Passage(n)-Projekt.
Űber das
weite Feld zwischen Max Nordau, Walter Benjamin und der
Christoph-Hein-Rezeption an der Universität Leiden
© Maria Trepp 2004, 2005,2006 Alle Rechte
vorbehalten M.Trepp@wanadoo.nl
Inhalt
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Meine Arbeit postuliert die folgenden wesentlichen Zusammenhänge:
1. Christoph Heins Stück Passage stellt eine Modellierung dar von Max Nordaus Schriften, vor allem von dessen Buch Entartung. Christoph Hein stellt Walter Benjamins Passagen-Werk als ein Produkt entarteten Denkens dar.
2. Christoph Heins Denken kann mit guten Gründen faschistisch und antisemitisch genannt werden.
3. Günter Grass hat sich ausführlich mit Hein und dessen faschistoiden und antisemitischen Denkbildern auseinandergesetzt, vor allem, aber nicht nur, in Ein weites Feld.
4. Die positive Christoph-Hein-Rezeption an der Universität Leiden und die damit zusammenhängende Zensur sind sehr gut im Einklang mit der heutigen fremdenfeindlichen Stimmung in den Niederlanden. Bei der Fachgruppe Germanistik der Universität Leiden, bei der sich der Konflikt um Passage abspielte, wird jetzt (von dem Mitarbeiter Jerker Spits) der Rechtspopulist Geert Wilders und der Nazi-Jurist und Antisemit Carl Schmitt verherrlicht.[1]
1.4. Christoph Hein im
philosophisch-literarisch-politischen Feld
1. Einleitung
Das Passage(n)-Projekt
ist ein kollektives wissenschaftlich-künstlerisch-journalistisches Projekt.[2]
Das Passage(n)-Projekt ist ein Widerstandsprojekt gegen Zensur und
mittelalterliches Denken in Wissenschaft, Kunst und Gesellschaft und ein
Manifest gegen den Zynismus in Wissenschaft und Gesellschaft im Sinne von Peter
Sloterdijks Kritik der zynischen Vernunft. Das Passage(n)-Projekt
ist außerdem eine Hommage an die Wissenschafts-, Kunst- und
Gesellschaftstheorie von Walter Benjamin, Günter Grass und Heinz Brandt.
Im Mittelpunkt meiner Arbeit steht die Analyse von Christoph Heins Drama Passage (1987), einem Stück, das an der Universität Leiden aufgeführt werden sollte. In Passage wird der jüdische Literaturtheoretiker Walter Benjamin als ein impotenter Schwätzer, verwöhnter Parasit und unnützlicher Wissenschaftler verhöhnt und wird Benjamins Passagen-Werk als entartetes Denken dargestellt. Wie hier aufgezeigt werden soll, ist ein direkter intertextueller Zusammenhang festzustellen zwischen dem Werk von Max Nordau, Verfasser des einflußreichen Werkes Entartung (1892/93) und dem Werk des Autors Christoph Hein. Mein Titel spielt auch an auf Günter Grass’ Roman Ein weites Feld (1995), sowie auf den Bezug dieses Romans auf Christoph Hein und Max Nordau. Mit dem Stichwort “Feld” schließe ich außerdem an Pierre Bourdieus Werk und Bourdieus gesellschaftlichen und literaturtheoretischen Feld-Begriff an.
Meine Arbeit hat viele verschiedene Ebenen: auf der konkretesten Ebene handelt meine Arbeit von Heins Drama Passage und der Hein-Rezeption an der Universität Leiden; auf der abstraktesten vom autoritären Idealismus und Aristotelismus der vergangenen 2000 Jahre. Dazwischen handelt meine Arbeit von den totalitären Zügen des modernen Markt- und Management-Denkens (z.B. an der Universität Leiden) und vom faschistoiden Populismus der letzten hundert Jahre.
Es handelt sich bei der vorliegenden Arbeit um eine erweiterte Version einer Abschlußarbeit des Germanistikstudiums an der Universität Leiden.[3] Diese Abschlußarbeit mit dem Titel Politische Tendenz und literarische Qualität in Christoph Heins Kammerspiel ‘Passage’ wurde bei der Fachgruppe Deutsch abgelehnt. Der Inhalt der Abschlußarbeit, der auch den Kern der vorliegenden Arbeit darstellt, war ein Beitrag zu einer aktuellen Diskussion an der Fachgruppe: zu der Auseinandersetzung um die Aufführungspläne der Fachgruppe von Heins Drama Passage.
Im Wintersemester 1999 wurde bei der Fachgruppe Deutsch der Universität Leiden der Versuch unternommen, dieses Stück mit Studenten aufzuführen. Die Aufführungspläne scheiterten an dem Widerstand der Studenten. Die Ablehnung des Stücks gründete sich hauptsächlich auf den undramatischen und wenig spielerischen Charakter von Passage, richtete sich aber auch gegen die poetische Qualität des Stücks. In einer abschließenden Diskussion wurde Passage von keinem der teilnehmenden Studenten verteidigt; daneben wurde der ethische Gehalt des Stücks in Frage gestellt.
In der ursprünglichen Arbeit wurde besonders den Argumenten der Diskussion zwischen Studenten und Dozenten Aufmerksamkeit geschenkt. Ein Fragenkomplex berührte die Darstellung des Dr. Frankfurther. Dabei wurde von Prof. Anthonya Visser verneint, daß das Stück ein negativ verzerrtes Bild des Literaturtheoretikers Walter Benjamin gebe. Eine zweite wichtige Frage wurde durch von Prof. Anthonya Visser aufgeworfen; sie argumentierte, daß das Stück gerade so gut zeige, daß Juden auch Deutsche seien; ganz besonders an der Figur Hirschburgs sei dies zu sehen. Mit ihrer Auffassung des Stücks steht die Professorin keineswegs allein. Im Kritischen Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur schreibt Manfred Behn zu Heins Passage:
“Hoffnungsvoll, geradezu wundersam ist die letzte Szene, in der 15
Juden in Kaftanen, aus der Gegend von Auschwitz quer durch Europa geflohen, mit
dem deutschnationalen Juden an der Spitze der spanischen Grenze zueilen.” [4]
Es läßt sich zeigen, daß gerade die Darstellung der “15 Juden in Kaftanen” und der Figur Hirschburgs die Judenfeindlichkeit des Stücks nicht aufhebt, sondern vertieft und einen wesentlichen Beitrag leistet zur Abwertung des Dr. Frankfurther.
Alles, was ich hier aufgeschrieben habe, liegt in meiner heftigen Gefühlsreaktion begründet, die schon das Lesen der drei ersten Seiten von Passage bei mir hervorrief, und in meinem Haß gegen die Judenfeindlichkeit dieses Dramas, die ich erst nach dem Lesen des ganzen Stücks wirklich sehen konnte. Im Laufe der Zeit wurde mir ständig mehr bewußt, daß diese Gefühle, die Passage bei mir hervorruft, nicht nur mit Judenfeindlichkeit im ganz Allgemeinen zu tun haben, sondern in privaten Erfahrungen und Erlebnissen wurzeln. Auf der anderen Seite sah ich aber auch immer mehr, daß das Problem der Hein-Rezeption sich nicht auf Judenfeindlichkeit reduzieren läßt, sondern daß eine positive Hein-Rezeption nur mit einer antiaufklärerischen, wert- und geschmacksbefreiten Haltung oder mit einer idealistisch-aristotelischen Haltung möglich ist; daß also das Problem der Hein-Rezeption auch ein Problem der antimodernen Postmoderne[5] ist. Von vielen wurde die Tatsache, daß meine erste Kritik des Stückes auf dem Lesen von nur drei Seiten von Passage gegründet war, (also extrem wert- und geschmacksbelastet ist), als Beweis dafür angesehen, daß meine Argumente nicht qualifiziert sein können. Selbst glaube ich aber, ganz im Geiste von Rabelais, der in Vorwort zu Gargantua meint: „Es ziemt euch, nach des Hundes Vorbild klug zu sein, auf daß ihr diese wohlgenährten Bücher wittert, riechet und schätzt“[6], daß im Fall Passage schon eine minimale Textmenge genügt, um von der maximal unerotischen und maximal unpoetischen Qualität dieses Textes zu überzeugen.
