Christiaan Huygens: Cosmotheoros/Weltbetrachter

 

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Maria Trepp November 2011

 

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Inhalt

 

Christiaan Huygens: Cosmotheoros/Weltbetrachter. 1

Einführung. 1

Christiaan Huygens in der unvollendeten Vergangenheit 1

Christiaan und sein Bruder Constantijn Huygens. 2

„Cosmotheoros“ : Betrachter und Theoretiker. 2

Kopernikanismus und Populärwissenschaft 5

Außerirdisches Leben und Ironie. 6

Die Huygens-Parodie bei Immanuel Kant 10

Huygens und Kepler. 11

Kosmologie und Religion. 13

Mathematik. 15

Huygens zwischen Galilei, Descartes, Leibniz und Newton. 16

Theorie und Praxis: technische Anwendungen. 21

Optik, Augen, Sehen, Licht 23888888

Musik. 24

Wunderkammern des Wissens: die Schönheit der Schöpfung. 25

Cosmotheoros oder Eine phantastisch-realistische Betrachtung der Schönheit der Welt, der Sterne und Planeten. 28

Welt-Betrachtungen oder Überlegungen zu den Himmelskörpern und ihren Besonderheiten. 31

Cosmotheoros- Das zweite Buch. 50

Literatur. 62

 

 

 

 

 

Einführung

 

Christiaan Huygens in der unvollendeten Vergangenheit

 

 

Der niederländische Naturwissenschaftler Christiaan Huygens (1629 - 1695) war einer der wichtigsten Begründer der modernen Physik, die im siebzehnten Jahrhundert entstand. Er ist der Begründer der Wellentheorie des Lichts, formulierte ein Relativitätsprinzip, untersuchte den elastischen Stoß, beschrieb die Zentrifugalkraft und konstruierte die ersten Pendeluhren. Mit von ihm verbesserten Teleskopen gelangen ihm wichtige astronomische Entdeckungen, so zum Beispiel die Entdeckung des größten Mondes van Saturn, Titan. Auch erklärte er als erster korrekt den Ring um Saturn.

 

Huygens letzter Text, der „Cosmotheoros“ oder „Weltbetrachter“ (1698, posthum), bespricht auf anschauliche und unterhaltende Weise das Wissen über unser Sonnensystem, so wie es sich zum Ende des 17. Jahrhunderts darstellte. Berühmt geworden ist dieser Text vor allem wegen der detaillierten Überlegungen zu außerirdischem Leben.

 

„Cosmotheoros“ enthält faszinierendes Material nicht nur für Naturwissenschaftler, sondern auch für Literaturwissenschaftler, und ebenso auch für Laien; mit anderen Worten, für ein sehr breites Publikum. Astronomie und Raumfahrt befinden sich in einer starken Entwicklung, und das Interesse der Öffentlichkeit an neuen Entdeckungen ist groß. Die heutigen aktuellen Erkenntnisse über Struktur der Planeten, des Sonnensystems, und die Diskussion über Leben auf anderen Planeten können gut in Beziehung gesetzt werden zu  den Einsichten, Visionen und Phantasien von Christiaan Huygens, die nicht nur da fesseln, wo er visionär Dinge korrekt vorhergesagt hat, sondern auch in den Punkten, wo er sich täuschte und man heute mehr weiß.

 

Cosmotheoros ist eine literarische Phantasie, in der Christiaan Huygens das wissenschaftliche Weltbild seiner Zeit anschaulich macht, indem er seinen Bruder auf eine Reise zu den Tiefen unseres Sonnensystems mitnimmt. Es ist eine Reise voll treffender Bemerkungen über Physik und Astronomie und voll scharfer Einsichten über die Nichtigkeit und die Irrwege des Menschen. Die Struktur und das Funktionieren des damals bekannten Weltalls werden als ein Science Fiction wiedergegeben. Huygens verwendet seine literarische Phantasie, um ein physikalisch und astronomisch lebensechtes Bild des Sonnensystems wiederzugeben. Auch die Menschengesellschaft, die durch Krieg und Religionsstreit gegeißelt wurde, hat ihren Platz in Huygens‘ Reflexionen.

 

Cosmotheoros gibt nicht nur eine Darstellung des Sonnensystems und der Möglichkeiten außerirdischen Lebens, sondern auch eine Zusammenfassung von Huygens‘ gesamten Werk, denn Huygens erwähnt so gut wie alle seine eigenen wichtigen Arbeiten und Publikationen, so wie zum Beispiel seine wichtigste und berühmteste über die Wellennatur des Lichts. Auch kommen seine intellektuellen Inspiratoren zur Sprache (auf denen er weiterbaut, und die er kritisiert), so wie Kepler und Descartes; oder Wissenschaftler, mit denen er zusammengearbeitet hat, so wie Domenico Cassini.

 

Cosmotheoros gibt einen textuellen Eingang zu dem Labyrinth von Huygens‘ Leben und Werk, aber auch einen faszinierenden Überblick über die Astronomie des 17. Jahrhunderts, und die damit eng zusammenhängende allgemeine Naturwissenschaft. Viele der besprochenen Fragen sind auch heute noch interessant und wissenschaftlich in Bewegung, und werden für Laien aus der Perspektive des 17. Jahrhunderts begreiflich und in historischer Entwicklung zugänglich.

 

Cosmotheoros ist auch ein philosophischer Text. Im 17. Jahrhundert war die Naturwissenschaft noch ein Teil der Philosophie, und kamen wichtige Fortschritte in Physik und Mathematik von Philosophen wie Descartes und Leibniz. Die direkte, persönliche Auseinandersetzung mit Leibniz,  und die indirekt-intellektuelle Auseinandersetzung mit Descartes sind wichtige Bausteine des Werkes von Huygens wie auch des Inhalts im Cosmotheoros.

 

Cosmotheoros stellt die Frage nach dem Menschen. Der Text stellt die Frage, was der Mensch ist und kann, und wie einzigartig der Mensch ist- eine dringende Frage, die sich in dieser Übergangsperiode zur Moderne stellt, und auch eine Frage, die im Lichte des neuen Modells des Kopernikus anders beantwortet wird als vorher.

 

In vielen Punkten bleibt Huygens, so modern er auch ist, noch seinem Zeitalter verpflichtet, besonders in Hinsicht auf seine stark teleologische Sichtweise. Doch machte er zusammen mit seinen Zeitgenossen die wichtigsten und größten Schritte zur modernen Naturwissenschaft. 

 

 

 

Christiaan und sein Bruder Constantijn Huygens

 

Cosmotheoros, „Der Weltbetrachter“, ist auf Latein geschrieben, für Christiaans Bruder Constantijn („Geschrieben von Christiaan Huygens für seinen Bruder Constantijn, Geheimrat der königlichen Majestät von Großbritannien“) , aber der Text war zugleich auch bestimmt für andere Leser (die auch angesprochen werden), um diesen ein Bild zu geben von unserem Sonnensystem und den umringenden Sternen. Das ursprüngliche lateinische Manuskript wurde posthum 1698 als Christinani Huygenii Κοσμοθεωρος publiziert. In den Jahren danach erschienen niederländische, englische, deutsche, russische und schwedische Übersetzungen. Die deutsche Übersetzung des Astronomen Johann Philipp von Wurzelbau erschien 1703 bei Lanckischens Erben und ist online zugänglich in der Sächsischen Landesbibliothek.

 

Der Adressat des als Briefes verfassten Textes ist der ältere Bruder Christiaans, Constantijn Huygens Junior, geboren 1628 - ein Jahr vor Christiaan-, und gestorben 1697, zwei Jahre nach Christiaan. Constantijn war, wie auch der Vater Constantijn Huygens (Senior), ein niederländischer Staatsmann. Zusammen mit seinem Bruder, Vertrautem und Freund Christiaan baute er wissenschaftliche Instrumente wie Fernrohre und Mikroskope. Er ist mit seinen Tagebüchern auch bekannt geworden als Chronist seiner Zeit.

 

Christiaan spricht im Cosmotheoros seinen geliebten Bruder direkt an, „Ich hoffe, dass Du, mein Bruder, dies mit besonderer Freude lesen wirst, nachdem Du Dich so sehr für das Außerirdische interessierst“, und nimmt wiederholt Bezug auf die gemeinsame Herstellung von Linsen und Fernrohren „…Daran erinnere ich mich noch mit Lust, und auch an unsere Mühe beim Fertigmachen und Schleifen der Linsen, wobei wir immer wieder neue Möglichkeiten und Werkzeuge erdachten und hiervon nicht genug bekommen konnten“. Auch die lange Abwesenheit des Bruders im Ausland kommt wiederholt zur Sprache:

 

„Ich erinnere mich hierbei daran, als Du und ich durch unsere langen Ferngläser zu den Sternen sahen -wofür wir jetzt keine Gelegenheit mehr haben, denn Du, mein Bruder, bist oft jahrelang in geschäftlichen Angelegenheit abwesend“. Als Christiaan Huygens 1650 begann, sich für Ferngläser zu interessieren, half sein Bruder ihm beim Herstellen der Linsen. Mit dem ersten Teleskop, das die Brüder machten, entdeckte Christiaan den Saturn-Mond Titan. Die Brüder konstruierten immer größere Teleskopobjektive mit immer größeren Durchmesser und Brandpunktabstand.

 

Constantijn war ab 1689 Sekretär von Wilhelm von Oranien, der Wilhelm III. von England wurde. Constantijn lebte meist in London, wo Christiaan ihn 1689 besuchte und dabei auch persönlich in Kontakt kam mit Newton und mit Boyle. Beide Brüder, Christiaan und Constantijn, schrieben in diesem Jahr 1689 Tagebücher, die erhalten geblieben sind. In der Huygens-Biographie von Andriesse findet man die englische Version von einigen Tagebucheinträgen der Brüder aus dieser Zeit (S. 356 ff).

 

„Cosmotheoros“ : Betrachter und Theoretiker

 

“Cosmotheoros“ wird wörtlich übersetzt als der „Weltbetrachter“. Auf dem Titel der lateinischen Originalausgabe ist das Wort mit griechischen Buchstaben zu sehen: Κοσμοθεωρος .  „Theoros“, das ist sowohl der Betrachter als auch der Theoretiker des Kosmos. Das Wort „Theorie“ leitet sich ab von theorein: beobachten, betrachten, [an]schauen; und „Theorie“ ist dann die Anschauung, Überlegung, Einsicht, wissenschaftliche Betrachtung; wörtlich: „Schau des Göttlichen“, (theos ).

 

Theorie wird oft als Gegensatz zur Praxis gesehen. Bei Huygens jedoch waren die Theorie und die Praxis auf faszinierende Weise miteinander verschmolzen. Die Betrachtung enthalten im Wort „theoros“ war bei Huygens sowohl ein physisches als auch ein innerliches Betrachten. Und nicht nur das: die astronomischen Teleskope zum physischen Sehen als Grundlage seiner theoretisch-physikalischen Arbeit hat Huygens selbst gebaut, zusammen mit seinem Bruder, übrigens auch einem „Weltbetrachter“.  In dem Text Cosmotheoros nimmt die überlegende Betrachtung der Funktion des Sehens und des Baus des menschlichen Auges dann auch einen wichtigen Platz ein. Huygens: „Wenn wir nämlich die wunderbare Natur des Lichts betrachten, und die außerordentliche Kunst, wie die Augen gemacht so sind, um dieses Licht zu genießen, werden wir leicht erkennen, dass man die Erkenntnis entfernter Dinge, und die Wahrnehmung entfernter Gestalten, oder die Erkenntnis wie weit sie voneinander entfernt sind, nicht auf andere Weise als durch das Sehen erlangen kann.“ Hier spricht Huygens, der sehend-wahrnehmende Theoretiker des Lichts und des Sehens.

 

Sehen, Betrachten, Verstehen, theoretisches Beschreiben und schilderndes Beschreiben gehen bei Huygens ineinander über, so wie es mehr als hundert Jahre später der Dichter und Naturwissenschaftler Goethe in seiner Farbenlehre beschrieb:

 

„Denn das bloße Anblicken einer Sache kann uns nicht fördern. Jedes Ansehen geht über in ein Betrachten, jedes Betrachten in ein Sinnen, jedes Sinnen in ein Verknüpfen, und so kann man sagen, dass wir schon bei jedem aufmerksamen Blick in die Welt theoretisieren. Dieses aber mit Bewusstsein, mit Selbstkenntnis, mit Freiheit, und um uns eines gewagten Wortes zu bedienen, mit Ironie zu tun und vorzunehmen, eine solche Gewandtheit ist nötig, wenn die Abstraktion, vor der wir uns fürchten, unschädlich und das Erfahrungsresultat, das wir hoffen, recht lebendig und nützlich werden soll.“

 

Die Ironie, das lebendige Beschreiben und das nützliche Erfahrungsresultat: alles findet sich auch im Cosmotheoros.

 

Huygens hat selbst als betrachtender Weltbeschauer Entdeckungen im Weltraum gemacht, die im Cosmotheoros genannt werden: er hat den ersten Mond des Saturns entdeckt (Titan); er hat als erster den Ring des Saturns richtig beschrieben und erklärt, und er hat eine gute Schätzung für den Abstand zu den Fixsternen unternommen.

 

Im Cosmotheoros schreibt Huygens:

 

Einen Mond des Saturns habe ich selbst kürzlich entdeckt, den hellsten und bis auf einen anderen auch äußersten Mond; diesen habe ich 1655 mit meinen Ferngläsern, deren Rohr nicht mehr dann zwölf Fuß lang ist, als erster gefunden […]“

 

In seinem berühmten Buch über die Ringe des Saturns und den ersten entdeckten Saturnmond „Systema Saturnium“ van 1659 (die lateinische Originalversion mit Skizzen, und eine französische Übersetzung ist digitalisiert zu finden auf der Website der Oeuvres complètes, Band XV)  schreibt Huygens ausführlich über seine Entdeckung des ersten Saturnmondes, den Huygens selbst „comes“, Begleiter, nannte- der Name Titan wurde diesem Mond erst nach Huygens’ Tod verliehen. Huygens beschreibt, wie er ab 25. März 1655 einen kleinen Stern immer wieder in der Nähe des Saturns sehen kann, in verschiedenen Himmelsrichtungen. Nach sechzehn Tagen ist der Begleiter wieder auf derselben Position zu sehen im Verhältnis zum Saturn. Auf Huygens’ Skizzen ist deutlich zu sehen, dass Titan ziemlich weit vom Saturn weg steht. Es war gar nicht so einfach, zwischen all den Sternen auf dem Hintergrund den einen Lichtpunkt als einen Mond zu bemerken. Huygens’ selbstgemachtes Teleskop hatte keinen automatischen Nachführmechanismus, wie man  ihn heute hat, also war das Beobachten nicht unkompliziert, so wie jeder weiß, der jemals selbst die Sterne mit einem einfachen Fernrohr beobachtet.

 

[Abbildung] Huygens‘ Analyse der Bahn des Titans und die Bestimmung der Umlaufzeit. Huygens nimmt an, dass die Bahn kreisförmig ist. Nach modernen Messungen misst der Durchschnitt der Bahn 10,6-mal den Durchschnitt des Planeten; also ist die Zeichnung auffällig exakt.

 

Huygens’  Arbeit an dem Ring des Saturns ist noch schöner, weil man hier sehen kann, dass das Finden von Lösungen nicht nur eine Frage von fleißiger Beobachtung ist, sondern auch und vor allem, dass in der wissenschaftlichen Wahrnehmung das Sehen der Gegenstände mit dem Auge direkt gekoppelt ist an ein in der Theorie begründetes Verständnis.            `          `

 

Der Ring des Saturns war auch von vielen anderen Astronomen vor Huygens bemerkt worden, so wie von Galilei und dem Danziger Astronomen Hevelius, aber man hatte die Ringstruktur nicht erkannt; man dachte an Strukturen, die am Saturn befestigt sind. In seinem berühmten „Systema Saturnium“ von 1659 gibt Huygens eine Übersicht von den Modellen des Saturn-Ringes, die andere aufgezeichnet hatten, von den „Monstern“ (Huygens), Varianten von Ohren, Lappen und anderen merkwürdigen Konfigurationen.

 

[Abbildungen] Zeichnung des Saturns, aus einem Brief von Huygens an Hodierna; darunter eine moderne Beobachtung aus dem Weltraum, gemacht von der Voyager Raumsonde

 

[Abbildung] Modelle, die Forscher angeführt hatten zur Erklärung der Form des Saturns, bevor Huygens die wahre Art des Ringsystems entdeckte. Diese Skizze stammt aus einer der gedruckten Versionen von Huygens’ Systema Saturnium.

 

Huygens war derjenige, der das Ringsystem des Saturns zuerst richtig beschrieben hat, also nicht nur gesehen hat, sondern auch theoretisch richtig ergründet hat, und das regelmäßige Erscheinen und Verschwinden der Ringe erklären konnte. Es war schon lange bekannt, dass die „Henkel“ (ansae) des Saturns zu bestimmten Zeiten schwächer werden und schließlich unsichtbar werden. Huygens bemerkte, dass so etwas ganz verständlich ist: wenn die Erde sich genau in der Fläche des Ringes befindet, sieht man den Ring nicht mehr, jedenfalls, wenn dieser sehr dünn ist. Er wagte es sogar, zu schätzen, was die maximale Dicke des Ringes sein könnte, und er kam auf „600 deutsche Meilen“ (eine deutsche Landesmeile ist 7,532 km). Die wirkliche Dicke des Ringes ist ungefähr hundertmal kleiner, aber Huygens gab eine Obergrenze, und diese ist korrekt.

 

 [Abbildung:  Huygens’ Erklärung des Standes der Ringe, so wie sie im Laufe eines Saturnjahres zu sehen sind. Im Zentrum der Abbildung sehen wir die Sonne, darum kreisen Erde und Saturn. Der äußerste Ring zeigt anschaulich, wie der Saturn von der Erde aus wahrgenommen wird. Huygens konnte damit zeigen, warum der Ring ab und zu nicht zu sehen ist, nämlich dann, wenn die Erde sich genau in der Bahnebene der Ringe befindet, so dass diese von der Seite gesehen werden]

 

 

 

Huygens hat sich auch an eine beobachtende und schätzende Messung des Abstandes zu den Fixsternen gewagt. Er ging davon aus, dass die Fixsterne Sonnen sind, ungefähr so groß wie unsere Sonne. Wenn man dann die Helligkeit eines Fixsterns mit der Helligkeit der Sonne vergleicht, kann man zu einer Schätzung des Abstandes gelangen. Im zweiten Buch des Cosmotheoros beschreibt er seine originelle Messmethode: „Es haben sich einige von uns Wissenschaftlern um die Erforschung des Raumes zu den Fixsternen bemüht, konnten aber wegen des Mangels an den hierzu benötigten genauen und enormen Fleiß erfordernden Beobachtungen keine Sicherheit erlangen. Es scheint also, dass der einzige Forschungsweg mir überlassen wurde, auf dem wenigstens etwas, das der Wahrheit ähnelt, in dieser so schwierigen Forschungsangelegenheit erlangt werden kann.“ Huygens schätzte den Abstand der Fixsterne, indem er den hellsten Fixstern wählte, den Sirius, und ging dann davon aus, dass dieser so groß und so hell sei wie unsere Sonne. Obwohl dies nicht ganz stimmt, denn der Sirius ist, wie wir jetzt wissen, doppelt so groß wie die Sonne und leuchtet mit 25-facher Leuchtkraft, war diese Annahme  eine ausgezeichnete Ausgangsposition für eine einfache Messmethode. Huygens verkleinerte den Durchmesser der Sonne systematisch, bis er durch ein abgedecktes Rohr mit winzigem Löchlein einen Lichtpunkt sah, der ungefähr so klein war wie der Sirius. Indem Huygens seine künstliche Sonnenverkleinerung (den Durchmesser des Löchleins) genau messen konnte, konnte er den Abstand zum Sirius ziemlich gut schätzen, auch wenn der Sirius heller und in Wirklichkeit etwa dreißigmal weiter weg ist als Huygens dachte.

 

Obwohl Huygens selbst nicht nur Beobachter, sondern vor allem auch Theoretiker war, hatte er großen Respekt vor den Astronomen, die, anders als er selbst, jahr- und jahrzehntelang Nacht für Nacht geduldige astronomische Beobachtungen machten. „[…] So wurde alles mit viel Mühe und schlaflosen Nächten festgestellt“ schreibt Huygens im Cosmotheoros. Dies ist eine Anerkennung des Werks von Cassini, der, wie Huygens an seinen Bruder Lodewijk schrieb, in seinem Observatorium wohnte, und keine klare Nacht ausließ bei seiner Arbeit. Im Cosmotheoros schreibt Huygens:

 

Einen Mond des Saturns habe ich selbst kürzlich entdeckt, den hellsten und bis auf einen anderen auch äußersten Mond; diesen habe ich 1655 mit meinen Ferngläsern, deren Rohr nicht mehr dann zwölf Fuß lang ist, als erster gefunden. Die übrigen hat Herr Domenico Cassini durch überaus fleißige Beobachtungen entdeckt, mit Gläsern, die Johannes Campus geschliffen hat für eine Rohrlänge von 36 und später sogar 136 Fuß. Den dritten und fünften Mond habe ich 1672, als Cassini diese Monde mir selbst gezeigt hat, gesehen, und sie auch danach noch öfter gesehen. 1684 hat Cassini mir geschrieben, dass er auch den ersten und den zweiten Mond gefunden hätte. Diese sind aber sehr schwer zu sehen, und ich kann nicht sicher sagen, dass ich einen davon mit Sicherheit erblickt habe. Jedoch habe ich keinerlei Bedenken, Cassini, diesem vortrefflichen Mann, zu glauben, und auch diese zu den Begleitern des Saturns zu zählen.“

 

Domenico Cassini, der französische Astronom und Mathematiker italienischer Herkunft, war wie Christiaan Huygens Mitglied der Académie des Sciences in Paris. Nach Huygens‘ Entdeckung des ersten Saturnmondes entdeckte er weitere Saturnmonde (1671 Japetus und 1672 Rhea) und 1675 erstmals die Lücke im Saturnring, die heute Cassinische Teilung heißt. Die Teleskope von Eustachio Divini und Giuseppe Campani ermöglichten Cassini spektakuläre Entdeckungen. Mit Hilfe des Großen Roten Flecks auf dem Jupiter bestimmte Cassini dessen Eigendrehung (1665), auch hierüber schreibt Huygens.

 

Zusammen mit Cassini stellte Huygens 1670 fest, ob seine Vorhersagen über die Form des Planeten Saturn eintreffen würden, was dann tatsächlich der Fall war. Von dem Antagonismus, der das Verhältnis von Huygens en Cassini wegen des sehr unterschiedlichen Charakters und der Arbeitsweise dieser beiden Wissenschaftler bestimmt haben soll, ist im Cosmotheoros nichts zu spüren, im Gegenteil.

 

Huygens nennt auch den britischen Astronomen Flamsteed:

 

„ […] Denn wenn die Erde von der Sonne zehn- oder elftausend ihrer eigenen Durchmesser entfernt ist, wie der Herr Cassini in Frankreich und bei den Engländern der Herr Flamsteed aus den schärfsten Beobachtungen der Parallaxe des Mars entnehmen […]“

 

Huygens hatte den Astronomen des Observatoriums in Greenwich, John Flamsteed, auf seiner Englandreise besucht; und auch der Bruder Constantijn Huygens hat Flamsteed in seinem Observatorium aufgesucht. Die positive Erwähnung Flamsteeds bei Huygens steht im Kontrast zum Verhältnis zwischen Isaac Newton und Flamsteed. Newton war in einen hässlichen Konflikt mit Flamsteed verwickelt und verwendete dessen Messungen, ohne ihn zu nennen. Huygens ist dagegen offensichtlich sehr bemüht, den handwerklichen Astronomen Ehre zu erweisen. 

 

 

 

Kopernikanismus und Populärwissenschaft

 

Cosmotheoros ist ein populärwissenschaftlicher Text, der das kopernikanische Weltbild verteidigt und veranschaulicht; ein frühaufklärerischer Text, der zusammen mit anderen Schriften wie der von Fontenelle (Unterhaltungen über die Vielzahl der Welten, 1686) am Beginn der starken Popularisierung der Naturwissenschaften stand. Das Werben um das kopernikanische System war zum Ende des 17. Jahrhunderts sicher noch nötig. Zwar war schon Galilei überzeugt, dass seine astronomischen Beobachtungen das heliozentrische Weltbild des Nicolaus Kopernicus stützten, dennoch gab es im 17. Jahrhundert keinen zwingenden Beweis für das kopernikanische Weltbild: sämtliche Beobachtungen, so wie die Monde um Jupiter und Saturn oder die Venus-Phasen, waren auch mit dem geozentrischen Weltmodell des Tycho Brahe kompatibel, in dem sich Sonne und Mond um die Erde, die übrigen Planeten aber um die Sonne drehen. Es  gelang erst James Bradley im Jahr 1729 die Eigenbewegung der Erde gegenüber der Fixsternsphäre nachzuweisen und damit das geozentrische Modell endgültig zu entkräften.

 

Die katholische Kirche hielt auch noch zur Zeit von Huygens fest am Modell des Tycho Brahe. Das Modell des Kopernikus war seit 1616 verboten; dieses Verbot wurde erst 1822 aufgehoben.  Huygens selbst stieß mit seinem Systema Saturnium (1659) bei der Inquisition auf Widerstand. Als Huygens 1659 seine Beobachtungen am Saturn, den neuen Mond Titan und das Ringsystem, in Systema Saturnium  publizierte, bekam er Probleme mit der katholischen Kirche, die seine Entdeckungen als ketzerisch beurteilte, weil diese das kopernikanische System stützten. Der Jesuit Honoré Fabri und der Instrumentemacher Guiseppe Divini publizierten eine Wiederlegung der Beobachtungen und Theorien von Huygens, worauf dieser mit einer Verteidigungsschrift antwortete. Schließlich kam eine Beurteilungskommission unter Leitung von Giovanni Alfonso Borelli zur Schlussfolgerung, dass Huygens recht hatte. Im Auftrag der Kommission wurde ein Schalenmodell des Saturns und seines Ringes gebaut, und dieses dann aus dem Abstand mit einem Fernrohr betrachtet, wobei man genau die wahrgenommenen Scheingestalten des Saturns fand.

 

 [Abbildung http://www.dbnl.org/tekst/huyg003oeuv03_01/huyg003oeuv03_01_0095.php#z0796]

 

Huygens nennt Borelli, seinen Verteidiger, anerkennend im Cosmotheoros.

 

Die Notwendigkeit, das kopernikanische System zu verteidigen, ergab sich für Huygens auch aus der Popularität eines damals weit verbreiteten Textes, des Itinerarium extaticum (Ekstatische Reise) des Jesuitenpaters Athanasius Kircher, einem katholischen Buch, das vor allem das veraltete Weltbild des Tycho Brahe unterstützte und die Möglichkeit von intelligentem Leben auf anderen Gestirnen verneint, und gegen welches sich Huygens im Cosmotheoros scharf wendet. Insgesamt war die Zeit von Huygens noch die Zeit der „Großen kosmologischen Kontroverse“ (Titel eines ausführlichen Werkes von Harald Siebert über Athanasius Kircher), wo weder die Anhänger noch die Feinde des geozentrischen Weltbildes mit jedermann überzeugenden empirischen Beweisen kommen konnten.

 

Die katholische Kirche nahm den Bann gegen Werke, die ein heliozentrisches Weltbild vertraten, erst Mitte des 18. Jahrhunderts zurück, sechzig Jahre nach Huygens‘ Tod.

 

Huygens’ Schrift ist viel mehr als nur eine Illustration des Sonnensystems und mehr als eine bloße Zusammenfassung dessen, was schon aus Huygens‘ eigenen und den Schriften anderer bekannt war. Der wichtigste neue Beitrag im Cosmotheoros  ist die wissenschaftlich-experimentelle Beschreibung der Fixsterne und das Einschätzen ihres Abstands. Immanuel Kant schreibt sechzig Jahre später in seiner Schrift „Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels“ (1755) :

 

Der Lehrbegriff von der allgemeinen Verfassung des Weltbaues hat seit den Zeiten des Huygens keinen merklichen Zuwachs gewonnen. Man weiss noch zur Zeit nichts mehr, als was man schon damals gewusst hat, nämlich dass sechs Planeten mit zehn Begleitern, welche alle beinahe auf einer Fläche die Cirkel ihres Umlaufs gerichtet haben, und die ewige kometische Kugeln, die nach allen Seiten ausschweifen, ein System ausmachen, dessen Mittelpunkt die Sonne ist, gegen welche sich alles senkt, um welche ihre Bewegungen gehen, und von welcher sie all erleuchtet, erwärmt und belebt werden; dass endlich die Fixsterne als eben so viel Sonnen Mittelpunkte von ähnlichen Systemen seien, in welchen alles eben so gross und eben so ordentlich als in dem unsrigen eingerichtet sein mag, und dass der unendliche Weltraum von Weltgebäuden wimmele, deren Zahl und Vortrefflichkeit ein Verhältniss zur Unermesslichkeit ihres Schöpfers hat.“

 

Huygens war in allem sowohl Theoretiker als auch Praktiker. Er setzte seine theoretischen Erkenntnisse um in technische und praktische Entwürfe. So hat er auch das kopernikanische Sonnensystem in einer künstlerisch-technischen Form dargestellt, in einem Planetarium, das er auch in seinem „Cosmotheoros“-Brief erwähnt, und das heute noch zu besichtigen ist im Museum Boerhave in Leiden.  [Abbildung]

 

Die Veranschaulichung des kopernikanischen Systems nimmt im „Cosmotheoros“ einen breiten Raum ein: mit Skizzen und detaillierten Beschreibungen von Sonne, Planeten und Monden stellt Huygens das neue Weltmodell dar. Er kombiniert die Einsichten von Kopernikus und Kepler. In seinem Text, wie auch in seinem Planetarium, geht Huygens von elliptischen Planetenbahnen aus. Im Planetarium hat er diese elliptischen Bahnen mit exzentrischen Kreisen modellmäßig so gut wie möglich darstellen können.

 

Huygens sammelt astronomische Details, er beschreibt Bahnen, Rotation, Größe, Abstände, und physikalische Eigenschaften der Himmelskörper, wie die Oberfläche oder die Existenz einer Atmosphäre. Solche genauen Messungen und diese Exaktheit ausgedrückt in Zahlen sind Merkmale der modernen Wissenschaft, die in der Zeit von Galilei und Huygens entstand. Dass nicht alle Messungen korrekt waren, spielt hierbei keine Rolle. Huygens überschätzte manche Abstände und die Größe von Planeten, aber dies verändert nichts daran, dass er mit seinen gut unterbauten Schätzungen eine große Leistung erbracht hat.

 

Astronomie und Astrologie waren bis zum 17. Jahrhundert keine absoluten Gegensätze, und auch Huygens hat, mehr oder weniger notgedrungen, zeit seines Lebens ein paarmal andere beim Aufstellen von Horoskopen unterstützt. Doch widersetzt er sich im Cosmotheoros heftig der Astrologie und den astrologischen Beschreibungen des Jesuiten Athanasius Kircher: „[…] denn die Astrologie, mit der man zukünftige Dinge vorhersagen will, die halten wir nicht für eine Wissenschaft, sondern für schädlichen Unsinn“.

 

Außerirdisches Leben und Ironie

 

Huygens formuliert im Cosmotheoros den Gedanken, dass es noch viele andere Sonnen und Planeten im Universum geben könnte, und spekuliert im Detail über außerirdisches Leben.

 

Dies wird hier und da als spekulativer unwissenschaftlicher Ausrutscher gesehen (Alexander von Humboldt meinte in seinem Buch über den Kosmos, Huygens‘ Spekulationen über Außerirdische seien eines strengen Mathematikers unwürdig), besonders weil Huygens so unerhört stark ins Detail geht, und sicher meint sagen zu können, dass auf den anderen Planeten Leben existiert, und zwar nicht nur intelligentes Leben, sondern dass dort auch Wesen leben, die wie wir Astronomie und Musik betreiben. Schon Kepler hatte Ähnliches behauptet, aber auch dieser ist nicht immer ganz ernsthaft, wie er mit seinem „jocemur“ ( „Lasst uns scherzen“)  oder mit Bemerkungen wie „Das sind Spielereien“ andeutet, wenn er – wie Huygens über die Architektur der Außerirdischen schreibt.

 

Lessing, der Huygens gelesen hatte, schreibt sehr treffend und ironisch über die Sicherheit beim phantastischen „Bevölkern“ der Planeten:

 

Die Planetenbewohner

 

Mit süßen Grillen sich ergötzen,
Einwohner in Planeten setzen,
Eh man aus sichern Gründen schließt,
Daß Wein in den Planeten ist:
Das heißt zu früh bevölkern.

 

 

 

Freund, bringe nur zuerst aufs reine,
Daß in den neuen Welten Weine,
Wie in der, die wir kennen, sind:
Und glaube mir, dann kann ein Kind
Auf seine Trinker schließen.

 

 

 

 

 

 

 

Ich meine jedoch, dass es gute Gründe gibt, Huygens‘ Text ironisch aufzufassen. Ich denke zunächst durchaus, dass ein Teil der Argumente für die Existenz der Planetenbewohner ernsthaft und nicht ironisch ist. Ohne Zweifel muss der Cosmotheoros als ein Plädoyer für außerirdisches Leben gelesen werden. Huygens ist davon überzeugt, dass wir Menschen nicht einzigartig sind. Die Frage ist jedoch, ob er wirklich alles meint, was er stellenweise schreibt, wie zum Beispiel, dass er „beweisen“ kann, dass die Planetenbewohner Astronomie, Schifffahrt und Musik betreiben. Es fällt jedenfalls auf, dass ein Bruch durch den Text geht, nämlich einerseits da, wo von „Mutmaßungen“ – wovon zu Anfang die Rede ist-, zu „Beweisen“ (nämlich Zirkelbeweisen) übergegangen wird; andererseits auch da, wo von allgemeinen Prinzipien (wie etwa außerirdisches Leben) übergegangen wird auf ein groteskes Detailniveau, wenn zum Beispiel die Rede davon ist, dass auch die Planetenbewohner die Oktave in 31 Stufen teilen, so wie Huygens selbst; und schließlich da, wo kleine, aber durchaus annehmliche Wahrscheinlichkeiten (Leben auch anderswo im All) aufeinander gestapelt werden und schließlich nicht als minimale, sondern als große Wahrscheinlichkeit oder Sicherheit gesehen werden.

