöglich, auf alle Details der Beiträge einzugehen. Keiner der Beiträge ist mit einer genauen Kenntnis von Passage geschrieben (nur ein Beitrag bezieht sich überhaupt, - zögernd kritisch - auf Passage); auch sind weder Max Nordaus Entartung noch die Auseinandersetzung von Günter Grass mit Hein in Ein weites Feld bei der Interpretation mit einbezogen worden. Meine feste Überzeugung ist es aber, daß ohne diese Texte ein Verständnis von Christoph Hein sehr oberflächlich bleiben muß. Die Hein-Konferenz ist ein gutes Beispiel für einen unfruchtbaren wissenschaftlichen Konsens, nämlich “Nonsens” (Vincent Icke)[64]. Alle Beiträge könnten im Grunde vom gleichen Autor stammen, der von der festen Überzeugung ausgeht, daß Hein ein integerer Künstler ist. Diese Überzeugung wird niemals kritisch am Textmaterial überprüft. Die von Hein postulierte Übereinstimmung seiner Texte mit Walter Benjamin und anderen Autoren der Moderne wird nicht ernsthaft unter die Lupe genommen. Weder kritische Prüfung am Text noch kritische Auseinandersetzung der Teilnehmer miteinander oder mit anderen Hein-Rezipienten finden bei dieser Konferenz statt. Die Beiträge bestehen fast nur aus zustimmenden und illustrierenden Zitaten.

 

Christoph Hein selbst meint, daß die Kunst sich der Wissenschaft und jeder Systematik entziehe.[65] Demgegenüber soll hier gezeigt werden, daß die strukturalistische Literaturwissenschaft Methoden anbietet, mit denen auch neue und neuartige Kunst analysiert werden kann. Während die interpretierende Sekundärliteratur am Fall Hein ihre Schwäche bewiesen hat, ist es umgekehrt so, daß die strukturalistische Sekundärliteratur an diesem Fall ihre Stärke beweisen kann. Die strukturalistischen Modelle von Manfred Pfister und Wolfgang Karrer (beide leider keine Germanisten, sondern Anglisten) stellen die literaturwissenschaftliche Grundlage der vorliegenden Arbeit dar. So wie die Mathematik die Methode und das Handwerkszeug der Naturwissenschaft darstellt, ist die strukturalistische Methode das Handwerkszeug für eine kritische Literaturwissenschaft. Ich betrachte die strukturalistische Methode keineswegs als eine „objektive“ Methode, sondern als ein wissenschaftliches Instrument (die „objektivierte“ strukturalistische Version meiner Abschlußarbeit[66] wurde zwar einerseits zu Unrecht abgelehnt, weil sie wissenschaftlich war, die unberechtigte Ablehnung wurde aber andererseits mit einem richtigen Argument unterbaut, nämlich daß diese Arbeit ebenfalls, trotz der Beseitigung aller offenen Wertungen, immer noch nicht objektiv sei). Ich betrachte die strukturalistische Methode auch nicht als eine gefühlsneutrale Sache, sondern als eine exzellente und unentbehrliche Waffe in meinem Kampf. Bourdieu meint sehr richtig, daß nur derjenige im wissenschaftlich-gesellschaftlichen Kampf gewinnen soll, der „die besten unter den von früheren Etappen des Kampfes geschmiedeten Waffen einsetzt“.[67]

 

Ich stimme auch Bourdieu auch zu, wenn er mit seinem “Feld”-Begriff über den Gegensatz von werkinterner und werkexterner Analyse hinaus gelangen will[68] und meint, daß die strukturalistische Methode um ihr konstruktivistisches Kompliment ergänzt werden müsse. Unter konstruktivistischem Ansatz versteht Bourdieu dabei “eine Form der Phänomenologie der Primärerfahrung von sozialer Welt und deren Beitrag zur Konstruktion dieser Welt”. [69] Die strukturalistische Analyse als eine Analyse der inneren Strukturen von Werken gehört unauflösbar zusammen mit einer Analyse der externen Strukturen, also der literarischen und gesellschaftlichen Kontexte, in denen die Texte entstanden, wie auch mit einer Analyse der Intertextualität, also des literarischen Dialogs zwischen Autoren.

 

Der Analyse des Stückes Passage wird hier in Anlehnung an Manfred Pfister ein allgemeines Kommunikationsmodell zugrunde gelegt, das den Hauptunterschied zwischen narrativen und dramatischen Texten zum Ausgangspunkt nimmt:

“ (...) der sprachlogische Ort des Dramas im System der Dichtung ergibt sich allein aus dem Fehlen der Erzählfunktion, der strukturellen Tatsache, daß die Gestalten dialogisch gebildet sind.”[70]

 

Das heißt, daß es in dramatischen Texten im Unterschied zu narrativen keinen Erzähler oder allgemeiner ausgedrückt kein “vermittelndes Kommunikationssystem” gibt. Nur die “inneren” und “äußeren” Kommunikationsebenen sind narrativen und dramatischen Texten gemeinsam, wobei das innere Kommunikationssystem die dialogisch miteinander kommunizierenden Figuren, das äußere Kommunikationssystem den Autor und die (empirischen) Leser umfaßt. Das Fehlen eines vermittelnden Kommunikationssystems wird im Drama auf verschiedene Weisen kompensiert: einerseits verfügen dramatische Texte über außersprachliche Mittel der Darstellung. Andererseits kann ein Teil der Kommunikation des äußeren Kommunikationssystems auf das innere Kommunikationssystem verlagert werden, zum Beispiel durch Sprecherfiguren. [71]

 

Bei der Dramenanalyse ist es unerläßlich, zwischen dem Informationswert im inneren Kommunikationssystem und dem im äußeren Kommunikationssystem zu unterscheiden. Wenn, wie in Passage, episierende Tendenzen fehlen, gilt,

“daß jede sprachliche Äußerung streng der Perspektive der jeweils sprechenden Figur untergeordnet ist, die nur artikulieren kann, was ihrer Disposition und ihrer Situation glaubhaft entspricht. [...]. Die einzelnen Figurenperspektiven müssen als autonom in bezug auf die Perspektive des Autors betrachtet werden [...].”[72]

 

Sprachliche Äußerungen und Figurenperspektive sind also in erster Instanz autonom in bezug auf den Autor, kommunizieren nicht direkt mit dem Leser/Zuschauer im äußeren Kommunikationssystem. Allerdings ist es auch wieder nicht so, daß Figurenaussagen prinzipiell niemals mit der Gesamtaussage des Stücks zusammentreffen können. Welcher Stellenwert einer Äußerung oder Handlung zukommt und was ihr Aussagewert im äußeren Kommunikationssystem ist, kann nur unter Einbeziehung des Gesamtkontextes des Stücks und manchmal auch des historischen und intertextuellen Kontexts festgestellt werden. Dabei läßt sich eine absolute Aussage über Texte nicht gewinnen, weil die möglichen einzubeziehenden Kontexte unendlich in Anzahl sind. Die Qualität der Interpretation einzelner Figuren und deren Aussagen nimmt aber in dem Maße zu, als die Kontexte im Stück selbst so vollständig wie möglich einbezogen werden, und auch die geschichtlichen und intertextuellen Kontexte, die im Text selbst markiert werden, bei der Interpretation verwendet werden. Die Interpretation muß allerdings manchmal auch über das Gesagte, Dargestellte und Markierte hinausgehen und feststellen, was der Stellenwert der Auslassungen ist. Nur so kann die Selektivität des “fiktionalen Weltmodells”[73], das mit dem Drama angeboten wird, betrachtet werden.

 

In der Öffentlichkeit hat sich die Meinung sehr stark durchgesetzt, daß Literatur sich im wertfreien Raum befinde und es nicht möglich sei, die Weltanschauung des literarischen Textes zu ermitteln. Dies ist nicht richtig. Ein literarischer Text verschlüsselt seine Einstellung zur Welt in komplexer Weise; deswegen können literarische Texte nicht (immer) mit naivem Alltagsdenken entschlüsselt werden. Analyse und Vergleich literarischer Formen und Inhalte macht jedoch die Ermittlung des Weltbild des Autors möglich; auch wenn dies eine Arbeit ist, die zum Teil subjektiv bleibt und sich immer der Diskussion mit anderen stellen muß.