Der Leidener Astrophysiker Vincent Icke, mit dem ich beim Schreiben meiner Arbeit eng zusammen gearbeitet habe, meint, daß ein Wissenschaftler seine Forschung oft nicht mit einer Frage beginnt, sondern mit einer Wahrnehmung.[7] Genau so war es bei mir. Ich hatte keine Frage zu Christoph Hein, der mich auch eigentlich überhaupt nicht interessiert. Ich habe allerdings bei Hein etwas wahrgenommen (diese Wahrnehmung war übrigens -und dies ist wichtig!- nicht nur durch das Lesen des Stückes ausgelöst worden, sondern dadurch, daß ich eine der Rollen des Stückes - Rosa Grenier- spielen sollte. Meine Lesehaltung war also nicht die eines Lesers, sondern eines die Mitspielers- auch daraus erklärt sich die starke Ablehnung die ich fühlte). Diese Wahrnehmung, die ich selbst für banal hielt und halte, hat sich verblüffenderweise als maximal kontrovers und deswegen als wissenschaftlich sehr ergiebig herausgestellt. Icke betont immer wieder, wie wichtig das Wahrnehmen – und nicht unbedingt die Neugierde- in der Wissenschaft ist.[8] Vielleicht war es wirklich eine besondere Leistung, daß ich bei Hein überhaupt etwas wahrgenommen habe. Meine Wahrnehmungsfähigkeit ist begründet in meinem lebenslangen Mißtrauen gegen selbstgerechte und phantasielose Zyniker und meinen Erfahrungen mit deren Denkstrukturen. Meine Wahrnehmungsfähigkeit war aber auch durch die lange Auseinandersetzung mit Brecht und seinen Gedanken zur Verfremdung (was nichts anderes ist als andersartiges, neues Wahrnehmen) geschärft.
Der Amsterdamer Soziologe Kees Schuyt, mit dem ich ebenfalls beim Schreiben meiner Arbeit eng zusammengearbeitet habe, zitiert Jaques Barzun, der seinerseits zu den Zielen von Ausbildung William James zitierte: „A college education is to help you to know a good man when you see him.“ Und Schuyt fügt hinzu, daß moralisches Urteilen in Kombination mit kritischer Selbstreflexion das wichtigste Ziel der Erziehung ist. Der Satz von William James kann meiner Ansicht nach auch sehr gut umgedreht werden, und besagt dann, daß es das Ziel der Erziehung wäre, einen schlechten Menschen zu erkennen, wenn man ihn sieht. Ich meine, daß ich dieses in die Praxis gebracht habe, und daß ich damit nicht nur bewiesen habe, daß ich selbst viel gelernt habe, sondern auch, daß die Ausbildung, die ich in Leiden (aber nicht nur da) erhalten habe, von hoher Qualität war.
Aus meiner ablehnenden Wahrnehmung heraus ergab sich die grundlegende Frage meiner Untersuchung: Warum finde ich das Stück Passage so schlimm? Die Struktur dieser Frage an sich ist kompliziert, weil sie direkt mit der wissenschaftstheoretischen Frage nach Objektivität und Subjektivität zusammenhängt. Zwischen objektiver und subjektiver Erkenntnis ist für mich keine absolute Grenzlinie zu ziehen. Die Frage nach dem Objekt Passage war also auch zugleich eine Frage nach dem erkennenden Subjekt, also nach mir selbst. Pierre Bourdieu zitiert Pascal (der auch von Hein in Passage –in einem abwertenden Kontext - genannt wird)[9] zum untrennbaren Zusammenhang von Objektivität und Subjektivität:
„Durch den Raum erfaßt und verschlingt das Universum mich wie einen Punkt: Durch das Denken erfasse ich es.“[10]
Vincent Icke meint, daß der Wissenschaftler manchmal durch zu viel Wissen gehindert werden kann.[11] Ich bin froh, daß ich beinahe nichts über Christoph Hein wußte, als ich das Stück Passage zum ersten Mal las. Hätte ich geahnt, wie anerkannt und einflußreich Hein ist, hätte ich meine Wahrnehmungen wahrscheinlich sehr schnell zensuriert. Weil ich aber nicht mit positiven Vorurteilen zu Hein vorbelastet war, traf mich der Text von Passage als das, was er fünf Jahre und hunderte Seiten produzierter Forschungsarbeit später für mich immer noch und jetzt erst recht ist: brutale, banale, zynische und billige Anti-Kunst (eine Anti-Kunst, die übrigens nichts mit Dada gemeinsam hat, sondern als auch maximal Anti-Dada bezeichnet werden kann). Trotzdem ist mir jedes Verabsolutieren von Gefühlen fern, umgekehrt, Instinktverherrlichung und Kritiklosigkeit werden gerade auf eine gefährliche Weise von Christoph Hein in Passage propagiert. Moderne Literatur fordert viel vom Leser, und auch die Texte von anderen Autoren als Hein haben bei mir eine Abwehr ausgelöst, die sich manchmal, aber nicht immer, über die Zeit hinweg erhalten hat.[12] Gefühle müssen von kritischem Denken begleitet werden. Pierre Bourdieu hat sich ausführlich mit der Problematik von Geschmacksurteilen beschäftigt. Er zeigt in Die feinen Unterschiede (1979), wie der “gute Geschmack” dazu dient, die eigene gesellschaftliche Position und die eigene Verfeinerung, Gelehrtheit und Belesenheit zur Schau zu stellen und zu verteidigen. Ich stimme Bourdieu zu, und meine, daß mein negatives Geschmacksurteil gegenüber Hein nicht das Urteil einer kultivierten Person den Unkultivierten gegenüber war. Hein und seine Freunde sind gerade kultivierte Leute, die mir in Sachen Belesenheit, Bildung und sozialem Status viel voraus haben. Das Wertesystem, das Passage zugrunde liegt - und dies macht sicher einen Teil meiner Ablehnung aus - ist ein engstirnig-kleinbürgerliches. Aber mein Urteil zu Passage ist nicht das einer Großbürgerin den Kleinbürgern gegenüber. Hein und seine Freunde haben gesellschaftlich sehr angesehene Positionen; andererseits gehöre ich selbst von meiner Herkunft her teilweise dem Kleinbürgertum an. Bourdieus Kritik am “guten Geschmack” ist eine Kritik am verfeinerten Geschmacksurteil, das sich auf eine Antithese von Kultur und Natur gründet und volksnahen, körperlichen Genuß als minder abtut.[13] Mein Geschmacksurteil zu Passage war im Gegensatz dazu eine körperlich begründete Abscheu vor dem kunst-, körper- und lebensfeindlichen Idealismus, der sich in Passage manifestiert.[14]
Eine wichtige Argumentation zum Geschmacksurteil habe ich bei Diderot gefunden. Ernst Cassirer schreibt über Diderots Überlegungen zum Geschmacksurteil:
Für ihn [Diderot] ist der Geschmack zugleich subjektiv und objektiv subjektiv, weil er keine andere Basis als das indviduelle Gefühl besitzt, objektiv, weil eben dieses Gefühl nur as Ergebnis und der Nachklang hundertfacher individueller Erfahrungen ist. In seiner bloßen Tatsächlichkeit, in seiner reinen Gegenwart ist er freilich ein nicht weiter Definierbares, und ein nicht weiter Begründbares, ein ‚je ne sais quoi’; aber ein mittelbares Wissen von diesem ‚Unwißbaren’ läßt sich gewinnen, wenn wir diese Gegenwart auf ihre Vergangenheit zurückbeziehen. In jedem Geschmacksurteil faßt sich eine Unzahl früherer Erfahrungen zusammen.“[15]
Weil ich vom Geschmacksurteil ausgegangen bin, bin ich, im Laufe meiner Objektivierungsbemühungen, auf meine eigene Geschmacksbildungsgeschichte gestoßen und bespreche diese im Methodenteil der Einleitung mit
Ich habe, veranlaßt durch die Kritik an meiner ersten abgewiesenen Abschlußarbeit, nämlich daß die Arbeit nicht “objektiv“ sei (was ich übrigens gar nicht bestreite), mit der ursprünglichen Arbeit ein Experiment unternommen, und versucht, durch Streichungen und Anpassungen eine (schein)objektivierte Analyse von Passage zu erhalten. Das Resultat dieser Verstümmelung der Arbeit[16] ist teils schrecklich, teils lustig, also grotesk. Das Verzichten auf die Darstellung von Zusammenhängen und das Vermeiden des Ziehens von kritischen Schlußfolgerungen ergibt keineswegs eine “objektive” Arbeit. Es ist aber interessant, daß aber die wesentlichen Erkenntnisse auch dann immer noch bewahrt blieben, als sie von jeder kritischen Schlußfolgerung befreit wurden. So entkommt ein kritischer Leser meiner “objektivierten” Arbeit kaum dem Schluß, daß es sich bei Heins Stück um ein judenfeindliches Drama handelt. Einen prinzipiell unkritischen Leser dagegen wird auch die vorliegende tendenziöse Arbeit nicht überzeugen können.