 

Huygens gibt an mehreren Stellen an, wie unglaubwürdig seine eigene Darstellung ist, und verteidigt seine „Beweise“ mit Argumenten, die so übertrieben und auffällig schlecht sind, dass der Eindruck entsteht, dass er hier seinen Spott mit dem Leser treibt. Sicher, es ist durchaus möglich, dass der alternde Huygens entgegen den Bestrebungen seines ganzen Lebens ins kindliche Spekulieren verfallen ist. Es ist aber ebenso möglich, dass ein Teil seines Textes ironisch verstanden werden muss.

 

Ironie als ein Kontrast zwischen dem, was gesagt wird, und dem, was gemeint wird, ist eine komplexe Form von Kommunikation; ein Spiel mit der eigenen Überlegenheit, und mit dem Wissen und Nicht-Wissen des Lesers. Ironie ist nur möglich, wenn der Sprecher erwarten kann, dass wenigstens ein Teil seiner Adressaten ihn verstehen kann. Huygens wünscht sich explizit eine gebildete Leserschaft, auch wenn er etwas resigniert schon vorwegnimmt, dass nicht alle Leser das gewünschte Niveau haben werden: „[…] Nur möchte ich wünschen, dass meine Schrift nicht in die Hände von jedermann geraten wird. Ich würde gerne neben dem Herrn Bruder meine Leser nach meinem Belieben wählen, und dann solche, die nicht nur in der Astronomie bewandert sind, sondern auch in der Philosophie, und bei welchen ich auf Zustimmung hoffen darf, […]

 

Und er fügt hinzu, dass er schon vorhersieht, dass seine Schriften in die Hände missverstehender Menschen geraten werden.

 

Huygens wünscht sich also Leser mit einem Bildungsniveau, das ironische Kommunikation erlaubt. Zusätzlich unterstreicht er seine ironischen Übertreibungen hier und da mit Ausrufen: „Was?“ und mit vorweggenommenen Fragen oder vorweggenommenem kritischen Unverständnis, das er beim Leser erwartet. „Was? Werden sie [die Planetenbewohner] dann auch andere Dinge haben, die zum gesellschaftlichen Leben gehören?“

 

„Ironie versteht der Leser nie“ wird manchmal gesagt. Ironie versteht der Leser jedenfalls nur dann, wenn er scharf mitdenkt und bewusst paradoxe oder ambivalente Äußerungen des Autors für möglich hält.

 

Die „Beweise“, die Huygens im Cosmotheoros vorlegt, sind, wie Huygens selbst erläutert, Analogiebeweise. „Der Beweis, bei dem man aus der Gleichheit schließt und von untersuchten Dingen auf nicht untersuchte schließt, hat ein großes Gewicht. Und wir werden unsere Vermutungen anstellen nach der Art dieses Beweises, indem wir von dem einzigen Planeten, den wir vor Augen haben, auch auf die übrigen schließen werden, und annehmen, dass sie auch von dieser Art sind“. Der Astrophysiker und Huygens-Kenner Vincent Icke meint hierzu: „[Der Analogiebeweis] ist kein echter Beweis, und das wusste der Mathematiker Huygens natürlich genau.“ Ich denke auch, dass Huygens dies genau wusste, und darum betrachte ich Huygens „Beweis“führung als teilweise ironisch.

 

Das Hauptproblem mit Huygens‘ „Beweisführung“ im Cosmotheoros ist die (möglicherweise bewusste) Vermischung von mathematisch/axiomatischer/spekulativer Beweisführung und naturwissenschaftlich-erfahrungsbasierter Beweisführung.

 

Huygens setzt im Text als Grundsatz und Axiom immer wieder voraus, dass die Planeten(-Bewohner) nicht „weniger wert“ sein dürfen als die Erde und ihre Bewohner, also der Erde in nichts nachstehen dürfen. Huygens gibt selbst nicht an, wie er zu diesem Urteil (von ihm „Beweis“ genannt)  kommt. Implizit und explizit gibt er aber zu, dass die beschriebenen Planeten sich sehr wohl unterscheiden, was ihre „Würde“ betrifft, so wie in Größe, Anzahl der Monde, Abstand zur Sonne, und damit Licht und Wärme.

 

Nun ist der Unterschied von axiomatischem und naturwissenschaftlichem Argumentieren ein Hauptthema der Wissenschaft des 17. Jahrhunderts, und auch ein Thema bei Huygens. In seiner berühmten Abhandlung über das Licht  schreibt Huygens über die Art seiner wissenschaftlichen Beweise:

 

„Man wird darin [in dieser Abhandlung über das Licht] Beweise von der Art finden, welche eine ebenso große Gewissheit als diejenigen der Geometrie nicht gewähren und welche sich sogar sehr davon unterscheiden, weil hier die Prinzipien sich durch die Schlüsse bewahrheiten, welche man daraus zieht, während die Geometer [Mathematiker] ihre Sätze aus sicheren und unanfechtbaren Grundsätzen beweisen; die Natur der behandelten Gegenstände bedingt dies. Es ist dabei gleichwohl möglich, bis zu einem Wahrscheinlichkeitsgrade zu gelangen, der sehr oft einem strengen Beweise nichts nachgibt. Dies ist nämlich dann der Fall, wenn die Folgerungen, welche man unter Voraussetzung dieser Prinzipien gezogen hat, vollständig mit den Erscheinungen im Einklang sind, welche man aus der Erfahrung kennt.“

 

Hier macht Huygens auch, wie im Cosmotheoros, einen Übergang von „sehr wahrscheinlich“ zu „bewiesen“, aber mit dem großen Unterschied, dass die Folgerungen im Einklang mit (experimentell) wiederholten Erfahrungen sind.

 

Huygens legt im Cosmotheoros keine Beweise vor, sondern allenfalls Hypothesen. Ein Teil seiner Behauptungen kann nicht den Status einer Hypothese beanspruchen; ein anderer Teil aber durchaus. Als potentiell falsifizierbare Hypothese (und inzwischen zum Teil falsifizierte Hypothese), die auch deutlich eingebettet ist in eine wissenschaftliche Theorie, kann zum Beispiel Huygens‘ Vermutung gelten, dass sich in unserem Sonnensystem Planetenbewohner finden, dass aber auf Mond und Sonne solche Bewohner vermutlich nicht existieren.

 

Den Unterschied zwischen Beweisen und Hypothesen kannte Huygens ganz genau. Er spricht auch im Cosmotheoros von der neuen wissenschaftlichen Arbeitsweise, wobei nicht mehr Axiome aufgestellt werden, sondern Hypothesen verbessert werden: „…[man muss mit] Hypothesen den Lauf der Sterne gleichsam erraten[…] , die ersten Hypothesen aber, nachdem Beobachtungen und geometrische Beweise deren Fehler nachweisen, durch die folgenden verbessert werden müssen.“

 

Der Leidener Astrophysiker Vincent Icke: „Huygens war direkt an der Begründung der wissenschaftlichen Physik beteiligt, die wir jetzt kennen […] das größte Ereignis aus dieser Zeit [besteht] nicht in einer von [den großen]  Entdeckungen, so bedeutend sie auch gewesen sind. Es geht mehr um die Erfindung einer Arbeitsweise, einer Vorgehensweise: einer Art um Kenntnis zu erwerben, die seitdem nicht mehr verbessert wurde. Das ist meiner Meinung nach das Wichtigste: Huygens und seine Mitgelehrten verursachten eine Wende in der Entwicklung der Wissenschaft durch einen Übergang von Postulat zu Hypothese, von Feststellung zur Unterstellung.

 

Huygens kennt den Unterscheid zwischen echtem Beweis und Analogiebeweis, zwischen Hypothese und Beweis nur allzu gut, und dennoch nennt er seine eigenen absurd detaillierten Phantasien „Beweise“. Senile Spekulationen oder Ironie? Beides ist möglich,  das Letztere vor allem mit dem Gedanken an Huygens‘ eigene relativierende Bemerkungen im Text. Wenn ein großer Geist entweder Unsinn redet oder ironisch aufgefasst werden kann, ist es weise und respektvoll, ihm als Leser die Ironie zuzugestehen. 

 

John Locke, Zeitgenosse und Bekannter von Huygens, schrieb in seinem Versuch über den menschlichen Verstand (1690, zum Teil geschrieben in den Niederlanden): “In Dingen, wo die Sinne keine Auskunft geben können, ist die Analogie die Hauptregel der Wahrscheinlichkeit.“ Dies gilt nach Locke, wenn der Gegenstand nicht in den Bereich der Sinne fällt und deshalb auch nicht bezeugt werden kann.

 

„Dahin gehören […]  das Dasein stofflicher Dinge, die entweder wegen ihrer Kleinheit oder zu großen Entfernung durch die Sinne nicht bemerkt werden; z.B. die etwaigen Pflanzen, Tiere und verständigen Bewohner der Planeten oder anderer Aufenthaltsorte in dem großen Weltall.” (Sechzehntes Kapitel “Von den Graden des Zustimmens, § 12).

 

Locke spricht von Wahrscheinlichkeit… nicht von Beweisen.

 

Im Cosmotheoros glänzen ironische Selbstrelativierung und selbstbewusster Stolz gleichzeitig. Die Relativierung des Menschen und von Huygens selbst ergibt sich aus dem Argument, dass Menschen und Astronomen nicht einzigartig sind, und es selbst möglich scheint, dass man in den Planetenländern glücklicher lebt, oder die Planetenbewohner prächtigere Leistungen erbringen: „[…] So kann man auch keinen Grund angeben, warum auf diesen Planeten die Schönheit der Architektur und deren Symmetrie nicht ebenso bekannt sein sollte wie bei uns, noch warum sie nicht Paläste, Türme, oder Pyramiden bauen, die vielleicht hier und da höher und großartiger sind als bei uns.“ Ganz ähnlich schreibt Huygens-Freund Leibniz in seinen Nouveaux Essais über dieses Thema: vielleicht sind andere Extraterrestrier vollkommener und glücklicher als wir (siehe Karl S. Guthke S. 225).

 

Aber auch der menschliche Stolz hat im Cosmotheoros seinen Platz: Huygens reflektiert selbstbewusst sein eigenes Werk und Schaffen, ebenso wie die Kenntnisse und Leistungen der ganzen Menschheit, so wie sie sich zum Ende des 17. Jahrhunderts darstellten. Die Entdeckungsreisen auf der Erde und die neuen Erkenntnisse nennt Huygens immer wieder. Im 17. Jahrhundert wurde nicht nur der Himmel, sondern vor allem auch die Erde erforscht (wobei die Pariser Akademie, der Huygens angehörte, eine führende Rolle spielte), und Huygens’ Cosmotheoros handelt eben so sehr von der Entdeckung der Erde und des Menschen wie von der Entdeckung des Himmels.

 

Huygens: „Es wird sicher nicht ohne Nutzen bleiben, wenn wir uns gleichsam außerhalb dieser Erdkugel begeben und diese von Ferne betrachten und erforschen, ob es nur diese Erde alleine sei, auf die die Natur ihren Schmuck verwendet hat. Denn hierdurch werden wir ihre eigentliche Beschaffenheit und ihren Ort besser verstehen, genau wie diejenigen, die nach einer Reise durch ferne Länder den Zustand ihres Vaterlandes besser beurteilen können, als diejenigen, die nie gereist sind.

 

Falls es Huygens Ernst gewesen sein sollte mit allem, was er schreibt -auch was die Details der Planetenbewohner angeht-, dann hat er seine Argumentation jedenfalls schlecht verteidigt. Er wendet sich nämlich explizit an seine Kritiker, und gibt deren rationale Argumente gut wieder, ohne sich gut zu verteidigen. Sollte er dies wirklich nicht bemerkt haben?

 

Huygens: „Nun weiß ich, dass es Leute geben wird, die sagen, dass es allzu kühn ist, den Planetenbewohnern diese Dinge zuzuschreiben, und dass wir hierzu nur gelangt sind durch Wahrscheinlichkeit auf Wahrscheinlichkeit zu stapeln, und wenn auch nur eine dieser Wahrscheinlichkeit anders sei, das ganze Kartenhaus zusammenfällt. Diese Kritiker aber sollten wissen, dass dasjenige, was wir vom Studium der Astronomie [auf den Planeten] sagen, bewiesen werden könnte und man damit den Anfang in der Argumentation machen könnte, und man alles bisher gesagte weglassen könnte.“

 

Ich halte diese Passage für ironisch. Huygens gibt selbst an, dass – was die spezifischen Eigenschaften der Planetenbewohner betrifft- Wahrscheinlichkeit auf Wahrscheinlichkeit gestapelt wird; dabei einige womöglich sehr geringe Wahrscheinlichkeiten. Huygens selbst hat eine Abhandlung über die Theorie des Würfelspiels (De ludo aleae, 1655) verfasst, wodurch er heute als einer der Begründer der Wahrscheinlichkeitsrechnung gilt. Was das Stapeln von Wahrscheinlichkeitem betrifft, ist er selbst ein Kenner.  Er schreibt nun im Cosmotheoros erst, dass sein Ausgangspunkt die Tatsache ist, dass die Menschen sich selbst nicht als allzu einzigartig betrachten sollen („die übrigen Planeten unserer Erde an Würde in nichts nachstehen“), und nun wird dieser Ausgangspunkt plötzlich zum „Beweis“. Es erscheint mir sehr unwahrscheinlich, dass Huygens diesen Zirkelbeweis nicht bewusst ironisch eingeführt hat.

 

Huygens hat keineswegs bewiesen, dass es Planetenbewohner gibt, die musizieren, Schifffahrt und Astronomie betreiben. Tatsächlich aber hat er gedanklich nachgewiesen, dass es eine - wie auch immer kleine- Möglichkeit gibt, dass auch anderswo im Weltall intelligente Wesen stolz sein könnten auf hochzivilisierte Leistungen, und selbst, dass die Wahrscheinlichkeit tatsächlich nicht ganz null ist (obwohl man sich dies kaum vorstellen kann), dass andere, weit entfernte Wesen sich mit so etwas wie den Details der Oktave beschäftigen.

 

Wie dem nun auch immer sei, was Huygens‘ Ironie betrifft, oder seinen spekulativen Ernst: die Frage nach dem Verhältnis von Huygens zu seinem eigenen Text kann den Leser faszinieren und ergibt eine zusätzliche Dimension im Text, neben Wissenschaft, Geschichte, Philosophie und Phantasie.

 

Die Huygens-Parodie bei Immanuel Kant

 

Auch bei Immanuel Kant finden sich Hinweise auf Huygens, und finden sich Überlegungen zu außerirdischem Leben und zum Analogiebeweis. Kants Text „Von den Bewohnern der Gestirne“ ist ein Anhang seiner Schrift „Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels“. Im Untertitel des dritten Teils (Anhangs) nennt Kant auch das Analogieprinzip: „[…] welcher einen Versuch einer auf die Analogien der Natur gegründeten Vergleichung zwischen den Einwohnern verschiedener Planeten in sich enthält.“

 

Kant verwendet Gedichte von Alexander Pope zur Illustration. Das dritte Kapitel bei Kant, das ich zum Teil als Cosmotheoros-Parodie lese, wird eingeleitet mit einem Vers, der sich auf Huygens bezieht:

 

Wer das Verhältniss aller Welten von einem Theil zum andern weiss,
Wer aller Sonnen Menge kennet und jeglichen Planetenkreis,
Wer die verschiedenen Bewohner von einem jeden Stern erkennet,
Dem ist allein, warum die Dinge so sind, als wie sie sind, vergönnet,
Zu fassen und uns zu erklären.“

 

Kant parodiert hier im dritten Teil seiner Schrift Huygens‘ Cosmotheoros, oder zumindest Huygens Analogie“beweise“, wie auch die übertriebene Sicherheit beim Schildern der Details. Kants erster Absatz kann als eine Parodie auf  Huygens‘ Einleitung gelesen werden, in der Huygens seine Mutmaßungen rechtfertigt und gleichzeitig angibt, warum seine wissenschaftlichen Mutmaßungen den literarischen Versuchen anderer (Kepler, Lukian) überlegen sind. Kant:

 

„Weil ich dafür halte, dass es den Charakter der Weltweisheit entehren heisse, wenn man sich ihrer gebraucht, mit einer Art von Leichtsinn freye Ausschweifungen des Witzes, mit einiger Scheinbarkeit. zu behaupten, wenn man sich gleich erklären wollte, dass es nur geschähe, um zu belustigen, so werde [ich] in gegenwärtigem Versuche keine anderen Sätze anführen, als solche, die zur Erweiterung unseres Erkenntnisses wirklich beytragen können, und deren Wahrscheinlichkeit zugleich so wohl gegründet ist, dass man sich kaum entbrechen kan, sie gelten zu lassen.“

 

Wenn man Huygens’ Text und Einleitung kennt, sieht man die Wiederholung, die hier bei Kant dann parodistisch klingt. In der folgenden Passage hört man Kants Kritik auf Huygens; hier ist der Text weniger parodistisch als direkt kritisch- Kant wiederholt nicht die Elemente und Gedankenstruktur, die man Huygens findet, sondern kommt mit einer kritischen Einschränkung, die Huygens selbst nicht gibt:

 

„Obgleich es scheinen mochte, dass in dieser Art des Vorwurfes die Freyheit zu erdichten keine eigentliche Schranken habe, und dass man in dem Urtheil von der Beschaffenheit der Einwohner entlegener Welten mit weit grösserer Ungebundenheit der Phantasey könne den Zügel schiessen lassen, als ein Mahler in der Abbildung der Gewächse oder Thiere unentdeckter Länder, und dass dergleichen Gedanken weder recht erwiesen, noch widerlegt werden könten [...]

 

Im zweiten Teil des Absatzes bereitet Kant seine eigene parodistische Beschreibung der Planetenbewohner vor:

 

„[…] so muss man doch gestehen, dass die Entfernungen der Himmelskörper von der Sonne gewisse Verhältnisse mit sich führen, welche einen wesentlichen Einfluss in die verschiedenen Eigenschaften der denkenden Naturen nach sich ziehen, die auf denenselben befindlich sind, als deren Art zu wirken und zu leiden, an die Beschaffenheit der Materie, mit der sie verknüpft seyn, gebunden ist und von dem Mass der Eindrücke abhänget, die die Welt nach den Eigenschaften der Beziehung ihres Wohnplatzes zu dem Mittelpunkte der Attraction und der Wärme, in ihnen erweckt.“

 

Kants parodistische Absicht wird deutlicher, wenn er dann auf Christiaan Huygens („witziger Kopf aus dem Haag“) hinweist und Huygens spaßhaft eine Satire unterstellt, wobei Kant Läuse für Planetenbewohner einsetzt:

 

„Die satyrische Vorstellung jenes witzigen Kopfes aus dem Haag, welcher nach der Anführung der allgemeinen Nachrichten aus dem Reiche der Wissenschaften die Einbildung von der nothwendigen Bevölkerung aller Weltkörper auf der lächerlichen Seite vorzustellen wusste, kann nicht anders als gebilligt werden. ‘Diejenigen Creaturen,‘ spricht er, ‚welche die Wälder auf dem Kopfe eines Bettlers bewohnen, hayten schon lange ihren Aufenthalt für eine unermessliche Kugel und sich selber als das Meisterstück der Schöpfung angesehen, als einer unter ihnen, den der Himmel mit einer feinern Seele begabt hatte, ein kleiner Fontenelle seines Geschlechts, den Kopf eines Edelmanns unvermuthet gewahr ward. Alsbald rief er alle witzige Köpfe seines Quartiers zusammen und sagte ihnen mit Entzückung: Wir sind nicht die einzigen belebten Wesen der ganzen Natur; sehet hier ein neues Land, hie wohnen mehr Läuse.’ Wenn der Ausgang dieses Schlusses ein Lachen erweckt: so geschieht es nicht um deswillen, weil er von der Menschen Art, zu urteilen, weit abgehet; sondern weil eben derselbe Irrthum, der bei dem Menschen eine gleiche Ursache zum Grunde hat, bei diesen mehr Entschuldigung zu verdienen scheint.“ (S.131)

 

Nachdem Huygens keine derartige Satire geschrieben hat (… und meines Wissens auch kein anderer Autor „aus dem Haag“) , ist diese Passage ein klarer Hinweis auf Kants satirische Absicht, und möglicherweise auch ein Hinweis darauf, dass Kant das Augenzwinkern bei Huygens wahrgenommen hat.

 

Kants Text bewegt sich, wie Huygens’ Cosmotheoros, zwischen Wissenschaft, Literatur und Satire.  Die Satire ist bei Kant deutlicher als bei Huygens; zum einen, indem Kant selbst die Läusesatire nennt, zum anderen auch dadurch, dass Kant Verse des Satirikers Pope (eines Freundes von Jonathan Swift) zitiert. Popes und Kants Satire gipfelt in der unsinnigen Analogie von der Materie der Planeten und der Intelligenz ihrer Bewohner. Je weiter entfernt von der Sonne, um so leichter der Planet und umso intelligenter die Bewohner.  Dies ist eine direkte parodistische Umkehrung von Huygens’ (hier wohl ernstgemeinter) Fragestellung:

 

Wohl aber könnte man eine Zweifelsfrage formulieren: Nachdem das Leben von Wärme herstammt und Leib und Gemüt Kraft und Schnelligkeit gibt, sollte man dann nicht vermuten, dass diese Hermapoliten (Merkurbewohner) uns an Verstand überlegen sind, weil sie der Sonne so nahe sind? Ich kann hieran nicht glauben […] Deswegen möchte ich auch nicht gerne denen, die auf dem Jupiter oder Saturn wohnen, plumpe und dumme Gemüter, oder einen Verstand, der geringer wäre als der unsere, anmessen nur deswegen, weil sie so viel weiter von der Sonne entfernt leben, wo doch diese beide Kugeln so eine wunderbare Größe und ansehnliche Begleiter haben.“

 

Huygens sagt (und hierbei widerspricht er der teils ironischen Unterstellung Fontenelles zum unterschiedlichen Charakter der Planetenbewohner): Lebewesen sind nicht dümmer oder klüger, abhängig vom Abstand zur Sonne. Kant macht davon das parodistische Gegenteil: je weiter weg von der Sonne, desto intelligenter.

 

Dazu meint Kant, dass, wenn die Erdbewohner dann eifersüchtig würden auf die viel intelligenteren Saturnbewohner, sie nur eben zu den dummen Venus- und Merkurbewohnern blicken müssten, um wieder fröhlich zu werden. Kant: „Von der einen Seite [würden] wir denkende Geschöpfe [sehen] , bey denen ein Grönländer oder Hottentotte ein Newton seyn würde: und auf der andern Seite andere, die diesen als einen Affen bewundern.“ (S. 138) Also, Newton wäre für die Saturnbewohner nur ein Affe; und für die Venusbewohner wäre ein irdischer Hottentotte schon ein Genie wie Newton. (Huygens und Kant teilen die wohl leider nicht ironische Verachtung für alles, was nicht europäisch ist …). Auch hier, wie bei Huygens, die ironische Relativierung des menschlichen Genies.

 

Kant beschließt seine ausführliche geistreiche Huygens/Fontenelle-Parodie (die von vielen als ernsthafte Argumentation gelesen wird!) mit der sehr treffenden Bemerkung: „Wer zeigt uns die Grenze, wo die gegründete Wahrscheinlichkeit aufhört und die willkührlichen Erdichtungen anheben?“  (S.144)

 

 

 

Huygens und Kepler

 

Die Planetenbewohner sind bei Huygens einerseits „echte“, wahrscheinliche Existenzen, und andererseits ironisch „bewiesene“ Wesen, aber sie haben noch weitere Rollen. Huygens braucht für seine populärwissenschaftliche Erzählung intelligente Planetenbewohner, als didaktisches Mittel, und für die Anschaulichkeit und die perspektivische Schilderung. Huygens ist nicht der erste, der die Perspektive von außerirdischen Wesen verwendet hat, um eine anschauliche wissenschaftliche Schilderung zu gestalten, die das kopernikanische System unterstützt und erklärt. Johannes Kepler, der Entdecker der Planetenbewegungen (keplersche Gesetze),  hat in seiner kleinen Wissenschaftsdichtung „Somnium Astronomicum“(1634, posthum) , auf die Huygens hinweist, wissenschaftliche Erkenntnis, Mythologie und Phantasie verbunden. Kepler ließ sich dabei durch Lukian und vor allem Plutarchs „Mondgesicht“  inspirieren, die beide auch, vor allem Plutarch, für Huygens als klassische Quellen dienten. Die Lehre des Kopernikus wird verständlich und tastbar, wenn man sich vergegenwärtigt, wie das Sonnensystem für einen außerirdischen Beobachter aussieht. Kepler und Huygens haben mit ihren Visionen die späteren Raumfahrten schon spielerisch und erstaunlich detailliert vorweggenommen.

 

Karl S. Guthke:

 

Keplers Traum, 1634 veröffentlicht, aber schon 1609 geschrieben und hand­schriftlich in Umlauf gebracht, ist das erste literarische Werk, das, inspiriert von der kopernikanischen Naturwissenschaft, Aliens im Weltraum themati­siert.“ (S. 81)

 

Obwohl Keplers Schrift im Gegensatz zum Cosmotheoros deutlich phantastische Züge trägt, kann man auch wichtige Parallelen zwischen den Texten nachweisen. Keplers erster Satz, mit dem er seinen „Traum“ einleitet, lautet: „Als im Jahre 1608 die Zwistigkeiten zwischen den Brüdern Kaiser Rudolph und Erzherzog Matthias ihren Höhepunkt erreicht hatten […]“

 

Der Kontext von Krieg und Elend verbindet Kepler und Huygens ebenso wie die Gesellschaftskritik und die Abneigung von bewaffneten Konflikten. Huygens ist durchgängig ein Optimist, der sich nahezu in einer Leibnizianischen „besten aller Welten“ wähnt, und allen Übeln noch etwas Gutes abgewinnen kann. Der Optimismus verlässt ihn jedoch beim Gedanken an das Schießpulver: „Wir aber haben auch das Schießpulver, das aus Schwefel und Salpeter gemischt und bereitet wird und zu mancherlei Gebrauch dienlich ist; aber ob es mehr Nutzen als Schaden bringt, kann mit Recht in Zweifel gezogen werden. Es hatte zwar den Anschein, als ob man durch die verwunderliche Gewalt des Schießpulvers und durch die geschickte Art, Städte zu befestigen, sicherer vor feindlichen Angriffen als in alten Zeiten leben konnte. Wir sehen aber, dass auch der Feinde Gewalttätigkeit sehr überhandgenommen hat, so dass man in den Feldschlachten mit Stärke und Tapferkeit nicht mehr so viel ausrichten kann wie früher.[…] In diesem einen Falle wollte man sagen, es wäre besser für die Menschen, wenn das Schießpulver nie erfunden worden wäre.“

 

Schießpulver und Bomben durchlöchern beinahe Huygens‘ standhaften Optimismus: eine echte Anfechtung. Für Huygens wie für Kepler gibt der Standpunkt außerhalb der Erde Gelegenheit zur Relativierung der irdischen Konflikte, und gibt eine Gelegenheit, die Sinnlosigkeit von Kriegen anzuprangern. Huygens: „Von meiner Darstellung kann man sich überzeugen lassen, wie riesig das Sonnensystem ist und wie unbedeutend die kleine Erdkugel ist, auf der wir so viel unternehmen, so viele Schiffreisen machen, und so viele Kriege führen. Wollte Gott, dass unsere Könige und Monarchen dieses erkennen und überlegen mögen, so dass sie sähen, wie schlecht sie handeln, wenn sie sich mit allen Kräften und vieler Menschen Not abmühen, um eine kleine Ecke dieser Erde zu besetzen.“

 

Kepler beschreibt den Mond als Land „Levania“. Er macht einen Unterschied zwischen den Mondbewohnern, die auf der Seite des Mondes wohnen, die der Erde zugewandt ist, und den Bewohnern, die auf der Seite wohnen, die der Erde abgewandt ist, und die also die Erde nie sehen. Die ersten nennt er „Subvolvaner“ , die letzteren „Privolvaner“. „Volva“ ist bei Kepler die Erde, die sich vor den Augen der Mondbewohner dreht; von lateinisch volvere (drehen); im Gegensatz zum Mond dreht die Erde sich um ihre eigene Achse. 

 

Die Passage bei Huygens über die eventuellen Mondbewohner und ihren Blick auf die Erde ist stark an Kepler angelehnt (Huygens ist übrigens skeptisch, was Mondbewohner angeht; er hält Mondbewohner für viel unwahrscheinlicher als Planetenbewohner). Huygens:

 

Der Mond hat zwei Seiten, und von der einen Seite sieht man die Erde ununterbrochen, während man von der anderen Seite aus die Erde niemals sieht. Diejenigen, die auf der Grenze zwischen den beiden Hälften wohnen, sehen die Erde manchmal, und manchmal nicht. Die Erdbetrachter auf dem Mond sehen aber die in der Himmelsluft schwebende Erdkugel viel größer als uns der Mond erscheint, nämlich viermal größer in ihrem Durchschnitt. Dies aber ist erstaunlich, dass die Mondbewohner die Erde Tag und Nacht am gleichen Ort am Himmel unbeweglich stehen sehen. Manche sehen sie über ihrem Kopf stehen, andere sehen sie über dem Horizont, andere am Horizont, während die Erde sich um ihre Achse dreht, und dabei in einer Zeit von vierundzwanzig Stunden nacheinander alle ihre Länder zeigt und daher auch diejenigen bei den beiden Polen, die uns Erdbewohnern noch unbekannt sind. Ach, dass wir sie doch auch sehen könnten!“

 

 

 

[Abbildungen ]

 

1. Vom Mond aus gesehen steht die Erde still am Himmel, weil der Mond immer mit derselben Seite zur Erde gekehrt ist.

 

2. Die Erde am Mondhorizont. Aufnahme der Japanischen Kaguya-Sonde.

 

3. Die Erde am Mondhimmel im Laufe eines Monats.

 

Im Cosmotheoros bezieht sich Huygens mehrere Male auf Kepler. Nicht nur auf Keplers „Traum“, sondern auch – selbstverständlich- auf die wichtigen Keplerschen Gesetze- „[…] was besonders Johannes Kepler beobachtet hat, wie fein der Abstand der Planeten (auch der Erde) von der Sonne mit den aufgeführten periodischen Zeiten in gewisser Proportion übereinstimmt, so wie auch bei den Monden von Jupiter und Saturn, so dass es beachtet werden muss, dass die Abstände und die Umlaufzeiten miteinander zusammenhängen.

 

Huygens äußert sich aber auch sehr kritisch zu Keplers Vorstellung des Universums und der Fixsterne: „[…] Es ist daher glaubhafter, dass die Sterne über den weiten Himmelsraum ausgestreut liegen und der Abstand von der Erde zu den nächsten Sternen der gleiche ist wie von diesen zu den nächsten, und dann wieder zu den nächsten, unendlich weit.

 

Ich weiß, dass Kepler in seiner erwähnten ‚Epitome‘ anderer Meinung ist. Denn obwohl er sehr wohl meint, dass die Sterne über den Himmelsraum ausgesät sind, so behauptet er doch, die Sonne habe einen viel weiteren Raum um sich hin, gleichsam eine leere Sphäre, über welcher erst der mit Sternen volle Himmel beginnt, denn er meint, wir würden sonst nur wenige Sterne und diese in sehr großer Ungleichheit sehen […] „

 

Huygens protestiert gegen die Meinung Keplers, dass „die Sonne etwas besonderes wäre vor allen anderen Sternen“ und stellt fest: „Wir aber haben-  mit den größten Wissenschaftlern dieser Zeit-  keine Bedenken, die Sonne und die Fixsterne als von ein- und derselben Natur einzuschätzen. Dadurch erscheint das Universum nun viel größer als man nach bisherigen Schätzungen meinen musste.“

 

 Karl S. Guthke erläutert Keplers Bemerkungen zu außerirdischem Leben, die dieser in verschiedenen Schriften machte, und zeigt, dass Kepler die Sonderstellung des Menschen, der Erde und der Sonne im Universum noch verteidigt; er also noch nicht den radikalen dezentralen Standpunkt von Huygens einnimmt:

 

„[….] wesentlich bleibt [bei Kepler] das ganze Universum für <uns> als irgendwie höchste Lebewesen geschaffen, und es bleibt überschaubar, ein in symbolischer Geometrik geschlossener Weltraum.“ ( S. 104)

 

 

 

Kosmologie und Religion

 

Cosmotheoros steht in einer langen philosophischen und literarischen Tradition des Nachdenkens über Außerirdische. Huygens nennt selbst einige dieser Autoren: Lukian, Nikolaus von Kues, Giordano Bruno, Kepler, Descartes, Fontenelle. Die Relativierung von Mensch und Erde, die man bei Huygens sieht, findet sich schon als christliche Demut und auch als ein Geist aufgeklärter Bescheidenheit bei den Denkern, die Huygens vorangegangen waren und die den Menschen in seiner scheinbaren Einzigartigkeit entthronen wollten. Der Mensch ist nicht mehr Mittelpunkt der Schöpfung.

 

Doch ist Huygens radikaler als alle vor ihm, wenn er die kopernikanische Ontologie mit Phantasie und Verstand voll durchdringt: was bedeutet es eigentlich für den Menschen, wenn die Erde „nur“ ein Planet ist, und unser Sonnensystem „nur“ eines von unzähligen? In dieser Argumentation geht Huygens viel weiter als alle andere vor ihm, besonders auch als Fontenelle, dessen kurz vorher erschienenes Buch über die Mehrheit der Welten in vielen Aspekten sich mit Huygens’ Darstellung überschneidet. Aber Huygens teilt Fontenelles selbstzufrieden-aristotelische und letztlich wieder anthropozentrische Feststellung nicht, dass die Erde in ihrem gemäßigten Klima und idealen Abstand zur Sonne eben doch ganz besonders vorzügliche und artenreiche Bewohner habe, und deswegen allen anderen Planeten überlegen sei.

 

Bei Huygens selbst, und auch in der Einleitung seines Übersetzers, nimmt die christliche Rechtfertigung für eine anti-anthropozentrische Kosmologie, die dem Menschen die Sonderrolle raubt, darum einen wichtigen Platz ein. Huygens‘ deutscher Übersetzer, der Nürnberger Astronom Johann Philipp von Wurzelbau, findet in einer Reihe von Pauluszitaten eine physikotheologische Rechtfertigung zur Erforschung des Himmels. Wurzelbaus apologetische Vorrede gipfelt in der Feststellung:

 

Und wenn man dann bedenkt, dass dieser sichtbare Himmel und der Himmel aller Himmel einem Ausspruch des weisen Königs zufolge den allgewaltigen Schöpfer so unermesslich großer Dinge nicht fassen können, so wird durch heilige Verwunderung und erstaunte Ehrfurcht die Erkenntnis Gottes sicher stets mehr zunehmen und werden die Menschen angetrieben, Lob, Preis und Verehrung auszudrücken, und sie werden auch zu weiterer Erforschung der herrlichen Wunder und Bewegungen angetrieben, welche seit dem Anfang der Schöpfung den ihnen gegebenen Gesetzen folgen.“

 

Wurzelbau und Huygens erleben ein stark religiöses Gefühl beim Betrachten der „Wunder“werke Gottes. Beide sehen die besondere Rolle der Vorsehung Gottes bei der Ordnung der Natur. Im 17. Jahrhundert  haben viele Denker, so auch Huygens, mit der theologischen Deutung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse eine Symbiose gefunden zwischen Theologie und Naturwissenschaften, die den wissenschaftlichen Fortschritt ermöglichte.