 

Wenn Pfister von einem „fiktionalen Weltmodell“ spricht, gibt er damit implizit an, daß eine Entscheidung für ein kommunikationstheoretisches, strukturalistisches Interpretieren, trotz des analytischen Charakters der strukturalistischen Methode, letztendlich ein ganzheitliches, wenn auch streng textgebundenes Interpretieren bedeutet. Diese Methode schließt eng an die Sichtweise Václav Havels an, der auf die transzendente Dimension des Dramas hinweist, „die aus dem konkreten Stück über konkrete Menschen eine Aussage über die Welt als Ganzes macht“. Weiter meint er:

„Das Theater ist raumzeitliches Zeichen. Auf dem begrenzten Raum der Bühne, in einem begrenzten Zeitrahmen, mit einem begrenzten Ensemble von Personen und Requisiten sagt es etwas über die Welt als ganze aus, über die Geschichte, über das menschliche Sein. Wie die uralten Rituale, deren Abkömmling es ist, trachtet es danach, durch den Einblick in die Welt und ihre Ordnung diese Welt zu beeinflussen. Das Theater trägt kurz gesagt immer den Charakter des Zeichens und allerdings auch der Verkürzung. Den unermeßlichen Reichtum und die unerforschliche Gliederung des Seins konzentriert es in knappen Chiffren, die die Phänomene zwar simplifizieren, zugleich aber der Versuch sind, dem Stoff, aus dem das Universum besteht, das wirklich Essentielle zu entnehmen und an das Publikum weiterzugeben.“[74]

 

 

Von zentraler Bedeutung für die Interpretation von Passage ist die Tatsache, daß der Autor die Rezeption nicht nur dann beeinflußt, wenn er episierende Techniken einsetzt. Zum Beispiel stellen die Auswahl, Kombination und Wiederholung von Informationen und das Gesamtverhalten der Figuren Bewertungssignale dar, die den Kontext zur Auswertung einzelner Aussagen und Verhaltensweisen von Figuren geben. Pfister nennt verschiedene “implizit-auktoriale Charakterisierungstechniken”, zu denen er z.B. die Namengebung der Figuren zählt. Als wichtigste Form nennt er die “Pointierung von Korrespondenz- und Kontrastrelationen zu anderen Figuren”. Figuren werden immer durch “die Summe der Korrespondenz- und Kontrastrelationen zu den anderen Figuren des Textes” charakterisiert.[75] Die Pointierung dieser Charakterisierung (die bei Pfister anhand des Schachspiels erläutert wird, auf das in Passage auch schon in der Eröffnungsszene angespielt wird) wird dadurch erreicht, daß die Figuren verschiedenen Charakters mit derselben Situation konfrontiert werden:

“Eine Möglichkeit ist dabei, Korrespondenzrelationen im Haupttext selbst zu thematisieren und damit den Rezipienten zu einem kontrastierenden Vergleich anzuregen, […] wodurch gerade die Unterschiede im gesellschaftlichen Hintergrund, in den Bildungsvoraussetzungen und im Bewußtsein der beiden Figuren implizit verdeutlicht werden. Eine andere Möglichkeit ist, verschiedene Figuren entweder gleichzeitig oder nacheinander mit einer ähnlichen Situation zu konfrontieren, um sie durch ihre unterschiedlichen Reaktionen darauf voneinander abzuheben und zu individualisieren.”[76]

 

Passage konfrontiert die Figuren mit der Situation der Flucht und Verfolgung. Die Figuren werden durch ihr Umgehen mit dieser Situation charakterisiert und von einander abgehoben.

 

Walter Benjamin, auf dessen Werk und Lebensende Passage sich bezieht, hat in seinen Schriften das Zusammenspiel von Autor und Gesellschaft analysiert und den Zusammenhang zwischen Form und Inhalt eines Textes deutlich gemacht. Benjamin behauptet in seiner Ansprache zu dem Thema Der Autor als Produzent (1934), daß zwischen der politischen Tendenz und der Qualität der Dichtung ein Zusammenhang besteht, und zwar daß

“die Tendenz der Dichtung politisch nur stimmen kann, wenn sie auch literarisch stimmt. Das heißt, daß die politisch richtige Tendenz einer Dichtung die literarische einschließt. Und, um das gleich hinzuzufügen: diese literarische Tendenz, die implicit oder explicit in jeder richtigen politischen Tendenz enthalten ist - die und nichts anderes macht die Qualität des Werks. Darum also schließt die richtige politische Tendenz eines Werkes seine literarische Qualität ein, weil sie seine literarische Tendenz einschließt.”[77]

 

Benjamin führt aus, daß normalerweise die Einschätzung eines Textes in seiner Stellung zu der Gesellschaft als revolutionär oder reaktionär eine Frage danach ist, wie der Text zu den Produktionsverhältnissen steht. Im Gegensatz dazu fragt er selbst, wie der Text in den Produktionsverhältnissen steht. Dies ist seiner Meinung nach an der schriftstellerischen Technik selbst abzulesen.[78]

 

In der vorliegenden Arbeit wird in bezug auf Walter Benjamin ein parteiischer Standpunkt eingenommen, und zwar einer, der zu dem Bild Benjamins, das Christoph Hein in Passage gibt, spiegelverkehrt ist. Während Benjamin in Passage als ein lebensuntüchtiger Idiot dargestellt wird, dessen wissenschaftliches Werk sich als unnütz und in der Fluchtsituation direkt hinderlich beweist, wird in dieser Arbeit die wesentliche Übereinstimmung von Benjamins Gedankengängen mit dem Werk wichtiger Autoren des 20. Jahrhunderts aufgezeigt. Dabei werden vor allem, aber nicht nur, deutschsprachige Autoren angeführt. Das Werk Václav Havels bietet sich nicht nur deswegen an, weil sich Hein intertextuell darauf bezieht, sondern auch weil Havel ein wichtiger Dramatiker ist, der im gleichen Zeitraum wie Hein und ebenfalls unter den Bedingungen des Sozialismus schrieb. Aus der niederländischen Literatur wird Gerard Reves Roman Het Boek Van Violet En Dood besprochen, der sich ausführlich auf die deutsche Literatur und Geschichte bezieht und der insgesamt als ein bewußtes Manifest für „entartete“ Kunst im besten Sinne aufgefaßt werden kann. Während Christoph Hein als der vielleicht bedeutendste Max-Nordau-Anhänger des ausgehenden 20. Jahrhunderts angesehen werden kann, ist Reve möglicherweise der radikalste moderne entartete Autor und Nordau-Feind derselben Periode.

 

In der vorliegenden Arbeit sind die Zitate aus Heins Texten in der Minderheit gegenüber Textstellen anderer Autoren. So hoffe ich, dem Fehler zu entgehen, den Max Nordau in Entartung beging: Nordau schrieb mit seiner Haßtirade gegen die moderne Kunst ein verdecktes Manifest für die moderne Kunst. Der Leser braucht nur Nordaus Bewertungs-Dimension um 180 Grad zu wenden. Eine einfache Verkehrung ins Gegenteil ist mit meiner Arbeit nicht möglich, weil sie letzten Endes dem Haß auf Hein und seine Freunde weniger verpflichtet ist als der Liebe zur modernen Kunst. Daran kann kein Leser leicht etwas ändern. Doch entkomme ich der Tatsache nicht, daß meine Arbeit Heins Stellung in der deutschen Literatur eher bekräftigt als entkräftet.

 

Methodisch wird in dieser Arbeit soweit möglich in Anlehnung an Benjamin gearbeitet, und zwar in Umkehrung seiner parodistischen Empfehlungen zum wissenschaftlichen Arbeiten (die in etwa dem entsprechen, was Brecht “Tuismus” genannt hat):

“PRINZIPIEN DER WÄLZER ODER DIE KUNST, DICKE BÜCHER ZU MACHEN

I. Die ganze Ausführung muß von der dauernden wortreichen Darlegung der Disposition durchwachsen sein.

II. Termini für Begriffe sind einzuführen, die außer bei dieser Definition selbst im ganzen Buch nicht mehr vorkommen.

III. Die im Text mühselig gewonnenen begrifflichen Distinktionen sind in den Anmerkungen zu den betreffenden Stellen wieder zu verwischen.

IV. Für Begriffe, über die nur in ihrer allgemeinen Bedeutung gehandelt wird, sind Beispiele zu geben: wo etwa von Maschinen die Rede ist, sind alle Arten derselben aufzuzählen.

V. Alles, was a priori von einem Objekt feststeht, ist durch eine Fülle von Beispielen zu erhärten.

VI. Zusammenhänge, die graphisch darstellbar sind, müssen in Worten ausgeführt werden. Statt etwa einen Stammbaum zu zeichnen, sind alle Verwandtschaftsverhältnisse abzuschildern und zu beschreiben.

VII. Von mehreren Gegnern, denen dieselbe Argumentation zu eigen ist, ist jeder einzeln zu widerlegen.”[79]

 

 

Passage ist, wie ich an anderer Stelle aufzeige,[80] ein Beispiel von klassizistischem poetischen und ethischen Aristotelismus. Zur Hein- und Nordau- Kritik werden daher auch die beiden dramaturgischen, ethischen und ästhetischen Anti-Aristoteliker des 20. Jahrhunderts herangezogen, deren Werk Hein ebenfalls zitiert: Bertolt Brecht und Friedrich Dürrenmatt. In Anlehnung an und in Zusammenarbeit mit Sjaak Onderdelinden, der den Anstoß zu meiner Arbeit mit Passage gegeben hat, wird Passage im ganzen Kontext des politisch-historischen Dramas des 20. Jahrhunderts betrachtet. Aber auch das Werk der klassischen antiaristotelischen Autoren wie Cervantes, Goethe und Shakespeare wird hier zur Besprechung herangezogen.

 

Kaum jemand hat sich in der (Literatur)wissenschaft bisher an Max Nordau gewagt, obwohl Nordaus Entartung doch nach Jens Malte Fischer ein Buch war “mit Resonanz in ganz Europa und bis nach Amerika.”[81] und obwohl sich zahlreiche moderne Autoren auf Nordau beziehen – die meisten außer Hein (selbstverständlich) satirisch. Obwohl Nordau in der Literaturwissenschaft kaum erwähnt wird und selbst die Neuauflage des Grimmschen Wörterbuchs beim Begriff “Entartung” nicht auf Nordau verweist,[82] kann kein Zweifel darüber bestehen, daß seine Schriften den großen Autoren des zwanzigsten Jahrhunderts bekannt und gegenwärtig waren (in diesem, nur in diesem Sinne, ist auch Hein ein großer Autor des zwanzigsten Jahrhunderts). Wer die Essays von George Bernard Shaw[83] oder von Karl Kraus kennt,[84] kennt auch Nordau. Wer sich mit Dürrenmatt, Cantti oder/ und Brecht auseinandergesetzt hat, weiß wiederum um das Gewicht, das die Auseinandersetzung mit Kraus bei beiden Autoren hatte und interessiert sich so für Kraus. Wie hier aufgezeigt werden soll, war und ist Max Nordaus Werk vermutlich das unsichtbare Koordinatensystem für wichtige Autoren des zwanzigsten Jahrhunderts. Wohl nirgends wird die innige Verwandtschaft von Bürgertum und Faschismus überzeugender deutlich als bei Max Nordau, bei dem der Schafspelz das Wolfsgesicht viel notdürftiger bedeckt als bei Christoph Hein.