“Wer komplexe Wirklichkeit leugnet, gibt sich gern objektiv und bezichtigt die Problembewußten der Wirklichkeitsflucht und Träumerei. Nicht einmal bei den scheinbar eindeutigsten und entschiedensten Figuren läßt sich ‘objektiv’ bestimmen, für welche Tendenz sie letztlich angeheuert sind [...] “[17]
Wissenschaft muß sich um Objektivierung
bemühen, beginnt aber immer in der subjektiven Sphäre. Dies gilt sogar auch für die Naturwissenschaft:
“Het is amusant, dat ook nieuwe natuurkunde begint als een piepkleine waarheid in het hoofd van één mens. In dat stadium is de natuurkundige waarheid niet te onderscheiden van geloof of van kunst.” [Es ist amüsant, daß auch neue Naturwissenschaft beginnt als winzig kleine Wahrheit im Kopf von einem Menschen. In diesem Stadium ist die naturwissenschaftliche Wahrheit nicht zu unterscheiden von glaube oder Kunst] [18]
Eine absolute Objektivitätsforderung ist gleichbedeutend mit einer Forderung nach innerer Zensur: bestimmte Wahrnehmungen, die zunächst nicht anders als subjektiv sein können, dürfen nicht mehr gemacht werden. Nach der Meinung Peter Sloterdijks wird (vermeintliche) ‘Objektivität’ mit einer „methodischen Stillstellung oder Normierung dessen erkauft, was das Subjekt beim ‘Erkennen’ darf oder nicht darf.”[19] Diese Meinung vertrat auch der kürzlich verstorbene französische Soziologe Pierre Bourdieu. Er meinte, daß die Idee von der wissenschaftlichen Objektivität eine Form der Zensur sei.[20]
Vincent Icke verlangt zu Recht, daß neue Erkenntnisse im Großen und Ganzen mit früheren Erkenntnissen vereinbar sein müssen:
“Het is een romantische misvatting, dat de wetenschap voortschrijdt door ‘vernietigen van het oude’ “ [Es ist ein romantisches Mißverständnis, daß die Wissenschaft fortschreitet durch die ‚Vernichtung des Alten‘].[21]
Tatsächlich ist auch alles, was ich über Hein sage, relativ banal und nichts anderes als eine Anwendung der Standard-Dramenanalyse Manfred Pfisters; der Wissenschafts-, Kunst- und Gesellschaftsreflexion von Vincent Icke und Pierre Bourdieu; und der Kunstphilosophie Peter Sloterdijks. Immer wieder wurde mir von meiner Umgebung, die meine Hein-Antipathie mehr oder weniger als einen spleen einordnete, vorgehalten, daß Hein entweder ein völlig unbekannter oder unbedeutender Autor sei und die Beschäftigung mit ihm schon von daher unergiebig sei oder daß es ansonsten unmöglich sei, daß niemand außer mir das Problem Hein erkannt haben sollte. Letzteres konnte ich immer nur damit kontern, daß ich sicher nicht die erste bin, die das Problem sieht, aber daß man Hein als Ossi nicht öffentlich hat angreifen wollen. Inzwischen habe ich entdeckt, daß Günter Grass’ Roman Ein weites Feld (1995) eine ausführliche Auseinandersetzung mit Heins Antisemitismus, dessen geistesgeschichtlichen Wurzeln und auch Heins gesellschaftlicher und literaturwissenschaftlicher Stellung darstellt. Grass’ Darstellung ist komplex verschlüsselt - auch er landete keinen undifferenzierten Frontalangriff auf einen Ossi - und ich konnte sie nur deswegen verstehen, weil sie direkt an meine eigene Analyse anschließt. Icke fordert mit Recht, daß neue wissenschaftliche Erkenntnisse sich dadurch beweisen müssen, daß sie Vorhersagen machen können, die sich bewahrheiten. In der Literaturwissenschaft ist dies nicht ganz so leicht möglich wie in der Naturwissenschaft. Doch meine ich, daß ich im Fall Hein eine Reihe von Vorhersagen gemacht habe, die sich bewahrheitet haben. Meine Abwehr gegen Hein, die anfänglich nur auf dem Lesen von drei Seiten von Passage gegründet war, hat nach fünf Jahren Analyse und kritischer Prüfung nichts als Bestätigung erhalten. Diese Bestätigung ist mehr als eine simple Selbstrechtfertigung. Ich kann meine Auseinandersetzung mit kritischen Einwänden aller Art im Detail nachweisen. Meine Hein-Bewertung erhält zudem auch noch Bestätigung von einem so schwergewichtigen Kenner der deutschen Kultur wie Günter Grass.
Meine Arbeit durchbricht viele Tabus.
Ich habe ein Tabu durchbrochen, indem ich als eine in der Demokratie aufgewachsene Beurteilerin einen DDR-Autor sehr negativ beurteile. Sicher kann es nicht Ziel der Literaturwissenschaft sein, Autoren zu verurteilen und abzulehnen. Normalerweise wird man in einer Arbeit einen Autor besprechen, den man schätzt. Die schlechte Angewohnheit vieler Literaturwissenschaftler, über Künstler herablassend zu schreiben, kann als Schuß nach hinten losgehen, wenn sich erweist, daß der Literaturwissenschaftler die Komplexität hinter scheinbar einfachen literarischen Konstruktionen nicht durchschaut hat. Im Fall Hein muß zugestanden werden, daß sich unter der banalen Textstruktur eine unerwartete philosophische und intertextuelle Komplexität verbirgt. Ich habe im Laufe der Beschäftigung mit Passage überrascht feststellen müssen, daß Hein literarisch und philosophisch extrem belesen ist. Meine Kritik an Hein ist deswegen eine Kritik an den philosophischen und politischen Voraussetzungen seiner literarischen Texte, die, wie gezeigt werden soll, weitreichende Konsequenzen für die poetische Qualität haben.