 

Huygens verteidigt sich gegen eventuelle religiöse Gegner: „Andere dagegen werden dasjenige, was wir als wahrscheinlich darstellen wollen, auffassen als etwas, das der Heiligen Schrift widerspricht, wenn hier die Rede ist von Erdkugeln, Tieren, von denen sogar einige mit Vernunft begabt sind. Von diesen Dingen aber spricht die Bibel nicht, ganz im Gegenteil, sie handelt nur von dieser Erde mit ihren Tieren und Pflanzen und dem Menschen als Herrn über alles. Diesen Einwänden entgegne ich, so wie es auch andere vor mir getan haben, dass Gott eben nicht über alle Einzelheiten der Schöpfung unterrichten wollte.“

 

Bernard Le Bovier de Fontenelle (1657-1757) hatte auch schon in seinem „Gespräch über die Vielzahl der Welten“ (1686) dargelegt, dass die Existenz der Außerirdischen keine Gefahr für die christliche Religion darstellt, da diese Wesen eben keine Menschen seien.

 

Descartes, der sich vorsichtig ausdrückte und nicht zu viel über Außerirdische sagen wollte, kam jedenfalls mit einer recht originellen Erklärung, um die christliche Heilsgeschichte vom Sohn Gottes, der für unsere Sünden starb, mit eventuellen Außerirdischen in Einklang zu bringen. In seinem Briefwechsel mit der schwedischen Königin Christina schrieb er auf ihre Frage, ob Jesus Chri­stus nicht ausdrücklich einzig und allein für uns Men­schen am Kreuz gestorben sei, „ Jesus sei am Kreuz nicht bloß für einen Menschen gestorben - hat nicht nur einen erlöst - sondern für eine große Anzahl. Da der menschgewordene Gott all dies für seine irdischen Ge­schöpfe getan hat, sei nicht einzusehen, warum er es nicht auch für andere, für außerirdische Geschöpfe vermochte. Descartes rundet seine Erläuterungen mit der vorsichti­gen Erklärung ab, er wolle sich in dieser Frage gar nicht entscheiden.“ (Karim Akerma, S.71)

 

Jesus Christus ist auch für die Außerirdischen gestorben? Hier kommt beinahe der Gedanke an unfreiwillige Ironie auf.

 

Es ist deutlich, dass der allgewaltige, unendliche, undenkbare Gott mit einem unendlichen und bewohnten Universum gut vereinbar ist. Aber die christliche Dramaturgie und die Details des Christus-Gottessohnes, und erst recht die kirchlich-prozeduralen Rituale und Dogmen können nur mit Gewalt oder Humor auf die (Exo)-Planeten exportiert werden.

 

Die Kirche hatte dies bei Nikolaus von Kues (dem niemand Häresie vorwarf) noch nicht gut verstanden, war aber spätestens seit Giordano Bruno zurecht alarmiert. Zeitlich nach Nikolaus von Kues und vor Giordano Bruno war die Möglichkeit des Lebens auf anderen Planeten und Sternen viel wahrscheinlicher geworden und konnte wissenschaftlich besser unterbaut werden, mit dem Modell des Kopernikus. 

 

Karl S. Guthke:

 

Wenn nicht Nikolaus von Kues, wohl aber der von ihm gedanklich abhängi­ge Giordano Bruno für diese Ketzerei auf dem Scheiterhaufen büßen mußte, so deshalb, weil mittlerweile Kopernikus' De revolutionibus orbium coele­stium (1543) der Idee der Pluralität der Welten einen ganz anderen philosophi­schen Status verliehen hatte - den der potentiellen Wirklichkeit und säkularen Wahrheit.“ (Der Mythos der Neuzeit, S. 43)

 

In vielen Punkten wandelt Huygens in den Fußstapfen Galileis. Das Verhältnis von Kosmologie und Religion, das Huygens im „Cosmotheoros“ bespricht, hat auch Galilei ausführlich erörtert. Galilei hat sich mit dem Verhältnis von Naturwissenschaft und Glaube und  besonders mit der Verträglich­keit des kopernikanischen Systems mit den Aussagen der Heiligen Schrift befasst. In seinem Brief an D. Benetto Castelli vom 21. Dezember 1613 betont Galilei, dass die Heilige Schrift zwar immer unanfechtbar wahr sei, jedoch die menschliche Interpretation fehlerhaft sein kann. Bei der menschlichen Interpretation dürfe man sich zum Beispiel nicht an bestimmte Worte klammern, da dies zum falschen Verständnis führt. Gott hat den Menschen Urteilskraft und Verstand gegeben, damit sie diese verwenden. Über die Astronomie stehe beinahe nichts in der Bibel, deshalb hat Gott den Menschen in dieser Sache nichts in der Heiligen Schrift mitzuteilen.

 

Bei Huygens wie bei Galilei ist Gott ein oberstes Wesen, der Erschaffer der Welt. Er ist jedoch kein personaler Gott, kein Erlöser oder Gott des Heils. Huygens’ Gott ähnelt dem Gott Galileis und dem Gott von Leibniz. Jedoch geht Huygens nicht so weit wie Spinoza (den Huygens persönlich kannte und mit dem er über das Linsenschleifen korrespondierte). Gott und Natur fallen für Huygens nicht so zusammen wie für Spinoza; Huygens ist kein Pantheist. Die Teleologie und die Vorbestimmung in Huygens’ Gottesbild passen nicht in das Weltbild von Spinoza. Jonathan Israel beschreibt den persönlichen Antagonismus zwischen Spinoza und Huygens, welcher auf vielen Faktoren beruhte, unter anderem auf Spinozas Cartesianismus (Radical Enlightenment, S. 246-252). Leider ist Huygens‘ Antwort auf die Frage von Leibniz (1679), was Huygens von Spinozas Ethik fand, nicht bewahrt geblieben.

 

Auffällig ist bei Huygens, dass er die Naturwissenschaft als „Gottesdienst“ auffasst: man kann Gott dienen, indem man seine Werke studiert und bewundert.

 

Huygens:  „Und daraus können wir folgern, dass das Geschick und die scharfen Sinne den Menschen dazu gegeben sind, dass sie dadurch das Wissen von der Natur nach und nach erlangen und sich durch nichts abhalten lassen sollten, diese Dinge weiter zu untersuchen und eifrig nachzuforschen.“

 

„Wie aber würde ein solcher Mensch Gott nicht hoch verehren und preisen, der solche Dinge gewirkt und erschaffen hat, dessen Vorsehung und wunderbare Weisheit hier immer wieder verteidigt wird, und zwar gegen diejenigen, die sagen, dass die Erde aus zufälligen Staubkörnchen entstanden ist, oder überhaupt keinen Anfang gehabt habe.“

 

Huygens‘ natürliche Theologie, die die Schöpfung als ein „Buch der Natur“ liest, kann sich auf das belgische Glaubensbekenntnis von 1619 berufen, die Grundlage der niederländischen reformierten Kirche, wo im zweiten Artikel von 1619 festgestellt wird (mit dem Hinweis auf Paulus; siehe auch Wurzelbaus Argumentation), dass wir Gott auf zwei verschiedene Weisen kennen: erstens [!] durch die Schöpfung und zweitens durch Gottes Wort. (Jorink, S. 20)

 

 

 

Mathematik

 

In der Nachfolge Galileis beschrieb Huygens die Natur mit den Mitteln der Mathematik, und begründete auf diese Weise zusammen mit Galilei die moderne Physik.

 

Es gibt eine berühmte Stelle in Galileis Buch Saggiatore, wo Galilei die mathematische Struktur der Natur erklärt:

 

Die Philosophie steht in diesem großen Buch geschrieben, dem Universum, das unserem Blick ständig offenliegt. Aber das Buch ist nicht zu verstehen, wenn man nicht zuvor die Sprache erlernt und sich mit den Buchstaben vertraut gemacht hat, in dem es geschrieben ist. Es ist in der Sprache der Mathematik geschrieben, und deren Buchstaben sind Dreiecke, Kreise und andere geometrische Figuren, ohne die es dem Menschen unmöglich ist, ein ein­ziges Wort zu verstehen, ohne diese irrt man in einem dunklen Labyrinth umher." ( zit. nach Matthias Dorn, S.40)

 

In seiner Einleitung zum Cosmotheoros schreibt Huygens, dass man das kopernikanische System nicht verstehen kann, wenn man nicht mathematisch denken kann. Die Mathematik ist für ihn die Grundlage seiner Wissenschaft, wie auch die Grundlage des Universums. Gott selbst hat mit den Mitteln der ewigen und unveränderlichen Mathematik und Geometrie die Welt erschaffen; mit anderen Worten, die Mathematik ist Gott übergeordnet. Hierüber denkt Huygens genauso wie sein Freund Leibniz, der Mitbegründer der Analysis (Differential-und  Infinitesimalrechnung). Huygens hat die Mathematik äußerst nützlich theoretisch und praktisch einsetzen können; bei ihm gehen Theorie und Praxis immer Hand in Hand. Trotzdem betont er, dass die Mathematik an sich schon Freude schenkt, auch abgesehen von jedem Nutzen:

 

Die Natur selbst zeigt uns auf verschiedene Weise allerlei geometrische Figuren wie Kreise, Dreiecke, Vielecke, Kugeln und anderes, und verleitet uns, deren Eigenschaften zu untersuchen; was eine Lust ist. Die Betrachtung von all diesem ist ein Vergnügen auch ohne jeden Nutzen.“

 

Huygens’ Mathematik war die Geometrie, und er nennt einige der antiken Mathematiker, die für ihn von größter Bedeutung waren, so wie Euklid, der sich wie Huygens auch mit Musiktheorie, Optik und astronomischen Phänomenen beschäftigt hat, und Archimedes, der mit seinen Überlegungen zur Flächen- und Volumenberechnung Grundzüge der Integralrechnung (Leibniz, Newton) vorweg genommen hatte. Huygens nennt hier die Werke des Archimedes De quadratura parabolae (Quadratur der Parabel; der Text behandelt die Fläche eines Parabelsegments) und De sphaera et cylindro (Kugel und Zylinder; behandelt Volumen von Kugel und Zylinder), wahrscheinlich, weil Huygens selbst auch über die Quadratur des Kreises und der Parabel veröffentlicht hat: dies war seine erste Publikation (1651).

 

 

 

Vincent Icke:

 

„Es fällt auf, dass Huygens in [seinem Werk über die Zentrifugalkraft] De vi centrifuga seine Resultate nicht so aufschreibt, wie wir das heutzutage tun, also nicht in Form einer algebraischen Formel, einer mathematischen Form, die man sich leicht merken kann. Er gibt seine wichtige Entdeckung so wieder wie Archimedes das getan hätte. Das eine ist proportional zu dem anderen, und das andere ist proportional zu dem Produkt von dem Produkt van dem einen, ganze Blattseiten voll mit komplizierten Konstruktionen von dieser Art. Man kann also verstehen, dass [der Wissenschaftskorrespondent und Mönch] Marin Mersenne sagte: ‘Huygens ist der neue Archimedes.‘ Das ist vergleichbar damit, dass ein Student heutzutage als ‚der neue Einstein‘ gelobt würde. Nur wenn man sich man mit Stift und Papier an die Arbeit setzt, und jedes Nomen durch einen algebraischen Buchstaben ersetzt, und dann versucht, auszutüfteln, was Huygens nun eigentlich sagt, kommt man schließlich zu der schönen Formel, die jetzt in der Physik der Standard ist.“

 

In Nachfolge von Galilei hat Huygens eine große Anzahl von Naturphänomenen mit mathematischen Mitteln beschrieben, so dass man diese exakt berechnen konnte. Er formulierte die Gesetze, die für Zentrifugal- und Zentripetalkraft gelten, er gab an, durch welche Gesetze Pendel von verschiedenen Arten bewegt werden; er beschrieb exakt, wie sich Masse und Geschwindigkeit elastischer Körper beim zentralen Stoß verhalten. Jedoch war Huygens in seiner Beschränkung auf die Geometrie recht konservativ, und konnte sich in der Praxis nicht mit der neuen analytischen Geometrie anfreunden, die von Descartes entwickelt worden war.

 

Descartes hatte gezeigt, dass die Algebra, die man immer als eine minderwertige Form der Mathematik, eine Art Kaufmannsmathematik, angesehen hatte, verwendet werden kann, um Postulate der Geometrie abzubilden, und dass man so zu Resultaten kommen kann, die man auf einem geometrischen Weg nicht so leicht hätte finden können. Trotz aller Hochachtung vor Descartes‘ neuer mathematischer Methode blieb Huygens‘ Mathematik eigentlich immer eine Form von Geometrie.

 

Auch gegenüber Leibniz blieb Huygens bei seiner geometrischen Methode. Huygens hatte Leibniz in Paris bei Mathematikstudien geholfen und seine Entwicklung beeinflusst, war jedoch skeptisch gegenüber der Infinitesimalrechnung, die Leibniz entwickelte. Huygens sah den Vorteil der neuen Methode gegenüber seinen eigenen geometrischen Berechnungen nicht. Obwohl Huygens den Wert der Analysis, die von seinen Dialogpartnern Gottfried Wilhelm Leibniz und Isaac Newton unabhängig voneinander entwickelt wurde, nicht ganz erkannte, hat er selbst wichtige Vorarbeiten hierfür geliefert.

 

 

 

Huygens zwischen Galilei, Descartes, Leibniz und Newton

 

 

 

Galilei
 

In vielen Punkten hat Huygens das Werk Galileis direkt fortgesetzt.

 

Vincent Icke:

 

„Galilei, der Vater der Mechanik des Sonnensystems […] war einer der kraftvollsten Pioniere der Auffassung, dass das Weltall mechanisch funktioniert, und dass für die Bewegung von Planeten und Monden, genau wie für andere Naturerscheinungen wie Regen und Wind, eine mechanische Erklärung zu finden sein musste.“

 

Galilei  entdeckte mit einem einfachen Fernrohr die Monde des Jupiters; Huygens entdeckte mit einem etwas besseren Fernrohr den ersten Mond des Saturns. Ganz in Anlehnung an Galilei, der die Monde des Jupiter „Mediceische Gestirne“ genannt hatte, widmete Huygens die Veröffentlichung seiner Entdeckung am Saturn einem Medici –Fürsten (Leopoldo de’ Medici; „Systema Saturnium“ 1659).

 

Wie Galilei war Huygens ein Wegbereiter und Verteidiger des kopernikanischen Systems, das im 17. Jahrhundert durchaus noch umstritten war, und wie Galilei wendete auch Huygens sich mit gut verständlichen, populären Schriften wie Systema Saturnium und dem Cosmotheoros an die Öffentlichkeit. Wie Galilei -  wenn auch weniger heftig- wurde auch Huygens wegen seiner astronomischen Beobachtungen, die das kopernikanische System stützen, mit der scharfen Kritik der katholischen Kirche konfrontiert (nach der Veröffentlichung von Systema Saturnium).
Auch mit der Pendeluhr übernahm Huygens ein Projekt Galileis. Galilei hat mit der  Entdeckung von Gesetzmäßigkeiten der Pendelschwingungen in seinen 1638 erschienenen »Discorsi« die theoretischen Grundlagen für den Bau von Pendeluhren gelegt, und kurz vor seinem Tode seinem Sohn Anweisungen für die Anfertigung einer solchen Uhr gegeben. Huygens kannte zwar Galileis Discorsi, wusste jedoch nichts von der Konstruktion einer Pendeluhr.

 

Auch mathematisch knüpfte Huygens an Galilei an in seinen Berechnungen zum Pendel, zur zykloiden Bewegung und zur Zentrifugalkraft.

 

In einigen entscheidenden Punkten hat Huygens Galilei widersprochen und korrigiert.

 

Vincent Icke über Galilei, Huygens und die Kreisbewegungen:

 

[…] Galilei behauptete, dass ein Gegenstand, der in eine Kreisbahn gebracht wird, in dieser Kreisbahn bleiben würde. Galilei gab den folgenden Grund: ein Kreis, so schrieb Galilei, geht in sich selbst über, wenn er ein Stückchen um seinen Mittelpunkt gedreht wird. Das heißt also, dass eine Drehung auf der Position des Kreises entlang des Kreises keinen Einfluss haben kann (in der heutigen Physik nennt man dies ein Symmetrieprinzip). Daraus folgt, dass eine bestehende Kreisbewegung auch so bleiben wird.

 

Das klingt ganz logisch, und das Besondere ist, dass Galilei selbst hiermit noch das Folgende verbindet: Zwar wissen wir aus der Mathematik, dass das gleiche auch für eine Gerade gilt, aber dies hilft uns nicht weiter (laut Galilei). Schließlich kann man auch eine Gerade in der Verlängerung bewegen, so dass sie in sich selbst überführt wird. Das Argument für die ewige Kreisbahn muss also auch für die ewige Bewegung auf einer geraden Linie gelten. Aber, schreibt Galilei, wir wissen aus der elementaren Mathematik, dass eine Gerade unendlich lang ist. Wir wissen ebenso, dass unser Universum nicht unendlich groß ist. Deswegen kann es in diesem Weltall keine unendlich langen Geraden geben. Also bleibt als einzige mögliche Bewegung die Kreisbewegung. Es scheint alles sehr überzeugend, aber Huygens wies darauf hin, dass eine Kreisbewegung als eine beschleunigte Bewegung gesehen werden muss, wobei sich zwar nicht das Tempo (die Schnelligkeit) verändert, aber wohl die Bewegungsrichtung, also die Geschwindigkeit. Und diese Veränderung der Bewegungsrichtung muss durch irgendetwas verursacht werden, sonst würde der bewegende Gegenstand geradeaus weiterfliegen.“

 

Huygens hat bei seiner Formel für die Zentrifugalkraft (welche also Galileis Überzeugung, dass die Kreisbewegung „natürlich“ ist und sich selbst instand hält, widerlegt) allerdings sehr gut von Galileis Berechnungen Gebrauch machen können, die gezeigt hatten, dass fallende Objekte eine Parabelbahn beschreiben.

 

Ein äußerst wichtiger Beitrag Galileis zur Wissenschaftsgeschichte ist seine Entdeckung der Relativität von Bewegung, nämlich die Tatsache, dass ein gleichmäßig bewegtes System (wie ein Schiff, ein Zug usw.) nicht von einem stillstehenden System zu unterscheiden ist. 

 

Hier eine berühmte Passage aus seinem „Dialog über die beiden hauptsächlichsten Weltsysteme, das Ptolemäische und das Kopernikanische“,  wo er dieses Prinzip anschaulich und poetisch beschreibt:

 

Schließt Euch in Gesellschaft eines Freundes in einen möglichst großen Raum unter dem Deck eines großen Schiffes ein. Verschafft Euch dort Mücken, Schmetterlinge und ähnliches fliegendes Getier; sorgt auch für ein Gefäß mit Wasser und kleinen Fischen darin; hängt ferner oben einen kleinen Eimer auf, welcher tropfenweise Wasser in ein zweites enghalsiges darunter gestelltes Gefäß träufeln lässt. Beobachtet nun sorgfältig, solange das Schiff stille steht, wie die fliegenden Tierchen mit der nämlichen Geschwindigkeit nach allen Seiten des Zimmers fliegen. Man wird sehen, wie die Fische ohne irgend welchen Unterschied nach allen Richtungen schwimmen; die fallenden Tropfen werden alle in das untergestellte Gefäß fließen. Wenn Ihr Euerm Gefährten einen Gegenstand zuwerft, so braucht Ihr nicht kräftiger nach der einen als nach der anderen Richtung zu werfen, vorausgesetzt, dass es sich um gleiche Entfernungen handelt. Wenn Ihr, wie man sagt, mit gleichen Füßen einen Sprung macht, werdet Ihr nach jeder Richtung hin gleichweit gelangen. Achtet darauf, Euch aller dieser Dinge sorgfältig zu vergewissern, wiewohl kein Zweifel obwaltet, dass bei ruhendem Schiffe alles sich so verhält. Nun lasst das Schiff mit jeder beliebigen Geschwindigkeit sich bewegen: Ihr werdet — wenn nur die Bewegung gleichförmig ist und nicht hier- und dorthin schwankend — bei allen genannten Erscheinungen nicht die geringste Veränderung eintreten sehen. Aus keiner derselben werdet Ihr entnehmen können, ob das Schiff fährt oder stille steht. [...] Die Ursache dieser Übereinstimmung aller Erscheinungen liegt darin, dass die Bewegung des Schiffes allen darin enthaltenen Dingen, auch der Luft, gemeinsam zukommt. Darum sagte ich auch, man solle sich unter Deck begeben, denn oben in der freien Luft, die den Lauf des Schiffes nicht begleitet, würden sich mehr oder weniger deutliche Unterschiede bei einigen der genannten Erscheinungen zeigen.“ (S. 197-198)

 

Vincent Icke meint, dass dieses Relativitätsprinzip der klassischen Mechanik, das allgemein Galilei zugeschrieben wird, besser mit Huygens‘ Name verbunden werden kann, weil Huygens besser und radikaler darüber schrieb, und anders als Galilei dabei die Kreisbewegung nicht als natürlich ansah, sondern als eine beschleunigte Bewegung. Huygens‘ Relativitätsprinzip bedeutet, dass es nicht möglich ist, festzustellen, ob ein Objekt im absoluten Sinne in Ruhe ist oder in Bewegung. Körper bewegen sich nur im Verhältnis zu einander. In einem Brief vom 10. August 1669 an H. Oldenburg schreibt Huygens:

 

„…meiner Meinung nach können Bewegung und Ruhe nur relativ sein, und von demselben Gegenstand, von dem manche sagen, dass er in Ruhe ist, kann man auch sagen, dass er sich im Verhältnis zu anderen Gegenständen bewegt, und somit ist die eine Bewegung nicht mehr wirklich als die andere.“

 

Dieses Relativitätsprinzip der huygensschen Mechanik bedeutet, dass es keinen absoluten Platz im Weltraum gibt. Nach Huygens ist der Ort der Teilchen im Raum relativ.

 

 

 

Descartes
 

Huygens baut sein Werk expandierend und überwindend auf sowohl Galilei als auch auf Descartes. Im Cosmotheoros nennt Huygens Galilei ein paarmal anerkennend, aber nicht auffällig oft. Descartes dagegen nennt Huygens immer wieder, und ausschließlich kritisch. Auch in anderen späten Texten distanzierte sich Huygens von vielen Aspekten des Cartesianismus. Der drittletzte Satz im Cosmotheoros, Huygens letztem öffentlichen Text, lautet:

 

„Alle diese Gedanken von Descartes über Kometen, Planeten und den Ursprung der Welt sind mit so nichtigen Argumenten gesponnen, dass ich mich oft wundere, wie er so viel Mühe hat aufwenden können, um solche Phantasien zusammenzuschmieden.“

 

Offensichtlich hat Huygens am Ende seines Lebens das Bedürfnis, sich stark von seinem Lehrmeister Descartes abzugrenzen, was sicher auch mit Huygens’ Freundschaft und Briefwechsel mit dem Descartes-Kritiker Leibniz zusammenhängt.

 

Descartes ist in vieler Hinsicht ein persönlicher und intellektueller „Übervater“ für Huygens gewesen.  Descartes war mit Huygens leiblichem Vater Constantijn Huygens Senior befreundet. Auch war Christiaan Huygens bei seinem Studium in Leiden von einem Cartesianer aus Leidenschaft ausgebildet worden, von Franciscus van Schooten, Professor in der Mathematik. Van Schooten hat alles, was Descartes gesagt hatte, mehr oder weniger als Offenbaring betrachtet.

 

Huygens hat das Werk von Descartes sowohl fortgesetzt als auch radikal kritisiert. Die Kontinuität mit Descartes ist vor allem in Huygens’ Streben zu finden, die Ursache aller natürlichen Wirkungen auf mechanische Gründe zurückführen. Bei Descartes fallen Mathematik und Physik beinahe zusammen, und auch Huygens‘ naturwissenschaftliche Arbeiten sind stark mathematisch orientiert. Doch machte Huygens einen großen Unterschied zwischen der Gewissheit, die man mit Hilfe der Mathematik erlangt, und der hypothetischen Natur der Naturwissenschaft (siehe Zitat oben aus der Einleitung von Huygens Arbeit über das Licht). Huygens lehnte Descartes’ Bestreben ab, die Naturwissenschaft zu axiomatisieren.

 

Huygens‘ scharfe Kritik an Descartes, dass dieser nämlich seine Mutmaßungen und Fiktionen als Wahrheiten ansehe (Brief an Bayle 1693, Oeuvres complètes 10, 403-406) ist ein zusätzliches Argument, um bestimmte Passagen im Cosmotheoros als ironisch, oder als Descartes-Parodie zu verstehen. Huygens kombiniert im Cosmotheoros scharfe Descartes-Kritik mit parodistischen Passagen, wo er gerade dasjenige, was er an Descartes kritisiert, auf eklatante Weise selbst praktiziert: er lässt stellenweise seine Mutmaßungen über Planetenbewohner zu „bewiesenen“ Sicherheiten werden.

 

Huygens wurde berühmt mit seinen Arbeiten zum elastischen zentralen Stoß, mit denen er Descartes‘ Stoßgesetze widerlegte. Huygens nahm Galileis Schiff zum Ausgangspunkt seiner Gedanken über einander stoßende und zurückprallende Kugeln, und verglich die Wahrnehmungen einer mitfahrenden Person mit denen eines Beobachters am Ufer. Das Relativitätsprinzip (also die physikalische Gleichwertigkeit von Ruhe und gleichförmiger Bewegung) besagt, dass die Naturgesetze für beide Beobachter die gleichen sind. Auf diese Weise konnte Huygens die korrekten Stoßgesetze ableiten und Descartes widerlegen, dessen Stoßgesetze (bis auf eines) falsch waren.

 

Im Cosmotheoros lehnt Huygens Descartes‘ Atomismus ab als Erklärungsprinzip für alles Leben:

 

„Die Vortrefflichkeit der göttlichen Weisheit und Vorsehung ist auch an Pflanzen und Tieren viel besser zu erkennen als an unbelebten Dingen. Ein Nachfolger des Demokrit oder des Descartes, der die Erklärung der Dinge, die wir auf der Erde oder am Himmel sehen, etwa so versuchen würde, dass er hierzu nichts als Staub und Atome und deren Bewegung nötig hätte, könnte dies wohl kaum mit Pflanzen und Tieren tun, und er wird, was den Ursprung dieser betrifft, nichts Wahrscheinliches anführen können, weil es allzu deutlich ist, dass diese Dinge niemals aus der herumschwirrenden Bewegung einiger kleiner Teile hervorkommen können.“

 

Huygens verteidigt hier eine transzendent-teleologische Denkweise gegen den Materialismus von Descartes und Demokrit.  Viele der huygensschen Gedanken sind auch bei seinem Briefpartner und Freund (und Descartes-Kritiker) Leibniz zu finden, der aber gegenüber Descartes noch wesentlich kritischer war als Huygens.

 

Leibniz nannte die Philosophie der Atomisten eine „faule“ Philosophie, da diese Auffassung, welche die Atome als letzte Bausteine ansieht, die lebendige, sich verändernde Welt nicht tiefgründig genug analysiere.

 

Huygens wendet sich scharf gegen Descartes‘ Meinung, Tiere wären gleich zu stellen an Automaten und würden keinen Schmerz empfinden:

 

Einige neuere Philosophen sprechen außer dem Menschen auch den Tieren alle Sinne ab und betrachten diese nur als Maschinen oder Automaten, und es würde mich wundern, wenn jemand ihrer ungereimten und harten Meinung beifallen kann, wo doch die Tiere mit der Stimme, Vermeidung der Schläge und auch sonst in allen Dingen das Gegenteil zeigen.“

 

René Descartes, Verfechter der mechanistischen Naturauffassung, vertrat eine provozierenden Formulierung: Tiere sind nichts anderes als “Maschinen”. Tiere kennen keinerlei “émotions de l´ame”, keinerlei Gefühle der Seele. Sie haben gar keine Seele und folglich auch keine seelischen Regungen. Sie haben kein Bewusstsein, keine Gedanken, keine Gefühle. Descartes:

 

„Auch ist es sehr bemerkenswert, dass, obwohl manche Tiere in manchen Handlungen mehr Geschicklichkeit zeigen als wir, man doch sieht, dass ebendieselben Tiere in vielen anderen Handlungen gar keine zeigen; so dass, was sie besser als wir machen, keineswegs Geist beweist, denn in diesem Falle würden sie mehr Gaben besitzen als einer von uns und es auch in allen anderen Dingen besser machen, sondern (es zeigt sich) vielmehr, dass sie keinen Geist haben und allein die Natur in ihnen nach der Disposition ihrer Organe handelt. Man sieht ja auch, dass ein Uhrwerk, das bloß aus Rädern und Federn besteht, richtiger als wir mit aller unserer Klugheit die Stunden zählen und die Zeit messen kann.“ (Abhandlung über die Methode des richtigen Vernunftgebrauchs, 1637, Kap. V, Unterschied zwischen Mensch und Tier)

 

In seiner Anlehnung des cartesianischen metaphysischen Rationalismus nimmt Huygens, wie Leibniz, einen teleologischen Standpunkt ein. Aus moderner Sicht ist dies gegenüber Descartes ein Rückschritt, und tatsächlich war Huygens in manchen Aspekten, so wie in seiner geometrischen Mathematik oder in seinem teleologischem Denken, konservativ. Jedoch ist die Kritik am cartesianischen metaphysischen Dualismus auch im modernen philosophischen Diskurs noch sehr aktuell.

 

Auch in der wichtigen Publikation über das Licht bezieht sich Huygens sowohl anerkennend als auch kritisch auf Descartes:

 

 

 

„Ich habe nämlich stets [...] gemeint, dass selbst Descartes, welcher doch bestrebt war, alle Gegenstände der Physik in verständlicher Weise zu behandeln, und welchem dies gewiss auch viel besser gelungen ist als irgend einem seiner Vorgänger, betreffe des Lichtes und seiner Eigenschaften nichts gesagt hat, was nicht voller Schwierigkeiten oder sogar unbegreiflich wäre.“ (Kap. I, S. 14)

 

Anders als Descartes meinte Huygens, dass die Lichtgeschwindigkeit nicht unendlich groß ist. Anhand von Beobachtungen von Ole Römer an den Bewegungen der Jupitermonde konnte Huygens die Lichtgeschwindigkeit recht genau bestimmen.

 

Ausführlich geht Huygens im letzten Teil seines Cosmotheoros auf Descartes’ kosmische Wirbeltheorie ein, obwohl diese sich nicht wesentlich von Huygens’ eigener, aber abgewandelter Wirbeltheorie unterscheidet.

 

Vincent Icke schreibt über Descartes:

 

„Descartes war auch ein hervorragender Physiker. Nicht nur fand er eine Erklärung für die Art und Weise, wie der Regenbogen seine Farbe bekommt durch die Bewegung des Lichts in kugelförmigen Regentropfen, er untersuchte auch, was sich hinter Galileis Mechanik unseres Sonnensystems verbarg. Galilei sagte: ‚Wenn sich etwas auf einer Kreisbahn bewegt, dann bleibt das so.‘ Hierdurch fühlte er sich von der Verpflichtung befreit, nachzuweisen, wie die Bahnen der Planeten in unserem Sonnensystem zustande kommen. Descartes‘ Gedanke war, dass für die Planetenbahnen eine Erklärung zu finden sein musste, dass also eine Kraft diese Bewegungen steuern musste. Er stellte die Behauptung auf, dass die Planeten in ihren Bahnen angetrieben werden durch eine matière subtile, eine unsichtbare Materie. In der Astronomie würde man heutzutage vielleicht dunkle Materie oder dunkle Energie sagen, ein hypothetischer „Stoff“, der den handfesten Stoff, aus dem wir gebaut sind, in Wirbeln oder „vortices“ mit sich mitnimmt. Der Grund, dass diese Wirbel bestehen bleiben konnten, war nach Descartes, dass sie durch die Wirkung von angrenzenden Wirbeln beeinflusst würden.

 

[Abbildung] Wirbel um die Sterne und Planeten nach Descartes. Seine Hypothese war, dass kosmische Objekte so wie Monde und Planeten, solche „Drehkreise“ um sich herum haben, und dass die Bewegungen des Sonnensystems dadurch erklärt werden könnten.“

 

 

 

Huygens hält bei aller Kritik sehr wohl an der cartesianischen Wirbeltheorie fest, nur will er, anders als Descartes,  die Wirbel einander nicht berühren lassen:

 

Huygens:  Ich bin der Meinung, dass jeder Stern von einem Wirbelkreis schnell bewegter Materie umgeben wird, der sich in seiner räumlichen Beschaffenheit und seiner Art der Bewegung (bei der sich die Materie bewegt) stark von den Cartesianischen Wirbeln unterscheidet. Bei Descartes sind die Wirbel so groß, dass jeder von ihnen die anderen berührt […] so wie Kinder Seifenblasen übereinander blasen […] Diese Bewegung würde aber durch die eckige Oberfläche der Wirbel unmöglich gemacht.“

 

Der berühmte niederländische  Wissenschaftshistoriker Eduard Jan Dijksterhuis schreibt:

 

„Er [Huygens] weicht zwar prinzi­piell von ihm [Descartes] ab, indem er die Atome sich in vacua bewegen lässt und ihre absolute Härte als selbständige Eigenschaft postuliert, aber er folgt kon­sequent der cartesianischen Methode, als wichtigstes Erklärungsmittel eine Reihe verschiedener Sorten von Materie anzunehmen, die sich durch die Größenordnung ihrer Teilchen und deren Geschwindigkeiten von­einander unterscheiden.“(Die Mechanisierung des Weltbildes,  S. 513)

 

Huygens nimmt im Cosmotheoros wie auch in anderen späten Texten heftig Abstand von Descartes. Jedoch wird Huygens von Dijksterhuis als der „vollendete Cartesianer“ beschrieben.