 

 

 

 

1.6. Thesen

 

 

Im folgenden soll gezeigt werden,

 

1.       daß die positive Christoph-Hein-Rezeption an der Universität Leiden in den Kontext eines populistisch nationalliberal-faschistoiden Klimas gestellt werden muß, dessen niederländische Repräsentaten Pim Fortuyn und Geert Wilders heißen. An der Universität Leiden sind die intellektuellen Wegbereiter dieser Populisten zu finden: die Juristen Paul Cliteur, Afshin Ellian, Andreas Kinneging und der Germanist Jerker Spits. Passage ist nicht zufällig zur Aufführung in Leiden gewählt worden: dieses Stück paßt in die politische Stimmung in den Niederlanden.

 

2.       daß Nordau, Hein und der Niederländische Populist Pim Fortuyn in wesentlichen ideologischen Punkten übereinstimmen (Führerverehrung, “christlicher” Nationalchauvinismus, Sozialdarwinismus,[85] Mischung von Nostalgie und gnadenlosem Fortschrittsdenken,[86] populistische Demokratie- und Rechtsstaat-Feindlichkeit, Verteufelung anderer, ideologische Sprünge links/ rechtsextrem, Forderung von Assimilation oder Emigration von Randgruppen).[87]

 

3.       daß die Inspiration für den Kampf gegen die Populisten ausgehen muß von den antifaschistischen und anti-neoliberalen Kämpfen des 20. Jahrhunderts, in denen die Literaten eine führende und visionäre Rolle gespielt haben. Literatur und Poesie müssen der Politik die notwendige Inspiration zurückgeben.[88]

 

4.       daß der in Literaturlexika, Literaturgeschichte, Verlagswesen und unter Rezensenten hochgeschätzte[89] Christoph Hein sich intertextuell in eine künstlerische, menschliche und politische Opposition zu den folgenden Autoren des 20. Jahrhunderts stellt: Karl Kraus, Gustav Meyrink, Walter Benjamin, Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger, Anna Seghers, Friedrich Dürrenmatt, Wolfgang Koeppen, Jurek Becker, Václav Havel, Robert Havemann, Günter Grass, Tankred Dorst, Peter Sloterdijk.

 

5.       daß Christoph Hein sich künstlerisch, ethisch und politisch weit außerhalb der unsichtbaren Gemeinschaft positioniert, die durch namhafte Literaten geformt wird. Es wird hier behauptet, daß eine konsumistisch-eklektische Benutzung der Literatur wie auch eine wohlwollende Haltung gegenüber Christoph Hein absolut unvereinbar ist mit echter Wertschätzung und Kenntnis der obigen und folgender (hier besprochenen) Autoren des 20. Jahrhunderts: Franz Kafka, Thomas Mann, Elias Canetti, Peter Weiss, Christa Wolf, Thomas Bernhard, Gerard Reve, Hans-Ulrich Treichel, Ulla Berkévicz, Christoph Peters. Das wirklichkeitsverneinende, schmerzneutralisierende Sowohl-als-auch der Postmoderne steht im Gegensatz zu der Grundhaltung dieser Autoren.[90]

 

6.       daß eine auch nur neutrale Haltung gegenüber Hein nicht vereinbar ist mit einer auf Eros gegründeten Kunst und Wissenschaft. Eine Achtung vor Hein ist darum unvereinbar mit einer echten Hochschätzung der folgenden (hier besprochenen) klassischen Autoren, deren Affinität zum Eros sie fundamental von Christoph Hein trennt: Platon, Sophokles, Euripides, Wolfram von Eschenbach, Giordano Bruno, Shakespeare, Cervantes, Fielding, Goethe, Schiller, Kleist, Dostojewskij.

 

7.       daß Hein sich mit seiner Verfolgung des luziferischen, ketzerischen Elements in eine künstlerische und gesellschaftliche Gegenposition stellt zu den Dichtern, bei denen das promethische, luziferische oder mephistophelische Element eine konstruktive Rolle spielt (darunter viele der oben genannten Klassiker wie z.B. Schiller, Goethe, Dostojewskij, aber auch andere wie z.B. August Strindberg). Als Ketzerverfolger nimmt Hein in der modernen Literatur eine Sonderposition ein.

 

8.       daß Heins Kunstreflexion eine Attacke auf “entartete” Kunst ist, die nahtlos an Max Nordaus Entartungs-Begriff anschließt. Wegen der völligen Übereinstimmung der von Max Nordau dargelegten Kunstreflexion und Heins Texten muß eine absolute Inkompatibilität von allen bei Nordau als entartet aufgeführten Denkern und Christoph Hein postuliert werden. Dies betrifft neben vielen anderen Schopenhauer, Nietzsche, Tolstoij, Ibsen, Flaubert und Oscar Wilde.

 

9.       daß eine gleichzeitige Hochschätzung von Hein und u.a. der folgenden Künstler unmöglich ist, da diese sich durch Selbstmord, Depressionen und/oder psychische Krankheit als entartet im Sinne von Hein erwiesen haben: Stefan Zweig, Kurt Tucholsky, Gerrit Achterberg, Peter Szondi, Paul Celan.

 

10.   daß Christoph Hein den Peter-Weiss-Preis der Stadt zu Unrecht erhalten hat. Heins Werk steht mit jedem Buchstaben im Gegensatz zu Peter Weiss.

 

11.   daß Christoph Hein mit Passage an der interliterarischen Diskussion der letzten 100 Jahre zu Max Nordau teilnimmt. Nordau-Bezüge und -Karikaturen lassen sich bei Theodor Fontane, Karl Kraus, George Bernard Shaw, Franz Kafka, Gustav Meyrink, Bertolt Brecht, Elias Canetti, Ernst Penzold, Gabriel García Márquez, Günter Grass, Gerhard Reve, Arnon Grunberg (und auch bei Martin Walser, der aber aus anderen Gründen nicht in diese Reihe gehört) nachweisen. Bei allen Autoren außer Hein ist der Bezug auf Nordau ablehnend-kritisch.

 

12.   daß Nordau in zahlreichen neuerschienenen Werken, in denen er erwähnt wird, vollkommen falsch eingeschätzt wird. Bei den gesellschaftswissenschaftlichen Autoren, die ihn (alle außer Schulte am Rande) nennen, wird Nordau entweder verharmlost und stark in seiner Bedeutung unterschätzt (Schulte, Barzun, Von der Dunk, Labrie), oder/ und es werden sachlich falsche Feststellungen zu seiner Person gemacht. So wird er z.B. fälschlich als Kantianer (Von der Dunk), als Geistesverwandter von Karl Kraus (Von der Dunk, Edel), oder als Spiritist/Kabbalist (Edel) eingeschätzt. Richtig, und als Vorläufer Hitlers, wird Nordau eingeschätzt von Frederic Spotts und Jan Pieter Guépin.

 

13.   daß Christoph Hein mit Max Nordau dem verachteten modernen Künstler den Spießbürger und Philister als Ideal gegenüberstellt. Hein hat in Anlehnung an Nordau durchaus eine eigenständige neue Ästhetik entwickelt: die Verherrlichung des miesen Spießers, des Lebens im “Grau-in Grau”. Heins literarische Texte sind bewußt geschrieben für die dumme Masse, die keinen Geschmack entwickeln kann und soll. Eine Hochschätzung von Christoph Hein ist ohne engstirnigen, engherzigen Antimodernismus unmöglich.

 

14.   daß, insofern Kunst “Kritik am naiven, mechanischen, reaktiven Bewußtsein”[91] ist, Passage nicht als Kunst bezeichnet werden kann. Hein unterscheidet sich von den oben genannten Autoren dadurch, daß er die Spiegelfunktion der Literatur durch die projektive Funktion ersetzt. Der autoritätsgläubige Leser wird bei Hein durch die Verteufelung unabhängiger Geister in seinem Weltbild bestätigt.

 

15.   daß, insofern bei der Kunstdefinition vom Autonomie-Kriterium ausgegangen wird, ebenfalls bei Hein keine Rede von Kunst sein kann.

 

16.   daß, insofern die Kunst ein Bewußtsein von der eigenen Verletzlichkeit und Sterblichkeit erfordert,[92] auch bei Hein keine Rede von Kunst sein kann.

 

17.   daß Heins Werk zwar zu einer (z.B. unter Fortuynisten gängigen) Kunstauffassung von Kunst als dem “Schmiermittel”der Gesellschaft paßt,[93] daß jedoch diese Kunstauffassung den oben in Punkt 7-10 genannten Autoren nicht entspricht, deren Kunst besser als Sand im Getriebe denn als Schmiermittel beschrieben werden kann.[94]

 

18.   daß eine Hochschätzung von Hein unvereinbar ist mit einer im weitesten Sinne existentialistischen oder basischristlichen Weltsicht, und darum eine Achtung vor Hein nicht zu vereinbaren ist mit einer (wie auch immer kritischen) Hochschätzung der folgenden, hier besprochenen Autoren: Martin Luther, Blaise Pascal, Johann Gottlieb Fichte, Sören Kiekegaard, Friedrich Nietzsche, Albert Camus.