Eine im konkreten Fall Hein große Schwierigkeit ist die Tatsache, daß Hein als Ostdeutscher, der selbst in einem autoritären System aufwuchs, eine gewisse Immunität genießt - insbesondere allen Wessis gegenüber. Es ist unerträglich, daß viele Schriftsteller aus dem Osten nach der Wende an den Pranger gestellt wurden. Deswegen hat Günter Grass seine beißende Hein-Kritik in seiner ausführlichen Auseinandersetzung mit Hein und seinem Antisemitismus in Ein weites Feld auch verschlüsselt und hat seinen Kollegen nicht[22] namentlich angefallen. Auch Sjaak Onderdelindens Artikel zu Heins Stück Die Ritter der Tafelrunde (Onderdelinden war der Regisseur von Passage in Leiden, und gleichzeitig auch derjenige, der mich aufgefordert hat, meine Analyse über den Antisemitismus in Passage auf Papier zu setzen) enthält sich der direkten Wertungen und stellt Heins Stück und seine öffentlichen Äußerungen in einen objektivierten Zusammenhang. Was in der vorliegenden Arbeit als Heins Systemangepaßtheit beschreiben wird, formuliert Onderdelinden nur indirekt, indem er zunächst auf Heins eigenen Anspruch, ein Systemkritiker zu sein, hinweist, und gleichzeitig die Interpretation der Tafelrunde doch deutlich zeigt, wie sehr Hein sich auf die Seite des alten Politbüros stellt: Onderdelinden gibt an, daß Hein mit seiner kompromißlosen Wahrheitssuche auch zum “Nestbeschmutzen” bereit wäre;[23] gleichzeitig zeigt er aber auch - ohne daß diese zwei widersprüchlichen Tatsachen in seinem Artikel ausdrücklich aufeinander bezogen würden - , daß die Haltung, die Hein mit der Tafelrunde im Verhältnis zum Politbüro einnimmt, doch vor allem die eines sich Kontinuität wünschenden, sich vor dem Vater verneigenden Sohnes sei.[24] Ohne zu moralisieren oder zu ausdrücklich zu provozieren, mißt Onderdelinden Hein so an seinen eigenen Maßstäben.
In einer Situation, in der man als Literaturwissenschaftler keinen akuten und persönlichen Anlaß hat, sich gegen einen wie auch immer angepaßten Autor auszusprechen, können Ironie und understatement angemessene Mittel der distanzierten wissenschaftlichen Auseinandersetzung sein.
Während es einerseits von niemandem gefordert werden kann, alles, was gesagt werden könnte, auch immer zu sagen (Onderdelinden läßt z.B. die Morddrohung der Vätergeneration an den Sohn außer Acht),[25] kann doch nicht umgekehrt gefordert werden, daß Literaturwissenschaftler sich nicht kritisch mit der Rezeption eines Autors und dessen antidemokratischem Werk auseinandersetzen dürfen, wenn sie ganz konkret mit dieser Problematik in ihrer nächsten Umgebung konfrontiert werden.
Ich selbst sehe mich Hein gegenüber nicht nur als ein beurteilender Wessi gegenüber dem Ossi - ein Aspekt, den ich natürlich nicht beseitigen kann, aber durch den ich mich in diesem konkreten Falle nicht hindern lassen will. Hein und ich teilen auch einen gewissen biographischen Hintergrund: wir stammen beide aus dem evangelischen Pfarrhaus, dessen deutschnational-judenfeindliche Tradition ich außerdem auch aus der eigenen Familiengeschichte kenne. [26]
Ein zweites Tabu durchbreche ich, indem ich die präfaschistische Tendenz in den Schriften des Juden Max Nordau aufweise. Es gibt wenig kritische Sekundärliteratur zu Nordau. Auch ich hätte mich nicht mit Max Nordau auseinandergesetzt; ich wäre mit Sicherheit Nordau aus dem Weg gegangen oder hätte wenigstens versucht, so wie sein Biograph Christoph Schulte, ihn rücksichtsvoll-objektivierend zu besprechen, wenn ich mich nicht schon restlos und ohne Rückzugsmöglichkeit einem Kampf gegen “Hein und seine Freunde” verpflichtet hatte, als ich Heins Nordau-Jüngerschaft entdeckte. Ich hatte mich schon selbst in eine Ecke manövriert und konnte es nicht mehr vermeiden, der Tatsache ins Auge zu sehen, daß Nordaus Werk keinen anderen Schluß zuläßt, als daß ein Jude wesentliche Gedankengänge Hitlers vorweggenommen hat. Ich kann keinen anderen als eben diesen Schluß ziehen, auch wenn ich mit Entsetzen entdeckt habe, daß die Nordau-Rezeption genau parallel läuft zu der Hein-Rezeption. Man stimmt Nordau weitgehend zu, ebenso wie man Christoph Hein schätzt. Das Triumphgefühl, das ich neben allen Ekelgefühlen beim Lesen von Nordau hatte - daß ich nämlich nun Hein als Entartungsdenker endgültig überführen konnte - wird inzwischen wieder durch Resignation ersetzt. Christoph Hein stellt dem Juden Frankfurther, der sich eng an Walter Benjamin anlehnt, als Musterbeispiel eine an Max Nordau angelehnte Figur gegenüber, den Juden Hirschburg. Hein hat damit demjenigen, der ihm seine Judenfeindlichkeit nachweisen will, eine raffinierte Falle gestellt. Denn der Nachweis der geistesgeschichtlichen Wurzeln von Heins Antidemokratismus erzwingt, daß man sich gleichzeitig mit der faschistoiden Tendenz bei jüdischen Denkern auseinandersetzt- und eben diese Tendenz ist das das wichtige Thema in Arnon Grunbergs De joodse messias (2004), einem Roman, den ich auch bespreche.
In seiner Novelle Krebsgang setzt sich Günter Grass ebenso wie in seinem Roman Ein weites Feld mit Hein und mit Nordau auseinander. Er zeigt im Krebsgang auf, wie unmenschlich und selbstzerstörerisch ein forcierter Philosemitismus wird und wie nahe sich der Zionismus (Nordau war Zionist) und der Faschismus sind.[27] Der Fall Max Nordau zeigt, daß eine Pro-Israel-Haltung sehr gut mit Antisemitismus einher gehen kann,[28] so sehr dieser Gedanke auch dem Alltagsdenken widerstrebt.
Christoph Hein hat “seinen” Juden, auf den er sich stützen kann: Max Nordau. Aber auch ich kenne einen Juden, der in der deutschen Geschichte eine wesentliche Rolle gespielt hat, einen wie Nordau literarisch sehr belesenen Juden, dessen Lebenslauf in vielfältigen Beziehungen zu der vorliegenden Arbeit steht. Der humanistische Sozialist Heinz Brandt hat nicht nur neun Jahre Nazi-Zuchthaus und später Auschwitz und Buchenwald überlebt (war an der Befreiung von Buchenwald beteiligt) ; er war auch ein intimer Kenner des ostdeutschen Staates und ost-westdeutscher Korruption. Heinz Brandt, Exkommunist und “Renegat“,[29] wurde, nachdem er aus dem Osten in den Westen geflohen war, vom KGB (wie sich später herausstellte: unter Mithilfe von IG-Metall-Vorstandsmitgliedern) aus West-Berlin entführt und verbrachte drei Jahre in Einzelhaft in Ostberlin. Nach seiner durch Amnesty International und Bertrand Russell betriebenen Freilassung hat er als deutschlandpolitischer Berater der SPD an der Ostpolitik der Koalition mitgearbeitet. Heinz Brandt hat außerdem auf mein Leben einen großen Einfluß gehabt. Obwohl ich ihn selbst nicht oft getroffen habe, war ich über ihn und sein Leben; seine Konflikte mit der IG-Metall, den Grünen, der Kernkraft-Lobby, seine Meinungen und Vorlieben auf dem Laufenden (er war z.B. ein großer Günter-Grass-Fan; sein Lieblingsbuch war der Butt. Er kannte Grass persönlich von gemeinsamen Gewerkschaftsseminaren). Schon sein Andenken allein wäre Grund genug, um die Welt- und Literatursicht Heins und der Hein-Anhänger zu bekämpfen. Brandts Autobiographie Ein Traum, der nicht entführbar ist. Mein Weg zwischen Ost und West (1967)[30] gibt den Standpunkt eines mutigen Mannes, der wie Hirschburg die Verfolgung überlebt und seinen Glauben behält. Doch kann Heinz Brandts Leben und sein hoffnungsvolles Denken auf keinen Fall als Kontrastprogramm zu sich aufgebenden Selbstmördern begriffen werden. Es kann allerdings als Kontrastprogramm zu einem an das unmenschliche DDR-System angepaßten Denken gelten ebenso wie auch als Kontrastprogramm zu einer an die moderne Marktwirtschaft optimal angepaßten „Wissenschaft“.