 

„Der vollendete Cartesianer, bei welchem die mathematische Be­handlung auch in diesem anderen Sinne zu ihrem Recht kommt, ist erst Christian Huygens. Denn dieser spottet zwar […] manchmal über die allzu reiche Phantasie, die Descartes bei seinen Erklärungen entwickelt, und er sieht auch die Fehler, die dieser macht, sehr scharf, aber den Grundideen der cartesianischen Natur­betrachtung bleibt er sein Leben lang treu, und auf dieser Grundlage baut er dann die Theorien auf, in denen die Ideale seines großen Vor­gängers verwirklicht werden.“ (Die Mechanisierung des Weltbildes, S. 463)

 

Und anders als bei Descartes, der seine Behauptungen nicht oder wenigstens nicht überall mit mathematischen Beweisen unterbaute, war Huygens‘ Weltbild nicht nur ein „mechanisiertes“ Weltbild, sondern auch ein mathematisiertes Weltbild.

 

Newton
 

Huygens stand in Kontakt mit Newton und hat ihn auch in London persönlich gesprochen.

 

Cosmotheoros endet mit einer freundlichen und offenen Bemerkung über Newton:

 

„[…] Viel fleißiger und scharfsinniger hat Herr Isaac Newton vor kurzem erklärt, wie aus diesen Ursachen die elliptischen Kreise der Planeten ihren Ursprung nehmen, in deren einem Brennpunkt die Sonne ihren Platz hat, so wie Kepler herausgefunden hat.“

 

Durch diese Bemerkung am Ende seines letzten Textes erweist Huygens Newton großen Respekt, und ganz besonders, indem er die Kontinuität mit Kepler betont. Isaac Newton ist der Verfasser der Philosophiae Naturalis Principia Mathematica (1687), in denen er mit seinem Gravitationsgesetz die universelle Gravitation und die Bewegungsgesetze beschrieb. Er stellte die Schwerkraft als Ursache der Planetenbewegungen dar.

 

Die keplerschen Planetengesetze wurden später von Newton in den allgemeineren Zusammenhang seines Gravitationsgesetzes gestellt.  Das erste keplersche Gesetz (Die Umlaufbahn eines Trabanten ist eine Ellipse; einer ihrer Brennpunkte liegt im Schwerezentrum des Systems) ergibt sich aus Newtons Gravitationsgesetz, sofern die Masse des Zentralkörpers wesentlich größer als die der Trabanten ist und die Wechselwirkung des Trabanten auf den Zentralkörper vernachlässigt werden kann.

 

In Cosmotheoros ist nichts davon zu lesen, dass Huygens recht kritisch war gegenüber Newton, und diesem gegenüber einen im Grunde cartesianischen Standpunkt einnahm. Obwohl Huygens Newtons Resultate akzeptierte, stellte er fest, dass diese nichts wirklich erklärten. Newton fand es ausreichend, dass seine Gesetze mit allgemeiner Erfahrung übereinstimmten und eine mathematisch stimmige Beschreibung gaben. Mechanische Erklärungen für die Gravitation konnte er nicht geben, und dies war für Huygens zu wenig. Huygens fand, dass die allgemeine Gravitation ein leerer Begriff war, der nicht mit deutlichen Erklärungen unterbaut war. In diesem Sinne blieb Huygens ein Cartesianer, der genau wissen wollte, wie etwas funktioniert. Eine unerklärte Wirkung auf Abstand war für Huygens (und übrigens auch für den anti-Cartesianer Leibniz)  mehr oder weniger ein Hokus Pokus.

 

Der Wissenschaftshistoriker Dijksterhuis zu Huygens‘ Kritik an Newton:

 

„Wenn Leibniz und Huygens Newtons Theorie in mancher Hin­sicht ungerecht beurteilt haben, so war doch ihre Besorgnis über den Einfluss, den die Wiedereinführung des Kraftbegriffs im Sinne von Bewegungsursache auf die Entwicklung der Physik haben könnte, nicht unbegründet; man kann sogar einen gewissen prophetischen Blick darin erkennen. Das Wort Kraft hat nämlich in der Physik nur allzuoft eine Funktion erfüllt, die sich von derjenigen der Qualitäten und Vermögen der Scholastik nicht prinzipiell unterscheidet. Die gleichen Physiker, die sich über Erklärungen lustig machten, in denen von Qualitäten die Rede war, fühlten sich völlig befriedigt, wenn nur gesagt wurde, dass eine Kraft wirke; noch heute kann man bei Anfängern in Physik und Chemie feststellen, dass durch die Nennung dieses Zauberwortes ihr Kausalitätsbedürfnis voll­ständig befriedigt wird. Wie kommt es, dass schwere Körper auf die unter­stützende Hand drücken und nach dem Loslassen fallen? Weil die Erde sie anzieht! Warum zerfällt ein fester Körper nicht in seine kleinsten Teilchen? Weil diese einander anziehen! Warum verbinden manche Stoffe sich so heftig miteinander? Wegen der großen Affinität, die sie zueinander haben!

 

Darf man denn nicht von Anziehungskraft der Erde, von Kohäsion und von Affinität sprechen? Man darf es ruhig weiterhin tun, falls man sich dabei bewusst ist - und dies dem Gegenüber nötigenfalls klarmacht-, dass die Ursachen der Erscheinungen dadurch lediglich einen Namen erhalten haben, und dass sich hinter dieser Namengebung nur so weit eine reelle Kenntnis verbirgt, als man ein mathematisches Gesetz formulieren kann, das die Wirkung der eingeführten Kräfte bestimmt. Wo dies nicht geschieht, besteht immer die Gefahr, dass die Kräfteterminologie eine Einsicht vortäuscht und das Gefühl für das Rätselhafte in allen Natur­erscheinungen abstumpft.“ (S. 540)

 

 

 

In vieler Hinsicht steht Huygens der modernen Physik näher als Newton. Die von Newton postulierte Fernwirkung der Gravitation wie auch die von ihm aus religiösen Gründen postulierte Absolutheit von Raum und Zeit sind weniger gut mit Einsteins Relativitätstheorie in Einklang zu bringen als  Huygens’ radikales Relativitätsprinzip der klassischen Mechanik.

 

 

 

Theorie und Praxis: technische Anwendungen

 

 

 

Teleskope
 

 

 

Im Cosmotheoros beschreibt Huygens viele technische Erfindungen der Menschheit, und dabei viele, die er selbst mitentwickelt hat: Teleskop, Mikroskop, Uhren.

 

Viele  Astronomen des 17. Jahrhunderts haben Teleskope  gebaut und weiterentwickelt. Galilei, Kepler, Hevelius, Huygens. Im Cosmotheoros-Brief nimmt die Entwicklung der Teleskope eine wichtige Stelle ein, denn Huygens hat diese Arbeit mit seinem Bruder Constantijn, dem Adressaten des Briefes, geteilt. Christiaan und Constantijn Huygens hatten zusammen viele Teleskope untersucht und strebten nach Verbesserung stärkerer Vergrößerung. Mit ihrem ersten gemeinsam gebauten Instrument von 3,5 Meter Länge und ca. 50-facher Vergrößerung, das im März 1655 fertiggestellt wurde, machte Christiaan die spektakuläre Entdeckung eines Saturnmondes, der inzwischen Titan genannt wird. Das Objektiv dieses Teleskops wird im Universitätsmuseum von Utrecht bewahrt und zeigt auch das Anagramm, mit dem Huygens seine Priorität beschützte.

 

Wie Galilei hielt Huygens seine Entdeckung mit einem Anagramm fest. Galilei hatte den Saturn in „dreifacher“ Form gesehen, eine Beobachtung, die Huygens später richtig als den Saturn mit Ringen erklärte. Galilei hatte davon gemacht: „Altissimum planetam tergeminum observavi“ „Ich beobachtete den höchsten Planeten in dreigestaltiger Form“ und hat die Buchstaben dann zur Verschlüsselung alphabetisch geordnet. Christiaan Huygens ging aus von dem Satz SATURNO LUNA SUA CIRCUMDUCITUR DIEBUS SEXDECIM, HORIS QUATUOR (Saturnus wird umkreist von seinem Mond in sechzehn Tagen und vier Stunden) und suchte zusammen mit Constantijn nach einem lateinischen Satz, in dem diese Buchstaben vorkamen, und fand: „Admovere oculis distantia sidera nostris“ bei Ovid („Sie haben die entfernten Gestirne vor unsere Augen gebracht“) und setzt die übriggebliebenen Buchstaben noch dahinter.

 

Das 17. Jahrhundert war gekennzeichnet durch bittere Prioritätskriege, und viele Forscher (auch Newton)  versuchten sich mit Verschlüsselung mittels Anagrammen zu schützen. Huygens hat, vermutlich unter anderem wegen dieser erbitterten Wissenschaftskriege, die unter anderem sein Widersacher Newton führte, wenig publiziert. Einige seiner wichtigsten Schriften erschienen erst nach seinem Tod.

 

Ermutigt durch den Erfolg mit dem ersten Teleskop bauten die Brüder Huygens ein noch längeres Fernrohr von sieben Metern mit ca. 100-facher Vergrößerung. Die Fernrohre wurden immer länger, so wie Huygens es hier im Cosmotheoros auch beschreibt, aber die stärkere Vergrößerung, die auf diese Weise möglich wurde, hatte ein verengtes Gesichtsfeld zu Folge. Huygens entwarf ein Okular, das dieses Problem kompensierte, und auch die chromatische Aberration (Abbildungsfehler der Linsen) aufhob. Dieses sogenannte huygenssche Okular wird auch jetzt noch verwendet. So konnten die Brüder Huygens Fernrohre von 30 Metern Länge bauen.  Doch dann entstand wiederum ein neues Problem: das lange Rohr bog sich durch und war instabil in Wind und Wetter. Huygens löste dies mit einem Teleskop ohne Rohr, das schließlich 60 Meter lang sein konnte. Doch machte er keine aufsehenerregenden Entdeckungen mehr mit seinen Teleskopen.

 

Huygens arbeitete auch an einer technischen Lösung, um die Größe der Himmelsköper exakt  messen zu können, an einer frühen Variante von Mikrometern, also einer Messvorrichtung aus Blechstäbchen, die er im Objektiv anbrachte. Hiermit machte er eine quantitative Beschreibung möglich, die einen großen Fortschritt bedeutete gegenüber den rein qualitativen Beobachtungen, die Galilei nur fünfzig Jahre vor Huygens gemacht hatte.

 

Uhren

 

Huygens war ein äußerst vielseitiger Wissenschaftler, und er betrat immer wieder das Gebiet, das viele Theoretiker scheuen: das Gebiet der technischen Praxis. Immer wieder sieht man bei Huygens, dass er nicht schon bei einer theoretisch befriedigenden Lösung eines Problems stehen bleibt. Das Problem einer genauen Zeitmessung zum Beispiel war für ihn nicht gelöst, nachdem er sich theoretisch mit den Pendelgesetzen beschäftigt hatte. Er konstruierte selbst Uhren, die eine genauere Zeitmessung erlaubten-  schließlich ein wichtiges Hilfsmittel für die Astronomie. [Abbildung Thuret-Uhr Museum Boerhave]

 

Huygens baute auf Galileis Pendelexperimenten auf. Galilei hatte festgestellt, dass die Pendelzeit nicht vom Gewicht des Pendels abhängt, sondern von der Länge des Pendels. Huygens‘ Buch Horologium oscillatorium (1673, die Erfindung selbst datiert von 1656) geht zum größten Teil nicht über das technische Uhrwerk, sondern über die Mathematik und die Physik, die dem Uhrwerk zugrunde liegen. Der volle Titel lautet dann auch: Horologium oscillatorium sive de motu pendulorum: „Die Pendeluhr oder über die Bewegung von Pendeln“.

 

Abbildung Huygens‘ Skizze der Seitenansicht seiner Pendeluhr. Das wie eine Säge eingeschnittene Kronrad oben ist ein Teil der Hemmung. Die Linie darüber gibt die Achse an, auf der Löffel oder Flügel befestigt sind, die das Kronrad immer einen Schritt weiter klicken lassen. Die Achse ist mit einer federnden Gabel an dem obersten Teil des Pendelstabes verbunden. Die Zahnräder unter dem Kronrad sind so gemacht, dass sie die Zeiger im richtigen Tempo antreiben (links).

 

Der Unterteil, der Huygens‘ größte Erneuerung darstellt, ist die Kopplung des Pendels an die Hemmung, als Weiterentwicklung einer älteren Erfindung, der Spindelhemmung.

 

Vincent Icke:

 

„Selbst ein äußerst sorgfältig gebautes Pendel verliert durch allerlei Ursachen von Reibung die Bewegung. Die Kunst ist darum nicht so sehr, ein gutes Pendel zu bauen, sondern um dieses in Gang zu halten. Wer je ein kleines Kind schaukeln hat sehen, weiß, wie das geht: gerade im richtigen Moment einen kleinen Stoß geben. Die Hemmung ist ein besonders geformtes Zahnrad, das über eine Art Löffelkonstuktion die Kraft eines hängenden Gewichts in kleinen Stückchen an das Pendel weitergibt. Der Apparat macht stets einen kleinen Klick vorwärts in dem Moment, wenn das Pendel eine ganze Schwingung hin- und her gemacht hat.  Auf See war die Pendeluhr allerdings so gut wie unbrauchbar, besonders dann, wenn man die Zeitmessung verwenden musste, um zu navigieren. Darum suchte Huygens nach Verbesserungen.“

 

 

 

Die geografische Länge ist schwierig zu bestimmen, insbesondere auf Schiffen auf dem offenen Meer. Huygens hat sich hiermit ausführlich beschäftigt – so wie es auch viele andere Astronomen taten, für die die Navigation ein Schwerpunktthema war. Eine genaue Zeitmessung auf dem Schiff erlaubt das Feststellen der geografische Länge. Dies ist aber letztlich wegen vielerlei praktischer Probleme Huygens nicht gelungen, aber er hat  wichtige Erfindungen gemacht, während er mit verschiedenen Varianten von Schiffsuhren arbeitete.

 

 

 

Vincent Icke: „So dachte er eine ganz andere Konstruktion aus, wobei die Zeit nicht gemessen wird durch das Pendeln eines Gewichts, sondern durch das Hin-und Herdrehen eines Rädchens, der Unruhe. So etwas war schon bekannt, aber Huygens verwendete anstatt eines Gewichts an einem Seil eine Spiralfeder, um die Bewegung zu regeln. Die Konstruktion ist besonders einfallsreich. Die Feder wird durch die vielen Windungen der Spirale entspannt, so dass die Drehbewegung langsam wird, statt einer schnellen Schwingung. Die Unruhe war schließlich auch die Lösung für das Messen der Zeit auf einem schaukelnden Schiff.“

 

[Abbildung]  Unruhe für die Anwendung in Uhren auf See. Durch die kluge Anwendung der Spiralform war die Federkraft schwach, so dass sich das Unruherad ziemlich langsam hin- und her drehte, anstatt schnell zu schwingen. Das Problem bei diesem Instrument ist, dass die Periode der Bewegung nicht durch die Schwerkraft bestimmt wird (die an einem bestimmten Platz immer die gleiche ist), sondern durch die Kraft der Feder, die unter anderem abhängt von der Temperatur. Auch Veränderungen im Luftdruck verursachen Abweichungen im Ticken der Unruhe.

 

 

 

 

 

Optik, Augen, Sehen, Licht

 

 

 

Die Optik, Lehre vom Licht,  hatte im 17. Jahrhundert- schließlich dem Zeitalter der Früh „aufklärung“, wo es geistig also heller wurde – eine zentrale Stellung. Von Kepler über Descartes, zu Huygens und Newton war die theoretische Optik samt ihren praktisch-technischen Anwendungen stark in Entwicklung, und das ganze Zeitalter war in Kunst (Vermeer, Rembrandt) und Wissenschaft geprägt vom Licht.

 

Huygens ist vor allem berühmt geworden mit seiner Traité de la lumière, „Abhandlung über das Licht“, in der er das Licht als eine Wellenbewegung beschreibt analog zu Wasser- und Schallwellen. Schon vor Huygens haben andere die Möglichkeit betrachtet, dass Licht aus Wellen oder Schwingungen bestehen könnte. Huygens hat diese Gedanken ausgearbeitet und konnte optische Phänomene erklären, die man sonst nicht verstehen konnte; so wie die Doppelbrechung im isländischen Kristall oder die Tatsache, dass kreuzende Lichtstrahlen einander nicht stören. Huygens geht aus vom Äther, dem hypothetischen feinen Stoff aus dem der Raum zwischen allen Himmelkörpern bestehen soll. Das Licht ist eine Bewegung, die von den kleinen Stoffteilchen an einander weitergegeben wird. Hierbei denkt Huygens an seine eigenen Gesetze vom elastischen Stoß, denn die Ätherteilchen stellt er sich als (fast) vollkommen elastische Teilchen vor. Huygens spricht von Wellen, jedoch ähnelt seine Wellentheorie des Lichts den modernen Theorien nicht wirklich, denn seine Wellen sind unregelmäßig; von Phasen oder Sinusbewegungen ist bei ihm keine Rede. Seine Wellen  ähneln den Schallwellen und sind im Wesen Stoßbewegungen.

 

Huygens kann mit der Wellentheorie erklären, wie es kommt, dass Lichtstrahlen einander nicht stören: ein und dasselbe Stoffteilchen kann mehrere unterschiedliche Wellen transportieren.

 

Ein leuchtender Körper, wie zum Beispiel eine Kerze, erzeugt nach Huygens Lichtwellen, indem Teilchen in Bewegung gesetzt werden. Jedes Teilchen setzt rings um sich herum alle angrenzenden Teilchen in Bewegung und wird so selbst wieder zum Ausgangspunkt von neuen Wellen- eine dynamische Theorie. Reflexion und Brechung wie auch komplexe optische Phänomene können mit Überlagerung und Einhüllung der Elementarwellen beschrieben werden.

 

 

 

[Abbildung S 21] Das huygenssche Prinzip für das Licht. Wenn ein Gegenstand Licht ausstrahlt, funktioniert jeder Punkt dieses Objektes als Quelle für Teilwellen, die zusammen die Fortpflanzung des Lichtes bestimmen.

 

 

 

 Im Cosmotheoros wird deutlich, wie stark alle Elemente der Optik für Huygens  zusammenhängen: das menschliche Auge, das sieht; die Technik des Teleskops; die Astronomie als ein Betrachten über einen weiten Abstand, und die Natur des Lichts:

 

Wenn wir nämlich die wunderbare Natur des Lichts betrachten, und die außerordentliche Kunst, wie die Augen gemacht so sind, um dieses Licht zu genießen, werden wir leicht erkennen, dass man die Erkenntnis entfernter Dinge, und die Wahrnehmung entfernter Gestalten, oder die Erkenntnis, wie weit sie voneinander entfernt sind, nicht auf eine andere Weise als durch das Sehen erlangen kann. Es kann aber das Sehen nicht sein ohne eine von außen herankommende Bewegung. Diese Bewegung, durch die das Sehen geschieht, kommt (so wie wir an anderer Stelle erklärt haben) von der Sonne, den Fixsternen oder vom Feuer, wobei Teilchen durch schnellste Bewegung angeregt werden, und die himmlische Materie, die sie umgibt, pausenlos stoßen und treiben.[…] Mit dem Sehvermögen erkennen wir die Schönheit der Farben, die feine Bildung der Gestalten, mit diesem Sinn lesen und schreiben wir, betrachten den Himmel, die Sterne und ihren Lauf und messen ihre Größe.“

 

 

 

 

 

Musik

 

Huygens schreibt im Cosmotheoros ausführlich über seine eigene komplizierte Musiktheorie, die er außerdem auch den Planetenbewohnern unterstellt: da sie nicht dümmer als wir sein können, folgt daraus, dass sie sich auch in der (huygensschen) Musiktheorie auskennen.

 

Der Vater von Christiaan Huygens, Constantijn Senior, war ein berühmter niederländischer Staatsmann, Dichter und Musiker/Komponist, und auch Christiaan hat von klein auf musiziert und auch hin-und wieder komponiert. Musik und Mathematik stehen seit der Antike miteinander in Beziehung, und viele der geistigen Väter von Huygens haben sich sowohl mit Musik als auch mit Mathematik beschäftigt: Galilei, Kepler, Mersenne, Descartes.

 

Zwei Probleme der Musiktheorie und -praxis, mit denen Huygens sich beschäftigte, waren auch schon in seiner Zeit jahrhundertlang bekannt. Beide Probleme haben mit der Tatsache zu tun, dass die Tonintervalle (der Zusammenklang der Töne), die unsere Ohren am angenehmsten und reinsten finden, genau diejenigen sind, die mit den einfachsten Zahlenverhältnissen übereinstimmen. Wenn wir einen Ton hören, der mit einer Saite erzeugt wird, und gleich danach noch einem Ton, der von einer genau doppelt so langen Saite erzeugt wird, dann hören wir einen besonders reinen Klang, die Oktave, die also dem Verhältnis der Saitenlängen von 1:2 entspricht. Auch hört das Ohr sehr rein wirkende  Intervalle (die wegen ihres Wohlklanges Konsonanten genannt werden)  bei einer Quinte (Verhältnis 2:3), große Terz (4:5) und so weiter.  Hierbei entstehen nun die zwei Probleme: zunächst das Problem der Ursache der Konsonanz. Wie kommt es, dass die Erfahrung unserer Ohren, also eine konkrete Erfahrung der Sinne, mit so etwas Abstraktem korrespondiert wie mit Zahlenverhältnissen? Huygens-Freund Leibniz hatte zu diesem Problem gesagt: „Musik ist eine verborgene Rechenkunst des seines Zählens unbewussten Geistes“ . In gewisser Hinsicht stellt die Frage nach der Konsonanz die Kernfrage zum naturwissenschaftlichen Denken über Musik dar; und so wie es häufiger mit scheinbar einfachen Fragen der Fall ist, ist dieses Problem noch immer nicht zu allgemeiner Befriedigung gelöst.

 

Ein zweites Problem ist von praktischer Natur: es lässt sich zusammenfassen als die Tatsache, dass kein Tonsystem denkbar ist, in dem die verschiedenen Konsonanten Oktave, Quinte, Terz und so weiter miteinander zu vereinbaren sind.

 

Dies kann man auf folgende Weise anschaulich machen: wenn man auf einem Klavier vom Ton C aus vier Quinten nach oben geht c-g, g-d‘, d‘-a‘, a‘-e“. Dieser Abstand c-e“  besteht also aus vier Quinten, und genauso auch aus zwei Oktaven und einer großen Terz. Wenn nun Oktave, Quinte und Terz des Klaviers völlig rein wären, dann wäre der Umfang der vier Quinten (2/3*2/3*2/3*2/3) gleich dem Umfang von zwei Oktaven und einer großen Terz (1/2*1/2*4/5). Aber:

 

(2/3)4 =16/81  

 

und

 

(1/2)2*4/5= 16/80

 

Diesen Unterschied- das Intervall  80/81 - erfahren wir als äußerst unangenehme Dissonanz. Das eine e‘‘  ist also nicht dasselbe wie das andere e‘‘ , und der Sachverhalt, dass beide auf dem Klavier zusammenfallen, ist nur der Tatsache zu danken, dass auf dem Klavier weder die Quinte, noch die Terz, noch irgendein anderes Intervall außer der Oktave wirklich rein gestimmt sind. Das ist also das Problem: die Unvereinbarkeit der Konsonanten lässt sich nur lösen, wenn sie ein wenig unrein gestimmt werden. Die Frage ist dann: welche Konsonanten werden unrein gestimmt, und wie stark? Auf unserem modernen Klavier wurde dieses Problem gelöst, indem man den Raum innerhalb der Oktave in genau zwölf gleiche Teile geteilt hat, die sogenannte gleichschwebende Stimmung. Als Folge hiervon sind die Intervalle innerhalb der Oktave nicht ganz rein, auch wenn wir daran gewöhnt sind. Doch kann jeder den Unterschied zwischen einer gleichschwebenden und einer reinen Terz hören, wenn die eine und die andere vorgespielt wird. Das ist dann auch der Grund, warum man zur Zeit von Huygens keine gleichschwebende Stimmung wollte. Musiker hantierten ein System, wobei die Oktave und die große Terz rein waren und nur die Quinte etwas angepasst wurde. Diese „mitteltönige Stimmung“ war bis zum 19. Jahrhundert hauptsächlich für Tasteninstrumente gebräuchlich.

 

Huygens lehnte die gleichtönige Stimmung ab und hielt fest an einer reinen großen Terz. Er konnte zeigen, dass bei einer Aufteilung der Oktave in 31 Stufen die Reinheit der mitteltönigen Stimmung erhalten blieb und gleichzeitig auch das Spielen aller Tonarten möglich wurde (was bei gebräuchlicher mitteltöniger Stimmung nicht möglich war). So löste er eine musiktheoretische Frage seiner Zeit. Praktisch entstand ein neues Problem: ein Klavier mit 31 Tasten zwischen c und c‘ war sehr schwer zu hantieren. Huygens entwarf eine verschiebbare Klaviatur, auf der er auch selbst spielte. Huygens 31-Tonsystem ist theoretisch noch immer sehr interessant, unter anderem auch wegen der Anwendung von Logarithmen bei der Instrumententwickung.

 

 

 

Wunderkammern des Wissens: die Schönheit der Schöpfung

 

 

 

Huygens war ein moderner Naturwissenschaftler, der mit mathematischen Methoden und kritisch-hypothetischem Denken arbeitete. Was an ihm so fasziniert, ist die Kombination von Modernität mit einem vollständig integrierten und ungespaltenen Wissenschaftsbegriff. Gefühl und Verstand, Theorie und Praxis, Wissenschaft und Gesellschaft, und auch Kunst, Handwerk und Wissenschaft: dies alles ist bei Huygens dicht miteinander verflochten.

 

Bewunderung für die Schönheit des Universums ist Huygens‘ Treibfeder, sein Motor. Bewunderung für die Schönheit des Universums motiviert ihn beim Schreiben seines Cosmotheoros-Briefes, so wie er gleich zu Anfang in Anlehnung an den antiken griechischen Mathematiker, Physiker, und Staatsmann Archytas von Tarent feststellt:

 

„Bei meiner Beschreibung empfinde ich das, was ich diesmal und schon oft als wahr habe empfunden, und was einst Archytas gesagt hat: “Wenn jemand in den Weltraum reisen würde, und die Natur der Welt und die Schönheit der Sterne genau betrachten würde, würde ihm doch die Bewunderung, die er sicher fühlen würde, keine Freude machen, wenn er niemanden hätte, dem er dieses erzählen könnte.“

 

Bewunderung, Verwunderung und Freude an der Schöpfung Gottes funktionieren bei Huygens als die emotionellen Verbindungsstücke zwischen Religion und Wissenschaft. Huygens steht hiermit nicht allein. Das 17. Jahrhundert war ein Jahrhundert des verwunderten und gottesfürchtigen Entdeckens. Schon bei Galilei war die Bewunderung ein ehrfürchtig-religiöses Gefühl, das ihn, so wie später auch Huygens, zum Verfassen von wissenschaftlich-poetischen Texten veranlasste. Huygens schreibt über den „Schmuck“ der Erde und der Planeten, ganz ähnlich so wie auch vor ihm Galilei geschrieben hat:

 

„Ich für mich finde die Erde sehr edel und bewundernswert, gerade wegen der zahlreichen und so verschiedenen Veränderungen, die immerfort auf ihr stattfinden.[…] es gibt keinen Prinzen, der nicht gerne einen Berg Diamanten, Rubine und Gold tauschen würde für ein Stückchen Erde in einem kleinen Topf, gerade groß genug, um einen Jasmin- oder Orangensamen zu pflanzen, den dann keimen zu sehen und zu  wachsen und solche prächtigen Zweige, duftende Blumen und edle Früchte tragen sehen.“ [meine Übersetzung einer Passage, die Vincent Icke zitiert]

 

Im Vorwort des deutschen Cosmotheoros, geschrieben von dem Nürnberger Astronomen Johann Philipp von Wurzelbau, ist die religiöse Bewunderung der Schöpfung ein wichtiges Element in der Verteidigung der naturwissenschaftlichen Forschung. Wurzelbaus erster Satz und der ganze erste Absatz eröffnen gleich das Wunder/Verwunderthema mit komplizierten logischen Konstruktionen von Wundern und Nicht-Wundern:  „Es mag nicht weiter verwundern, dass die Sonne und andere hellleuchtende Himmelskörper viele Völker so beeindruckt haben, dass sie (weil den sie den wahren Gott nicht kannten) diese als Götter verehrten und anbeteten [….]“ . Es wundert uns also laut Wurzelbau nicht, dass man sich über die Himmelserscheinungen wunderte, aber es wundert und enttäuscht Wurzelbau andererseits sehr, dass seine Zeitgenossen „die himmlischen Wunder für gewöhnliche und alltägliche Dinge ansehen“.

 

Wurzelbau ist sich sicher, so wie auch viele andere Protestanten seiner Zeit es waren, dass die Wissenschaft der Religion dient. Eine Säkularisierung, wie sie die katholische Kirche - im Nachhinein besehen - zurecht fürchtete, sieht er keineswegs voraus: „[…] so wird durch heilige Verwunderung und erstaunte Ehrfurcht die Erkenntnis Gottes sicher stets mehr zunehmen und werden die Menschen angetrieben, Lob, Preis und Verehrung auszudrücken, und sie werden auch zu weiterer Erforschung der herrlichen Wunder und Bewegungen angetrieben […] “

 

Mit seiner Betonung des Wunderns ist Wurzelbau dem Gedankengang von Huygens treu, denn Worte wie „Wunder(n)“und „wunderbar“ kommen sehr häufig vor im Cosmotheoros. „Wunder“ (miracula) stehen hier für gefühlsbetonte Sinneswahrnehmungen oder Einsichten. Ein „Wunder“ ist die positive subjektive Erfahrung von Phänomenen in der Natur und Technik, die den einzelnen Menschen übersteigen.  Vielleicht kann man in diesem Zusammenhang von einer starken Erfahrung der Transzendenz sprechen. Das „Wunder“ ist hier ganz modern und uneingeschränkt immer und überall in Übereinstimmung mit den Naturgesetzen, nur mit der möglichen Einschränkung von Noch-Nicht-Wissen.

 

An verschiedenen Stellen spricht sich Huygens scharf gegen Astrologie oder andere unwissenschaftliche vermeintliche Wunder aus. Für Huygens ist die Natur das Wunder Gottes; und außerhalb der Natur(gesetze) gibt es keine Wunder.

 

In der wissenschaftsgeschichtlichen Literatur wird Huygens als rational, aristokratisch-zurückgezogen und stoisch-unpersönlich beschrieben (wenn man von der hier und da etwas unangenehmen Psychologisierung seines Biographen absieht, der Huygens‘ melancholische Phasen laienfreudianisch unter die Lupe nimmt). Vincent Icke hat dagegen zurecht den enthusiastischen Aspekt in Huygens’ Cosmotheoros betont. Huygens zeigt sich in seinem letzten Text von einer geistreichen, phantastisch-ironischen und ekstatischen Seite. Auch Huygens macht eine „ekstatische Reise“ wie Athanasius Kircher, jedoch macht Huygens, anders als Kircher, eine wissenschaftlich-ekstatische Reise. Huygens tritt auf als ein Wissenschaftler, der von Erde und Himmel wahrlich begeistert ist.

 

In dem Vorwort zum Cosmotheoros verbindet Wurzelbau die natürlichen Wunder der Schöpfung mit einem weiteren Gedanken: den Wunderkammern. Nach Wurzelbau (der hierbei indirekt auf Paulus-Zitate verweist) ist die Entwicklung des menschlichen Wissens vergleichbar mit einer Reihe von Wunderkammern, die Gott der Menschheit nach und nach eröffnet: „Der Wiss- und Lernbegierige wird gleichsam von einer Kunstkammer in die andere geleitet und darf immer größere Geheimnisse kennenlernen. Einige dieser Kammern entsprechen dem vergangenen Wissensstand, andere dem gegenwärtigen und wieder andere sind bestimmt für die Zukunft“.

 

Auch in der Verwendung der Metapher der Wunder- und Kunstkammern bleibt Wurzelbau dem Leben und Denken von Christiaan Huygens stark verpflichtet, auch wenn Huygens selbst die Wunderkammern nicht nennt. Es ist, wenn man das Vorwort von Wurzelbau kombiniert mit kulturwissenschaftlichem Wissen über das 17. Jahrhundert (siehe hierfür Eric Jorink, Reading the Book of Nature in the Dutch Golden Age), nicht schwer zu erkennen, dass Huygens’ Cosmotheoros als eine Art textueller Wunderkammer gelesen werden kann.

 

Eric Jorink eröffnet sein Buch mit einem Kapitel über Constantijn Huygens Senior, den Vater von Christiaan Huygens, und beschreibt dabei auch den historischen Kontext der „Verwunderkultur“ des 17. Jahrhunderts. Jorink: 

 

„The agitated age in which Constantijn Huygens lived has been aptly described as 'the age of the marvelous'. Not only the vanguard of the Cartesian natural philosophers, but above all a broad spectrum of laymen such as Huygens senior -liefhebbers, virtuosi, curieux, as they were called- prove to have been extremely fascinated by nature in all of its phenomenal forms: not only rational explanatory models, but also in particular striking phenomena such as monsters and com­ets, the previously unknown anatomy of insects, and the collections of curiosities from the Old and the New World filled the most erudite minds in Europe with wonder. Time and again we come across the crucial role that the 'marvels of nature' (Wundern, merveillles, mira­bilia, miracula) played in the intellectual culture of the seventeenth century. All of these words are etymologically related and can all be derived from the Latin mirari (to wonder, ask oneself, want to know) and mirus (wondrous, extraordinary)." ( S. 7)

 

Die Kultur des (immer auch religiös empfundenen) Wunderns und Staunens kam zum Ausdruck in den Wunder-, Kunst- und Raritätenkabinetten und –schränken, die im 17. Jahrhundert sehr populär und in Europa weit verbreitet waren, auch und gerade im protestantischen Milieu. In diesen Sammlungen fanden sich Kunst, Handwerk, Naturalia neben kuriosen und seltsamen Gegenständen und technischen kleinen „Wunderwerken“.

 

Athanasius Kircher, dem Huygens im zweiten Buch des Cosmotheoros einen wichtigen, wenn auch kritisch eingerahmten Platz, einräumt, war ein berühmter Sammler (er richtete 1651 im Collegium Romanum in Rom ein Museum Kircherianum ein) und der Autor einer Kuriosaanthologie.