 

19.   daß Heins und Nordaus Auffassung vom Christentum zwar mit dem Christentum der Evangelien völlig unvereinbar ist, aber mit der Auffassung vom Christentum als einem technologischem Erfolgsprogram, wie sie z.B. in Amerika von Robert Schuller vertreten wird und von dem „christlich“-militaristischen Manichäer George W. Bush in die Praxis gebracht wird, sehr gut kompatibel ist.

 

20.   daß Literatur gefährlich ist, eine „Zeitbombe mit Spätzündung.“[95] Spott und Satire sind effektive Mittel im gesellschaftlichen Kampf und müssen daher immer selbstkritisch reflektiert und demokratisch eingesetzt werden.

 

21.   daß die sozialdarwinistische Nietzsche-Interpretation der Nazis und der modernen Faschisten nicht mit Nietzsches Texten belegt werden kann, daß umgekehrt Nietzsche sich dem Sozialdarwinismus ausdrücklich widersetzt hat, Nietzsche-Feind Nordau dagegen ein ausdrücklicher Anhänger des Sozialdarwinisten Herbert Spencer war.

 

22.   daß die Scheinobjektivität Heins sich in einem naiven und banalen Sprachgebrauch spiegelt, der an der modernen Sprachkritik, wie sie von Giordano Bruno bis Wittgenstein formuliert wurde, völlig vorbeigeht.

 

23.   daß Hein eine unbekümmerte, gnadenlose Gelassenheit befürwortet; dagegen jede mystische Gelassenheit, Innerlichkeit und Subjektivität haßvoll bekämpft. Die subjektive innere Unendlichkeitserfahrung, die die Mystik Meister Eckarts und die Subjektivitätsphilosophie Giordano Brunos mit der Klassik, Romantik und Moderne verbindet, fehlt bei Hein gänzlich. Diese Unendlichkeitserfahrung ist ein essentieller Bestandteil der Kunst und unterscheidet wie die Kunst den Menschen vom Tier.

 

24.   daß Heins Denken mit weiten Teilen des Alten Testaments kompatibel ist, nicht aber mit dem Neuen Testament; daß jedoch eine Hochschätzung des Judentums nicht mit einer Hochschätzung alttestamentarischer Prinzipien zusammenfallen muß und umgekehrt der Fall Hein zeigt, daß das moderne alttestamentarische Denken leicht gegen die Juden gewendet werden kann.

 

25.   daß entgegen dem, was Nordaus Biograph Christoph Schulte behauptet, Sigmund Freuds Ideen sich fundamental von denen Max Nordaus unterscheiden. Freud macht, anders als Nordau, keinen absoluten Unterschied zwischen gesund und krank, und wehrt sich gegen eine rassistische Auffassung vom Judentum.

 

26.   daß die gegenwärtige Politik des Staates Israel gut kompatibel ist mit Nordaus Ideen, aber nicht mit Freuds Auffassungen, und daher sehr gut als eine „Freud-Verdrängung“[96] aufgefaßt werden kann.

 

27.   daß Heins rationalistischer Gelassenheitsbegriff nichts gemeinsam hat mit der rational-selbstreflexiven Tradition der Stoa.

 

28.   daß Hein sich in seinen Reden und Essays den Anschein gibt, in der Tradition der deutschen Klassik und Moderne zu stehen. Eine absolute Inkompatibilität mit Hein gilt aber, außer für die schon genannten und von Hein zum großen Teil auch zitierten Autoren, auch noch für Lessing, Kleist, Büchner und Heine.

 

29.   daß Christoph Hein und Max Nordau beweisen, daß es möglich ist, die klassische und moderne Literatur im Detail zu kennen, ohne sich auch nur im Geringsten von ihrem geistigen und spirituellen Gehalt berühren zu lassen.

 

30.   daß Hein und der sozialistische Realismus sich mit den Tendenzen der Postmoderne darin treffen, daß eine maximale Säkularisierung die Kunst von ihrem mystisch-religiösen und utopischen Kern beraubt. Auch der instrumentelle Einsatz von Religiosität kann nicht verhindern, daß nur profane, zynische Texte bleiben.

 

31.   daß die Kunstreflexion aller oben neben Hein und Nordau genannten Autoren durch eine kritische Haltung zum menschlichen Fortschritt gekennzeichnet ist, die sich nicht als simpel kulturoptimistisch oder - pessimistisch[97] beschreiben läßt. Die Kunst dieser Autoren verneint weder Utopie noch Fortschritt, rückt aber den “Rückschritt zumindest ebenso scharf umrissen als irgendeinen Fortschritt ins Blickfeld” (Benjamin)[98].

 

32.   daß sich Heins puritanischer, gnadenloser Idealismus fundamental von dem freiheitlichen, utopischen Idealismus aller anderer hier genannten Autoren unterscheidet.

 

33.   daß die hier studierten Texte Heins ein inhaltlich und formal so stimmiges Weltbild ergeben (eine deutschnationale, altkommunistische und militante Kunstfeindlichkeit), daß die begrenzte Anzahl der untersuchten Texte schon ausreicht, um die niedrige Qualität seiner übrigen Texte vorauszusagen.

 

34.   daß Walter Benjamins These, daß Inhalt und Form eines Kunstwerks zusammengehören, vielleicht nicht immer und überall zutrifft (es gibt sicher auch ästhetisch wohlverpackte Beispiele der Menschenfeindlichkeit), im Heins Fall jedoch konkret dahingehend bestätigt werden kann, daß eine reaktionäre (juden-, frauen- und ausländerfeindliche) Haltung an sprachlicher und formeller Konventionalität zu erkennen ist.

 

35.   daß schlechter literarischer Stil von gutem Stil anhand von Textanalyse unterschieden werden kann, wobei Geschlossenheit bzw. Offenheit von Sprache und Form die Ausgangspunkte der Stil- Unterscheidung sind. Schlechter Stil zeigt sich auf der Ebene der Wortwahl, des Satzbaus und der ganzen Textform. Schlechter Stil stellt mindestens insofern eine gesellschaftliche Stellungnahme dar als schlechter Stil spätestens seit der Aufklärung immer der Stil der Tyrannen gewesen ist. “Zoek de verschillen” ist das Reklame-Motto der Universität Leiden. Es gilt, dieses Motto ernster zu nehmen, als die Universität dies selbst tut. Die Universität veranschaulicht dieses Motto mit einer Frau, die auf zwei Fotos zwei verschiedene Frisuren trägt - hier geht es also ausschließlich um oberflächliche Unterschiede. Im Fall Hein dagegen ist der schlechte Stil nicht nur eine Stilvariante, sondern ist der schlechte Stil das äußerlich erkennbare Merkmal einer inneren Wesensverschiedenheit mit moderner Kunst.

 

36.   daß Heins Judenfeindlichkeit näher umschrieben werden muß als die Ablehnung des die jüdische Kultur so kennzeichnenden kritischen, skeptischen und modernen Denkens. Heins Judenfeindlichkeit ist die Ablehnung des “ursprünglichen politischen Kynismus” des jüdischen Volkes.[99] Hein verachtet nicht alle Juden: Diejenigen Juden, die sich gegen entartete Kunst ausgesprochen haben wie z.B. der Zionist Max Nordau, oder nationaldeutsche Juden, die auf Hitlers Seite standen, sind für ihn die idealen Juden.

 

37.   daß tabuisierte Ressentiments wie Juden- und Frauenfeindlichkeit in der Wirklichkeit und in der Literatur auf der Handlungsdimension und über kontrastierende Idealisierungen zu erkennen sind (Heilige/ Hure; guter Jude/ schlechter Jude). Dabei ist es ganz uninteressant, ob Menschen sich ihrer feindseligen Gefühle bewußt sind oder sie nur unreflektiert reproduzieren. Heins Anhängern wird durch den antisemitischen “guter Jude/schlechter Jude”-Kontrast eine doppelte Freude zuteil: heimlicher Triumph über den Untergang des lebensuntüchtigen skeptischen Juden und Stolz über die eigene politisch-korrekte „Judenfreundlichkeit“.

 

38.   daß der Antisemitismus immer noch ein ernstzunehmendes Problem ist. Der Fall Hein zeigt, daß der Antisemitismus heutzutage nicht nur ein Problem von Straßenantisemitismus (der islamitischen Jungendlichen) ist, sondern sich auch bei (sekularisierten) Christen immer noch unter einer harmlosen und gesellschaftlich erfolgreichen Fassade verbirgt.

 

39.   daß Christoph Hein auf keinen Fall als ein nur trivialer Autor aufzufassen ist. Er betreibt mit der Literatur, die er so ausführlich zitiert, einen schweren Mißbrauch. Er verwendet Namen, Metaphern und intertextuelle Anspielungen aus der humanen, emanzipierenden Literatur, um seine antidemokratischen Ressentiments zu verpacken. Damit wird hier also auch ausgesagt, daß eine ausgedehnte und komplexe Intertextualität an sich nichts mit der künstlerischen Qualität eines Textes zu tun hat. Passage zeigt Walter Benjamin als eine parasitäre Existenz. Nicht Walter Benjamin und die Juden, auch nicht andere skeptische und kritische Denker sind Schmarotzer und Parasiten. “Parasiten” und „Bildungsschmarotzer“ im Sinne Schillers und Nietzsches[100] sind diejenigen, die wie Hein das intellektuelle und kulturelle Erbe plündern. Modernes Parasitentum ist die Vergewaltigung von Literatur und Philosophie für antidemokratische Zwecke und/ oder rein privaten Ehrgeiz.