Treibe ich selbst also auch das Spiel “guter Jude gegen schlechter Jude”, das Hein spielt? Ist also Heinz Brandt der gute Jude gegen den schlechten Juden Nordau? Umgekehrt. Für mich war die jüdische Kultur, bevor ich Nordau kennenlernte, eine Kultur der Gelehrten und der kritischen Denker. Dieses positive Vorurteil hat einen Kratzer bekommen.
Bei aller harten Nordau-Kritik kann ich mich jedoch nicht mit einem streng anti-zionistischen Standpunkt identifizieren. Es ist wahr, daß einige Zionisten Rassisten waren und sind und daß sie einiges mit den Nazis gemeinsam hatten (und einige wohl auch haben). Es ist auch nachgewiesen worden, daß einige Zionisten konkret mit den Nazis kooperiert haben. Ich lehne aber jeden Versuch ab, den Opfern die Schuld der Verfolgung in die Schuhe zu schieben ab wie auch eine Kritik an dem Staat Israel an sich.[31] Ich bekämpfe Faschismus und Rassismus, auch bei Juden. Es kann aber in Europa keine Kritik an einem Juden geben, die nicht die jahrhundertelange Judenverfolgung im Auge behält. Nordau-Kritik heißt nicht, den Juden die Verfolgung in die Schuhe zu schieben. Gerade der Nordau-Fan Hein bringt es fertig, seine Nordau-Verehrung mit einer Anklage an die Opfer der Verfolgung zu verbinden. Außerdem ist nicht alle Hein-Kritik auch Nordau-Kritik. Christoph Hein schließt direkt an Max Nordaus Entartungsdenken an, geht aber auch noch weit über Nordau hinaus. Nordau hat sich in seiner Entartungsargumentation fast ausschließlich an die Texte der „Entarteten“ gehalten, und hat, im Gegensatz zu Hein, ihre Biographie kaum in die Diskussion mit einbezogen. Er nimmt außerdem eindeutig und polemisch Stellung, während Hein sich hinter einer harmlosen Oberfläche versteckt. Hein geht auch noch weit über Nordau hinaus, indem er trotz des historischen Wissens, was aus Nordaus Entartungs-Theorien geworden ist, Nordaus Entartungs-Denken auf ein Opfer der Nazi-Verfolgung und des Nazi-Entartungs-Denken anwendet.
In Heinz Brandts Autobiographie wie auch in der seines Freundes, des Dissidenten, Wissenschaftstheoretikers und geistigen Wegbereiters des Herbstes ‘89 Robert Havemann ,[32] fand ich erst nach über einem Jahr meiner “Überreaktion” gegen Passage weitere objektive (in meiner eigenen Biographie begründete) Motive für meinen subjektiven Haß auf Christoph Hein. Ich glaube, aufzeigen zu können, daß Christoph Hein mit seiner ausführlichen Abwertung von “chinesischer Philosophie” auch auf Robert Havemann zielt. Heinz Brandt hat mich auch auf andere Spuren im Fall Hein gebracht. Brandts Sprachkritik hat dazu geführt, daß ich mich mit Karl Kraus beschäftigte, der in Brandts Autobiographie erwähnt wird. Über Brandts Stichwort “Entartung” und über Kraus kam ich dann zu Nordau. Und wie ich schließlich feststellte, ist der Roman Ein weites Feld des von Brandt so geschätzten Autors Günter Grass nicht nur eine Auseinandersetzung mit Fontane und mit der neoliberalen Literaturwissenschaft, sondern auch und vor allem eine Auseinandersetzung mit Hein und seinem Antisemitismus. “Ein weites Feld” ist nicht nur ein Fontane-Zitat, sondern auch ein Hein-Zitat, und zwar aus Heins Rede Ein bißchen laut (1990),[33] in der Hein abfällig über den Selbstmord der Juden Kurt Tucholsky und Walter Benjamin spricht.
Erst im August 2004 erfuhr ich, daß Heinz Brandt 1984 die Ehrendoktorwürde der Universität Osnabrück erhalten hat. In der Rede von Professor Heinrich Mohr für Heinz Brandt sagt dieser zu Brandts Buch Ein Traum..., das in der Affäre Hein in Leiden eine so große Rolle spielte:
„Wo Anpassung dominiert, verschwimmt und verkümmert kollektive wie individuelle Identität.[...] Da ich an die Wirkung von Literatur glaube, glauben will, sage ich, daß Brandts Buch gegen solche Übel helfen kann.“[34]
Heinz Brandt beendet seine Danksagung mit seinem von Marx inspiriertem Lebensmotto:
„Wahrnehmen, was ist- und nicht verzweifeln! Aussprechen, was ist! Wißbegierig die Welt interpretieren, im Bemühen, sie so zu verändern, daß sie erhalten bleibt.“
Alle Beteiligten am Projekt in Leiden haben genau in diesem Sinne gehandelt. Heinz Brandt zählt in seiner Danksagungsrede einige „Traum-Dissertationen“ auf, die er gerne geschrieben hätte. Eine davon würde sich damit beschäftigen, was Jesus meinte mit „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und gebt Gott, was Gottes ist.“ Brandt interpretiert dies anders als Luther, und zwar als Aufforderung zum Widerstand - aber ausschließlich nur da, wo die heilligsten Werte berührt sind. Ich stimme dem zu. Ich habe nicht die geringste Lust zum Kampf, es sei denn, wenn es um absolute Dinge geht und wenn außerdem die Gunst der Stunde eine Chance bietet.
Aus mindestens drei Gründen erschien meine ursprüngliche Arbeit einigen Leuten auf den ersten Blick als unwissenschaftlich:
Erstens, weil ich nicht versucht habe, mir den Anschein der stoischen Abständlichkeit zu geben, die man vom Wissenschaftler fordert,[35] zweitens, weil ich (universitäts)-politisch Stellung bezogen habe,[36] und vor allem, weil ich nicht, so wie Descartes es als Vorschrift Nr. 1 seiner Methode empfiehlt, mit Vorsicht begonnen bin und langsam meine unumstößliche, zweifelsbefreite Sicherheit aufgebaut habe, sondern meine subjektive, aber nicht völlig zweifelsbefreite Sicherheit mein Ausgangspunkt war und auch eigentlich mein Endresultat ist. Doch ich meine, daß ich wissenschaftlich arbeite, und zwar nicht in Widerspruch zu Descartes. Denn Descartes hat seine Methode ausdrücklich als die nur für ihn richtige gekennzeichnet, er versteht seine Vorschriften nicht als normative, er berichtet ganz einfach über seine Methode.[37] Auch ich erhebe nicht den Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Ich berichte von meiner Methode, die immerhin mit Descartes‘ Methode die Analyse, die Systematik und die Vollständigkeit gemeinsam hat (siehe Vorschriften 2-4 bei Descartes)[38] Ich meine, wie Descartes,[39] daß meine Methode Früchte getragen hat und ich bin, wie er, außerordentlich zufrieden über den Fortschritt, den ich bei der Erforschung der Wahrheit gemacht zu haben meine.