 

Für die Entstehung dieser Wundersammlungen waren die Entdeckungsfahrten des 15.–17. Jahrhunderts von ausschlaggebender Bedeutung. Die Entdeckungsreisen auf der Erde und die neuen Erkenntnisse nennt Huygens dann auch immer wieder. Im 17. Jahrhundert wurde nicht nur der Himmel, sondern vor allem auch die Erde erforscht, und Huygens’ Cosmotheoros handelt ebenso von der Entdeckung der Erde wie von der Entdeckung des Himmels.

 

Huygens war Mitglied der neugegründeten Wissenschaftsakademien in Frankreich und in England. Seine wissenschaftlichen Arbeiten und Kontakte standen nach 1660 stark im Zeichen des Austauschs über die Wissenschaftsakademien und deren Publikationen. Die französische Wissenschaftsakademie, deren Mitglied und Direktor Huygens war, organisierte verschiedene Expeditionen nach Amerika und Afrika- die Schiffe hatten dabei Huygens‘ Pendeluhren an Bord, um die geographische Länge zu messen (was nicht gelang).

 

Die Teile von Huygens’ Cosmotheoros, wo Huygens vor allem die Erde und ihre Bewohner beschreibt (um diese Beschreibung als Grundlage für seine Mutmaßungen über die Planetenbewohner zu gebrauchen) stellen eine kleine Wunderkammer dar, eine textuelle Sammlung von Naturalia, Kuriosa, Kunst, Technik und Handwerk.

 

Die Frage nach der Art der Natur und Kultur auf den anderen Planeten veranlasst Huygens zu einer Übersicht über die irdische Natur und die menschlichen Leistungen. „Die Verschiedenheit der Arten auf den Planeten können wir uns am besten vorstellen, wenn wir unsere irdischen Arten und ihre wunderbare Unterschiedlichkeit betrachten.“

 

Er zählt verschiedene Tierarten auf, bevor er sich den Pflanzen zuwendet, wo er eine exotische Besonderheit nennt, „den indianischen Baum, aus dessen Ästen neue Wurzeln hervorsprossen, die man in die Erde pflanzt“. Dann nennt Huygens wichtige menschliche Leistungen im Bereich des Überlebens und der Nützlichkeit: Jagd, Schifffahrt, Häuserbau. Er bespricht menschliche Moral, die Sinne der Lebewesen, wobei er immer wieder auf die Planetenbewohner und deren hypothetisches Wesen zu sprechen kommt. Wissenschaft und Kunst vermutet Huygens auch bei den Planetenbewohnern, und mit diesen Künsten auch deren Voraussetzung, so wie ein kollektives Gedächtnis in der Form von Schrift. Hier kommt Huygens mit Beispielen aus anderen Kulturen: chinesische Zeichen, Hieroglyphen und die kuriose Knotenschrift. [Abbildung]

 

Einen breiten Raum nimmt die Beschreibung technischer Erfindungen ein, besonders derjeniger,  an deren Entwicklung Huygens selbst beteiligt war, wie Fernrohr, Linsen, Mikroskop. Teleskope und Mikroskope  sind wissenschaftliche Instrumente, die neue Wunderwelten eröffnen, die Welt des Riesiggroßen und des Winzigkleinen. Optische Instrumente aller Art wurden gerne in Wunderkammern und Raritätenkabinetten ausgestellt.

 

Huygens‘ Interesse für Optik und das praktische Interesse für das Linsenschleifen fand seine Anwendung nicht nur bei Teleskopen, sondern auch bei Mikroskopen. Das Mikroskop war im 17. Jahrhundert ein wichtiger Zugang zu einer neuen Wunderwelt. Sein Leben lang hat Huygens sich, zusammen mit dem Bruder Constantijn, für Mikroskope interessiert; ein Interesse und eine Faszination, die sie von ihrem Vater Constantijn übernahmen und mit ihm teilten. Vater Constantijn Huygens war befreundet mit Descartes und wie später sein Sohn Christiaan an der Theorie und Praxis der Optik sehr interessiert. Im Cosmotheoros schreibt Christiaan über die faszinierende Welt unter dem Mikroskop:

 

[…] es scheint, dass es nichts Schöneres gibt, das der menschliche Verstand hervorgebracht hat. Hierzu gehört auch […] die Erfindung der Fern- und Vergrößerungsgläser, mit denen man die Natur der Dinge aufs genaueste erforschen kann.“

 

 „Vom Blutkreislauf durch Pulsadern und andere Adern könnte ich auch sprechen, wovon man früher schon wusste, aber jetzt erst mittels des Vergrößerungsglases an einigen Fischschwänzen wirklich genau untersucht hat. Mehr könnte ich auch noch schreiben über die Fortpflanzung der Tiere, wo man gefunden hat, dass keines anders als durch Samen von seinesgleichen erzeugt wird, was man auch bei den Gewächsen nachgewiesen hat; auch, dass sich im männlichen Samen viele tausend der lebhaftesten Tierchen befinden, und dass durch diese die Nachkommen der Tiere entstehen. Dies ist zweifelsohne wahr und ist eine ganz wunderbare und unerhörte Sache.“

 

[Abbildung]

 

Auch eine andere technische Besonderheit nennt Huygens in seinem Text über die Wunder der Wissenschaft und Technik: ein Planetarium, das er selbst entwickelt hat. [Abbildung]

 

Kunstkammern und Raritätenkabinette enthielten oft Gegenstände, die der Fabelwelt des Aberglaubens angehörten, so wie Hörner von Einhörnern. Von derartigen Dingen will Huygens nichts wissen: Aberglaube hat keinen Platz in seinem wissenschaftlichen Wundertext. Astrologie und anderer Volksglaube wird streng verworfen. Die Bewunderung der Natur gründet sich auf deren Ordnung, Struktur und zugrundeliegende Gesetzmäßigkeiten, nicht auf über- oder außernatürliche Wunder. So schreibt Huygens über den Unsinn der sogenannten Entenbäume, Bäume an denen Enten wachsen sollen- ein Aberglaube, der während des Mittelalters bis in die frühe Neuzeit verbreitet war. Noch in Adriaen Coenens „Visboek“ von 1581 findet sich eine Abbildung der Entenbäume.  [Abbildung]

 


Gesellschaftlicher, militärischer Nutzen; Handel  und Nützlichkeit waren wichtige Ziele der Forschung der neuen Wissenschaftsakademien, und die Beschreibung und Darstellung von technischem Nutzen nimmt bei Huygens auch einen breiten Raum ein. Dennoch ist die Freude, die Schönheit und das Wundern ein dem Nutzen mindestens gleichgestelltes, wenn nicht doch noch übergeordnetes Prinzip: „Aber der Schöpfer aller Dinge wollte, dass wir nicht nur unseren Nutzen aus allem Lebenden und Wachsenden ziehen, sondern auch Freude daran haben sollen, und dass wir die vielerlei Gestalten und Naturen betrachten und ebenso die Art wie sie zustande kommen. Wir sehen eine unendliche Mannigfaltigkeit dieser Wunderwerke, so wie man es ausführlich bei den Naturschilderern lesen kann. Das gilt sogar den Insekten und dem Ungeziefer: wer verwundert sich nicht über die sechseckigen Zellen der Bienen, das Spinnengewebe, die Puppen der Seidenwürmer[…]“

 

Huygens kannte und schätzte die „Micrographia“ (1665)  seines Wissenschaftskollegen und –konkurrenten Robert Hooke, in der prachtvolle Kupferstiche von Insekten zu sehen waren. Während Cosmotheoros hauptsächlich vom Sonnensystem handelt, und die mikroskopische Welt nur nebenbei erwähnt, ist es bei Hooke umgekehrt: in seinem berühmten Werk steht die kleine Welt im Mittelpunkt, aber kommen auch die Himmelskörper und die Wellentheorie des Lichts vorbei.

 

Christiaan Huygens und sein Vater Constantijn ebenso wie der Huygens-Freund Leibniz waren begeistert von den Sammlungen des Naturforschers Jan Swammerdam, einer der ersten, der systematisch Gebrauch machte vom Mikroskop und der 1675 eine Naturgeschichte der Insekten veröffentlichte. Für Swammerdam war die Natur eine Bibel, und war das Studium der Wunderwerke der Natur ein Gottesdienst. Bei ihm finden sich auch, wie bei Huygens, die physikotheologischen Gedanken, dass aus der Struktur der Natur die Existenz Gottes abgeleitet werden kann.

 

 

 

 

 


 

 

Cosmotheoros oder Eine phantastisch-realistische Betrachtung der Schönheit der Welt, der Sterne und Planeten

 

 

 

Geschrieben von Christiaan Huygens für seinen Bruder Constantijn, Geheimrat der königlichen Majestät von Großbritannien

 

Aus dem Lateinischen ins Deutsche übersetzt

 

von Johann Philipp von Wurzelbau

 

Verlegt von Friedrich Lanckischens Erben 1703

 

Online zugänglich in der Sächsischen Landesbibliothek.[1]

 

 

 

Ins moderne Deutsch übertragen[2] und erläutert von Maria Trepp 2011

 

 

 

 

 

Jene Sonn' und die Stern' und den abgemessenen Umlauf
Rastlos wechselnder Zeiten vermag ohn' einiges Schauders

 

Regungen mancher zu schaun. Was deucht von der Erde Geschenken,
Was von des Meers, das ferne die Araber segnet und Inder,
Spieltand, was vom Geklatsch und der ehrenden Gunst des Quiriten?
Wie darf solches man schaun, mit was für Empfindung und Mienen?

 

Horaz, Briefe, I,6.[3]

 

 

 

 

 

 

 


 

 

[5] Vorrede[4]

 

Es mag nicht weiter verwundern, dass die Sonne und andere hellleuchtende Himmelskörper viele Völker so beeindruckt haben, dass sie (weil sie den wahren Gott nicht kannten) diese als Götter verehrten und anbeteten, denn es gibt in der ganzen Natur nichts, das ein herrlicheres majestätisches Aussehen hätte. Es ist auch leicht zu glauben, dass einige Völker, mit Gottes unbegreiflicher Fügung, durch eine unablässige Betrachtung der Welt und ihrer wunderbaren Geschöpfe zur Erkenntnis des Schöpfers geführt wurden und dessen unsichtbares Wesen, ewige Kraft und Gottheit wahrgenommen und erfahren haben. Dagegen aber muss sehr bedauert werden, dass viele Völker, die der Allerhöchste so begnadigt hat, dass er ihnen die wahre Erkenntnis reichlich und in Fülle mitgeteilt hat, so dass sie –neben anderen Hinweisen auf Gottes Gnade- auch durch Betrachtung seiner herrlichen und schon viele tausend Jahre in unveränderter Ordnung befindlichen Werke ständig mehr Erkenntnis gewinnen, und zu kindlicher Furcht und Liebe zu ihrem mildesten himmlischen Vater angetrieben werden sollten, dass also gerade diese zur Erkenntnis befähigten Völker sich durch tausenderlei Eitelkeiten und nichtiges Schattenwerk vereinnahmen und blenden lassen, so dass sie die himmlischen Wunder für gewöhnliche und alltägliche Dinge ansehen, die der Betrachtung nicht wert seien, und sogar die eifrigen Forschungen anderer, die diese nach Vermögen unternommen haben und unternehmen, unnötig und überflüssig finden. [6]

 

Es ist erstaunlich, dass die blinden Heiden durch fleißige Betrachtung der so herrlich erschaffenen Welt nach und nach zu einer Erkenntnis Gottes gelangten, und dagegen die eigentlich Blinden, die sich selbst der wahren Erkenntnis Gottes rühmen, seine herrlichen Werke aber und die Erzeugnisse seiner Hände verächtlich oder doch nur oberflächlich betrachten und auf diese Weise von tiefer Erkenntnis (ohne die doch keine wahre Religion bestehen kann) so stark weggeführt werden, dass sie, wie die leidige Erfahrung zeigt, in ihrer Dichtkunst eitel werden, ihr unverständiges Herz verfinstert, und aus vermeinter Weisheit zu Toren werden. Noch dazu verwandeln sie die Herrlichkeit des ewigen Gottes in allerhand eitle Abbilder und dienen so den geringsten Geschöpfen und ihren vergänglichen Lüsten mehr als dem eigentlich zu preisenden Schöpfer, und verfallen somit aus der Hand des gerechten Gottes wissentlich in frevelnde Sünde, Schande und Laster, wie es der Gelehrte des dritten Himmels[5] schon vor mir beschrieben hat.

 

Doch wird Gottes unendliche Güte niemals müde, das Heil der sterblichen Menschen zu fördern. Es hat nun den Anschein (so wie es auch der christliche Heide uns erzählt), dass, weil die himmlischen Wunder durch die alltägliche Gewöhnung gering scheinen, die allerhöchste Weisheit Gottes die Wunder der Himmelskörper nicht auf einmal enthüllt, sondern alles nach und nach gezeigt wird.[6] Der Wiss- und Lernbegierige wird gleichsam von einer Kunstkammer in die andere geleitet und darf immer größere Geheimnisse kennenlernen. Einige dieser Kammern entsprechen dem vergangenen Wissensstand, andere dem gegenwärtigen und wieder andere sind bestimmt für die Zukunft. [7] Der oben genannte kluge Heide zweifelte nicht ohne Grund betreffs seiner Zeitgenossen, ob ihnen nicht überhaupt selbst der erste Zugang verweigert wurde und sie noch in der Vorkammer warten mussten. Denn obwohl schon einige vor ihm gleichsam durch einen Türspalt und von Ferne das wunderbare Geheimnis erblickt haben, nämlich, dass die von uns bewohnte Erd-Kugel nicht – so wie uns auf dieser Erde scheint- mitten im Schoße des Himmel ruht, sondern sich genau wie die anderen Planeten[7] um die Sonne dreht und bewegt, so haben nur die wenigsten dieses für wahr angenommen, und dieses Wissen ist schließlich in Vergessenheit geraten.[8] In den vergangenen zwei Jahrhunderten ist man nun durch fleißige Beobachtung und Untersuchung wirklich durchgedrungen zur Natur der himmlischen Bewegungen und hat klar bewiesen, dass, wenn man diesen Bewegungen gerecht werden will und ihnen somit nicht ungereimte und unmögliche Mechanismen andichten will, man also als vor Augen liegend und als wahrhaft und bekannt annehmen müsse, was jene frühere Gelehrten vor mehr als tausend Jahren von Ferne gesehen haben.

 

So ist es nun auch unsere ganz besondere Freude, dass wir in der neugeöffneten himmlischen Wunderkammer weiter wandeln dürfen, nachdem im vorigen Jahrhundert (dem 17. Jahrhundert) die ganz besondere Erfindung der Ferngläser gemacht wurde, mit deren Hilfe unvorstellbare Entdeckungen am Himmel gemacht wurden, die für unsere Vorfahren unglaublich wären. Einige Forscher waren dabei schneller und geschickter als andere, und vor allem der vortreffliche Mathematiker Herr Christiaan Huygens von Zulicheim [8] hat es sehr weit gebracht. Hiervon zeugen seine wichtigen, zu unterschiedlichen Zeiten herausgegebenen Schriften, wie diejenige über die Pendeluhr. Seine letzte Schrift, Cosmotheoros genannt, hat er vor einigen Jahren kurz vor seinem Tode zu Ende gebracht. In dieser Schrift, sicher nicht seiner geringsten Veröffentlichung, behandelt er nicht nur die Planeten, wie den Saturn mit seinem wunderbaren Ring, und den Jupiter, und beide mit ihren Trabanten (Monden), auch den Mars, unsere Erde mit ihrem Mond, und Venus und Merkur in ihren wirklichen Größen und Entfernungen im Verhältnis zum großen Körper der lichtvollen Sonne. Die große und fast unbegreifliche Entfernung der Fixsterne stellt Huygens auf eine besonders sinnreiche Weise dar. Huygens bemüht sich auch, uns durch schöne Vergleiche glaubhaft zu machen, dass sich auf den Planeten, die unserer Erde gleichen, Gewächse und Lebewesen befinden, vernünftige und unvernünftige, die, wenn auch nicht alles, so doch vieles mit den Unseren gemein haben. Diese anmutige kleine Schrift wurde in Latein herausgegeben, und von der gelehrten Welt mit großer Anteilnahme aufgenommen und wurde bald in verschiedene Sprachen übersetzt.[9]

 

Deswegen wollten wir auch den deutschen Landsleuten diesen Text zugänglich machen. Wir sind dem Autor in allem gefolgt und haben alles so viel möglich unverändert übersetzt, und überlassen es jedem einzelnen Leser, inwieweit man Huygens folgen will, [9] was die Ausschmückungen und die Bewohner der Planeten betrifft, ob man sich etwas anderes vorstellen will, oder die Sache dahingestellt sein lassen will, wie der himmlische Schöpfer das eine und andere gestaltet hat.

 

Was aber die Größe der himmlischen Köper und die Entfernungen untereinander betrifft, so kann man keine bessere und richtigere Darstellung finden als die hier vorliegende. Der deutsche Leser solle sich nicht abwenden, wenn er sieht, dass unsere Erde und die Planeten Mars, Venus und Merkur im Verhältnis zur Sonne so winzige Körnchen scheinen, und der Mond selbst so winzig klein ist, dass er kaum zu sehen ist. Die Proportionen der Abstände sind so riesig, dass zur Darstellung viel Raum nötig ist; zur Darstellung des Abstandes der Fixsterne nicht einmal die Ausdehnung eines großen Landes ausreicht. Doch ist dies ohne Zweifel richtig und mit den Methoden der Astronomie und Geometrie bewiesen, wie diejenigen, die sich in Arithmetik und Geometrie auskennen, unschwer erkennen werden. Diejenigen, die sich in diesen Wissenschaften nicht auskennen, sollten dem geübten und erfahrenen Wissenschaftler glauben, und sollten sich davor hüten, solche schwer begreiflichen Dinge für lächerlich oder erfunden zu halten; sie sollten hierin die Schwäche der menschlichen Sinne und des Vorstellungsvermögens erkennen, für welche diese und andere göttliche Wunder unglaublich erscheinen.

 

Auch muss man bedenken, dass die herrliche Größe unserer Sonne, obwohl deren Durchmesser hundertmal größer ist als der der Erde, [10] gegenüber dem Raum, in dem die Planeten sich bewegen, sehr gering ist, und schließlich der unglaublich weite Raum bei den Fixsternen wegen ihrer fast unbegreiflichen Entfernung so sehr zusammengezogen wird, dass er mitsamt seinen Himmelskörpern kaum gesehen werden kann. Und wenn man dann bedenkt, dass dieser sichtbare Himmel und der Himmel aller Himmel einem Ausspruch des weisen Königs zufolge den allgewaltigen Schöpfer so unermesslich großer Dinge nicht fassen können,[10] so wird durch heilige Verwunderung und erstaunte Ehrfurcht die Erkenntnis Gottes sicher stets mehr zunehmen und werden die Menschen angetrieben, Lob, Preis und Verehrung auszudrücken, und sie werden auch zu weiterer Erforschung der herrlichen Wunder und Bewegungen angetrieben, welche seit dem Anfang der Schöpfung den ihnen gegebenen Gesetzen folgen; zugleich werden die Menschen zum Folgen von Gottes Geboten und zu einem tugendsamen Lebenswandel angehalten. Dieses soll auch bei allen der Kunst und Tugend zugetanen Lesern dieses Werkes seine Wirkung tun, und demjenigen, der alles vermag, dies bitten wir zu verstehen, dem sei Ehre hier und überall und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

 

J.N.J.

 


 

 

 [11]

 

Christiaan Huygens

 

Welt-Betrachtungen oder Überlegungen zu den Himmelskörpern und ihren Besonderheiten

 

Geschrieben für seinen Bruder Constantijn Huygens[11]

 

 

 

 

 

Erstes Buch

 

Lieber Bruder,

 

Wenn man, so wie Kopernikus es uns lehrt,[12] die Erde, auf der wir wohnen, zu den Planeten zählt, die um die Sonne drehen und von ihr alles Licht empfangen, dann kommt man sicher manchmal auf den Gedanken, dass auch die anderen Planeten so wie die Erde mit Pflanzen geschmückt sind, und auch Bewohner haben. Besonders, wenn man dazu auch an die Dinge denkt, die noch nach den Zeiten des Kopernikus am Himmel entdeckt wurden, so wie die Begleiter der Planeten Jupiter und Saturn, und die Landschaften auf dem Mond, und vieles andere mehr, wodurch nicht nur die Wahrheit des von Kopernikus beschriebenen Sonnensystems bestätigt wird, sondern auch die Ähnlichkeit und Verwandtschaft, die die Erdkugel und die Planeten miteinander haben.

 

[12] Ich erinnere mich hierbei daran, als Du und ich durch unsere langen Ferngläser[13] zu den Sternen sahen (wofür wir jetzt keine Gelegenheit mehr haben, denn Du, mein Bruder, bist oft jahrelang in geschäftlichen Angelegenheiten abwesend)[14] und viel über diese Dinge gesprochen haben, und beide davon überzeugt waren, dass man niemals finden und erforschen würde, was die Art und Natur der Regionen auf diesen Planeten sei. Ich sehe auch nicht, dass je ein früherer oder ein moderner Philosoph[15] jemals versucht hätte, dieses zu erforschen. Zwar haben nach der Begründung der Astronomie und nachdem man wusste, dass die Erde eine Kugel ist und von allen Seiten von Himmelssubstanz (Äther) umgeben wird,[16] einige dieser Philosophen geschrieben, dass es mehrere oder sogar unzählige Lebenswelten auf den Sternen gäbe. Nikolaus von Kues[17], Giordano Bruno[18] und Johannes Kepler[19] meinten sogar, dass es auf den Planeten Leben gäbe (Kepler schreibt, dass auch Tycho Brahe[20] dieser Meinung war). Nikolas von Kues und Giordano Bruno meinten auch, dass es auf der Sonne und auf den Sternen Bewohner gäbe.[21] Doch hat weder der eine noch der andere, noch der französische Autor einer neuen Schrift über die Vielheit der Welten[22] in dieser Sache weiter geforscht. Nur haben einige zum Spaß erdichtete Werke geschrieben über die Völker auf dem Mond, die aber wie bekannt nicht viel wahrscheinlicher erscheinen als die Lukianischen Märchen[23]. Hierzu zähle ich auch das, was Kepler im Somnium Astronomicum[24] spielerisch erzählt. Ich bin nicht klüger als alle diese Männer, aber ich darf mich glücklich schätzen, dass ich nach fast allen ihnen geboren bin; und nachdem ich lange über diese Sache nachgedacht habe, scheint es mir, dass der Weg, auf dem man diese Dinge erforschen kann, nicht verloren ist, [13] und dass man viel Material findet für wahrscheinliche Mutmaßungen. Diese meine Mutmaßungen, die mir nach und nach eingefallen sind, habe ich aufgeschrieben. Jetzt möchte ich meine Aufzeichnungen ordnen und Dir, meinem Bruder, vorlegen. Auch füge ich einige Erklärungen über die Sonne, die Fixsterne und die Größe der Welt hinzu, von der unser Sonnensystem nur ein kleiner Teil ist. Ich hoffe, dass Du, mein Bruder, dies mit besonderer Freude lesen wirst, nachdem Du Dich so sehr für das Außerirdische interessierst. Bei meiner Beschreibung empfinde ich das, was ich diesmal und schon oft als wahr empfunden habe, und was einst Archytas[25] gesagt hat: “Wenn jemand in den Weltraum reisen würde, und die Natur der Welt und die Schönheit der Sterne genau betrachten würde, würde ihm doch die Bewunderung, die er sicher fühlen würde, keine Freude machen, wenn er niemanden hätte, dem er dieses erzählen könnte.“("Si quis in caelum ascendisset, naturamque mundi, et pulchritudinem mundi et pulchritudinem siderum perspexisset, insuavem illam admirationem ei futuram (quae alioquin jucundissima fuisset), nisi aliquem, cui narraret, habuisset.")[26]

 

Nur möchte ich wünschen, dass meine Schrift nicht in die Hände von jedermann geraten wird. Ich würde gerne neben dem Herrn Bruder meine Leser nach meinem Belieben wählen, und dann solche, die nicht nur in der Astronomie bewandert sind, sondern auch in der Philosophie, und bei welchen ich auf Zustimmung hoffen darf, so dass hier kein schützendes Vorwort nötig ist wegen aufsehenerregender Neuigkeiten[27]. Weil ich aber schon vorhersehe, dass meine Schriften in die Hände nicht verstehender Menschen geraten werden, und auch ansonsten allerlei scharfe Bemerkungen hervorrufen werden, denke ich, dass ich gut daran tun werde, wenn ich voraussehbare tadelnde Gegenargumente zu widerlegen versuche.

 

[14] Zum Beispiel werden da Menschen sein, die sich in der Geometrie und Mathematik nicht auskennen, und daher unsere Argumentation lächerlich und vergeblich finden. Denn solche Menschen können nicht glauben, dass man messen kann, wie weit weg die Sterne stehen und wie groß sie sind. So halten sie es auch für falsch, wenn man der Erdkugel Bewegungen zuschreibt; oder sie meinen jedenfalls, dass diese noch von niemandem bewiesen wurden, und es ist dann auch kein Wunder, dass sie alles, was auf geometrischen Grundlagen steht, für Träume und eitel Geschwätz halten werden. Was sollen wir mit diesen Leuten anfangen? Wohl nichts, außer dass wir ihnen sagen, dass sie ganz anderer Meinung wären, wenn sie sich in die mathematischen Künste und in die Betrachtung der Werke der Natur vertiefen würden. Aber wir wissen, dass die meisten nicht so weit kommen werden, weil sie dazu nicht den Verstand haben, oder nicht die Gelegenheit hatten, es zu lernen; andere aber keine Zeit haben, weil sie sich um ihre eigenen oder um öffentliche Angelegenheiten kümmern müssen, und ihnen die Muße fehlt. Deswegen werden wir es ihnen nicht übel nehmen, wenn sie unseren Fleiß missbilligen sollten, und werden uns lieber auf tüchtigere Beurteiler beziehen.

 

Andere dagegen werden dasjenige, was wir als wahrscheinlich darstellen wollen, auffassen als etwas, das der Heiligen Schrift widerspricht, wenn hier die Rede ist von anderen Erdkugeln und von Tieren, von denen sogar einige mit Vernunft begabt sind. Von diesen Dingen aber spricht die Bibel nicht, ganz im Gegenteil, sie handelt nur von dieser Erde mit ihren Tieren und Pflanzen und dem Menschen als Herrn über alles. Diesen Einwänden entgegne ich, so wie es auch andere vor mir getan haben, dass Gott eben nicht über alle Einzelheiten der Schöpfung unterrichten wollte. [15] Wenn im Buch der Schöpfung von den Sternen und der Erde die Rede ist, gehören hierzu auch die Planeten, wie auch Sonne und Mond, und auch die Monde des Jupiters und Saturns. Es gibt also auch Planeten und Monde von anderer Art, und eigentlich werden in der Bibel auch unzählige andere Dinge, die der Schöpfer auf diesen gemacht hat, mit diesen Namen gemeint. Es steht in der Bibel, dass alles um der Menschen willen erschaffen wurde, und das ist folgendermaßen auszulegen. Viele große Sterne hätten wir ohne die Hilfe der Ferngläser nie zu Gesicht bekommen, und es ist sehr ungereimt zu sagen, dass diese für unseren Nutzen oder unsere Betrachtung geschaffen seien. Weil ein großer Teil der Werke Gottes so weit entfernt ist, dass wir Menschen diese nicht einmal zu Gesicht bekommen können und diese uns nicht angehen, ist es nicht unvernünftig, anzunehmen, dass es andere Wesen gibt, die diese Werke aus der Nähe sehen und bewundern können.

 

Meine Kritiker könnten dann einwenden, dass der allerhöchste Schöpfer von diesen Dingen nicht erzählen ließ oder nichts gezeigt hat, weil er dieses Wissen für sich behalten wollte, und es sei eine Vermessenheit und ein Hochmut, wenn man dann allzu viel danach forscht und sucht. Diesen Kritikern antworte ich, dass sie selbst sich zu viel anmaßen, wenn sie anderen Menschen vorschreiben wollen, wie weit sie gehen dürfen mit ihren Erforschungen, oder ihrem Fleiß Ziel und Maß geben wollen, als ob ihnen die Grenzen, die Gott hat setzen wollen, bekannt wären, und als ob es für Menschen überhaupt möglich wäre, solche Grenzen zu überschreiten. Und wirklich, wenn auch diejenigen, die vor uns gelebt haben, sich von solchen Zweifeln hätten abhalten lassen, [16] könnte es sein, dass wir immer noch nichts wüssten von der der Form oder Größe unserer Erde,[28] oder dass es Amerika gibt,[29] oder dass der Mond mit den Strahlen der Sonne erleuchtet wird, und was die Ursache von Mond- und Sonnenfinsternissen sei, und anderes mehr, das wir der Arbeit der Astronomen zu danken haben. Denn was konnte damals vom Universum als mehr unergründlich erscheinen, als die Dinge, die jetzt klar zu Tage liegen? Und daraus können wir folgern, dass das Geschick und die scharfen Sinne den Menschen dazu gegeben sind, dass sie dadurch das Wissen von der Natur nach und nach erlangen und sich durch nichts abhalten lassen sollten, diese Dinge weiter zu untersuchen und eifrig nachzuforschen. Jedoch aber wissen wir, dass die tiefverborgenen Dinge, von denen wir hauptsächlich sprechen, nicht zu demjenigen gehört, das durch Nachdenken ganz ergründet werden könnte. Deshalb behaupten wir hier nichts mit Sicherheit (wie können wir das auch tun?), und sprechen nur von „Mutmaßungen“, deren Wahrscheinlichkeit ein jeder selbst nach seinem Gutdünken beurteilen muss. Wenn also jemand die hier aufgewendet Mühe vergeblich und unnütz findet, weil wir hier nur Mutmaßungen äußern können über Dinge die man niemals sicher wissen kann, dann antworten wir ihm, dass er dann auf diese Weise das ganze Studium der Physik, das von der Entdeckung der verborgenen Ursachen aller Dinge handelt und wo man mit der Erforschung von Wahrscheinlichem großes Lob verdient, verwerfen müsste. Die Erforschung großer und verborgener Dinge bringt auch in sich selbst viel Befriedigung. Die Wahrscheinlichkeiten haben viele Stufen, die eine nach der anderen zur Wahrheit führen, und für deren Erkenntnis man vor allem eine gute Beurteilungsgabe braucht.

 

[19] Mir aber will scheinen, dass wir Dinge untersuchen, die nicht nur intensives Nachdenken erfordern, sondern auch solche Dinge, deren eifrige Betrachtung zur Erlangung der Weisheit nicht wenig beiträgt. Es wird sicher nicht ohne Nutzen bleiben, wenn wir uns gleichsam außerhalb dieser Erdkugel begeben und diese von Ferne betrachten und erforschen, ob es nur diese Erde alleine sei, auf die die Natur ihren Schmuck verwendet hat. Denn hierdurch werden wir ihre eigentliche Beschaffenheit und ihren Ort besser verstehen, genau wie diejenigen, die nach einer Reise durch ferne Länder den Zustand ihres Vaterlandes besser beurteilen können, als diejenigen, die nie gereist sind. Auch ist es für den, der sich die Größe des Universums nur schwer vorstellen kann, vielleicht leichter, unseren Argumenten zu folgen, dass es mehrere bewohnte Planeten so wie die Erde gibt. Wie aber würde ein solcher Mensch Gott nicht hoch verehren und preisen, der solche Dinge gewirkt und erschaffen hat, dessen Vorsehung und wunderbare Weisheit hier immer wieder verteidigt wird, und zwar gegen diejenigen, die sagen, dass die Erde aus zufälligen Staubkörnchen entstanden ist, oder überhaupt keinen Anfang gehabt habe.

 

Den größten Beweis für das, was wir hier schreiben, sehen wir in der Ordnung der Planeten, wie Kopernikus sie beschrieben hat, und wozu auch ohne Zweifel unsere Erde gehört. Deswegen beschreiben wir hier zu Beginn zwei Schemata.[30] [20] Zum einen die Kreise der Planeten, so wie sie um die Sonne herum geordnet sind, und zwar nach ihren wahren Proportionen, so wie sie mein Herr Bruder auf meiner Uhr abgebildet gesehen hat.[31] Das andere Schema zeigt die Größe der Planeten im Vergleich zueinander und zur Sonne, genau wie auf der erwähnten Uhr. In dem ersten Schema ist der Mittelpunkt die Sonne, um welche in bekannter Folge die Kreise von Merkur, Venus, der Erde mit ihrem Mond, dann Mars, Jupiter und Saturn folgen, und um Jupiter und Saturn herum die kleinen Kreise ihrer Gefährten; vier Monde hat der eine und fünf hat der andere. Die Kreise aller Monde werden hier in Proportion viel größer wiedergegeben als die Kreise der Planeten, und dies, weil man sie sonst nicht sehen würde. Wie unglaublich groß aber die Hauptkreise sind, das kann man daran sehen, dass der Abstand von der Sonne zur Erde ungefähr zehn- bis zwölftausendmal den Durchmesser der Erde beträgt, worüber gleich noch mehr.

 

Beinahe alle Planeten sind in der gleichen Fläche gelegen und weichen nicht viel vom Umkreis der Erde um die Sonne ab; eine Fläche, die Ekliptik genannt wird. Diese wird von der Achse der Erde schräg durchschnitten, um welche diese sich in vierundzwanzig Stunden gegenüber der Sonne um sich selbst dreht. Diese Achse ist, wie die Astronomen wissen, einer sehr langsamen Veränderung unterworfen,[32] bleibt jedoch immer in einem parallelen Stand, während sie sich um die Sonne bewegt, wodurch der Wechsel von Tag und Nacht und auch die Veränderung der Jahreszeiten entsteht, wie in astronomischen Büchern hin- und wieder gelehrt wird, aus welchen wir dann auch die Zeit der periodischen Umdrehung eines jedes Planeten übernehmen:

 

Saturn 29 Jahre, 174 Tage, und 5 Stunden

 

Jupiter 11 Jahre, 317 Tage und 15 Stunden

 

Mars beinahe 687 Tage

 

Tellus, unsere Erde, 365 und ¼ Tage

 

Venus 224 Tage und 18 Stunden

 

Merkur in 88 Tagen

 

[21] Dies ist die bekannte Ordnung der Himmelskörper, welche Kopernikus entdeckt hat und welche auch mit der Einfachheit der Natur am besten übereinstimmt. Wenn jemand diese Ordnung nicht anerkennen will oder sie verwerfen will, der lasse sich zuvor von den Argumenten der Astronomen informieren, wie viel richtiger und leichter man mit dieser Beschreibung dem Rechnung tragen kann, was bei der Bewegung der Sterne geschieht und beobachtet wird, als mit dem Ptolemäischen oder Tychonischem System[33]. Da wird er auch erfahren, was besonders Johannes Kepler beobachtet hat, wie fein der Abstand der Planeten (auch der Erde) von der Sonne mit den aufgeführten periodischen Zeiten in gewisser Proportion übereinstimmt, so wie auch bei den Monden von Jupiter und Saturn, so dass es beachtet werden muss, dass die Abstände und die Umlaufzeiten miteinander zusammenhängen.[34] Er wird nicht erklären können, wie es kommt, dass der Nordpolarstern, der äußerste Stern im kleinen Bären, jetzt zur Zeit nur 2 Grad entfernt steht vom Himmelsnordpol, [35] während er vor 1820 Jahren zur Zeit des Hipparch[36] 12 Grad 24 Minuten von diesem Himmelsnordpol entfernt war, in einigen Jahrhunderten aber sogar 45 Grad vom Himmelsnordpol abweichen wird, und nach 25.000 Jahren an denselben Ort, an dem er jetzt steht, zurückgekehrt sein wird. Wenn man nun sagen wollte, dass der ganze Himmel sich um seine Achse dreht, wäre dies also immer wieder eine neue Achse, was ganz gegen die gesunde Vernunft spricht, und außerdem mit der Hypothese des Kopernikus ganz leicht zu erklären ist. Außerdem muss man all dasjenige erwägen, womit Galilei, Gassendi,[37] Kepler und viele andere die Einwände gegen Kopernikus entkräftet haben.[38] Durch die Beweise dieser Männer wurden die Zweifel, die noch im Wege standen, aus dem Weg geräumt, so dass alle Astronomen, denen es nicht an Verstand fehlt,[39] oder die ihren Glauben nicht nur nach der Menschen Gebote gestalten,[40] die Bewegung der Erde und ihre Stellung unter den Planeten ohne Zweifel anerkennen.