 

40.   daß am Fall Hein der Unterschied zwischen Kunst und Kultur deutlich wird. Hein kann mit Recht als Kulturträger angesehen werden, denn er wird von anderen Kulturträgern geschätzt und kennt und benutzt kulturell bedeutsame Texte und Metaphern. Während aber die Kunst immer auch neben dem Behagen an der Kultur das Unbehagen an der Kultur ausdrückt, ist Hein ein einseitiger Verteidiger der vergewaltigenden und unterdrückerischen Aspekte der Kultivierung.

 

41.   daß Christoph Heins gnadenloser, unfreiheitlicher Moralismus in der Weltliteratur schon genau beschrieben ist. Hein figuriert als historische Person in Günter Grass’ Ein weites Feld und in Christa Wolfs Leibhaftig und als Typ des kunstfeindlichen, idealistischen und unmenschlichen Aristotelikers in zahlreichen literarischen Werken. Als Pfarrer figuriert der Hein-Typus z.B. in Cervantes’ Don Quixote, als Polonius in Shakespeares Hamlet, als Kanzler und Erzbischof in Goethes Faust II, als Großinquisitor in Schillers Don Carlos und Dostojewskijs Brüdern Karamasow, als K. in Kafkas Schloß, als Macheath in Brechts Dreigroschenroman.

 

42.   daß sich drei grundverschiedene Probleme bei der Hein-Rezeption unterscheiden lassen. Eine Gruppe von Rezipienten (Behn; anthonya Visser) erkennt den Vorbildcharakter der militanten Figuren und stimmt dem von Hein dargestellten Modell bewußt zu. Andere Rezipienten (Luijten, Buchwald) wollen das Weltbild des Autors grundsätzlich nicht beurteilen. Wieder andere Rezipienten meinen zu Unrecht, bei Hein Absurdität entdecken zu können. Die einander völlig widersprechenden Feststellungen der Hein-Rezipienten, daß Hein nicht moralisiere bzw. einen stark didaktisch-moralischen Ton führe,[101] müssen logisch dahingehend aufgelöst werden, daß Heins Moralismus so antidemokratisch-fundamentalistische Züge trägt, daß Rezipienten sich über die Absurdität seiner Darstellung täuschen.

 

43.   daß Passage, erst Recht mit Nordaus Entartung zusammengenommen, der Schlüssel zu Heins antidemokratischem Weltbild ist. Die gründliche Kenntnis von Passage muß zu einer völligen Neuinterpretation der Tafelrunde, aber auch aller anderen Texte Heins führen.

 

44.   daß Heins demokratiefreundliche Äußerungen in der Öffentlichkeit einen rein Imago-technischen Zweck verfolgen und daß gezeigt werden kann, daß das Zentrum von Heins Denken und Philosophie ein zutiefst demokratie- und menschenfeindliches Ressentiment ist.

 

45.   daß sich Heins Einstellung zum Staat nach der Wende diametral gewendet hat. Während Heins Texte vor der Wende den DDR-Staat sowohl subtil als auch offen stützten und gegen Bürgerrechtler in Schutz nahmen, wendet sich Hein seit der Wende in seinen literarischen Texten gegen Demokratie und Rechtsstaat.

 

46.   daß das wirkliche Problem nicht Christoph Hein persönlich ist, sondern die aristotelische Ethik und die hegelianische metaphysische Dialektik, die sich in seinem Werk und in der Rezeption seines Werkes abzeichnen. Es soll gezeigt werden, daß Aristotelismus und Hegelianismus faschistoide sowie kunstfeindliche Grundzüge haben. Der Aristotelismus ist die Basis der leidenschaftslosen “schönen neuen Welt” (Ost/West); im Aristotelismus liegt die philosophische Begründung dafür, daß marktgerechte Literatur strukturell dem “sozialistischen Realismus” ähnelt[102]. Aristotelischer Klassizismus ist ein wesentlicher Bestandteil von sowohl faschistischer, kommunistischer als auch wirtschaftsliberaler Ideengeschichte. Diese drei scheinbar so unterschiedlichen Denktraditionen zeigen in Max Nordaus Werk noch unvermischt und in Christoph Heins Werk wieder unvermischt ihren gemeinsamen Nenner.

 

47.   daß die Tendenz zu Spaltung und Dissoziation nicht, wie häufig behauptet wird, ihren wichtigsten Ursprung bei Descartes hat, auch ihrem Wesen nach nicht an sich „neuzeitlich“ “westlich“ oder etwa gar „männlich“ ist, sondern in der Kulturgeschichte ihre wichtigsten Wurzeln bei Aristoteles hat.

 

48.   daß ein anti-aristotelisches Streben nach Ganzheitlichkeit eine Tendenz hat, ein kaleidoskopisches oder mosaikhaftes Aussehen anzunehmen.

 

49.   daß anti-aristotelische Offenheit auch eine existentielle Erfahrungskomponente enthalten muß, um oberflächlicher Unverbindlichkeit zu entgehen. In Natur und Kultur entstehen interessante Muster aus einer Mischung von Zufall und Notwendigkeit. Postmoderne Spielereien sind nur interessant, wenn sie auch eine bewußte Komponente des existentiellen Ernstes enthalten. Fragmentierung und Dekonstruktion müssen um eine existentielle Konstruktion ergänzt werden.

 

50.   daß die Managementliteratur dominiert wird von Gedankenbildern, die faschistoid, sozialdarwinistisch und/oder rational-utopisch sind und daß diese Gedankenbilder nahtlos an Heins und Nordaus Weltbild anschließen.

 

51.   daß alte und neue Sozialdarwinisten sich weder auf Darwin (Nordau) noch auf Dawkins (Joep Schrijvers) berufen können.

 

52.   daß sich am Fall Hein zeigt, daß der Gegensatz, der in der Öffentlichkeit aufgebaut wird zwischen Konservativen mit festen Werten und Werterelativisten nur ein Scheingegensatz ist. Eine unbedingte Verbindlichkeit der Moral ist denn auch laut Nietzsche „eine ebenso große Kinderei“ wie eine Unverbindlichkeit aller Moral.[103] Der wirkliche Gegensatz der heutigen Gesellschaft heißt nicht Postmodern/ Reaktionär, weil die Postmoderne sich unter der Oberfläche als ultrareaktionär[104] erweist. Die echten Gegensätze gehen entlang der Linie: Aristoteliker gegen Anti-Aristoteliker, Hegelianer gegen Anti-Hegelianer, Objektivisten gegen Subjektivisten und Existentialisten gegen Anti-Existentialisten, Moderne gegen Anti- und Postmoderne, Gesinnungsliberale gegen Wirtschaftsliberale.

 

53.   daß Faschismus und Antisemitismus keine absoluten Begriffe sind, sondern eine fließende Skala darstellen, die von latenter Gewaltbereitschaft über Aufrufe zur Gewalt über Teilnahme an Gewaltaktionen bis zum Befehl zur Gewalt läuft. Auf dieser gewalt-differenzierten Faschismus-Skala scort Hein höher als Nordau und beide (viel) höher als Fortuyn.

 

54.   daß Hein es besser als Fortuyn verstanden hat, daß der Sozialdarwinismus mit Militarismus und Gewaltbereitschaft verbunden werden muß, so daß der Kampf aller gegen alle nach außen gerichtet wird und nicht die faschistische Gruppierung zuerst zerstört.

 

55.   daß Hein viel mit Fortuyn und den Fortuynisten gemeinsam hat, aber auch mit Fortuyns Mörder: mit diesem teilt er die Verachtung des Rechtsstaates und die Hochachtung der Selbstjustiz.

 

56.   daß latenter und offenener Faschismus am besten als Verachtung für Schwäche umschrieben kann (nicht nur einfach, wie Camus vorschlägt, als “Verachtung”[105]) und daß das Christentum der Evangelien die womöglich radikalste Grundlage des Antifaschismus ist.

 

57.   daß Nietzsche, Brecht und Dürrenmatt damit Recht hatten, daß es keine wertfreie Wissenschaft gibt. Literaturwissenschaftliche Neutralität und Toleranz gegenüber Hein ist notwendigerweise gleichbedeutend mit einer Entscheidung gegen die wesentlichsten Grundsätze der Demokratie. 

 

58.   daß eine vitale Literaturwissenschaft eine Fröhliche Wissenschaft im Sinne Nietzsches sein muß; eine Wissenschaft, in der Krankheit, Wahnsinn und Traum nicht verteufelt werden, sondern als Mittel der Erkenntnis anerkannt werden.

 

59.   daß in Kunst, Wissenschaft und Politik von denjenigen, die sich auf dem Markt nicht verkaufen wollen oder sich der autoritären Macht nicht unterwerfen wollen eine „Zeitverschiebung zwischen Angebot und Nachfrage“ einkalkuliert werden muß; daß also oft Geduld nötig ist, um das Zeitintervall zu überbrücken, bis künstlerische oder wissenschaftliche Werke „die ihnen immanenten Werte beim Publikum durchsetzen“[106].

 

60.   daß die unkritische und absurd studentenkonsumistisch-marktkonforme Universität kein unabhängiges, am konkreten Problemfall orientiertes Denken verträgt. Der Fall Hein zeigt, daß die Probleme der marktorientierten Universität viel tiefer liegen als in Finanzierungsproblemen. Selbständiges Denken wird auch in eigenfinanzierter Form nicht toleriert. Die wissenschaftliche Arbeit der absolut marktkonformen Universität muß notwendigerweise scholastisch-deduktiver Art sein. Ein echtes und weitsichtiges Marktdenken würde der Universitat wenigstens noch ihr core business, die Wissenschaftlichkeit und das kritische Denken, mit anderen Worten: ihre Autonomie, zugestehen.