Der wissenschaftliche Kern meiner Arbeit besteht aus der Anwendung einer weithin anerkannten literaturwissenschaftlichen Methode, nämlich Manfred Pfisters Dramenanalyse, die ich ohne Abstriche verwendet habe, um ein genau abgegrenztes Objekt, nämlich Christoph Heins Stück Passage, unter Einbeziehung aller wesentlichen Details zu analysieren. Eine Kritik an meiner Wissenschaftlichkeit kann deswegen nur entweder eine Kritik an Pfisters Methode sein oder eine Kritik daran, daß ich seine Methode nicht sauber auf Passage angewendet habe. Manfred Pfister hat mich aber inzwischen[40] wissen lassen, daß ich seine Methode in seinem Sinne angewendet habe. Auch Wolfgang Karrer und Michael Rohrwasser, zwei Literaturwissenschaftler, von deren Texte ich ausführlich Gebrauch gemacht habe, und der Antisemitismus-Forscher Helmut Berding haben mir zustimmende Briefe geschrieben.
Um den streng methodischen Kern meiner Arbeit herum formt sich auch eine assoziative Schicht. Weil die assoziative Schicht aber erst als zweite Schicht hinzukommt, kann man mir nicht vorwerfen, daß ich auf eine willkürlich-subjektivistische Weise drauflos schreibe und beliebig wechselnde Standpunkt einnehme. Assoziativen Gedankenkonstruktionen können gefährlich werden, wenn Einzelfälle aufgeblasen und verallgemeinert werden.[41] Was mich, trotz meiner nahezu grotesken Verallgemeinerung von Passage auf die westliche Kulturgeschichte, von anderen und gefährlicheren Verallgemeinern unterscheidet, sind zwei Dinge: die saubere, nicht assoziative, sondern logische und vollständige Analyse von Heins Stück Passage ist der rote Faden, auf den hin alle anderen Diskussionen ihren Sinn und Wert erhalten; und auch da, wo ich mich von Assoziationen leiten lasse, argumentiere ich mindestens ebenso abgrenzend, differenzierend und negativ, wie selbstbestätigend-positiv.
In der Anfangsphase meiner Arbeit sah es danach aus, daß ich mit dem Thema Passage eine nicht aktuelle und recht uninteressante Fragestellung gewählt hatte. Ich war von Anfang an vom Gegenteil überzeugt. Mit der Entdeckung der Intertextualität zwischen Grass und Hein im Herbst 2000, und mit der Entdeckung der Intertextualität zwischen Hein und Nordau und dann auch Grass, Hein und Nordau im Sommer 2001 war ich mir sicher, das ich ein großes Thema gefunden hatte. Das wird dadurch für mich noch dadurch weiter bestätigt, daß regelmäßig literarische Texte erschienen, die sich mit Hein oder Nordau auseinandersetzen: im Jahr 2002 z.B. Günter Grass Im Krebsgang, Christa Wolf Leibhaftig und Martin Walser Tod eines Kritikers . Auch Arnon Grunbergs De joodse messias (2004) ist u.a. ein Buch der Nordau-Kritik. Heins im Jahre 2005 erschienene Roman In seiner frühen Kindheit ein Garten macht plötzlich auch einem weiteren Kreis von Lesern bewußt, daß Hein die Literatur und die Demokratie vor Probleme stellt, die es wert sind, besprochen zu werden.
Ich habe im Laufe der Arbeit auch gemerkt, daß Hein mir als ein Instrument dient, um Literatur, Philosophie und Geschichte zu studieren. Hein hat Philosophie und Literatur geplündert. Ihm in seinen Plünderungs- und Vergewaltigungstouren zu folgen, heißt, Literatur und Philosophie kennenzulernen. Peter Sloterdijk:
„Die Inkarnation denken bedeutet, die Vergewaltigung entdecken. Die Subversion der Inkarnation meint daher keinen Enthemmungsfaschismus, sondern im Gegenteil ein befreiendes Spiel mit der gewaltsamen Vergangenheit.“[42]
Denjenigen, die mir vorwerfen möchten, daß ich Hein nur für meine eigenen Zwecke instrumentalisiere, will ich also von vornherein Recht geben. Sjaak Onderdelinden meint, daß ohnehin jede aktive Rezeption auch Instrumentalisierung bedeute: ”Wirkung ist Instrumentalisierung.”[43] Vielleicht ist es tatsächlich unvermeidlich, daß man bei der Interpretation einen Autor für sich instrumentalisiert. Ich mache für mich selbst allerdings einen großen Unterschied zwischen der Art und Weise, wie ich Hein behandle, und wie ich mit anderer Literatur umgehe. Während sonst mein Vereinnahmen eines Autors immer auch heißt, daß ich mich selbst von dem Autor vereinnahmen lasse, also zumindest der Intention nach eine gleichberechtigte Beziehung zwischen Autor und Leser besteht, will ich mich von Hein nicht vereinnahmen lassen. Mein Verhältnis zu Hein ist hoffentlich: Instrumentalisierung ohne Wirkung. Vereinnahmen lasse ich mich von Heins und Nordaus direkten Feinden (von Karl Kraus bis Günter Grass), und von denjenigen Autoren, die Hein mißbrauchend instrumentalisiert oder offen verachtet: Heinrich von Kleist, Franz Kafka, Walter Benjamin und Peter Sloterdijk.
Während Christoph Hein stolz von sich sagt, daß er ein
“Chronist” sei, der “sine ira et studio”[44]
die Geschichte beschreibe, sage ich von mir selbst, daß ich “cum maxima ira”
seine Fährte aufgenommen habe. Als würde er selbst schon ahnen, daß eines Tages
jemand ihm auf die Spur kommen würde, spricht er sich schon 1983 gegen eine
Literaturwissenschaft aus, die sich auf den “ästhetischen Geschmack
[gründet], was sie nötigt, Witterung aufzunehmen und auf die eingeschlagene
Fährte zu setzen, als sei sie die Spur des Zeitgeistes.” [45]
Dann sei die Literaturwissenschaft keine Wissenschaft mehr, der
“Kunstwissenschaftler werde dann “zum Geisterseher, zum Spökenkieker.” Ein
Geisterseher in der Bürgerwelt - das war nach der Meinung von Ernst Fischer
Walter Benjamin selbst.[46]
Zum Geisterseher, wie Hein es nennt, bin ich tatsächlich geworden. Die Geister
sprechen zu mir, und dennoch bin ich nicht verrückt. Das Sprechen der Geister
hat bei mir auch nichts Übersinnliches. Die Toten sprechen zu mir, wenn ich
ihre Texte lese; mich an ihre Worte erinnere oder von ihnen träume oder über
sie schreibe (Bourdieu: „Die Kabylen sagen ‚Zitieren heißt auferwecken‘ “)[47].