 

[22] In der zweiten Skizze sind, wie schon gesagt, die Kugeln der Planeten und der Sonne so dargestellt, als ob sie nebeneinander stünden. Hierbei habe ich die Verhältnisse ihrer Durchmesser im Verhältnis zur Sonne so angesetzt, wie ich sie auch in meinem Buch über das Phänomen des Saturns angegeben habe,[41] nämlich der Ring des Saturns wie 11:37, die Kugel des Saturns 5:37 proportional zur Sonne, Jupiter zur Sonne 2:11, Mars zur Sonne 1:166, Tellus, die Erde, 1:111, Venus 1:84, und Merkur 1:290, was ich aus der Beobachtung des Herrn Hevelius[42] aus dem Jahre 1661 schließe, als Merkur in der Sonnenscheibe gesehen wurde;[43] jedoch habe ich nicht seine, sondern meine eigenen Berechnungen verwendet.[44]

 

[22] Ich habe diese Verhältnisse aus den Verhältnissen der Abstände von der Sonne konstruiert und aus der Messung der Durchmesser mittels der Ferngläser, so wie im angegeben Buch erklärt. Ich sehe auch bisher nicht, warum ich von dieser Wiedergabe abgehen sollte, auch wenn es vielleicht bessere Wege gibt. Manche meinen, es sei besser, die erscheinenden Durchmesser mit Mikrometern[45] zu messen, [25] wobei im Fokus des größeren Perspektivglases (Objektivs) dünne Drähte gespannt werden, und meinen, dass dies besser sei als unsere runden Blechringe. Diesen Kritikern kann ich noch nicht zustimmen, sondern ich finde die Diaphragma und Stäbchen viel geeigneter, die ich vor das Objektiv setze.[46]

 

Im Laufe der Zeit wurden sowohl das Mikrometer als auch die Anwendung der Feldstecher als astronomische Instrumente entwickelt. Lob kommt denjenigen zu, die sich um die Weiterentwicklung dieser nützlichen Erfindung bemüht haben.[47]

 

Bei dem Vergleich der Planeten unter einander fällt die herrliche Größe der Sonne auf, wenn man diese mit den vier inneren Planeten vergleicht, wobei man auch bemerkt, dass diese sehr viel kleiner sind als Saturn und Jupiter. Man muss auch beachten, dass die Planeten nicht der Größe nach zunehmen mit dem Abstand zur Sonne, denn die Kugel der Venus ist um einiges größer als der Mars.

 

Nachdem wir nun beide Skizzen erklärt haben, kann ich mir nicht vorstellen, wie es jemanden geben solle, der nicht deutlich sieht, dass aus dem ersten Schema, in dem das System abgebildet ist, folgt, dass unsere Erde von der gleichen Art ist wie die übrigen fünf Planeten, was auch die Art der Kreise genugsam beweist, und überdies mit Ferngläsern beobachtet wird, dass die Form der anderen Planeten so wie die der Erde kugelförmig ist und sie auch ihr Licht von der Sonne erhalten. Auch darin gleichen sie der Erde, dass sie sich um ihre eigenen Achse drehen: denn wer wollte bezweifeln, dass es bei den anderen Planeten anders sei als man es bei Jupiter und Mars ganz sicher festgestellt hat? Und so wie die Erde den Mond zum Begleiter hat, so haben auch Jupiter und Saturn ihre Begleiter. Die Erde gleicht in so vielem den anderen Haupt-Planeten; so wird es leicht sein, nachzuweisen, dass diese der Erde in Würde und Schönheit um nichts nachstehen; auch dass diese nicht weniger geschmückt und bewohnt sind: was sollte wohl zum Beweis dienen können, dass dem nicht so ist?

 

Wenn man zum Beispiel jemandem am geöffneten Körper eines Hundes die inneren Glieder, das Herz, den Magen, die Lunge [26], andere Eingeweide, Adern, Venen und Sehnen zeigen würde, der würde kaum zweifeln, selbst wenn er nie den Körper eines Tieres geöffnet hätte, dass er bei einem Ochsen, Schwein oder einem anderen Tier die gleichen Innereien und Teile antreffen würde. Und wenn wir die Natur eines Mondes des Saturn oder Jupiter kennen würden, was könnten wir anders glauben, als dass man auf den anderen Monden das gleiche finden würde wie auf diesem? Ebenso würden wir, wenn man an irgendeinem Kometen sehen könnte, was er eigentlich sei, glauben, dass sie alle so beschaffen wären. Der Beweis, bei dem man aus der Gleichheit schließt und von untersuchten Dingen auf nicht untersuchte schließt, hat ein großes Gewicht. Und wir werden unsere Vermutungen anstellen nach der Art dieses Beweises, indem wir von dem einzigen Planeten, den wir vor Augen haben, auch auf die übrigen schließen werden, und annehmen, dass sie auch von dieser Art sind.[48]

 

Zunächst nehmen wir an, dass die Planeten, so wie unsere Erde, aus dichten Körpern bestehen,[49] und weiter finden wir es wahrscheinlich, dass sich in ihren Kugeln das befindet, was wir das Gewicht oder die Schwere nennen, durch die alle Körper, die an ihrer Oberfläche liegen auf sie drücken, oder, wenn sie auf irgendeiner Seite davon weggerissen werden, wieder zurückfallen, als ob sie gezogen würden. Dies ist auch an der Gestalt der Kugel selbst zu sehen, die aus der Bewegung der Körper, die alle auf ein Zentrum hin dringen, entsteht. Ja, wir haben selbst Grund, anzunehmen, wie viel mehr oder weniger die Schwerkraft auf dem Jupiter oder Saturn wirken müsste. Über diese Sache und ihren Bedenker[50] haben wir in der Abhandlung von der Ursache der Schwerkraft-geschrieben.

 

[27] Nun wollen wir aber weiter der Sache nachgehen, wie man zu einer näheren Erkenntnis der Beschaffenheit dieser erdartigen Kugeln und ihrer Beschaffenheit und ihrer Landschaften kommen könne, und wollen überlegen, wie wahrscheinlich es ist, dass sich dort Pflanzen und Tiere befinden so wie bei uns. Vermutlich wird jedermann zustimmen, dass die Gestalt und das Leben, auch die Art des Wachstums und der Fortpflanzung bei Gewächsen und Tieren großartiger und bewundernswerter sind als die Formen, die kein Leben haben, auch wenn sie von ansehnlicher Größe sind, so wie Berge, Felsen und Meere. Die Vortrefflichkeit der göttlichen Weisheit und Vorsehung ist auch an Pflanzen und Tieren viel besser zu erkennen als an unbelebten Dingen. Ein Nachfolger des Demokrit[51] oder des Descartes[52], der die Erklärung der Dinge, die wir auf der Erde oder am Himmel sehen, etwa so versuchen würde, dass er hierzu nichts als Staub und Atome und deren Bewegung nötig hätte, könnte dies wohl kaum mit Pflanzen und Tieren tun, und er wird, was den Ursprung dieser betrifft, nichts Wahrscheinliches anführen können, weil es allzu deutlich ist, dass diese Dinge niemals aus der herumschwirrenden Bewegung einiger kleiner Teile hervorkommen können. An den lebenden Wesen sieht man, dass alles zu einem Zweck und Ziel geschaffen ist,[53] und dass dies nicht ohne höchste Intelligenz und höchste Erkenntnis der Gesetze der Natur, ja der Geometrie selbst möglich wäre,[54] wie im Folgenden dargestellt werden soll- von den Wundern[55], wodurch diese Dinge gemacht werden, ganz zu schweigen. Gäbe es nun auf den Planeten nichts als große Wüsten, öde Landschaften, und tote, nutzlose Erdklumpen, und man würde nichts antreffen, woraus die Weisheit des göttlichen Baumeisters hervorleuchtet, [28] so wären sie ohne Zweifel in Würde und Schönheit viel geringer als unsere Erdkugel, und wären mit dieser nicht zu vergleichen, was aber, wie schon gesagt, der Vernunft widerspricht.

 

Wenn dem aber nicht so ist, und dort Körper existieren, die sich regen und bewegen können, und diese nicht weniger edel sind als diejenigen auf der Erde, so werden sie auch lebhafte Seelen haben. Und man wird fast notwendig von den Pflanzen und Gewächsen denken müssen, dass sie irgendwoher ihre Nahrung und Unterhalt erhalten müssen. Dieses alles muss sich auf der Oberfläche der Kugel der Planeten befinden, weil nur da die Hitze der Sonne wärmt, von deren Strahlen sie wie unsere Erde beschienen werden.

 

Vielleicht wird jemand einwenden, dass wir hier zu schnell vorwärts gehen. Denn selbst wenn man nicht verneinen möchte, dass man einige Dinge auf den Planeten finden könnte, die da wachsen und sich regen, die nach Gottes Gebot ebenso viel wert sind wie alles hier, so könnten diese doch ganz anderer Natur sein, so dass sie weder von Aufbau, noch von Art des Wachstums, noch von äußerlicher Gestalt oder innerer den Wesen auf der Erde gleichen, ganz so wie Dinge, die keinem Menschen je in den Sinn kommen könnten. Wir wollen jetzt untersuchen, wie wahrscheinlich dies ist, und ob es nicht besser sei zu glauben, dass der Unterschied gar nicht so groß sei. Die Meinung derer, die auf den anderen Planeten ganz andersartige Dinge vermuten, kann ungefähr so lauten, dass die Natur allgemein und in den meisten Dingen die Mannigfaltigkeit liebt, worin auch die Macht des Schöpfers um so viel deutlich zu erkennen ist. Diese Kritiker müssen aber bedenken, dass es den Menschen nicht zukommt, vorzuschreiben, wie groß die Mannigfaltigkeit und Ungleichheit der Kreatur sein soll, es folgt auch nicht, dass die Dinge in der Tat unermesslich und weit von unserem Verstand und unserer Erkenntnis entfernt sind, nur weil sie dies sein könnten.[56]

 

[29] Denn auch wenn Gott auf den anderen Planeten alles so wie bei uns erschaffen hätte, so müssten die Betrachter, wenn es sie gäbe, nicht weniger Verwunderung darüber haben, als wenn alles ungleich und anders wäre wie bei uns, während sie natürlich niemals erfahren könnten, was auf anderen Planeten geschaffen wurde. Gott hätte in den Regionen Amerikas und anderen entlegenen Gebieten lebende Geschöpfe erschaffen können, die uns nicht ähneln, aber Er hat das nicht getan. Denn obwohl nach seinem Willen die Tiere und Pflanzen auf der anderen Seite des Ozeans nicht so aussehen wie die unseren, hat er doch vieles in der Art der Gestalt, der Art des Wachstums und der Fortpflanzung übereinstimmen lassen. Denn die Tiere dort haben auch Füße und Flügel, Herzen, Lungen, Eingeweide, Fortpflanzungsorgane, wo doch alle diese Dinge bei ihnen und bei uns von der Weisheit des erschaffenden Meisters auf eine ganz andere Weise gestaltet werden könnten. Von daher ist der Beweisgrund, der aus der Erneuerungsbegierde der Natur abgeleitet wird, nicht so gewichtig, dass man hieraus ableiten könnte, dass die Zierde der Natur, die wir auf Erden sehen, auf den übrigen Planeten unmöglich anzutreffen sein könnte.

 

Dagegen muss man glauben, dass der größte Unterschied zwischen den Kreaturen auf anderen Planeten und dem Unsrigen hauptsächlich aus dem größeren und kleineren Abstand zur Sonne herrührt. Deswegen müsste die Materie mehr als die Gestalt der Dinge auf allen Planeten verschieden sein.[57]

 

Was aber die Materie der Gewächse und der Tiere, womit die Planeten geschmückt sind, betrifft, können wir deren eigentliche Beschaffenheit nicht durch Nachdenken erreichen, doch kann kaum bezweifelt werden, dass sie nicht so wie unsere Lebewesen Wachstum und Nahrung aus einem feuchten Element beziehen. Nach der Meinung fast aller Philosophen kann ohne dieses feuchte Element nichts erzeugt werden, ja es haben einige der vornehmsten Philosophen behauptet, dass alle Dinge im Wasser ihren Ursprung haben.[58] Denn was trocken und dürr ist, bewegt sich nicht, und ohne Bewegung können Körper nicht im Wachstum zunehmen. Die Teilchen der flüssigen Dinge bewegen sich nicht nur immerzu untereinander, sondern durchdringen leicht alles, wodurch sie nicht nur sich selbst, sondern auch andere Stoffe mit sich führen und zu den Gewächsen befördern. Daher sehen wir, wie durch den Zufluss des Wassers die anderen Gewächse aufschießen und Blätter und Früchte tragen, und die Steine aus dem Sand anwachsen. Es ist auch zu Genüge bekannt, dass die Metalle, Kristalle und Edelsteine von daher ihr Wachstum empfangen, auch wenn man dies nicht immer sieht, weil dies sehr langsam geschieht, und diese Gesteine nicht an dem Ort in den Höhlen, wo sie gewachsen sind, gefunden werden, sondern an anderen Orten, wohin sie durch Erdbeben und Erschütterungen gelangt sind. Dass es den anderen Planeten nicht an Wasser mangelt, kann mit einigen Erscheinungen, die man mit den Ferngläsern wahrnimmt, mit wahrscheinlicher Mutmaßung festgestellt werden. Denn am Jupiter erscheinen Streifen, die dunkler sind als der Rest der Scheibe, die sich auch, wie die Wolken bei uns, nicht immer in derselben Gestalt zeigen. Die Flecken, die man auf der Kugel des Jupiter unveränderlich sieht, bleiben oft lange Zeit verdeckt, nämlich dann, wenn die Wolken dazwischenstehen, aus welchen die Kugel später wieder auftaucht. So hat man auch beobachtet, [31] dass manchmal mitten in der Scheibe des Jupiter Wolken entstehen, und sich auch manchmal Flecken von kurzer Dauer zeigen, die heller sind als der übrige Körper. Diese, hat der Herr Cassini[59] gesagt, rühren vom Schnee her, der auf den Spitzen der Berge liegt. Mit aber scheint es auch möglich, dass es da Landschaften mit weißer Erde gibt, die zum großen Teil von darüber schwebenden Wolken verdeckt werden, und manchmal von den Wolken befreit werden.

 

Auch am Mars erscheinen Unterschiede von Hell und Dunkel,[60] woraus man abgeleitet hat, dass er sich in 24 Stunden und 40 Minuten um die Sonne dreht, doch hat man bei diesem keine Wolken erkennen können, auch weil er sehr viel kleiner als der Jupiter gesehen wird, obwohl er der Erde sehr nahe steht. Überdies ist das scharfe Licht des Mars, der der Sonne viel näher steht, bei der Betrachtung hinderlich. Dieses Licht ist bei der Betrachtung der Venus noch hinderlicher. Doch würde ich nicht gerne sagen, dass dieses Wasser auf anderen Planeten dem unseren gleich sei. Doch muss es zur Zweckmäßigkeit flüssig sein und für die Schönheit müsste es durchsichtig sein. Unser Wasser wäre auf Jupiter und Saturn, wegen dem großen Abstand zu unserer Sonne, immer zu Eis gefroren. Daher muss man vermuten, dass die Natur des Wassers auf den anderen Planeten an die Umstände angepasst ist, so dass es auf Jupiter und Saturn nicht leicht zu Eis wird, und auf Venus und Merkur nicht zu schnell verdunstet. Bei all diesem ist es nötig, dass die von Sonne angezogene Feuchtigkeit sich wiederum absetzt und dahin gelangt, woher sie gekommen ist, so dass der Boden nicht ganz dürr bleibt. Die Feuchtigkeit wird aber nicht anders als in Tropfen herabfallen, was so wie bei uns geschehen wird, wenn die feuchte Luft von der warmen Region am Boden [32] in die kältere nach oben hinaufzieht.

 

So haben wir auch auf den anderen Kugeln Gebiete, die von der Sonne beschienen und von Regen oder Tau befeuchtet werden. Wenn hier etwas wächst, geschieht dies zum Nutzen und zum Schmuck. Es ist also wahrscheinlich, dass es dort wie bei uns zugeht, während es kaum wohl anders oder besser sein kann. Gewächse lassen ihre Wurzeln in der Erde wachsen, und nehmen die Feuchtigkeit mit ihren Fasern auf. Die Planeten würden mir nicht genug geschmückt erscheinen,[61] wenn auf diesen nicht Gewächse und Stauden in die Höhe wachsen würden, die zu Bäumen oder dergleichen gedeihen, welche neben den Gewässern der einzige Schmuck ist, mit dem die Natur die Erde versehen kann. Jeder weiß, wie viel Anmut und Lieblichkeit diese mit sich bringen, noch ganz zu schweigen von dem Gebrauch des für allerlei Dinge notwendigen Materials, das von den Bäumen kommt. Weiterhin bin ich der Meinung,[62] dass die Stammgewächse sich kaum anders als mit Samen, den sie erzeugen, fortpflanzen und auf ewig erhalten können. Dies scheint das einzige Mittel der Fortpflanzung zu sein, und dazu noch so verwunderlich, dass es wohl kaum erdacht wurde zum Gefallen unserer Erde alleine. Auch mit diesem Gedanken stimmt es wieder überein, dass die Natur in unterschiedlichen Ländern dieser Erde ähnliche Stammgewächse erzeugt, und sie es auch auf eine ähnliche Weise in den weiter entfernten Ländern tun könnte.

 

Auch mit den Tieren hat es keine andere Bewandtnis, und es ist nicht zu vermuten, dass diese auf den anderen Planeten anders als bei uns erzeugt und ernähret werden sollten. Alle Tiere dieser Erde, vierfüßige, fliegende, schwimmende, kriechende, folgen eines wie das andere dem Trieb der Natur.[33] Denn sie essen Kräuter, Früchte oder andere Tiere. Sie pflanzen sich alle durch Paarung von Männlein und Weiblein und die Fruchtbarkeit der Eier weiter. Pflanzen und Tiere könnten ohne Fortpflanzung nicht weiterbestehen, denn sie können unversehens untergehen und verderben. Die Pflanzen und Stammgewächse bestehen aus feuchter Materie und können also verdorren, und die Tiere sind aus weichen und verletzlichen Gliedern und nicht aus harten Steinen zusammengefügt. Wenn man eine andere Art der Fortpflanzung ersinnen wollte, etwa so wie von Bäumen, von denen man lange geglaubt hat, dass auf ihnen in Britannien Enten wachsen können,[63] dann ist jedoch klar, dass dies wegen des großen Unterschieds zwischen Holz und Fleisch ganz wider die Vernunft ist. Oder wenn man meinen würde, dass Tiere aus Schlamm entstehen können, wie man von den Mäusen in Ägypten sagt, so sieht jeder, der die Natur fleißig erkundet, dass dieses ihrer Ordnung zuwider liefe. Oder, wer würde nicht lieber glauben, dass es der Hoheit und Weisheit Gottes eher zukommt, Tiere aller Arten zu erschaffen und auf eine bestimmte Weise (die bisher noch kein Mensch hat erraten können) auf den Erdkreis gesetzt zu haben, als dass er beschäftigt wäre, immerzu neue Lebewesen aus der Erde hervorzubringen. Diese hätten dann weder Vater noch Mutter, die sie durch ihre Liebe und Fürsorge ernährten und erzögen, so wie dies bekanntermaßen den Geschlechtern der Tiere unvermeidlich eingepflanzt und angeboren ist. Auch wenn es nun, was die Fortpflanzung angeht, anders beschaffen ist, dann haben wir doch mit den oben angeführten Gründen genügsam bewiesen, dass es sowohl Gewächse als auch Tiere auf den anderen Planeten gibt, nämlich deswegen, weil diese nicht geringer als unsere Erde sein dürfen. [34] Wenn dies nun so ist, dann ist es ferner auch noch vonnöten- wenn die anderen Planeten nicht weniger als unsere Erde geschmückt sein sollen- dass es von Pflanzen und Tieren mannigfaltige Gattungen gäbe. Woraus könnte aber diese Mannigfaltigkeit bestehen? Wenn ich mir hier alle Sorten der Tiere ansehe, und wie sie sich auf vielerlei Weise bewegen, dann finde ich, dass es ungefähr so geht, dass sie entweder auf zwei Füßen gehen oder auf vieren, die Insekten auf sechs Beinen oder selbst hunderten, andere durch wunderbare Kraft und Kontrolle der Flügel fliegen, oder ohne Füße dahinschleichen, entweder durch eine heftige Bewegung des Körpers, oder watend im Wasser sich den Weg bahnen. Mehr als diese Weisen sich fortzubewegen wird man wohl keine finden oder erdenken können. Die Tiere, die sich vielleicht auf den Planeten befinden, werden eine oder mehrere dieser Fortbewegungsmittel gebrauchen, so wie bei uns die Wasservögel, die auf den Füßen gehen, im Wasser schwimmen, und in der Luft fliegen, so wie auch Krokodile und Seehunde eine Zwischenstellung einnehmen zwischen Land- und Wassertieren. Man könnte sich auch nicht vorstellen, wo sonst ein Tier sich aufhalten sollte, denn wo sonst sollte es leben als auf dem festen Erdboden, oder in einem flüssigen Element, so wie unsere Gewässer, oder in einem noch dünneren als die Luft es ist. Es könnte dort auf den anderen Planeten die Luft viel dicker und schwerer sein als bei uns, und deswegen auch zum Fliegen viel bequemer, und doch genauso durchsichtig. So könnte es dort auch mehrere flüssige Stoffe geben, die einander überlagern. So wie man sich vorstellen könnte, dass über dem Meer eine andere Materie gelagert wäre, zehnmal leichter als das Wasser, aber hundertmal schwerer als die Luft, und doch eine Fläche hätte, aus der die festen Teile der Erde ragen. Es ist aber nicht nötig, dass wir uns dergleichen Dinge auf den anderen Planeten vorstellen, und wenn es solches gäbe, könnten sich die Tiere dort nicht auf andere Weise bewegen.[35] Was aber ihre unterschiedliche Gestalt betrifft, so haben wir genug Grund zu glauben, dass wir uns diese, die auf den Planeten leben, nicht vorstellen können, so wie wir auch in den unterschiedlichen Ländern dieser Erde wunderbare und vielfältige Unterschiede sehen, und in Amerika solche Dinge finden, die nirgendwo anders anzutreffen sind.[64] Wenn man alle erwähnten Bewegungsarten bedenkt, so wäre es kein Wunder, wenn eines jener Tiere von den unsrigen nicht mehr verschieden wäre als die unsrigen untereinander- ich rede dann von denen, die sich am meisten unterscheiden.

 

Die Verschiedenheit der Arten auf den Planeten können wir uns am besten vorstellen, wenn wir unsere irdischen Arten und ihre wunderbare Unterschiedlichkeit betrachten. Es ist ganz wahrscheinlich, dass einer, der die Kugeln des Jupiters oder der Venus aus der Nähe sehen könnte, dieselben Arten in nicht geringerer Anzahl antreffen würde. Lasst uns nun die Unterschiedlichkeit einiger unserer Tiere besprechen (von allen können wir nicht sprechen, das würde viel zu lang) und zwar diejenigen, die an Gestalt und Eigenschaften vor den anderen auffallen, und zwar sowohl Land, Wasser- als auch Lufttiere. Lasst uns die Verschiedenheit bedenken des Pferdes, des Elefanten, des Löwen, des Hirschen, des Kamels, des Schweins, des Affen, des Stachelschweins, der Schildkröte, des Chamäleons; unter den Wassertieren, die Verschiedenheit des Walfisches, des Seehundes, des Rochens, des Hechts, des Aals, der Meerspinne, des Tintenfisches, des Krokodils, des fliegenden Fisches, des Krebs, der Auster, der Purpurschnecke; unter den Vögeln, der Unterschied zwischen dem Adler, dem Strauß, Pfauen, Schwänen, Nachteulen, Fledermäusen.[36] Die kriechenden Tiere wollen wir nur als eine Art betrachten. Aber unter den Insekten wollen wir an die Ameisen denken, Spinnen, Mücken, Schmetterlinge und ihrer wunderlichen Natur, wenn sie aus Raupen hervorkommen. Und über alle diese hinaus gibt es dann die große Zahl derjenigen, die sich voneinander nicht so sehr unterscheiden.

 

Die große Anzahl der Arten wird auf einem anderen Planeten nicht anders sein. Auch wenn wir die Gestalt dieser Lebewesen mit Mutmaßungen nicht untersuchen können, so will mir doch scheinen, dass wir von ihrem Leben und ihrer Existenz genug gesprochen haben, und können wir nun ihre Sinne behandeln.

 

Gleich wie bei den Tieren können wir erst noch die Arten und Unterschiede unserer Gewächse und Bäume in Betrachtung ziehen: Tanne, Eiche, Palme, Weinstock, Feigenbaum, Kokosnuss und indianischer Baum, aus dessen Ästen neue Wurzeln hervorsprossen, die man in die Erde pflanzt.[65] Und bei den Pflanzen Gras, Mohn, Kohl, Efeu, Kürbis, indianische Feigen, die ohne Stängel mit dicken Blättern wachsen, und die Aloe; und eine große Anzahl vieler anderer, die sich nicht so viel unterscheiden. Dann bedenke man auch die vielen Arten der Fortpflanzung: Stämme, Kerne, Stichlinge, Zwiebeln. Von all diesem gibt es nicht weniger auf den Planeten, oder wäre weniger zu bewundern.

 

Wir werden aber das vornehmste und ergötzlichste Stück unserer Vorstellungen nicht erreichen, solange wir nicht die Bewohner dieser Planeten betrachten, die all die erschaffenen Dinge genießen und deren Schönheit und Mannigfaltigkeit bewundern können. Zwar sehe ich, dass fast keiner derer [37], die hierüber nachgedacht haben, daran gezweifelt hätte, dass man Betrachter auf den Planeten vermuten sollte, welche, wenn sie auch nicht Menschen sind wie wir, doch lebendige und vernünftige Geschöpfe sind. Man hat gesagt, dass der Schmuck dieser Planeten vergeblich wäre und ohne Zweck und Plan geschaffen wäre, wenn nicht die Absicht da gewesen wäre, dass dieser Schmuck von jemandem gesehen würde, der dessen Zierde verstehen würde und auch Nutzen davon hätte und die Weisheit des Allerhöchsten bewundern würde. Ich selbst finde dies aber nicht den Hauptbeweis, um zu glauben, dass sich auf den Planeten vernünftige Tiere befinden, denn wir könnten ja sagen, Gott selbst betrachte seine Geschöpfe (jedoch auf eine andere Art als wir, wer aber wollte bezweifeln, dass der, der das Auge erschaffen hat, sehen könnte) und belustige sich an ihnen, weiter sei hier nichts vonnöten, denn wozu hat er sonst die Menschen und die ganze Welt erschaffen. Was mich also am meisten bewegt, dass ich glaube, es mangele den Planeten nicht an einem vernünftigen Tier, das ist, weil sonst unsere Erde zu viel Vorzug und Adel hätte, wenn nur auf ihr alleine dasjenige Tier lebt, das alle anderen Tiere und Gewächse so sehr weit übertrifft, und in welchem auch etwas Göttliches wohnt, wodurch es versteht und erkennt, unzählige Dinge in seinem Gedächtnis erfasst, und fähig ist, zu beurteilen und zu erwägen, was wahr ist; und dem zuliebe alles, was die Erde hervorbringt, gemacht zu sein scheint. Denn es wendet die Dinge zu seinem Nutzen an, Holz, Steine, Metalle, es erbauet Häuser, es nimmt Vögel, Fische, Tiere und Gewächse zur Speise; gebraucht Wasser und Wind nach seiner Bequemlichkeit zur Schifffahrt; den Geruch und die schönen Farben der Blumen zu seiner Wollust. Wenn kein vergleichbares Tier auf den Planeten wohnt, was könnte es dann dort geben, das so besonders ist, oder womit der Mangel vergleichbarer Lebewesen zu ersetzen wäre?

 

Wenn es zum Beispiel auf dem Jupiter eine größere Verschiedenheit an Tieren gäbe, viel mehr Bäume, Gewächse und Metalle, so wird doch durch alles dies der Jupiter-Welt nicht so viel Ehre zukommen wie der unsrigen, wegen der wunderbaren Art des menschlichen Verstandes. Wenn meine Meinung mich hierin trügt, so gestehe ich gerne, dass ich den Wert der Dinge nicht zu schätzen weiß. Deswegen sage man mir auch nicht, dass, nachdem dem Menschengeschlecht so viel Übles und so viele Fehler anhaften, man zweifeln müsse, ob man nicht auch den eventuellen Tieren der Planetenwelten weniger Ehre und Zier als vielmehr das Gegenteil zurechnen müsse. Dann sage ich, dass erstens die Fehler und Laster, die in den meisten Menschen stecken, nicht verhindern, dass diejenigen, die der Tugend und dem rechten Gebrauch der Vernunft folgen, als schön und vortrefflich geschätzt werden können. Und es muss angenommen werden, dass die Fehler des Gemüts den Menschen nicht ohne Grund gegeben wurden. Denn nachdem nach Gottes Willen und Vorsehung die Erde und ihre Einwohner solchermaßen beschaffen sind, wie wir es sehen (es wäre ungereimt zu glauben, dass diese Dinge anders seien als Gott es gewollt hat oder vorhergesehen hat), kann man vermuten, dass ein solch vielfältiger Unterschied den menschlichen Gemütern nicht vergeblich gegeben ist, sondern, dass Gut und Böse miteinander vermischt sind, und allerhand Unglück und Landplagen zu dem Zweck entstehen, damit der Verstand durch den Trieb und den Zwang der Not ermuntert und geübt werde zu erfinden, wie man sich vor seinem Feinde schützen, und wie man ihn mit Gewehr und allerlei Rüstzeug verfolgen könnte.[66] Um Armut und Elend zu verhüten, versucht man allerlei Künste zu ersinnen und die Natur zu erforschen, aus deren Erkenntnis dann die Allmacht und Vorsehung zu bewundern ist, welche wir sonst vielleicht mit der gleichen Dummheit wie das Vieh übergangen hätten. So kann man auch nicht daran zweifeln, dass, wenn die Menschen lange Zeit in stetem Frieden und aller Dinge Überfluss zubringen würden, [39] dass sie sehr lange nicht anders als unvernünftige Tiere ohne Wissenschaften und Künste leben würden, und auch leben würden ohne Bequemlichkeiten, wodurch das Leben besser und angenehmer gelebt wird. Wir hätten keine Schreibkunst, wenn uns nicht die höchste Not zu Kriegszeiten und die Notwendigkeit zum Handel uns diese abgerungen hätten. Dieser Notwendigkeit haben wir die Schifffahrt, den Ackerbau, und den größten Teil der übrigen Erfindungen, derer wir uns bedienen, zu danken, wie fast alle Naturgeheimnisse, die entdeckt wurden beim Nachforschen. So kann man sagen, dass manche Dinge, für welche die Kraft der Vernunft nicht angewendet wird, viel dazu beitragen, diese vollkommener und schärfer zu machen. Denn auch die Tugenden der Großmütigkeit und Standhaftigkeit zeigen sich selten an anderer Stelle als in Gefahr und Widerwärtigkeiten.

 

Wenn wir nun auf den anderen Planeten eine Art vernünftiger Tiere vermuten, die beinahe mit den gleichen Tugenden und Lastern wie die Menschen behaftet sei, dann müssen wir dies so einschätzen, dass die Planeten ohne diese Wesen weit geringer als unsere Erde sein würden.

 

Wenn wir nun zugeben, dass die Bewohner der Planeten vernünftig seien, so lässt sich fragen, ob das, was bei uns die Vernunft ist, bei ihnen das gleiche sei? Dass dem so sei, wird zu bejahen sein, denn, ob man den Gebrauch der Vernunft nun zu den Sitten und dem, was richtig ist, zählt, oder ob sie zum Grund und Anfang der Wissenschaften gerechnet wird, kann es nicht anders sein. Die Vernunft ist bei uns dasjenige, durch welches bei uns angeboren ist, zu merken was recht und billig, ehrlich, löblich, gut und dankbar sein heißt. Sie lehrt uns Gutes und Böses zu unterscheiden und befähigt das Gemüt zu Disziplin und Lernen, und auch, viele Erfindungen zu begreifen. Könnte man irgendwo eine Vernunft antreffen, die anders beschaffen wäre? Oder sollte man auf dem Jupiter und Mars dasjenige für unrecht oder schändlich halten, was bei uns für billig und rühmlich gehalten wird?[67] Dies ist gewiss weder nahe zur Wahrheit, noch überhaupt möglich. Denn wo wir hier die Leitung einer Vernunft, so wie wir sie hier kennen, nötig haben, um damit das Leben und die Gesellschaft zu gewährleisten (dass wir eine solche Gesellschaft auch bei den Bewohnern der Planeten antreffen, werden wir gleich zeigen), so würde, wenn man diesen Gesetzen zuwider leben wollte, Untergang und Verderben derjenigen erfolgen, die einen solch verkehrten Sinn haben. Es hat aber, wie wir sehen, der Schöpfer aller Dinge die Erhaltung dieser Wesen sich angelegen sein lassen. Wenn auch die Gemütsbewegungen der Bewohner dieser weit entfernten Planeten anders als die unsrigen beschaffen sein mögen, soweit es Freundschaft, Zorn, Hass, Ehrbarkeit, Schamhaftigkeit, und wohlanständige Sitten betrifft, so kann man doch nicht daran zweifeln, dass ihre Vernunft im Fleiß, die Wahrheit zu erforschen, im Beurteilen der Beweisfolgerungen, zumal aber in den Schlussfolgerungen, die Anzahl und Größe betreffen und zur Geometrie gehören (ob sie diese besitzen, werden wir bald untersuchen) den gleichen Weg geht wie unsere Vernunft; und was bei uns wahr ist, auch auf den anderen Planeten wahr ist. Wohl kann die Kraft und Stärke der Vernunft bei den Bewohnern der Planeten stärker oder schwächer sein als bei uns.