 

61.   daß Wissenschaftler mit Intimidierung, psychischem und wirtschaftlichem Druck umgehen lernen müssen.[107] Die absolut notwendigen Mittel im Kampf gegen autoritären Zensurdruck sind: Solidarität untereinander, Brechtsche List (siehe Galilei), und eine langfristige Orientierung, also Geduld.

 

62.   daß es in der Literaturwissenschaft wie in der Literatur selbst “Leerstellen” (Iser) geben darf. Wo eine ausdrückliche Wertung unterbleiben muß, können in der Literaturwissenschaft Ironie und understatement eingesetzt werden. Um einen problematischen und undemokratischen Autor zur Diskussion zu stellen, kann es besser sein, diesen Autor ironisch verharmlosend zu interpretieren, als ihn direkt anzugreifen. So kann anderen Literaturwissenschaftlern eine Vorlage für eine Attacke geliefert werden. So kann auch die Auseinandersetzung zunächst innerhalb der Literaturwissenschaft bleiben und muß sich nicht auf die Arena zwischen Literaturwissenschaftler und Autor verlagern.

 

63.   daß der Wert einer literaturwissenschaftlichen Arbeit nicht in der ausdrücklichen Wertung liegt, sondern im Auswerten der Strukturen des untersuchten Objekts und in der Auswahl von geeigneten Vergleichstexten. In dem vom Literaturwissenschaftler ausgewählten Kontext spiegelt sich immer eine subjektive Wertung. Die ausdrückliche Schlußfolgerung kann jedoch häufig am besten dem Leser selbst überlassen werden, der außerdem dann die entsprechenden Originaltexte auch selbst lesen muß und ein Urteil nicht vorserviert bekommt.

 

64.   daß eine hochqualitative Literaturanalyse einerseits von der Struktur der Texte (Handlung, Sprache, Motive etc.) ausgehen muß und andererseits die literarischen, historischen und philosophischen Voraussetzungen der Texte integrieren muß. Studium der Sekundärliteratur ist sekundär. Dem unselbständigen, vermeintlich objektiven Zusammenfassen von Sekundärtexten wird häufig ein viel zu hoher Stellenwert beigemessen im Vergleich zu einer selbständigen Literaturanalyse.

 

65.   daß in der Wissenschaft wie in der Kunst Objektivität leicht zur Scheinobjektivität entgleist, und daß in der Wissenschaft wie in der Kunst “jede private und subjektive Wahrheit, wenn sie nur wirklich wahr ist, zur Erkenntnis der objektiven Wahrheit beiträgt”[108].

 

66.   daß die Wissenschaft bedroht wird, wenn statt Wissenschaftlichkeit, Begrifflichkeit und Methodik “Objektivität” gefordert wird und wenn Menschen gezwungen werden, ihre eigenen Wahrnehmungen abzuleugnen. Die Objektivitätsforderung hat sich im Fall Hein als eine Zensurmaßnahme erwiesen, mit der unabhängiges und kritisches Neudenken bekämpft wurde.

 

67.   daß eine psychopathologische Beurteilung anderer, die darum nicht gebeten haben, immer das Gleichheitsprinzip schwer verletzt. Der Beurteilende erhebt sich automatisch über den Beurteilten. Im Umgang mit Literatur muß eine psychopathologische Beurteilung des Autors oder der Figuren die Folge haben, daß die Spiegelfunktion der Literatur außer Kraft gesetzt wird und statt dessen eine gefährliche Projektion beginnt, bei der der Leser sich von vorne herein - wahrscheinlich zu Unrecht (wer ist schon gesund!) - geistige Gesundheit zuspricht. So wird eine tiefe Auseinandersetzung mit der Literatur, bei der der Leser sich verändern könnte, verhindert.

 

68.   daß Nordau und Freud einiges an Gedankengut teilen; bei Freud jedoch alle idealistischen und sozialdarwinistischen Elemente fehlen. Nordau und Hein sind Advokaten des idealistischen Überich-Prinzips, während Freud der Advokat des realistischen Ich-Prinzips sein will. Die Kunst kann aber weder vom Überich-Prinzip noch vom Realitätsprinzip aus verstanden werden.

 

69.   daß ein harmonisches Konsensusdenken Andersdenkende notwendigerweise als krank und/oder schlecht ausgrenzen muß. Der Fall Hein deckt die gnadenlose und autoritäre Gewaltbereitschaft hinter freundlich-gelassenen Fassaden auf. Ein a priori postulierter Konsensus ist nicht nur unproduktiv, sondern auch undemokratisch. Gesellschaft, Wissenschaft und Kunst brauchen die Polemik. Unter offener Polemik verbirgt sich die echte Demokratie ebenso wie sich unter forciertem Konsensus die absolute Gewaltbereitschaft versteckt.

 

70.   daß Prof. Anthonya Visser recht hat, wenn sie sich gegen Trennung von Sprache und Kultur und gegen eine Zweiteilung in der akademischen Gemeinschaft ausspricht[109]. Schizoide, dissoziative Zweiteilungen müssen in Wissenschaft und Gesellschaft aktiv aufgelöst werden. Sprache und Kultur, Natur- und Gesellschaftwissenschaften; Forschung und Lehre; Kunst und Wissenschaft; Wissenschaft und Politik müssen einander gegenseitig befruchten.

 

71.   -daß sich, entgegen dem, was man an der Universität Leiden glaubt, inhaltliche und prozedurelle Fragen nicht voneinander trennen lassen.

 

72.   daß Zensur- und Verbannungsmaßregeln sich häufig letztendlich gegen die zensurierenden und verbannenden Instanzen kehren.

 

73.   daß die Fixierung auf Imago[110] statt Identität an der Universität Leiden eine gefährliche Grundlage für den intellektuellen Rechtspopulismus darstellt.[111] Imago-Fixierung ist mit ernsthafter Wissenschaft nicht zu vereinbaren.

 

74.   daß der Protest der Studenten gegen den „Ausverkauf“ der Universitäten sich nicht nur gegen externe Gegner richten muß, sondern auch gegen Gegner innerhalb der Universität, die diesen Ausverkauf und das Ende des kritischen Denkens schon lange anstreben.

 

75.   daß für die Demokratie ein kapitalistisches Wirtschaftssystem unerläßlich ist, der Kapitalismus selbst aber auch, wie z.B. Brecht und Dürrenmatt zeigten, faschistische und antidemokratische Tendenzen in sich trägt.

 

76.   daß ein Widerstandskampf gegen Sozialdarwinismus und Marktfaschismus nicht mit Worten allein geführt werden kann. Die Sprache kann den “Schaumgummi”[112], mit dem sich Menschen gegen unangenehme Wahrnehmungen schützen, nicht durchbohren. Über effektive und ineffektive Widerstandsmethoden kann viel aus der Literatur von Kafka über Meyrink bis Brecht, Dürrenmatt, Grass und Weiss gelernt werden: zum Beispiel Rollen-, Komödien- und Agentenspiel[113].

 

77.   daß die Kunst, ebenso wie die Wissenschaft, der Wahrheitssuche absolut verpflichtet sein muß. Daher ist die Postmoderne, wo sie die Existenz von Wahrheit abstreitet, weder Kunst noch Wissenschaft. Außerdem können Künstler und Wissenschaftler, denen es durchgängig und prinzipiell gelingt, freundlich und gelassen zu bleiben und/oder die sich einer kritischen Betrachtung ihrer eigenen Standpunkte entziehen, kaum glaubhaft machen, einer Wahrheitssuche verpflichtet zu sein.

 

78.   daß in Wissenschaft und Kunst Inszenierungsspiele ein effektives Mittel sein können, um Neugierde der Unbeteiligten und Uninteressierten zu wecken und den wissenschaftlichen und künstlerischen Schaffensprozeß anzuregen.

 

79.   daß Dürrenmatts Satz “Spielen wir also Komödie” womöglich der wichtigste Satz aus der Literatur des 20. Jahrhunderts ist. Das auf die Wirklichkeit übertragene Komödienspiel ist der “kynische” Widerstandskampf gegen den “Herrenzynismus” (Sloterdijk).

 

 

 

 

 


1.7. Christoph Hein im philosophisch-literarisch-politischen Feld

(in modellhafter, provokativer und übersimplifizierter Darstellung)

 

Heins Geistesverwandte                  Heins Geistesfeinde

 

Aristoteles                                           Aristophanes

 

Die Ketzerbekämpfer

seit Irenäus

                                                           Die Mystiker, Gnostiker und Neoplatoniker

 

                                                           Martin Luther, Blaise Pascal

 

Die experimentellen Wissenschaftler in Nachfolge Galileis

 

Giordano Bruno und seine Nachfolger, die eine                                                                                                                      monadologische Weltsicht mit einem radikalen                                                                                                                                  anthropologischen Materialismus verbinden

 

Die anti-aristotelischen Klassiker von Cervantes,                                                                                                                    Grimmelshausen über Shakespeare, Fielding,                                                                                                                                  Goethe und Schiller     

                                  

                                                           Die Romantiker

Hegel

Die anti-hegelianischen Philosophen von                                                                                                                                 Schopenhauer, Kierkegaard über Nietzsche und                                                                                                                Wittgenstein

Max Nordau                                       

                                                           Die Autoren der klassischen Moderne, vor allem

surrealistische und realistisch-phantastische Autoren von Kafka über Meyrink und Brecht bis Grass

                                                          

                                                           Alle Dadisten und Dada-inspirierte Denker, alle Avantgardisten

Die Vertreter von Bürokratie,

autoritärem und totalitärem Denken,

von Top-down -Denken und

Rationalismus                                      

Alle Befürworter von geistiger Freiheit, die sich glaubhaft auf  die Menschenwürde berufen.