Paranoiker fühlen sich bedroht von Geistern; Schamanen glauben, daß sie über die Geister befehlen können. Weder das eine noch das
andere gilt für mich. Wohl habe ich das Gefühl, daß die Geister etwas von mir
wollen: sie wollen, daß ich mich erinnere. Und sie wollen mir helfen. [48]
In Heins Worten bin ich also ein „Spökenkieker“ und Kunstwissenschaft betreibe ich nach Heins Maßstäben sicher ohnehin nicht, denn für Hein ist Wissenschaft alles dasjenige, was kein Rätsel mehr ist, also gelöst ist oder lösbar.[49] Für mich bleibt aber vieles ein Rätsel: immer neue Aspekte der Angelegenheit Hein (und Nordau) verblüffen und erstaunen mich und erscheinen mir unerklärlich. Für mich gilt:
“Das Nichtwissen darf am Wissen nicht verarmen. Für jede Antwort muß - in der Ferne und scheinbar gar nicht in Zusammenhang damit - eine Frage aufspringen, die früher geduckt schlief. Wer viel Antworten hat muß noch mehr Fragen haben.”[50]
Ich gebe zu, daß Passage bei mir nahezu direkt eine gefühlsmäßige Abwehr hervorgerufen hat. Bei einer Argumentation die sich auf ein Gefühlsurteil beruft, besteht die Gefahr, daß die Argumentation sich immerzu nur selbst beweisen will. Das ist jedoch in meinem Fall nicht so. Es liegt mir fern, “einen unwiderlegbaren Subjektivismus einklagen”[51] zu wollen. Zum einen habe ich versucht, die meisten meiner Thesen am Ende der Einleitung so zu formulieren, daß Widerspruch möglich ist und eine eventuelle Fehlerhaftigkeit nachweisbar ist. Nicht alle meiner Behauptungen sind reine Wertungen. Zum anderen habe ich im Laufe meiner Arbeit einige Hypothesen aufgeben müssen - wie jeder beim Vergleich meiner ersten Arbeit und der jetzt vorliegenden feststellen kann. Dazu gehört die These, daß Passage einen Ausnahmefall unter den Texten Heins darstelle. Darüber hinaus war ich mir zunächst unsicher, ob Hein sich selbst seines Benjamin-Hasses wohl bewußt war, während ich jetzt meine, nachweisen zu können, daß Hein genau wußte, was er tat. Auch nahm ich erst eine wesentliche Überschneidung zwischen Heins und Brechts Weltbild an, weil ich einige von Brechts Äußerungen nicht als Nordau-Karikaturen erkannte. Auch habe ich meine Versuche aufgeben müssen, rassistischen und nicht-rassistischen Antisemitismus grundsätzlich zu unterscheiden. Weiterhin konnte ich zu Beginn meiner Arbeit noch nicht sehen, daß Heins Texte eine philosophische Grundlage haben; ich nahm an, daß Hein sich gegen jede Philosophie wendet.
Im vorliegenden Essay geht es hauptsächlich um Passage, weil dieses Stück der Auslöser und aktuelle Anlaß für meine Beschäftigung mit Hein war. Weiterhin wird hier auch das Stück Ritter der Tafelrunde diskutiert, das in einem Seminar in Leiden besprochen wurde und das viele Parallelen zu Passage aufweist, vor allem Zitate aus Benjamins Passagen-Werk und Nordaus Entartung. Im Zeitraum, in dem ich meine Arbeit geschrieben habe, sind drei Romane von Hein erschienen: Willenbrock (2000), Landnahme (2004) und In seiner frühen Kindheit ein Garten (2005). Auch diese Romane bespreche ich, wobei vor allem Willenbrock für mich wichtig ist, weil Hein mit diesem Roman in den Suhrkamp-Verlag aufgenommen wurde und der Suhrkamp-Verleger Christoph Buchwald diese Entscheidung bei einem Auftreten an der Univesität Leiden verteidigt hat (11.9.2000). Auch Heins Stück Randow (1994), ein Stück, das in einem Seminar an der Universität Leiden besprochen wurde, und das durch ein Günter Grass/ Blechtrommel-Zitat zum wichtigen Beitrag im interliterarischen Dialog Grass/ Hein wurde, wird in meiner Arbeit mit betrachtet.
Im Laufe der Zeit hat sich auch gezeigt, wie wichtig eine Analyse der Essays und Reden Heins ist, in denen er sich als Künstler und Demokrat zu präsentieren weiß und denen er wohl auch hauptsächlich seinen guten Ruf zu verdanken hat. Eine genaue Analyse dieser Texte im Kontext von Passage kann die raffinierten Strategien der Heinschen Manipulativität aufzeigen. Ein Großteil seiner Reden enthält Zitate oder Paraphrasen von Dichtern und Denkern. Vieles, was Hein in seinen Essays sagt, ist ohne Abstriche richtig - nur, daß es nicht das geringste mit seinen eigenen literarischen Produkten zu tun hat. Hein hat mit seinen Essays demonstriert, wie belesen er ist und wie gut er die Kunst- und Demokratie-Rhetorik, die von einem modernen Autor erwartet wird, beherrscht. Seine kunstliebenden und demokratischen Essays stehen aber auf schrill gespanntem Fuß mit anderen Essays, in denen er die gleiche Kunst- und Menschenfeindlichkeit und den Krankheitswahn und Sozialdarwinismus vertritt wie in den hier untersuchten literarischen Texten.
Die Rezeption von Passage in der Literaturkritik und in der Literaturwissenschaft ging in den ersten Versionen der Arbeit nur mit der Zusammenfassung Behns in die Besprechung ein, weil diese schon ausreichte, um einen Standpunkt aufzuzeigen, der auch von Prof. Anthonya Visser in Leiden beharrlich vertreten wurde und den die vorliegende Arbeit zurückweisen will. Später wurden auch die Beiträge der Christoph-Hein-Konferenz Christoph Hein - ein Chronist seiner Zeit, die im Juli 1999 abgehalten wurde, mit einbezogen. Eine wichtiges Dokument der Sekundärliteratur zu Hein war für mich Sjaak Onderdelindens Besprechung von Ritter der Tafelrunde, weil Onderdelinden der Regisseur von Passage in Leiden war und auch derjenige war, der mich nachdrücklich aufgefordert hat, meine Analyse von Passage aufzuschreiben.
Die Grundlage meiner Kritik an Passage besteht nicht aus Rezeptionsdokumenten. Die Grundlage der Kritik ist Manfred Pfisters Methode der Dramenanalyse und Helmut Berdings Darstellung der historischen Denkmuster des Antisemitismus. Auch wurden die Schriften Walter Benjamins herangezogen, auf dessen Lebensende und Werk Passage anspielt[52]. Benjamin war mir zur Zeit der Theaterproben nur dem Namen nach bekannt. Veranlaßt durch die Auseinandersetzungen um das Stück, begann ich mit zunehmender Faszination seine Schriften zu lesen. Je mehr ich von ihm las, desto wütender wurde ich über die Weise, wie er in Passage dargestellt wird.
In der Literatur selbst wird das literatur- oder kunstwissenschaftliche Arbeiten auch zum Thema. Zwei besonders geistreiche Beispiele hiervon finden sich in Romanen von zwei Autoren, die bei der Fachgruppe Deutsch in Leiden Lesungen hielten, nämlich in Christoph Peters Stadt Land Fluß (1999) und Hans-Ulrich Treichels Tristanakkord (2000). Der Literaturwissenschaftler Treichel hat außerdem in seinem Aufsatz Verteidigung des Sekundären eine Stellungnahme zum literaturwissenschaftlichen Arbeiten gegeben, der ich folgen möchte:
“Es scheint neben der berufsbedingten und anfangs oft genug bewerbungsstrategischen auch eine existentielle Notwendigkeit zu geben, einen literaturwissenschaftlichen Aufsatz oder Essay zu schreiben. Nun ist es gewissermaßen Konvention, daß sich ein literarischer Autor zu dieser Notwendigkeit, zum Schreiben als ‘Existential’ offen bekennt. Literaturwissenschaftliche Autoren scheuen sich jedoch, dieses zu tun, obwohl sie es meines Erachtens ruhig dürften. Und sie dürften auch, was bisher so gut wie nicht geschieht, die eigenen Schreibprozesse und das eigene Schreibverhalten einmal theoretisch und reflektierend in den Blick nehmen, also Aufklärung über die eigene Produktionsweise betreiben.”[53]
Eine solche Reflexivität des wissenschaftlichen Autors fordert auch Pierre Bourdieu:
“Indem das wissenschaftliche Subjekt sich die wissenschaftlichen Mittel verschafft, seinen naiven Standpunkt gegenüber dem Gegenstand zum Gegenstand zu machen, bricht es wahrhaft mit dem empirischen Subjekt und zugleich mit den anderen Akteuren, die, ob als Spezialisten oder Laien, einem Standpunkt verhaftet sind, den sie als solchen verkennen [...] Den Standpunkt der Reflexivität einnehmen heißt nicht, auf Objektivität verzichten [...]”[54]
Gerade die Reflexion des Wissenschaftlers auf den eigenen Ort in Raum, Zeit und in sozialem Feld macht nach Bourdieu das wissenschaftliche Subjekt dem empirischen Subjekt überlegen:
“Diese völlig ungewöhnliche Form des Reflektierens führt zum Verzicht auf die absolutistischen Prätentionen der klassischen Objektivität, verurteilt aber deswegen nicht zu Relativismus [...]”[55]
Die nicht -reflektierenden, vermeintlich “objektiven” Wissenschaftler heben sich selbst als “im Feld engagiertes Objekt” auf, um schließlich, umgeben vom “Glorienschein der Objektivität und Transzendenz ‘über dem Handgemenge’ wieder aufzutauchen”[56]. Dabei ist die nicht-reflexive Scheinobjektivität nicht nur ein Herrschaftsmittel. Sie bedingt auch ein “Auseinanderklaffen von Selbstverständnis und tatsächlicher Stellung innerhalb des sozialen Feldes”[57].