 

Ich spüre aber, dass ich schon zu weit vorwärts geschritten bin, denn es müssen zuerst die leiblichen Sinne der Planetenbewohner betrachtet werden, ohne welche sie kaum als lebendig angesehen werden können, so wie die Tiere sind, und hätten auch nichts, wozu sie eine Vernunft anwenden oder üben sollten.[41] Ich meine aber, dass man genügend Beweise liefern kann, dass jene Tiere, sowohl vernünftige als auch unvernünftige, in dem, was die Sinne angeht, mit denen auf dieser Erde übereinstimmen. Wenn wir uns überlegen, was die Tiere vermögen mittels des Sehsinnes, und wie sie ohne diesen sich nicht ernähren könnten, und auch nicht Gefahren entgehen, und nicht anders als Maulwürfe oder Regenwürmer leben würden, werden wir notwendigerweise annehmen müssen, dass, wenn Tiere besser als Maulwurf und Regenwurm sein sollen, sie einen Gesichtssinn besitzen, wobei außerdem nichts zur Erhaltung und zum Genuss des Lebens zuträglicher sein kann. Wenn wir nämlich die wunderbare Natur des Lichts betrachten, und die außerordentliche Kunst, wie die Augen gemacht so sind, um dieses Licht zu genießen, werden wir leicht erkennen, dass man die Erkenntnis entfernter Dinge, und die Umschreibung entfernter Gestalten, oder die Erkenntnis, wie weit sie voneinander entfernt sind, nicht auf andere Weise als durch das Sehen erlangen kann. Es kann das Sehen nicht sein ohne eine von außen herankommende Bewegung. Diese Bewegung, durch die das Sehen geschieht, kommt (so wie wir an anderer Stelle erklärt haben)[68] von der Sonne, den Fixsternen oder vom Feuer, wobei Teilchen durch schnellste Bewegung angeregt werden, und die himmlische Materie, die sie umgibt, pausenlos stoßen und treiben. Diese Bewegung wird von den nächstgelegenen bis zu den fernsten Dingen fast auf die gleiche Weise wie der Schall durch die Luft übertragen. Wenn diese Bewegung und die Materie der Himmelsluft, die die Zwischenräume des Himmels ausfüllt, nicht existierten, könnten wir weder die Sonne, noch die Sterne, noch andere nähere Himmelskörper sehen; denn die Bewegung der Teilchen in ihre Richtung prallt von ihnen wieder ab und kommt zu uns, und dies, aufgefangen mit dem Sinn der Augen, wird das Licht genannt. An diesem Sinn ist vor den anderen Sinnen zu bewundern, dass dieser Sinn so empfindlich erschaffen wurde, dass er die geringste Bewegung der himmlischen Materie wahrnimmt, und auch woher diese kommt.[42] Dann ist es auch wunderbar, wie die Bewegung des Lichts, die sich kugelförmig in alle Richtungen zugleich ausbreitet, die eigene Bewegung nicht hindert. Alle diese Dinge sind auf so wunderbare und verborgene Weise geordnet, dass der Verstand aller Menschen dies nie hätte ausdenken können, und man kann auch kaum begreifen, wie dies alles möglich ist. Denn es ist ganz einfach erstaunlich, dass da ein Teil des Körpers der Tiere ist, der außerordentlich kunstgerecht gestaltet ist, und mit dem ein Tier empfindet, wie entferntere Körper gestaltet sind, wo sie sich aufhalten, wie sie sich bewegen, wie weit sie weg sind, und - so dass nichts an deutlicher Erkenntnis fehlt- welche unterschiedliche Farben sie haben. So kann die Welt den Mechanismus im Auge nicht genug bewundern, wo auf die hohle Fläche der schwarzen Spiegelhaut[69] sich alle Dinge der Umgebung so vollkommen abbilden und eindrücken, und es ist wohl nichts anderes zu finden, wo Gott die Kunst der Geometrie deutlicher angewendet hat. Dies alles ist mit größter Kunst erfunden und gestaltet, und es scheint auch, wenn man die Sache genau betrachtet, dass es auf keine andere Weise als jene, die wir hier sehen, gemacht sein könnte. Das Licht hätte unseren Sinnen die weit weg gelegenen Dinge nicht anders als durch Mitteilung mittels der Bewegung der himmlischen Materie vermitteln können, so konnte auch zur deutlichen Vorstellung der Gestalt eines jeden Dinges nichts kunstfertigeres als das Auge ersonnen werden. Ich bin der Meinung, dass diejenigen sich sehr irren, die behaupten wollen, alles könnte auch auf eine andere Weise geordnet sein. Es scheint mir sehr wahrscheinlich, dass Licht und Sehen auf die gleiche Weise in den Planeten-Ländern wirken wie bei uns, und dass das Sehen der dort wohnenden Tiere nicht anders ist. [43] Demnach werden sie Augen haben, wenigstens zwei, womit sie sehen können, wie weit die Dinge vor ihren Füßen entfernt sind, und sich so vorwärts bewegen können, ohne anzustoßen. Alle Planeten-Tiere in ihrer Gesamtheit werden notwendigerweise für ihren Lebenswandel mit Augen versehen sein müssen. Auf jeden Fall aber ist es zu vermuten, dass diejenigen, die Vernunft und Sinne haben, mit dem Sehvermögen, diesem herrlichen Juwel, ausgerüstet sein müssen, da das Sehvermögen zu viel mehr noch verwendet werden kann. Mit dem Sehvermögen erkennen wir die Schönheit der Farben, die feine Bildung der Gestalten, mit diesem Sinn lesen und schreiben wir, betrachten den Himmel, die Sterne und ihren Lauf und messen ihre Größe. Ob und wie wir diese Dingen bei den Planetenbewohnern erwarten können, werden wir noch sehen. Vorher noch betrachten wir die Frage, ob es wahrscheinlich ist, dass sie auch unsere übrigen Sinnen haben. Was das Gehör betrifft, so haben wir Anlass anzunehmen, dass es bei allen Tieren auf den Planeten anwesend ist. Das Gehör ist besonders nützlich, um vor Gefahren zu bewahren, weil man ein bevorstehendes Unglück oft über Schall und Krachen wahrnimmt, ganz besonders in der Nacht, wenn man nichts sieht. Wir beobachten auch, wie die meisten Tiere mit einer Stimme Ihresgleichen zu sich rufen und einander viel zu verstehen geben, das wir zwar nicht verstehen, womit aber vielleicht mehr ausgedrückt wird, als wir meinen. Wenn wir bedenken, wie vernunftbegabten Wesen die Stimme und das Gehör so wunderbar nutzt, so ist doch fast nicht zu glauben, dass ein so unvergleichlicher Sinn und die Gabe der Rede bloß unserer Erde zuliebe erfunden worden sei. Und wie viel weniger Wohlergehen und Bequemlichkeit hätten die Planetenbewohner, die diesen Sinn nicht hätten, und womit könnte man es ihnen ersetzen? Wenn wir weiterhin betrachten, wie wunderbar und geschickt die Natur [44] es geordnet hat, dass eben die Luft, in der wir Atem holen und leben, auch mit ihrem Wehen die Schiffe forttreibt und den Vögeln die Möglichkeit gibt umherzufliegen, zugleich aber auch so beschaffen ist, dass in ihr der Schall ausgedrückt wird und weitergeführt wird, so werden wir nicht leicht glauben, dass man den großen Nutzen der Luft in jenen Planetenländern entbehren muss. Denn dass es dort in diesen Ländern eine Luft gibt, die sich auf der Planetenoberfläche befindet, kann nicht bezweifelt werden, wo wir wissen, dass es auf dem Jupiter Wolken gibt.[70] Wolken bestehen aus kleinen Wassertröpfchen und aus kleinen Wasserteilchen, die sich hiervon absondern und umher schweben; so wird größtenteils die Luft erzeugt, welche die Erde umgibt. Eine solche Atmosphäre muss man daher auch um die Planeten herum vermuten, denn mit dem Atemholen wird das Leben aller Tiere um uns erhalten, und es scheint, dass die Natur dies so geordnet hat, wie auch die Nahrung aus den Früchten der Erde.

 

Ich fahre fort, über die übrigen Sinne der Tiere zu sprechen. Es hat den Anschein, dass der Sinn des Fühlens oder der Empfindlichkeit der Berührung allen denen gegeben ist, die mit einer weichen und beweglichen Haut bedeckt sind, damit sie das, was sie verletzen kann, meiden können und sie fliehen können. Ohne diesen Sinn würden sie sonst häufig verletzt, geschlagen und gestoßen. Die Natur ist hiermit so vorsichtig gewesen, dass sie auch jedem kleinsten Stückchen Haut Schmerzempfindlichkeit verliehen hat. Von daher muss man glauben, dass diese für die Erhaltung der Gesundheit so notwenige Kraft auch den Planetenbewohnern gegeben sei.

 

Wer aber würde verneinen, dass Geruch und Geschmack unentbehrlich sind für diejenigen, die Nahrung zu sich nehmen, so dass sie Nützliches und Schädliches unterscheiden können. Wenn die Tiere in den Planetenländern sich von Kräutern, Samen oder auch von Fleisch nähren, so ist es wahrscheinlich, dass sie auch diesen Sinn besitzen, ohne den es keine Lust oder Abscheu gibt.

 

Ich weiß, dass manche die Frage aufgeworfen haben, ob nicht von Natur aus noch andere Sinne entstehen können als die genannten fünf Sinne. Wenn man diesem Gedanken zustimmt, könnten die Planetentiere ganz andere Sinne haben als wir. Ich sehe nicht, was hindern sollte, dass man auch auf eine ganz andere Art sinnlich empfinden sollte; wenn man sich aber überlegt, zu welchem Gebrauch wir jeden der fünf Sinne haben, dann scheint es nicht nötig, dass da noch ein weiterer Sinn dazu kommt und kommen sollte. Die göttliche Vorsehung hat verordnet, dass wir die Beschaffenheit der nahen und fernen Dinge mit den Augen empfinden sollen. Weiterhin, was hinter uns ist, oder wir im Finstern nicht sehen können, sollte das Gehör vernehmen. Und dann, das, was wir weder sehen noch hören können, das sollte uns ein anderer Sinn vermitteln, der in der Nase sitzt, so wie wir vom wunderbar scharfen Geruchsinn der Hunde wissen. Was diese vier Sinne nicht erfassen, das lässt die göttliche Vorsehung durch das Fühlen vermitteln, so dass wir unseren Körper nicht irgendwo schädlich anstoßen. Also hat die göttliche Vorsehung den Tieren alles zur Wohlfahrt und zur Erhaltung Nötige gegeben, so dass es scheint, dass man mehr weder verlangen noch wünschen könnte, und die göttliche Vorsehung den Planetenbewohnern somit etwas Überflüssiges zugeteilt hätte.

 

Nachdem die Menschen aus jedem dieser Sinne neben dem Nutzen auch Wohlgefallen empfangen, durch den Geschmack an Speisen, durch den Geruch an Blumen und Gewürzen, durch das Sehen die Betrachtung der Gestalten und Farben, durch das Gehör an Musik, [46] durch das Gefühl an Liebes- und Geschlechtsdingen (wenn man hierfür nicht einen besonderen Sinn machen wollte), die anderen Tiere allerdings nur aus einigen dieser Sinne Wohlgefallen empfinden- sollte man nicht sagen, dass diese Naturgaben beinahe auf die gleiche Weise unter den Planetenbewohnern ausgeteilt sind? Und gewiss, das scheint vernünftig.

 

Wenn wir bedenken, um wie viel lieblicher und glückseliger das Leben insgesamt wird durch diese Sinne, dann sollen wir das größte Gut des Lebens nicht den Erdbewohnern alleine zuschreiben, und den anderen Planetenbewohnern absprechen, so als ob unsere Dinge in allem den Vorzug hätten. Wenn wir die Wollust beim Verzehren der Speisen und bei der Paarung der Geschlechter beachten, so bemerken wir, dass diese sozusagen ein paar unumgängliche Gebote der fürsorglichen Natur sind, die dadurch die Erhaltung und Fortpflanzung der Geschlechter stillschweigend erzwingt. Auch die unvernünftigen Tiere und ihre Arten pflanzen sich fort, um beiderlei Genuss zu empfinden. Beiderlei Genuss müssen wir daher auch auf den Planeten vermuten. Und sicher, wenn ich Wert und Nutzen bedenke, und auch, wie sehr es zu bewundern ist, dass es so etwas in der Natur wie die Lust gibt, dann muss ich allerdings glauben, dass es so etwas nicht nur auf unserer Erde allein gibt, die außerdem einer der kleineren Planeten ist. Viele Lüste haben nur mit körperlichen Empfindungen zu tun, und gar nicht mit der Kraft der Vernunft. Der Mensch hat aber über die körperlichen Lüste hinaus auch solche, die nur im Gemüt und in der Sinnlichkeit der Vernunft empfunden werden, von denen einige mit Fröhlichkeit und andere mit Ernst einhergehen. Diese sind viel weniger gering zu achten, denn von ihnen kommt neben der Lust über allerhand Wissen und Empfindungen auch die Erkenntnis der Wahrheit fort. Hiervon und von der Frage, ob solches auch bei den Planetenbewohnern zu finden ist, werden wir im Folgenden sprechen. [47]

 

Nun müssen wir noch andere Dinge überlegen, die in den Planetenländern unseren Verhältnissen ähneln. Von den Elementen Erde, Luft und Wasser haben wir schon gesehen,[71] dass es wahrscheinlich ist, dass es diese auch auf den Planeten gibt. Jetzt wollen wir auch das Feuer betrachten, das man eigentlich bei uns kein Element nennen sollte, sondern eine sehr schnelle Bewegung einiger Teilchen, die aus anderen Körpern entfernt wurden. Was das Feuer auch sei, es gibt auf jeden Fall viele Hinweise, die glauben lassen, dass so etwas auch den Planetenbewohnern gegeben sei. Zunächst, weil das Feuer nicht so sehr auf der Erde seinen Sitz hat als vielmehr in der Sonne, dass also so wie bei uns die Pflanzen und Tiere durch Sonnenhitze wachsen und erwärmt werden, dies auch ohne Zweifel auf den übrigen Planeten geschieht. Nachdem aber zunehmende Hitze schließlich zum Feuer wird, ist es glaubhaft, dass zumal auf den Planeten, die der Sonne näher sind, die Hitze gleich oder größer sei, und durch ihre Macht Feuer entsteht, das sich bei uns auf vielerlei Weise anzündet, nämlich durch Bündelung der Sonnenstrahlen, oder durch deren Reflexion in einem hohlen Becken oder Spiegeln; aus Zusammenschlagen von Stahl und Kieselsteinen, durch das Aneinanderreiben von Hölzern, durch Aufhäufung von Heu, das nicht genug getrocknet ist; durch den Blitz; durch Entzünden schwefelhaltiger Erde und Berge. Es wäre ein Wunder, wenn das Feuer nicht auf eine dieser Arten auch in den Planetenländern brennen würde.

 

Weiter müssen wir bedenken, welchen großen Nutzen das Feuer gibt und wie wir es so gar nicht entbehren können. Denn mit dem Feuer vertreiben wir die schreckliche Kälte in den Ländern, wo die Sonne wegen der schräg einfallenden Strahlen wenig Kraft hat.[72] Ohne Feuer wären viele Länder unbevölkert und unbebaut. [48] Also haben die anderen Planeten auch dieses Feuer nötig, ob sie nun einen Wechsel der Jahreszeiten haben oder die Tage auf dem Planeten überall gleich lang sind, denn ganz gewiss werden die Orte nahe an den Polen von der Sonne wenig erwärmt. Mit dem Feuer können wir die Nacht erleuchten und diese gleichsam zum Tage machen, wodurch sich die Lebenszeit verlängert. Deswegen ist es wahrscheinlich, dass so eine große Sache nicht nur die Bewohner der Erde alleine genießen, sondern dieses auch den sämtlichen anderen Planeten gegeben und verliehen ist.

 

Weiterhin kann man sich fragen, was die Tiere- unvernünftige und vernünftige- und Bäume und Gewächse betrifft, ob das, was auf den Planeten wächst, von der gleichen Größe sei wie alles hier. Wenn man die Größe der Tiere und Pflanzen nach der Größe der Kugel schätzt, so wären diese auf Jupiter und Saturn zehn oder fünfzehn mal größer als unsere Elefanten oder eben so viel länger als unsere Walfische. Dann hätten auch die vernünftigen Tiere Riesenkörper im Vergleich mit unsrigen. Zwar sehe ich nicht, warum dies ein Wunder oder unmöglich wäre, jedoch zwingt uns auch kein Grund zu glauben, es müsse auch wirklich so sein, weil es sich in vielem zeigt, dass die Natur sich nicht an die Regeln der Maße hält, die nach unserer Meinung passend wären. Auch hat die Natur sich bei der Größe der Planeten nicht an deren Abstand zur Sonne gehalten, indem der weiter entfernte Mars offenbar kleiner ist als die Venus. Der Jupiter dreht sich in 10 Stunden um seine Achse, wozu die Erde, die viel kleiner ist, 24 Stunden braucht. Daher könnte manch einer meinen, dass, nachdem die Natur keine Proportionen einhält, die Planetenbewohner klein seien wie Zwerge, oder nicht größer als Mäuse und Frösche seien. [49] Ich will aber noch zeigen, warum dies nicht passend oder wahrscheinlich ist.

 

Weiterhin kann man sich fragen, ob es auf den Planeten nur einige vernunftbegabte Tiere gibt, oder mehrere Arten von Tieren mit Abstufungen von Verstand. Und sicher sehen wir etwas von dieser Art auf der Erde. Ich rede eben nicht von den Tieren mit menschlicher Gestalt (obwohl man sicher auch von diesen sprechen könnte), sondern von den Sinnen und dem Verstand der Tiere, so wie bei Hunden, Affen, Bibern, ja sogar bei einigen Vögeln und den Bienen. Wenn man diese betrachtet, so kann man nicht sagen, dass die Vernunft nur dem Menschengeschlecht zugeteilt worden ist. Bei allen diesen zeigt sich ein vernunftähnliches Phänomen, das jedermann ohne Hinweis von anderen und ohne Ausbildung wahrnimmt.

 

Jedoch kann kein Zweifel darüber bestehen, dass der Menschen Verstand und Einsicht den anderen Tieren sehr weit überlegen ist. Der menschliche Verstand ist zu zahllosen Dingen geeignet, kann zukünftige Dinge vorhersagen und ist für die vergangenen Dinge mit einem unermesslichen Gedächtnis begabt. Wenn wir den großen Unterschied in der Hierarchie der Tiere betrachten, haben wir sicher Grund zu glauben, dass die Natur auch auf den anderen Planeten eine Art bevorzugt vor anderen, und das umso mehr, weil, wenn sie alle vom gleichen Verstand und Denken wären, sie schädlich wären füreinander und um Länderbesitz und Herrschaft streiten würden; welches nun viel zu oft bei uns auf der Erde geschieht, obwohl die Herrscher der Erde von einem Geschlecht sind. Dies sei nun wie es wolle, wir werden nun die Tiere der Planetenländer betrachten, die mehr Vernunft haben als andere, und wir wollen untersuchen, [50] wozu sie ihre Vernunft gebrauchen, und ob sie so wie wir auf unserem Planeten auch ihre Künste und Wissenschaften haben. Dies ist, was ihre Natur betrifft, besonders überlegenswert. Damit wir dies aber gut überlegen können, müssen wir erst weiter und tiefer ausholen und das Leben und Studium der Menschen genau betrachten und verstehen.

 

Insofern die Menschen sich nur mit notwendigen Dingen versehen und sich diese verschaffen, sage ich, dass es mir scheint, dass der Gebrauch unserer Vernunft nichts besonderes hat, um dessen willen wir uns über die anderen Tiere erhaben fühlen sollten. Damit meine ich Dinge wie: sich vor Unwetter schützen, sich hinter Mauern vor den Feinden verbergen, Gesetze machen und nach diesen in stiller Ruhe leben, Kinder aufziehen und diesen wie sich selbst Unterhalt verschaffen. Das meiste hiervon bringen die Menschen mit wenig Mühe und Nachdenken zuwege und benötigen das Denken auch hierbei nicht immer. Ja selbst Tugend und Gerechtigkeit, Freundschaft, Dankbarkeit und Ehrbarkeit, um derenwillen wir hier oben die Vortrefflichkeit des menschlichen Gemüts gerühmt haben, wozu anders sind diese da als um den Lastern der Menschen Einhalt zu gebieten, oder damit man ein ruhiges Leben führen kann, wo keiner dem andern Unrecht tut. Dies alles geschieht bei den Tieren von selbst und unter der Leitung der Natur.[73] Wenn wir uns nun die vielfältigen Sorgen und Kümmernisse, die Begierden und die Furcht vor dem Tode vor Augen führen, die alle unsere Vernunft begleiten und mit dem sorgenfreien, ruhigen und unschuldigen Leben der Tiere vergleichen, so haben die meisten Tiere, vor allem die Vögel, ein weit angenehmeres Leben und sind besser als die Menschen dran, denn was die leiblichen Lüste betrifft, so erleben die Tiere diese ohne Zweifel ebenso angenehm wie wir. [51] Einige neuere Philosophen sprechen außer dem Menschen auch den Tieren alle Sinne ab und betrachten diese nur als Maschinen oder Automaten,[74] und es würde mich wundern, wenn jemand ihrer ungereimten und harten Meinung beifallen kann, wo doch die Tiere mit der Stimme, Vermeidung der Schläge und auch sonst in allen Dingen das Gegenteil zeigen. Ja, ich zweifle kaum daran, dass die Vögel in ihrem verwunderlichen und lieblichen Schweben durch die Luft eine besondere Lust empfinden, die noch größer wäre, wenn sie wüssten, wie sehr ihre Schnelligkeit und ihr hoher Flug unserem niedrigen und langsamen Gang überlegen sind.

 

Worin besteht dann eigentlich der Vorzug der Anwendung der menschlichen Vernunft, mit dem wir andere Tiere übertreffen? Meiner Meinung nach nur im Betrachten der Natur der Werke Gottes und im Ausüben der Wissenschaften, wodurch wir erreichen, dass wir Vorzug und Größe der Natur und Werke Gottes besser erkennen. Denn was ist die bloße Betrachtung ohne Künste? Und welch ein großer Unterschied zwischen denen, die die Schönheit und den Nutzen der Sonne und den mit Sternen geschmückten Himmel müßig ansehen und den anderen Gelehrten, die den Lauf der Gestirne untersuchen und erforschen, zum Beispiel wie die so genannten Fixsterne sich von den wandernden Planeten unterscheiden; die die Veränderung der Jahreszeiten verstehen; und dann auch noch mit klugen und scharfsinnigen Berechnungen die Größen der Sonnen und der Planeten und zugleich auch ihre Abstände ermessen. Welch ein Unterschied ist auch zwischen denen, die die Bewegung und Fertigkeit der Tiere bewundern, und denen, die mit scharfem Nachsinnen untersuchen, wie alle Glieder gemacht sind, und wie diese kunstvoll geordnet und gebaut sind.

 

[52] Wenn dann nun die übrigen Planeten unserer Erde an Würde in nichts nachstehen, so wie wir es hier oben zum gedanklichen Ausgangspunkt gemacht haben, so müssen auch dort solche Tiere sein, die nicht nur die Werke der Natur anschauen und bewundern, sondern auch beschäftigt sind, diese zu untersuchen und mit Verstand zu erforschen, und die hiermit so weit wie wir gekommen sind. Daher betrachten sie nicht nur die Sterne, sondern beherrschen auch die Kunst der Astronomie. Wir werden nur daran gehindert, dies zu glauben, weil wir viel zu stolz sind auf unsere irdischen Dinge, und wir uns dies nicht abgewöhnen können.

 

Nun weiß ich, dass es Leute geben wird, die sagen, dass es allzu kühn ist, den Planetenbewohnern diese Dinge zuzuschreiben, und dass wir hierzu nur gelangt sind, durch Wahrscheinlichkeit auf Wahrscheinlichkeit zu stapeln, und wenn auch nur eine dieser Wahrscheinlichkeiten anders sei, das ganze Kartenhaus zusammenfällt.[75] Diese Kritiker aber sollten wissen, dass dasjenige, was wir vom Studium der Astronomie sagen, bewiesen werden könnte und man damit den Anfang in der Argumentation machen könnte, und man alles bisher gesagte weglassen könnte.[76] Wenn man voraussetzt, dass die Erde zu den Planeten gehört, wer würde dann wagen zu sagen, dass sich nur auf dieser Erde Lebewesen befinden, die das Anschauen der Natur, wo es nichts Schöneres und Herrlicheres gibt, genießen können? Oder dass unter denen, die die Natur beobachten können, wir die einzigen seien, die die verborgenen Himmelswunder genau und vollkommen erkundigen?[77]

 

Also seht dann ein, dass sich auch kurz beweisen lässt, dass es auf diesen Planeten Astronomie gibt, woraus dann auch nicht nur folgt, dass es dort vernünftige Tiere gibt, sondern auch das meiste andere, das wir hiervor gesagt haben. Also trägt zur Bestätigung des vorhergehenden auch dieser letzte Beweis nicht wenig bei. Damit es aber noch annehmlicher wird, dass man auf jeden Fall auf den äußeren Planeten Jupiter und Saturn die Wissenschaft der Astronomie betreibt, [53] muss man Folgendes bedenken: wie man leicht glauben kann, sind die Menschen aus Verwunderung und Furcht über die Sonnen- und Mondfinsternisse begonnen, fleißig den Lauf der Gestirne zu beobachten. Auf den Planeten Jupiter und Saturn hat man noch viel mehr Grund, den Lauf der Gestirne zu studieren, weil dort ihre Monde fast täglich, und die Sonne sehr häufig verfinstert werden. Wenn man nun voraussetzt, dass jemand von all den Planeten gleich viel oder wenig wüsste, was dort geschieht, würde dieser Beobachter doch sagen, dass es viel wahrscheinlicher ist, dass die Astronomie auf den zwei großen Planeten betrieben wird, als auf unserem kleinen Planeten.[78] Wenn wir aber den Planetenbewohnern die Wissenschaft und Kunst der Astronomie zugestehen, so folgt daraus vieles, was uns über das schon Gesagte hinaus neue Mutmaßungen in die Hand gibt. Erstens kann die Beobachtung der Gestirne und die Erforschung ihres Laufes kaum ohne Instrumente verrichtet werden, ob diese nun aus Metall, Holz oder einer anderen dichten Materie gemacht sind. Auch wird dazu allerlei Handwerkszeug erforderlich, und man kann weder der Säge, des Beils, Hobels, Hammer oder Feile entbehren, und diese sind ohne Eisen oder die Anwendung eines vergleichbaren harten Metalls nicht zu erhalten. So muss man auch auf den Instrumenten die Zirkelbögen in gleiche und die geraden Linien in ungleiche Abschnitte abzuteilen wissen, wozu man Arithmetik und Geometrie beherrschen muss. Vor allem aber auch ist es nötig, dass man das, was man observiert und beobachtet hat, den Nachkommen zum Andenken hinterlässt, so dass man Zeiten und astronomische Epochen[79] angeben kann, was ohne Schrift wohl kaum möglich ist. So müssten sie also die Schreibkunst beherrschen, wenn auch vielleicht mit einer ganz anderen als unserer Schrift, [54] die fast alle Völker verwenden, und man kaum eine kunstvollere erfinden kann, und kaum eine, die leichter zu erlernen wäre. Denn wer sähe nicht, dass unsere Schrift der chinesischen Schrift mit ihren zahllosen Schriftzeichen weit vorzuziehen ist,[80] und noch weit viel mehr der Knotenschrift[81] und den Hieroglyphen bei den Wilden in Mexiko und Peru. Wir sehen ja, dass die Menschen in allen Ländern sich um eine Schrift oder Art und Weise der Aufzeichnung bemüht haben, wer würde sich dann wundern, wenn auch die Planetenbewohner notwendigerweise so etwas erfunden hätten und dann für die Studien der Anatomie und anderer Künste verwendet haben. Für die Astronomie aber ist die Schrift absolut notwendig, was man daran sehen kann, dass man erst mit Hypothesen den Lauf der Sterne gleichsam erraten muss, die ersten Hypothesen aber, nachdem Beobachtungen und geometrische Beweise deren Fehler nachweisen, durch die folgenden verbessert werden müssen.[82] Nichts hiervon könnte den Nachkommen hinterlassen werden, anders als aufgezeichnet und erklärt mit Schrift und mit Figuren.

 

Auch wenn wir den Planetenbewohnern all dies zugestanden haben, so wird die Astronomie doch bei uns viel vortrefflicher sein als bei jenen, und das entweder deswegen, weil wir die wahrhaftigste Gestalt des allgemeinen Systems kennen,[83] oder wegen des Gebrauchs der Ferngläser, wodurch wir die Planeten, deren Größe und Gestalten, die Berge auf dem Mond und ihre Schatten, die zahllosen Sterne und vieles mehr noch sehen können, das wir ohne diese betrachten und erkennen könnte. Wenn wir uns auch in dieser Hinsicht nicht schmeicheln wollen, dass wir glücklicher wären als die Planetenbewohner, müssen wir ihnen folglich die vollkommene Wissenschaft der himmlischen Dinge auch zugestehen, oder sogar eine weit bessere Wahrnehmung als wir selbst haben, oder ihnen zutrauen, dass sie wie wir auch geschliffene Linsen oder Spiegel zu Hilfe nehmen. Wir haben nur deswegen Bedenken, dies zu sagen, weil man dann wegen einer einzigen zu gewagten Behauptung [55] auch alles andere lächerlich finden könnte und dies laut verkünden.

 

Jemand könnte nicht ohne Grund den folgenden Einwand machen: es könnte doch sein, dass die Planetenländer aller sinnreichen Wissenschaften ermangeln, so wie die amerikanischen Völker, bevor die Europäer zu ihnen kamen. Wenn man die Menschen in Amerika und auch viele Menschen in Afrika und Asien betrachtet, hat es den Anschein, dass sie nach des allerhöchsten Schöpfers Beschluss ein Leben führen sollen, wo sie mit den Gütern der Natur und ihren Lüsten zufrieden sind, und den milden göttlichen Versorger mit dankbarem Herzen verehren. Kunst und Wissenschaft aber sei über ihrer Natur, und nur einige wenige von ihnen widmen sich diesen. Diesen Einwürfen kann man leicht begegnen, wenn man antwortet: Gott hat zweifelsohne vorhergesehen, dass der Menschen Verstand sie dahin bringen würde, dass sie himmlische Dinge erforschen, für ihr Leben nützliche Künste erfinden, über das Meer fahren, Metalle ausgraben. Nichts hiervon kann also gegen den Willen seiner unendlichen Weisheit geschehen. Wenn Gott es nun vorhergesehen hat, so sind diese Dinge für das Menschengeschlecht angeordnet gewesen, und kann man das Studium der Künste und Wissenschaften nicht über-natürlich finden, wo sie sich doch gerade mit der Natur beschäftigen, und kann man auch die große Liebe und Begierde, Wissenschaften zu erlernen, nicht für etwas halten, das den menschlichen Gemütern vergebens eingeprägt worden sei. Darauf werden die Kritiker weiter sagen, und ganz besonders von der Astronomie: wenn die Menschen auch zu dieser geboren seien, warum beschäftigen sich dann nur so wenige damit? Denn erstens sei unter den Kontinenten beinahe alleine Europa, wo man das Studium der Astronomie betreibt, denn die Astrologie, mit der man zukünftige Dinge vorhersagen will, die halten wir nicht für eine Wissenschaft, sondern für schädlichen Unsinn[84] [56] und achten es nicht wert, sie hier mit zu zählen. Aber auch unter den europäischen Völkern ist unter hunderttausenden nicht einer, der diese Studien erlernen oder begreifen kann. Und was die Zeit angeht, so werden die Kritiker sagen, dass viele Jahrhunderte vergangen sind, ehe man van den Grundzügen der Arithmetik und Geometrie etwas gewusst hat, ohne welche man die Astronomie nicht erlernen kann, und man weiß ja, wann diese in Ägypten und Griechenland entstanden sind. So werden sie auch weiterhin und nicht ohne Grund sagen, dass es noch nicht einmal achtzig[85] Jahre her sei, seit man den wahren und einfachen Lauf der Planeten gefunden hat, und die erfundenen Epizykel verworfen hat, wodurch erst die Astronomie mit der Erkenntnis der Natur im Einklang ist.[86] Um diesen Kritikern zu entgegnen, können wir zu der obigen Erklärung von der göttlichen Vorsehung noch hinzufügen, dass man nicht daran zweifeln kann, dass die Menschen dazu erschaffen wurden, dass sie im Verlauf von langer Zeit die Wissenschaften und Künste sich entfalten lassen sollten, denn keine dieser ist ihnen angeboren, oder von Gott schnell eingegeben. Die Wissenschaften, die wir hier nennen, sind eben die allerschwersten, und am langsamsten zu erlangen, so dass man sich mehr wundern muss, dass sie jemals ihren Beginn haben finden können, als dass sie so spät begonnen sind.[87] Ich muss zwar bekennen, dass es zu allen Zeiten nur wenige Menschen gibt, die sich auf diese Wissenschaften konzentrieren, oder meinen, dass diese sie angehen. Wenn wir aber die Zeit von vielen Jahrhunderten betrachten, so werden wir jedoch keine geringe Anzahl derer finden, die ihre größte Ergötzung und Glückseligkeit darin gefunden haben, wie auch nicht abgestritten werden kann, dass irgendwo größere Lust anzutreffen sei. So war auch der Fleiß, den einige wenige auf diese Dinge verwendeten, ausreichend, so dass der aus diesen Erfindungen entstandene Nutzen ganzen Nationen und Völkern weit und breit zugutegekommen ist. [57] Auch wenn nur wenigen Bewohner dieser Erde der Verstand und das Geschick gegeben ist, solche hohen Dingen zu begreifen, sind die Menschen doch nicht höher zu achten als die Bewohner der anderen Planeten und so bleibt es, so wie wir vorher gefunden haben, immer noch wahrscheinlich, dass es auch auf den Planeten Wissenschaftler gibt, die die Astronomie betreiben. Wir wollen nun fortfahren und uns zu anderen Dingen wenden, die aus dem Gesagten notwendig folgen.