 

Antidemokratische, selbstbewußte

“Tabubrecher” und Befürworter von

Verdrängung und Projektion wie

Martin Walser

 

Die Psychologen von Freud bis Rogers, für die Selbsterkenntnis und Hinterfragen von Projektionen im Vordergrund steht

Nationalliberale Populisten wie

Emile Ratelband, Pim Fortuyn,

und Geert Wilders

 

Alle Anhänger von Autonomie und L’art pour l’art in Kunst und Wissenschaft

                                                          

                                                           Alle vom asiatischen Denken inspirierten Denker

“Christlich”-militaristische

Manichäer wie George W. Bush

 


 

 



[1] Siehe meine niederländische Forschungsarbeit zur Fremdenfeindlichkeit an der Universität Leiden www.passagenproject.com/conservatisme.html ; englische Zusammenfassung www.passagenproject.com/neoconservatism.html

[2] Siehe auch www.passagenproject.com

 

[3] siehe www.passagenproject.com/scriptie.html

[4] Behn, Christoph Hein, S. 9.

[5] Meine Kritik beschränkt sich ausdrücklich auf diese Variante der Postmodene.

[6] Gargantua, S. 11.

[7] Karakter, In: De eekhoornformule, S. 152.

[8] Wilde kastanjes, NRC Handelsblad 17.9.2003, S. 34.

[9]Passage, S. 93.

[10] Pascalsche Meditationen, S. 167.

[11] Karakter, In: De eekhoornformule, S. 154.

[12] Vor einiger Zeit erschien ein Artikel von Arnon Grunberg Onderhandelen heeft geen zin mit dem Untertitel Primo Levi wordt ziek van Josef K. [Primo Levi wird krank von Josef K. ], NRC, 23.2.2001, S. 29 Ich mußte dabei daran denken, wie elend ich mich fühlte, als ich Kafkas Verwandlung in der Schule las.

[13] Die feinen Unterschiede, S. 765.

[14] Die Wichtigkeit von Geschmacksurteilen in der Naturwissenschaft betonte Richard Feynman: „To do physics, you‘ver gotta have taste.“ Zit nach Vincent Icke, Pakkans: honderd procent. NRC, 23/24.11.2002, S. 36. Icke meint weiter: „Goede smaak bij het kiezen van een probleem, maar ook voor wat je wel en niet serieus neemt.“ [Guter Geschmack bei der Wahl des Problems, aber auch bei dem was man ernst nimmt oder auch nicht.]

[15] Die Philosophie der Aufklärung, S. 414.

[16]  Siehe www.passagenproject.com/scheinobjektiv.html

[17] Sloterdijk, Kritik der zynischen Vernunft, S. 227 f.

[18] Vincent Icke, Wat is waarheid ?, NRC, 29.4.2000, S. 46.

[19]Kritik der zynischen Vernunft, S. 656.

[20] Tegen ongelijkheid, NRC, 251.1.2002, S. 8.

[21] Wat is waarheid ?, NRC, 29.4.2000, S. 46.

[22] (bis auf eine Ausnahme, wo Hein namentlich genannt wird)

[23] Ritter von der traurigen Gestalt, S. 186.

[24] Ritter von der traurigen Gestalt, S. 191.

[25] Auch in einem weiteren literaturwissenschaftlichen Artikel überläßt Onderdelinden die wichtigste interpretative Schlußfolgerung dem Leser. Onderdelindens Analyse von  Wolfgang Hildesheimers Mary Stuart (Intention und Rezeption,  In: Geschichte auf der Bühne, S. 217 ff.) legt nämlich implizit (aber nicht explizit) nahe, daß Hildesheimers Intentionserkärung zu Mary Stuart möglicherweise oder wahrscheinlicherweise einen  bewußt absurden Charakter trägt.

[26] Während des Schreibens dieser Arbeit fiel mir eine Veröffentlichung meines Großvaters in die Hände, Der himmlische Vater und das irdische Vaterland (1934), erschienen in der Reihe “Schriften der Arbeitsgemeinschaft nationalsozialistischer Geistlicher”. Dieses nationalkonservative Pamphlet, das begeistert Stellung für Hitler nimmt, ist in aller Schrecklichkeit und seinem Opfer-Gott-Vaterland-Plädoyer ideologisch doch immer noch gemäßigter (da nicht sozialdarwinistisch) als die Schriften Nordaus.

Michael Rohrwasser zitiert in Der Weg nach oben als Motto für das Kapitel Lesen und Schreiben Jens Peter Jacobsen (Niels Lyhne) „Man macht sich nicht so leicht von den Bücherschränken der Väter unabhängig“ und Jorge Luis Borges „Ich habe die Bibliothek meines Vaters nie verlassen.“ Diese Zitate treffen und betreffen mich.

[27] Der rechtsradikale Konny, an dem zahlreiche Züge von Heins Heldenfiguren Hirschburg und Willenbrock nachgewiesen werden können: “ ‘Israel ist o.k. Genau dahin gehörte der Mordjude. Konnte sich dort nützlich machen, im Kibbuz oder sonstwo.‘ Überhaupt habe er nichts gegen Israel. Dessen schlagfertige Armee bewundere er sogar. Und völlig einverstanden sei er mit der Entschlossenheit der Israelis, Härte zu zeigen. Es bliebe ihnen ja keine andere Wahl. Palästinensern und ähnlichen Moslems gegenüber dürfe man keinen Fingerbreit nachgeben.´ “Im Prinzip habe ich nichts gegen Juden. Doch vertrete ich, wie Wilhelm Gustloff, die Überzeugung, daß der Jude innerhalb der arischen Völker ein Fremdkörper ist. Sollen sie doch alle nach Israel gehen, wo sie hingehören. Hier sind sie nicht zu ertragen, dort braucht man sie dringend im Kampf gegen eine feindliche Umwelt.” Im Krebsgang S. 159, 196.

[28] “Der Antisemitismus hat gleichfalls viele gebildete Juden die Rückkehr zu ihrem Volke finden gelehrt. Er hat die Wirkung einer scharfen Prüfung gehabt, welche die Schwachen nicht bestehen können, aus der aber die Starken stärker oder doch selbstbewußter hervorgehen.” Nordau, Zionistische Schriften, S. 24. Vergleiche auch den im ersten Kapitel besprochenen ausgezeichneten Roman Arnon Grunbergs De joodse messias (2004).

[29] Siehe auch die Kurzbiographie in Michael Rohrwasser, Der Stalinismus und die Renegaten, S. 350.

[30] Mit einem Vorwort von Erich Fromm. Auch ins Englische übersetzt als The Search for a Third Way. (Doubleday) .

[31] Heinz Brandt spricht vom „Scheitern des Zionismus: Statt Juden in Israel eine friedliche Heimstätte zu verschaffen, verstrickt er sie zusehens in rabiate überlebensgefährliche Aggression gegen die palästinensisch-arabische Umwelt [...]“ Vorwort zu Feindbild Jud, Hrsg. L.Spira, 1981.

[32] Diese Freundschaft wird von beiden Männern ausführlich in ihren Autobiographien beschrieben. Havemann schreibt z.B. in Fragen Antworten Fragen, wie er zusammen mit Heinz Brandt, als beide noch gläubige SED-Funktionäre waren, am 17. Juni 1953 versuchte, mit den protestierenden Arbeitern in einen Dialog zu kommen.

[33] Ein bißchen laut, In: Die fünfte Grundrechenart, S. 240.

[34] Laudatio, In: Verleihung der Ehrendoktorwürde für Heinz Brandt, S. 11 f.

[35]siehe z.B. Descartes, Bericht über die Methode, 3,4, S. 53.

[36]Descartes lehnt auch dies ab: man soll eher seine Wünsche als die Ordnung der Welt verändern. Bericht über die Methode, 3,4, S. 51. Außerdem hat Descartes, im Gegensatz zu mir, versucht, Zuschauer und nicht Akteur in den Komödien seiner Zeit zu sein. 3,6, S. 57.

[37] Bericht über die Methode, 1,5, S. 13. Descartes wird häufig für die moderne Subjekt-Objekt-Spaltung verantwortlich gemacht, die geistesgeschichtlich nicht völlig zu Unrecht in ihrer radikalsten Form sogar auch mit Auschwitz in Verbindung gebracht wird. Siehe z.B. Benno Barnard, Tegen de draad van de tijd, NRC 14./15.12.2002, S. 6. Diese cartesianische Subjekt-Objekt-Spaltung haben jedenfalls sowohl Pascal als auch Kant abgelehnt.

[38] Bericht über die Methode, 2,8-10, S. 39 f.

[39] Bericht über die Methode, 1,3, S. 11.

[40] 31.8.2004

[41] Hoe zit het met de solidariteit, NRC, 9./10.11.2002, S. 7.

[42] Der Denker auf der Bühne, S. 146.

[43] Goethe als avantgardistischer Dramatiker, S. 55.

[44] Über mich. Rede bei der Aufnahme in Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung. In: Die Mauern von Jerichow, S. 243, siehe auch Abstand, Distanz und Nähe, S. 112.

[45] Über Friedrich Dieckmann. In: Öffentlich arbeiten, S. 59.

[46] Zit. nach Klaus Garber, Rezeption und Rettung, S. 147.

[47] Meditationen, S. 111.