Einerseits stehe ich zu meiner von Anfang an ablehnenden Haltung gegenüber Hein, die von nahezu allen in meiner Umgebung als „unwissenschaftlich“ empfunden wird (die ich selbst aber als vorwissenschaftlich, und nicht unwissenschaftlich bezeichne). Andererseits habe ich aber auch nach dem gestrebt, was Pierre Bourdieu in Die Regeln der Kunst fordert:
„Es gilt, den Raum der aktuellen und potentiellen künstlerischen Positionierungen zu rekonstruieren, mit Bezug auf den [das] künstlerische Projekt [des Autors] entwickelt wurde [...] Den Standpunkt des Autors zu konstruieren bedeutet, wenn man so will, sich an seine Stelle setzen, allerdings auf eine Art und Weise, die jener gleichsam projektiven Identifikation, in der sich die ‚schöpferische‘ Kritik übt, in allem entgegengesetzt ist.
Paradoxerweise hat der Versuch, die subjektive Intention des Autors [...] nachzuvollziehen, nur dann Erfolg, wenn man die langwierige Arbeit der Objektivierung auf sich nimmt, deren es bedarf, um das Universum der Positionen zu rekonstruieren, innerhalb dessen er situiert war und in dem sich sein Vorhaben bestimmte.“[58]
Aus der Literatur selbst ist zu ersehen, wie Literaturwissenschaft auf eine scheinobjektive und sinn- und herzlose Weise betrieben werden kann. Doktorand Georg Zimmer aus dem Tristanakkord kommt mit seiner lexikalischen Methode auf keinen grünen Zweig. In Günter Grass’ Ein weites Feld (1995), ein Roman in dem sich Grass ausführlich mit Christoph Hein auseinandersetzt, bevorzugt Martina Grundmann Sekundärliteratur vor Primärliteratur:
“Der Urtext sei bloßer Vorwand für das, was Literatur eigentlich ausmache, nämlich den endlosen Diskurs über all das, was nicht geschrieben stehe und über den Urtext hinausführe, ihn nebensächlich, schließlich gegenstandslos werden lasse und so den Diskurs fördere, bis er den Rang des eigentlich Primären erreicht habe. “[59]
In der vorliegenden Arbeit wird dagegen lieber Fontane-Reinkarnation Fontys Stellungnahme aus Ein weites Feld gefolgt, der den “immerhin möglichen Gewinn beim Lesen von Originaltexten”[60] anpries. Gerade in der Frage Christoph Hein hat die interpretierende Sekundärliteratur bis in die Literaturlexika hinein ihre Schwäche bewiesen.[61]
In der Literaturwissenschaft wird bisweilen gefordert, daß eine Neuinterpretation eines Textes sich systematisch auf alle bisherigen Interpretationen beziehen muß und transparent machen muß, welche Argumente der alten Interpretationen zurückgewiesen werden.[62] Demgegenüber wird hier behauptet, daß, weil Prioritierungen gemacht werden müssen - schließlich soll hier nicht gearbeitet werden wie in Kafkas Schloß, wo Beamte wie Sordini auch dem kleinsten Fall die gleiche Aufmerksamkeit widmen wie dem größten - ,[63] es auch gerechtfertigt sein muß, sich auf zusammenfassende, aktuelle Interpretationen zu stützen, die einen repräsentativen Anspruch erheben und allgemeines Ansehen genießen. Dies ist sowohl der Fall für Literaturlexika wie auch für öffentliche Aussagen von Literaturwissenschaftlern. Deswegen ist es zu rechtfertigen, daß ich mich zunächst (in meiner abgelehnten Abschlußarbeit) nur auf die Besprechung von Behns Artikel und der Stellungnahme von Prof. Anthonya Visser in Leiden beschränkt habe.
Ich habe mich im Verlauf meiner Arbeit auch durch das Lesen der Beiträge der Christoph-Hein-Konferenz Christoph Hein - ein Chronist seiner Zeit, die im Juli 1999 stattfand, über die Hein-Rezeption informiert. Es ist mir aber zeitlich und räumlich unmöglich, auf alle Details der Beiträge einzugehen. Keiner der Beiträge ist mit einer genauen Kenntnis von Passage geschrieben (nur ein Beitrag bezieht sich überhaupt, - zögernd kritisch - auf Passage); auch sind weder Max Nordaus Entartung noch die Auseinandersetzung von Günter Grass mit Hein in Ein weites Feld bei der Interpretation mit einbezogen worden. Meine feste Überzeugung ist es aber, daß ohne diese Texte ein Verständnis von Christoph Hein sehr oberflächlich bleiben muß. Die Hein-Konferenz ist ein gutes Beispiel für einen unfruchtbaren wissenschaftlichen Konsens, nämlich “Nonsens” (Vincent Icke)[64]. Alle Beiträge könnten im Grunde vom gleichen Autor stammen, der von der festen Überzeugung ausgeht, daß Hein ein integerer Künstler ist. Diese Überzeugung wird niemals kritisch am Textmaterial überprüft. Die von Hein postulierte Übereinstimmung seiner Texte mit Walter Benjamin und anderen Autoren der Moderne wird nicht ernsthaft unter die Lupe genommen. Weder kritische Prüfung am Text noch kritische Auseinandersetzung der Teilnehmer miteinander oder mit anderen Hein-Rezipienten finden bei dieser Konferenz statt. Die Beiträge bestehen fast nur aus zustimmenden und illustrierenden Zitaten.
Christoph Hein selbst meint, daß die Kunst sich der Wissenschaft und jeder Systematik entziehe.[65] Demgegenüber soll hier gezeigt werden, daß die strukturalistische Literaturwissenschaft Methoden anbietet, mit denen auch neue und neuartige Kunst analysiert werden kann. Während die interpretierende Sekundärliteratur am Fall Hein ihre Schwäche bewiesen hat, ist es umgekehrt so, daß die strukturalistische Sekundärliteratur an diesem Fall ihre Stärke beweisen kann. Die strukturalistischen Modelle von Manfred Pfister und Wolfgang Karrer (beide leider keine Germanisten, sondern Anglisten) stellen die literaturwissenschaftliche Grundlage der vorliegenden Arbeit dar. So wie die Mathematik die Methode und das Handwerkszeug der Naturwissenschaft darstellt, ist die strukturalistische Methode das Handwerkszeug für eine kritische Literaturwissenschaft. Ich betrachte die strukturalistische Methode keineswegs als eine „objektive“ Methode, sondern als ein wissenschaftliches Instrument (die „objektivierte“ strukturalistische Version meiner Abschlußarbeit[66] wurde zwar einerseits zu Unrecht abgelehnt, weil sie wissenschaftlich war, die unberechtigte Ablehnung wurde aber andererseits mit einem richtigen Argument unterbaut, nä