[48] Vgl. dazu auch Canetti, Masse und Macht, S. 329 zur Unsterblichkeit der Toten, die den Lebenden zugute kommt.

[49] Worüber man nicht reden kann, davon kann die Kunst ein Lied singen. In: Öffentlich arbeiten, S. 55; vgl dagegen Vincent Icke, Verwonderwijs, In: De eekhoornformule, S.48 ff.

[50] Elias Canetti, Die Provinz des Menschen, S. 10.

[51] Bourdieu, Homo academicus, S. 197

[52] Unter anderem durch die Nennung des Ortes Port Bou (Passage, S. 112), wo Benjamin starb, und durch wörtliche Zitate aus Lisa Fittkos Bericht von Benjamins Flucht über die spanische Grenze.

[53] Treichel, Hans-Ulrich, Verteidigung des Sekundären. In: Über die Schrift hinaus, S. 9.

[54] Die Regeln der Kunst, S. 331.

[55] Die Regeln der Kunst, S. 332. Bourdieu postuliert hier auch einen Zusammenhang zwischen Selbsterkenntnis und Objekterkenntnis.

[56] Bourdieu, Homo academicus, S. 58.

[57] Homo academicus, S. 57.

[58] Die Regeln der Kunst, S. 145.

[59] Ein weites Feld, S. 297.

[60] Ein weites Feld, S. 297.

[61] Kindlers Lexikon gibt selbst den Titel Passage verkehrt mit “Passagen” an.

[62] Siehe z.B. Anthonya Visser Blumen ins Eis (1994) Einleitung/ Zur Methode, S. 13 ff.

[63] Das Schloß, Das fünfte Kapitel.

[64] Nonsensus, NRC, 17.11.2001, S. 42.

[65] Über Friedrich Dieckmann, S. 61.

[66] Siehe www.passagenproject.com/scheinobjektiv.html

[67] Meditationen, S. 155.

[68] Die Regeln der Kunst, S. 328 f.

[69] Homo academicus, S. 13.

[70] Käthe Hamburger, zit. nach Pfister, Das Drama, S. 20.

[71] Das Drama, S. 21.

[72] Das Drama, S. 91.

[73] Das Drama, S. 58.

[74] Rede zur Verleihung des Ehrendoktortitels der Akademie der musischen Künste, 4. 10. 1996. In: Moral in Zeiten der Globalisierung.

[75] Das Drama, S. 224.

[76] Das Drama, S. 263.

[77] Versuche über Brecht, S. 102.

[78] Versuche über Brecht, S. 103. Auch z.B. Pierre Bourdieu betrachtet literarische Texte als letztlich immer politische Stellungnahmen im gesellschaftlichen und intertextuellen Feld.

[79] Einbahnstraße, Lehrmittel, S. 43 f.

[80] www.passagenproject.com/aristoteles.html

[81] Décadence, S. 568.

[82] Wohl verweist der Artikel auf Nordau-Gegner Meyrink.

[83] The Sanity of Art. An exposure of the current nonsense about artists being degenerate.

[84] Die Essays von Kraus wurden kürzlich noch in den ansonsten äußerst anfechtbaren Literaturkanon Marcel Reich-Ranickis aufgenommen.

[85] Zu Fortuyns Sozialdarwinismus: A. Hoogerwerf, Pim Fortuyn verdedigt het recht van de sterkste, NRC, 21.3.2002, S. 8.

[86] vgl. Henri Beunders, Nieuwe nostalgie, NRC, 23.3.2002, S. 27.

[87] vgl auch “ ‘Ideeën Fortuyn herinneren aan Mussert’ ”, NRC, 6.6.2002, S. 3.

[88] vgl Kees Schuyt, Maakbaarheid en ontvankelijkheid, Volkskrant, 13.3.2002, S. 7. Herman Franke, Poëzie als cultureel en moreel verzet, Volkskrant, 7.6.2002, S. 27. Bas Heijne, Kunst, NRC, 2.2.2002, S. 9.

[89]  Sicher gibt es auch Ausnahmen, z. B. meinte Hellmuth Karasek im Literarischen Quartett am 30.6.2000, daß Heins Willenbrock wohl kaum als Kunst bezeichnet werden könne, und betonte Marcel Reich-Ranicki, wie schwer es sei, irgend etwas Lobenswertes an diesem Roman zu finden.

[90] Ich stimme Bourdieus kritischer Betrachtung von Kunst-Definitionskämpfen zu (Die Regeln der Kunst, S. 353 ff.). Eine universelle, überzeitliche Definiton des Schriftstellers/ Künstlers existiert natürlich nicht, was aber nicht heißt, daß man nicht versuchen darf, am konkreten Fall eine Kunstdefiniton zu versuchen. Die Gegenüberstellung von Hein und Hein-inkompatiblen Autoren dient einer möglichst deutlichen Beschreibung und Abgrenzung. Viele Autoren lassen sich nicht in diese kontrastierende Gegenüberstellung einordnen. Dies gilt zum Beispiel für die hier besprochenen oder erwähnten Autoren Heinrich Mann, Sigmund Freud, Max Frisch, Martin Walser, Rolf Hochhuth, Dieter Forte, Ulrich Plenzdorf und Heinar Kipphardt. Auch diese Autoren unterscheiden sich von Hein, allerdings eher graduell als absolut. Wenigstens einige der Texte dieser Autoren tragen zynische/idealisierende/ trivialpsychologische Züge.

[91] Peter Sloterdijk, Kritik der zynischen Vernunft, S. 341.

[92] „Alles wat wel doordrongen is van de wereld maar niet van de dood is geen kunst maar handel.“ Cornel Bierens, Het kralenparadijs, NRC 7.3.2003, S. 21.

[93] vgl. Aussprachen des niederländischen LPF-Kulturpolitikers Cees van Leeuwen, zit. nach Maartje Somers, De waarde van geestelijk kapitaal, NRC, 21.9.2002, S. 7.

[94] Günter Eich im Gedicht Träume (1951/53): Seid unbequem, seid Sand, nicht Öl im Getriebe der Welt!”

[95] Ein weites Feld, S. 659.

[96] Jaqueline Rose, Response to Edward Said, In: E. Said, Freud and the Non-European, S. 66.

[97] “Kulturoptimismus” wie z.B. vertreten von Jan Willem Duyvendak und “Kulturpessimismus” von Paul Cliteur. Pieter Hilhorst De angst voor arrogantie, Volkskrant, 26.8.2000.

[98] Passagen-Werk, S. 599.

[99] Sloterdijk, Kritik der zynischen Vernunft,. S. 425.

[100] Picard/Schiller Der Parasit, Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft, Fünftes Buch (366), S. 275.

[101] Jan Luijten zu Willenbrock in der Volkskrant, 18. 8. 2000, S. 14: “Hein heeft geen moraliseerend boek geschreven- de lezer mag zelf zijn lessen trekken.” Graham Jackman, Introduction to Christoph Hein in perspective, S. 4 :“In prose en drama alike, he [Hein]  is content to leave the interpretation to his readers ...” Detlef Gwosc, Der Publist und Redner, S. 12: “Vielleicht ist in den Prosabüchern und Dramen des Autors [Heins] nicht immer der erhobene Zeigefinger sofort erkennbar, aber zumindest der Publizist und Redner Christoph Hein offenbart didaktisch-pädagogische Züge [...]”.

[102] Dubravka Ugresic, Verboden te lezen!, Breda, 2001, S. 38 ff.

[103] Die fröhliche Wissenschaft, Fünftes Buch, S. 239.

[104] Für mich ist eine reaktionäre Haltung eine undemokratische, intellektuell rigide und autoritätshörige Haltung. Reaktionär ist für mich gleichbedeutend mit unfreiheitlich. Von Postmodernen wird der Begriff „reaktionär“ ganz anders verwendet, z.B. für ein selbstsicheres Qualitätsbewußtsein oder für Traditionsbewußtsein. Für Max Nordau ist die moderne Kunst „reaktionär“, weil sie sich einem simplem Fortschrittsoptimismus widersetzt. Entartung, Bd. 2, S. 556. Sprachliche Begriffe sind alles andere als logische Klassen (Bourdieu, Homo academicus, S. 67); der gleiche Begriff wird sehr häufig für Gegenteiliges verwendet. Begriffe dürfen nicht als Eigennamen verstanden werden, sondern werden nur in ihrem Kontext deutlich.

[105] Der Mensch in der Revolte, S. 206.

[106] Pierre Bourdieu, Die Regeln der Kunst, S. 135.

[107] Vgl. Henk van Renssen, Wetenschap kampt met geloofwaardigheid Volkskrant, 20.9.2003, S. 3W;

B. Levering en L. Vriens, Wetenschappers moeten niet zwichten voor opdrachtgevers, NRC, 5.12. 2003, S. 7; Interview met Noam Chomsky im NRC ‚M‘ 12/ 2003, S. 36 ff.

[108] Alfred Andersch, Kirschen der Freiheit, S. 71.

[109] NRC 17.3.2003, S. 7.

[110] Prof. Dr. Anthonya Visser, zit nach NRC 24.5.2002, S. 2 und 4.6.2002, S. 7; vgl auch die Werbung der Universität Leiden “Zoek de verschillen”, wo auf zwei Fotos dieselbe Frau mit zwei verschiedenen Frisuren abgebildet wird.

[111] Zu Imago versus Identität und Faschismus siehe Arno Gruen, Der Fremde in uns, S. 181 ff.

[112] Henk Hofland, NRC, 9.5.2001, S. 9.

[113] Zum Agentenmotiv und Walter Benjamin siehe Peter Sloterdijk, Kritik der zynischen Vernunft, S. 227.