 

Wir haben hier oben darauf gewiesen, wie zugleich mit der Astronomie nicht nur die Geometrie und Arithmetik, sondern auch die mechanischen Künste und Werkzeuge den Planetenbewohnern nicht abgesprochen können werden. Hieraus ergibt sich nun von selbst, dass wir fragen, wie sie solche Werkzeuge und Ausrüstung und die zur Beobachtung der Gestirne nötigen Instrumente gebrauchen können, oder wie sie Buchstaben malen können oder andere Dinge errichten können, wozu wir die Hände gebrauchen. Demnach kann es nicht anders sein, als dass sie Hände haben, oder ein anderes Glied, das an deren Stelle treten könnte.

 

Einer der alten Philosophen hat behauptet, dass die Menschen von den Händen so viel Vorteil haben, dass ihnen die Ursache und der Grund aller Weisheit zuzumessen ist. Dieser Philosoph hat meiner Meinung nach sagen wollen, dass die Menschen ohne Hilfe der Hände nicht zu der Erbauung des Gemütes und der Erkenntnis der Dinge gelangen können, und er hat damit auch recht.[88] Denn wenn die Menschen statt der Hände Hufe hätten wie die Pferde oder Ochsen, so hätten sie trotz aller Vernunft keine Städte oder Häuser erbaut. So würden sie auch nicht über anderes sprechen als was zu ihrer Speise, zur Heirat oder zu ihrem Schutz nötig wäre. Sie hätten auch keine Wissenschaften, keine Weise des Gedenkens und keine Nachrichtenübermittlung und es gäbe zwischen Mensch und Tier nur einen kleinen Unterschied. [58]

 

Könnte man irgend ein Werkzeug nennen, das für uns zu so unzähligen nötigen und nützlichen Dingen dienen könnte wie die Hände? Die Elefanten gebrauchen ihren Rüssel, so dass man sich darüber verwundern kann. Sie ergreifen alles, und werfen es auch wiederum von sich, und wissen auch die kleinsten Dinge vom Erdboden aufzuheben. Deswegen nennt man diesen Teil ihre Hand, welcher doch eigentlich nur eine Verlängerung ihrer Nase ist. So bauen auch die meisten Vögel ihre Nester mit dem Schnabel und tragen damit ihre Speise zusammen, aber keines von beiden ist an Bequemlichkeit mit den Händen zu vergleichen. So sind auch sowohl Hände als auch Arme so wundersam kunstvoll gebaut, dass man sie ausstrecken, zu sich ziehen und überall hin bewegen kann. Die Gelenke der Finger und Daumen sind mit so verwunderlichem Geschick ineinander gefügt, dass sie durch Anziehen der Sehnen alle Dinge ergreifen und festhalten können, noch ganz zu schweigen von der ganz besonders zarten Empfindlichkeit auf der Fingerkuppe, mit der wir auch im Dunkeln die meisten Körper unterscheiden können. Demnach ist es offenbar, dass die Planetenvölker Hände oder Arme oder an deren Stelle etwas anderes haben- es ist dann aber schwierig, sich etwas vorzustellen, das eine gleiche Geschicklichkeit hätte- , damit man nicht die Natur beschuldigen muss, sie hätte nicht alleine uns, sondern auch das Geschlecht der Affen und Eichhörnchen vor den Planetenbewohnern bevorteilt.[89]

 

Was die Füße betrifft, so wird man wenig an dem zweifeln, was wir oben vom unterschiedlichen Gang der Tiere besprochen haben, der kaum auf andere Weise, als wir dargestellt haben, zu erdenken ist. Unter den Arten zu gehen ist keine, die besser für die Planetenbewohner geeignet ist als diejenige, die wir gebrauchen, es sei denn, dass sie nicht auf einer der Kugeln gelernt haben zu fliegen, was aber, wie wir noch zeigen werden, wegen des gesellschaftlichen Lebens nicht zu vermuten ist. [59]

 

So will es auch nicht unglaublich erscheinen, dass sie zur Betrachtung der Gestirne nach oben gerichtete Augen und Angesichter erhalten haben, so wie es die Göttliche Vorsehung auch bei den Menschen getan hat, was die Philosophen dann auch zurecht rühmen.[90] Was aber die Anordnung der übrigen Glieder anbelangt, so sollte man wohl vermuten- nachdem wir die Weisheit des Schöpfers loben und rühmen- dass sich die Augen am oberen Teil des Körpers befinden, die verächtlicheren Glieder aber weit weg von ihnen, und wohl dort, wo man sie nicht so leicht sieht. Die göttliche Vorsehung hat vermutlich auch die gleiche Ordnung angewandt auf die Leiber derjenigen, die weit von der Erde weg wohnen. Doch wollen wir deswegen nicht sagen, dass Gott ihnen eine solche Gestalt gegeben hat, wie wir sie haben. Denn es lassen sich unzählig viele Verschiedenheiten der möglichen Gestalten in der Phantasie vorstellen, wodurch nicht nur jeder Teil der Körper sondern auch die äußere und innere Zusammensetzung der Körper anders sein könnte als die unsrige.

 

Wir sehen, wie nett und praktisch einige unserer Tieren mit Wolle oder Haaren, und andere noch hübscher mit Federn und Fittichen bekleidet sind. Es könnten auch die Planetenbewohner, die wir vernünftig nennen, auf eine solche Art bedeckt sein, die den Anschein weckt, dass das Vieh besser als die Menschen dran ist. Es kann aber bei den Menschen auch alles mit dem Ziel gestaltet sein, dass die Blöße den Menschen zwingt, mancherlei Bedeckungen anzuschaffen und zu verfertigen, und der Mensch dadurch Anlass haben sollte, seinen Verstand zu schärfen. So hat die Natur vielleicht den Menschen nackt erschaffen, damit er nach seinem Gefallen dicke oder dünne Kleider anziehen könnte und sich nach dem Klima der bewohnbaren Länder richten kann. So könnte man sich einen größeren Unterschied zwischen den Leibern der Planetenbewohner und unseren vorstellen [60], zum Beispiel wie einige Tiere gleichsam die Beine nach außen, das Fleisch aber innen haben, wie einige Krebse, und die Schildkröten auch fast. Doch hat die Natur nur einige wenige von dieser Sorte gemacht, und will ich dies den Planetenbewohnern nicht anmessen,[91] weil sie dadurch den schönen und vielfältigen Gebrauch der Finger nicht hätten, den sie jedoch, wie wir gezeigt haben, so sehr benötigen; aber sonst würde mich die verrückte Gestalt wenig verwirren.

 

Denn vor allem muss man sich vor dem menschlichen Irrtum hüten, sich einzubilden, dass ein vernünftiges Wesen auch menschähnliches Aussehen haben muss. So ist es auch gekommen, dass beinahe alle Völker, und teils auch die Philosophen, den Göttern eine menschliche Gestalt zukommen haben lassen, ja sogar eine Sekte unter den Christen von einer solchen Einbildung ihren Namen bekommen hat.[92] Wer sieht aber nicht, dass dies nur von der Menschen Schwäche und vorausgefasster Meinung herrührt? Genauso auch das Faktum, dass man meint, dass die Schönheit des menschlichen Leibes etwas besonderes sei, wo dieses Urteil doch nur aus Meinung und Gewohnheit besteht und in der Liebe gewurzelt ist, die die vorhersehende Natur allen Tieren zugeteilt hat, so dass jedes Tier vor allem nach Seinesgleichen verlangt. Meinung und Gewohnheit aber vermögen so viel, dass ich glaube, dass man sich sehr fürchten würde bei einer Begegnung mit einem Tier, das einem Menschen gar nicht gleicht, und doch vernünftig wäre und reden könnte. Wenn wir uns ein solches Wesen vorstellen und ausmalen wollen, das dem Menschen ähnlich wäre, aber einen viermal längeren Hals hätte, und runde Augen, die auch viermal so weit auseinander stünden, so könnten wir solche Bilder nicht ohne Abscheu ansehen, obwohl wir nicht leicht einen Grund angeben könnten, warum diese Wesen unförmlich seien.[93] [61] Ich habe oben betreffs der Größe der Planetenbewohner gesagt, dass es wahrscheinlich sei, dass diese nicht viel kleiner seien als wir. Wir können dies auch vor allem als wahrscheinlich annehmen, wenn wir an das Verhältnis der Körper der Menschen im Verhältnis zum Umfang der Erdkugel denken: die Menschen können die Erde durchwandern und ihre Gestalt und Größe erkennen. So muss es auch mit den Bewohnern der anderen Planeten sein, falls wir uns ihnen nicht in diesem wichtigen Aspekt überlegen fühlen wollen. Weiterhin, nachdem wir dargelegt haben, dass bei ihnen die Astronomie ausgeübt wird, und die Sterne observiert werden, so folgt daraus, dass sie Leiber haben, mit denen sie Holz und Metall bearbeiten können, und imstande sind, diese zu Instrumenten und Ausrüstung verarbeiten, die je größer, je besser sind. Und wenn wir sie uns nur als Männchen nicht größer als die Mäuse vorstellen wollten, könnten sie die Sterne nicht gut observieren oder ordentliche Instrumente herstellen und ausrichten.[94] Deswegen finde ich es wahrscheinlich, dass sie entweder gleich groß sind wie wir, oder größer, vor allem diejenigen, die auf Jupiter oder Saturn leben, auf Kugeln also, die größer sind als die unsere.

 

Weil das Ausüben der Astronomie nicht gelingen kann ohne Aufzeichnung dessen, was beobachtet wurde; die Schreibkunst (ebenso wenig wie die Schmiedekunst und die Gießkunst) sich aber nicht hätte entwickeln können ohne eine Gesellschaft von vernünftigen Wesen, die die Vernunft verwenden zur Erhaltung des Lebens, so folgt weiterhin daraus, dass es auch bei den Planetenbewohnern Gesellschaftsverbände gibt und sie sich untereinander Dienste leisten und auch in dieser Hinsicht eine große Ähnlichkeit besteht mit unseren Verhältnissen. Deshalb muss man auch vermuten, dass sie ihr Leben viel mehr in festen und steten Wohnungen zubringen als in der Wanderschaft. [62] Was? Werden sie dann auch andere Dinge haben, die zum gesellschaftlichen Leben gehören? So wie Gesetze, Obrigkeit, Häuser, Städte, Kauf- und Tauschhandlungen? Es steht fest, dass es fast all dieses bei den Wilden in Amerika und auf den Inseln gegeben hat, ehe man zu ihnen gekommen ist, dennoch kann ich nicht abstreiten, dass es auf den übrigen Planeten vielleicht anders zugeht, besonders auch, weil einiges von den gesellschaftlichen Aktivitäten Dinge betrifft, die vernünftige Tiere nicht benötigen, die aber erdacht worden sind, damit wir die Vernunft nicht böswillig oder zum Schaden anderer verwenden sollen und so die Gesellschaft zerstören könnten. Es kann auch sein, dass sie auf den anderen Planeten in einem solchen Überfluss leben, dass sie keinen Grund haben, etwas zu verlangen, was sie nicht besitzen, oder es zu stehlen. Es kann auch sein, dass sie in solcher Gerechtigkeit leben, dass sie immer Frieden haben, und keiner dem anderen schadet, oder nach dem Leben trachtet oder ihn tötet. Ja, vielleicht gibt es da keinen Hass oder Zorn, und wenn dem so wäre, so wären sie weit glücklicher als wir. Es ist aber eher wahrscheinlich, dass dort, so wie bei uns auch, Gutes und Böses, Weisheit und Torheit, Friede und Krieg miteinander vermengt sind, und dass es auch an Armut nicht mangelt, die oft die Lehrmeisterin der Kunst ist. Wir haben hier oben versucht, den Nutzen dieser Vermengung aufzuzeigen, und auch wenn es diesen nicht gäbe, dann haben wir jedoch keinen Grund, die Verhältnisse der Planentenbewohner den unsrigen vorzuziehen.[95]

 

Jetzt werde ich aber etwas vorbringen, das sicher als allzu verwegen gefunden werden wird, und das dennoch nicht ganz unglaublich ist. Wenn die Planetenvölker (so wie wir beinahe[96] nachgewiesen haben) gesellschaftlich leben, haben sie auch Gefallen und Lust an Zusammenkünften, Gesprächen unter guten Freunden und Verliebten, und auch an Scherzen und an Schauspiel. Dies ist, so sage ich, deswegen glaubhaft, weil die Planetenbewohner, wenn wir ihnen dies nicht zugestehen,[63] nach unserer Meinung immerzu ernsthaft und ohne alle Fröhlichkeit und Abwechslung des Gemüts leben, und wir würden ihnen eine große Erleichterung des Lebens, die man schwerlich entbehren kann, untersagen, und hiermit würde dann unser eigenes Leben weit glücklicher sein, was eine unnötige Annahme ist.

 

Wenn wir nun weiter über ihre Beschäftigungen und Wissenschaften nachdenken, so werden wir sehen, welche etwa den Unsrigen ähneln könnten. Dass sie sich Häuser bauen, ist darum wahrscheinlich, weil, wie wir gezeigt haben, es auch in jenen Ländern regnet. Diese Vermutung folgte aus der Beobachtung von veränderlichen Wolkenstreifen auf dem Planeten Jupiter, die ohne Zweifel Wasserdampf enthalten,[97] und es also genug Wasser gibt, so wie wir oben gezeigt haben. Daher wird es auch Regengüsse und Winde geben, weil die von der Sonne aufgenommene Feuchtigkeit wieder zur Erde fallen muss. Die Winde entstehen aus dem durch die Wärme aufgelösten Dunst. Das Wehen dieser Winde sehen wir an der veränderlichen Gestalt der Wolken des Jupiters.[98] Nun ist es leicht zu glauben, dass die Jupiterbewohner sich hiergegen schützen, damit sie die Nächte sicher und ruhig zubringen können (denn sie haben Nächte und schlafen ebenso wie wir). Sie bauen sich wohl Hütten und Häuser oder graben Höhlen aus, und das ist umso wahrscheinlicher, weil bei uns alle Tiere außer den Fischen zu ihrem Verbleib etwas dergleichen bauen. Warum aber nur Hütten und Häuschen: wenn wir nicht glauben wollen, dass die Planetenbewohner große und prächtige Häuser erbauen, müssen wir unsere eigenen Dinge als viel schöner und vollkommener schätzen. Aber warum sollte es gerade bei uns besser sein? Vielleicht etwa, weil wir auf diesem kleinen Kügelchen wohnen, welches doch im Vergleich zu den Kugeln des Saturn und Jupiter nicht einmal den zehntausendsten Teil des Körperinhalts hat. So kann man auch keinen Grund angeben,[99] [64] warum auf diesen Planeten die Schönheit der Architektur und deren Symmetrie nicht ebenso bekannt sein sollte wie bei uns, noch warum sie nicht Paläste, Türme, oder Pyramiden bauen, die vielleicht hier und da höher und großartiger sind als bei uns. Und nachdem der menschliche Fleiß für diese Dinge allerlei erfordert, so wie, dass man Steine bricht, Kalk und Ziegel brennt, Eisen, Blei und Glas verwendet und mit Gold verziert: so ist es nicht schwer zu glauben, dass man dort dies und nicht weniger hat.

 

Wenn auf den Planeten die Fläche der Kugel auch aufgeteilt ist in Land und Meer, wie man aus den obengenannten Beobachtungen des Jupiters schließen kann, weil die Wolken kaum irgendwo anders entstehen können als in weiten ausgedehnten Meeresgegenden, dann haben wir sehr guten Grund anzunehmen, dass die Planetenbewohner sich auch der Seefahrt bedienen- denn wie könnte man sonst eine so große und nützliche Sache ohne Vermessenheit unserer Erdkugel alleine zuschreiben. Vor allen auf den Meeren des Saturns und des Jupiters ist Seefahrt gut möglich, weil diese beide Planeten viele Monde haben, mit welchen man die sogenannten Längengrade leichter und besser ermitteln kann.[100] Wenn sie nun Gebrauch machen von Schiffen, müssen sie auch noch viele Dinge, die dazu gehören, haben: Segel, Anker, Seile, Winden, Steuerruder, und auch deren besonderen Gebrauch, wie bei uns, wo man trotz Gegenwinden auch leicht gegen den Wind fahren kann. Auch der Seekompass darf bei ihnen nicht fehlen, denn der Magnetismus ist eine Sache, die auch auf den übrigen Planeten vermutet werden muss.[101] Neben der Astronomie gehört auch das Wissen um die Ausrüstung zur Seefahrt, und daher die Geometrie, die die Meisterin ist von beiden, worüber wir oben schon gesprochen haben.

 

[65] Ich bin aber der Meinung, dass, auch wenn die Seefahrt und die Astronomie oder andere Künste keinen Anlass, Notwendigkeit oder Gelegenheit zur Erfindung der Geometrie gegeben hätten, dass es noch immer nicht an Ursachen mangelt, um derer willen man glauben kann, dass auch die Planetenbewohner diese Wissenschaft ausüben. Der Beitrag dieser würdigen Wissenschaft zur Erkenntnis ist hoch zu schätzen. Hier wird der Verstand ganz besonders in Anspruch genommen. In keiner anderen Wissenschaft sieht man eine vergleichbare gewisse und unbezweifelbare Erkenntnis dessen, was wahr ist. Diese Wissenschaft ist von einer solcher Art, dass ihre Axiome und sicheren Aussprüche so beschaffen sind, dass sie an allen Orten, zu allen Zeiten, in welcher Welt auch immer, ganz und völlig übereinstimmen müssen. So erscheint es sehr unwahrscheinlich, dass so ein wunderbares Ding wie die Geometrie nur für die Erdbewohner alleine gemacht oder nur ihnen verliehen sei. Die Natur selbst zeigt uns auf verschiedene Weise allerlei geometrische Figuren wie Kreise, Dreiecke, Vielecke, Kugeln und anderes, und verleitet uns, deren Eigenschaften zu untersuchen; was eine Lust ist. Die Betrachtung von all diesem ist ein Vergnügen auch ohne jeden Nutzen. Denn wer wundert sich nicht, wenn er sieht, was in den „Elementen“ des Euklid[102] oder den „Ebenen Örtern“ des Apollonios von Perge[103] vom Kreis gelehrt wird? Oder wenn er sieht, was Archimedes über die Fläche der Kugel und die Quadratur der Parabel ans Licht gebracht hat, oder auch was neuere Denker scharfsinnig gefunden haben?[104] Die unveränderliche Wahrheit dieser Fakten ist überall die gleiche und kann auf dem Saturn und dem Jupiter wie bei uns, aus den gleichen einfachsten Grundsätzen, auf denen sie beruhen, gelernt werden. Darum ist es leicht zu glauben, dass es auch auf den anderen Planeten Wesen gibt, die dieses schönste und angenehmste Studium ausüben, was auch zu vermuten ist wegen des Nutzens für das ganze Leben, der aus dieser Wissenschaft fließt.

 

Und wenn ich nun sagen will, dass die Planetenbewohner so erfahren sind in der Geometrie, dass sie Sinustabellen, logarithmische Tabellen und die Analysis[105] erfinden, [66] wird mancher sagen, dass ich lächerliche und ungereimte Dinge vorbringe. Jedoch sehe ich nicht, was hindern sollte, dass die Planetenbewohner so etwas erfunden haben sollten, und vielleicht sogar noch größere Dinge als diese erfinden könnten. Denn, wie ich wiederhole, wir dürfen unsere Angelegenheiten nicht denen der Planetenbewohner vorziehen.

 

Wie nun alles, was die Geometrie betrifft, unveränderlich und ewig ist, gilt dies auch für die Harmonik, weil aller Zusammenklang aus festen Maßen und Proportionen besteht. Die Struktur eines jeden Tones und die Lieblichkeit des Gesanges auch nur einer einzelnen Stimme beruht auch auf dem Zusammenklang. Daher werden bei allen Völkern die gleichen Intervalle zwischen den Tönen gesungen, ob die Stimme sich nun in gleichmäßigen Stufen oder in Sprüngen bewegt. Ja, es erzählen einige glaubwürdige Autoren, dass in Amerika ein Tier gefunden wird, das mit seiner Stimme sechs musikalische Töne nacheinander hören lässt. Es hat also den Anschein, dass die Natur die Töne auf unveränderliche Weise vorschreibt. Indem nun alles, was dies betrifft, sich auf eine gewisse, einzige und notwendige Weise verhält, ist es wahrscheinlich, dass die Lust an der Musik, wie auch an der Geometrie, auch anderen Wesen und nicht nur uns alleine gehört. Denn wenn wir voraussetzen, dass es noch mehr andere Länder gibt, und dort auch Tiere Vernunft und Gehör haben: warum sollte die Lust, die man durch den Schall empfindet, nur den Wesen hier bei uns zuteil geworden sein?

 

Ich weiß nicht, wie überzeugend dieser Beweis für andere ist, den wir hier betreffs der Gleichheit und unveränderlichen Natur dieser Künste vorgelegt haben. Dieser Beweis erscheint mir nicht gering oder verwerflich[106] [67] und ist fast ebenso kräftig wie der, den ich oben gebraucht habe, wo ich nachgewiesen habe, dass die Planetenbewohner auch die Kraft des Sehens besitzen.

 

Wenn die Planetenbewohner Lust haben an harmonischen Tönen und Gesängen, dann kann es nicht anders sein, als dass sie auch das eine oder andere musikalische Instrument erfunden haben, und es kann auch sein, dass sie ungefähr gleiche Erfindungen gemacht haben wie wir: dass die Luft in Bewegung gebracht wird durch gespannte Schnüre oder Saiten oder durch Blasen von Rohr oder Grashalmen; und so wie wir von diesen Anfängen auf Laute, Gitarre, Flöte und allerhand vielstimmiges Orgelwerk gekommen sind, so kann es auch sein, dass die Planetenbewohner solches und nicht weniger Schönes erdacht haben. Die Töne und Intervalle haben ihr festes Maß, aber dennoch sehen wir bei verschiedenen Völkern immer eine andersartige Art des Gesanges. Früher bei den Griechen, Phrygiern und Lydiern, und heutzutage bei Franzosen, Italienern und Persern. Also kann es auch sein, dass die Planetenbewohner eine ganz andere Art von Musik haben als alle diese, die doch für ihre eigenen Ohren sehr angenehm ist. Ich sehe aber nicht, warum wir sie für ungeschickter als uns halten sollten, noch, warum sie nicht von chromatischen Tönen und zuweilen von Enharmonik [107] Gebrauch machen sollten, nachdem die Natur selbst die Halbtöne vorgibt und nach gewissen Proportionen einteilt. Ja, damit sie nicht weniger als wir in diesen Dingen erreicht haben sollen, wollen wir ihnen den Gebrauch mehrerer Stimmen und den Zusammenklang des Saitenspiels und auch die kunstvolle Abwechslung mit Dissonanzen wie Terzen und Quinten nicht absprechen. Ich weiß wohl, dass vielen dies nicht glaubhaft vorkommen wird, und noch weniger, wenn wir dann sagen, dass auf dem Jupiter und der Venus ebenso geschickte Künstler leben können, wie diejenigen, die sich in Frankreich und Italien vor anderen in dieser Kunst auszeichnen. [68] Und dennoch ist es nicht unmöglich, dass die Planetenbewohner mehr erfahren sind als unsere Künstler, und zumal in der Theorie dieser Kunst Dinge erforscht haben, die unsere Künstler bisher wenig verstehen. Denn wenn man einen unserer Musiker fragt, warum es verkehrt ist, dass man die Quinte nach einer anderen ebensolchen wiederholt, werden einige sagen, dass es nicht passt, wenn man so eine sanfte Konsonanz wiederholt, andere werden sagen, dass man in harmonischen Stücken Abwechslung suchen muss. Dies sagen hervorragende Künstler und auch Descartes[108], aber ein Bewohner des Jupiters oder der Venus dürfte vielleicht die wahrhafte Natur dieser Angelegenheit aufzeigen:[109] denn wenn man eine Quinte nach einer anderen spielt, ist das dasselbe als wenn man die Tonart verändert, denn die Quinte mit hinzukommendem Ditonus (Intervall von zwei Ganztönen, das, wenn es nicht anwesend ist, doch im Geiste mitgehört wird) lässt die Tonart deutlich hören. Eine derart schnelle Veränderung der Tonart kommt den Ohren zurecht hart und unpassend vor, da eine Veränderung von drei Noten des Akkords zugleich unschön klinkt (außer in einem Übergang). Der Planetenbewohner hat noch etwas zu sagen, das von unseren Leuten keiner beobachtet hat,[110] nämlich warum in keinem ein- oder mehrstimmigen Gesang der Ton (Tenor) in gleicher Höhe und Hauptmelodie erhalten werden kann, wenn die konsonanten Intervalle nicht ungezwungen, und zum größten Teil ohne dass man es merkt, temperiert werden, so dass sie von der besten Vollkommenheit etwas abweichen. Derjenige wird auch wissen, warum es beim Stimmen der Saiten die beste wohltemperierte Stimmung sei, wenn bei der Quinte überall ein Viertel des Kommas[111] abgeschnitten wird. Dies kann auch ohne nachteiligen Effekt getan werden, indem man eine Oktave in 31 gleiche Teile zerlegt und daraus ein Harmonischer Zyklus entsteht, der in sich selbst übergeht, wie wir vor kurzem gezeigt haben[69]. Wenn die Planetenbewohner dies alles verstehen, müssen sie also auch Kenntnis von Logarithmen haben.

 

Wie man aber den Ton der Stimme nach der Theorie temperieren soll, kann man leicht zeigen, was wir auch hier vorbringen wollen, da wir mehr aufzuweisen haben als Träume.[…] [112]

 

Jetzt kehren wir wieder zurück zu dem, wo wir geblieben sind.

 

Wir haben nun von einigen Künsten und Erfindungen geredet, welche die Planetenbewohner vielleicht mit uns gemeinsam haben. Über diese hinaus muss es aber noch mehr Dinge geben, die zur Notwendigkeit und Bequemlichkeit des Lebens [70] oder zur Lust und Unterhaltung gehören. Wie viele dieser Dinge es gibt und wie hoch sie zu achten sind, können wir am besten ermessen, wenn wir von der großen Menge dieser Dinge bei uns erzählen und uns diese vor Augen führen.[113] Ich habe oben einige unserer Tiere und Gewächse beschrieben, die sich stark in ihrer Gestalt unterscheiden, und ich habe auch von einer großen Anzahl derer erzählt, die sich gar nicht so sehr voneinander unterscheiden, und habe auch erwähnt, dass beide Sorten auch in den Planetenländern zu vermuten sind, wenn auch ganz anders beschaffen. Nun müssen wir noch sehen, was für Nutzen und Erleichterung wir von Tieren, Kräutern und Bäumen erhalten und daher folgern müssen, dass auch die Planetenbewohner dies bei ihren Wesen genießen. Auch hier ist es der Mühe wert, dass wir die Beschaffenheit unserer Reichtümer betrachten, und auch wie groß und vielfältig diese sind. Die Baumfrüchte und Pflanzen dienen uns zur Nahrung, die einen als Obst und Nüsse, die anderen mit Samen, Blättern und Wurzeln, und sie können auch als Medizin verwendet werden. Von den Bäumen nimmt man das Material zum Schiffsbau. Aus Flachs machen wir Kleider, nachdem das Spinnen und Weben erfunden wurde. Aus Hanf und Bast machen wir Faden und Schnüre, aus Faden machen wir Segel, Garne und Netze, aus Schnüren Schiffs- und Ankerseile. An Geruch und Farben der Blumen finden wir Gefallen, und auch wenn einige schlecht riechen, und es auch giftige Kräuter gibt, ist doch viel Gutes in ihnen verborgen. Die Natur hat es alles so gestaltet, dass im Vergleich mit dem Schlechten das Gute um so deutlicher scheine, wie die Natur es auch in vielen anderen Dingen tut. Und wie viel Nutzen aber haben wir dann nicht von den Tieren? [71]

 

Die Schafe geben Wolle für unsere Kleider, die Kühe Milch, und beide Fleisch zur Nahrung. Esel, Pferde und Kamele verwenden wir zum Transport von Lasten, wir setzen uns auch auf sie um zu reiten, oder spannen sie vor den Wagen und lassen uns führen. An dieser Stelle bemerken wir nun die vortreffliche Erfindung der Räder, die ich gerne auch den Planetenbewohnern zuschreiben möchte,[114] wo es doch fast erwiesen ist, [115] dass sie in Gesellschaft leben und Häuser bauen. Ob sie aber das Fleisch zur Speise verwenden oder ob sie der Lehre des Pythagoras folgen,[116] kann ich nicht sagen. Wir sehen, dass es dem Menschen gegeben ist, dass er von all dem lebt, was auf der Erde oder im Wasser erzeugt wird und in dem nur etwas zur Nahrung Dienliches erhalten ist: wie zum Beispiel Kräuter, Obst, Milch, Eier, Honig, Fische, das Fleisch sehr vieler Vögel und vierfüßiger Tiere und anderes mehr. Es ist schon verwunderlich, dass dieses vernünftige Tier so beschaffen ist, dass es sich von vieler anderer Lebewesen Untergang und Tod seinen Unterhalt verschafft. Jedoch kann man nicht sagen, dass dies dem Gesetz der Natur zuwider sei, wo wir sehen, wie die Löwen, Wölfe und andere Raubtiere Schafe und andere schwache Tiere zur Speise gebrauchen; wie die Adler auf die Tauben und Hasen stoßen und wie viele große Fische die kleinen fressen. Die Natur hat uns sogar verschiedene Arten von Jagdhunden verliehen, damit wir das, was wir mit den Füßen nicht erreichen können, mit deren Spürsinn und Schnelligkeit erreichen. Aber der Schöpfer aller Dinge wollte, dass wir nicht nur unseren Nutzen aus allem Lebenden und Wachsenden ziehen, sondern auch Freude daran haben sollen, und dass wir die vielerlei Gestalten und Naturen betrachten und ebenso die Art wie sie zustande kommen. Wir sehen eine unendliche Mannigfaltigkeit dieser Wunderwerke, so wie man es ausführlich bei den Naturschilderern lesen kann. Das gilt sogar den Insekten und dem Ungeziefer: wer verwundert sich nicht über die sechseckigen Zellen der Bienen, das Spinnengewebe, die Puppen der Seidenwürmer, woraus, wie wir sehen, [72] das zarteste Gewand verfertigt wird, und das in solcher Mengen, dass ganze Schiffe damit beladen werden. Dies mag nun genug gesagt sein, was die Arten der Gewächse und Tiere betrifft, die dem Menschen zum Nutzen sind.

 

Man betrachte nun ferner, wie viel Fleiß man anwendet auf das Suchen, Ausgraben, Testen, Gießen, Läutern und Vermengen der Metalle. Wie man das Gold zu dünnsten Blättern schlägt, oder mit Quecksilber auflöst, so dass wir mit geringen Unkosten alles, was wir wollen, mit Gold überziehen können. Und wie verwunderlich und vielfältig der Nutzen des Eisen ist! Die Völker, die das Eisen nicht kennen, leben fast alle ohne Handwerkskunst und haben statt Waffen nur Bogen, Keule und Stöcke. Wir aber haben auch das Schießpulver, das aus Schwefel und Salpeter gemischt und bereitet wird und zu mancherlei Gebrauch dienlich ist; aber ob es mehr Nutzen als Schaden bringt, kann mit Recht in Zweifel gezogen werden. Es hatte zwar den Anschein, als ob man durch die verwunderliche Gewalt des Schießpulvers und durch die geschickte Art, Städte zu befestigen, sicherer vor feindlichen Angriffen als in alten Zeiten leben konnte. Wir sehen aber, dass auch der Feinde Gewalttätigkeit sehr überhandgenommen hat, so dass man in den Feldschlachten mit Stärke und Tapferkeit nicht mehr so viel ausrichten kann wie früher. Was ein griechischer Feldherr gesagt haben soll, als große Geschoße und Wurfmaschinen ankamen: periisse virtutem oder: es ist um die Tapferkeit geschehen,[117] das könnte man nun mit noch größerem Recht beklagen, zumal nachdem jetzt die sogenannten Bomben erfunden wurden, deren sich weder Mauern, Städte noch Schlösser erwehren können, die so stark sie auch sein mögen, zusammenstürzen und der Erde gleich gemacht werden. In diesem einen Falle wollte man sagen, es wäre besser für die Menschen, wenn das Schießpulver nie erfunden worden wäre.[118] [73] Doch müssen wir auch die Erfindung des Schießpulvers vermelden, nachdem wir andere Erfindungen auf unserer Erdkugel genannt haben, und es wahrscheinlich ist, dass auch auf den anderen Planeten schädliche neben guten Künsten entstehen.

 

Angenehmer und erquicklicher ist der Gebrauch von Wasser und Luft bei uns, wodurch die Schifffahrt betrieben wird und wir uns Kräfte verschaffen, mit denen wir ohne eigene Mühe Mühlen, Hammer und andere Maschinen antreiben. Und wie vielfältig und vielseitig ist doch deren Gebrauch! Wir mahlen die Körner, pressen das Öl heraus, wir sägen das Holz, und walken die Stoffe, so dass sie dicht werden; wir stampfen Material zu Papier (das an sich schon eine überaus schöne Erfindung ist, da man aus den schlechtesten Leinenlumpen eine große Menge der weißesten Blätter und Bögen von Papier macht). Dazu kommt noch die vortreffliche Erfindung der Buchdruckerei, durch die nicht nur alle anderen Künste erhalten werden, sondern auch viel leichter als vorher zustande kommen. Auch die Wissenschaft[119] des Bildhauens und der Malerei hat sich aus geringen und schlechten Anfängen so hoch entwickelt, dass es scheint, dass es nichts Schöneres gibt, das der menschliche Verstand hervorgebracht hat. Hierzu gehört auch die Wissenschaft des Glasschmelzens, und wie man dieses in allerlei Formen bringt, und dann auch das Glattmachen der gläsernen Spiegel, die mit Quecksilber überzogen werden. Ganz besonders aber gehört der wunderliche Gebrauch des Glases hierzu und die Erfindung der Fern- und Vergrößerungsgläser[120], mit denen man die Natur der Dinge aufs genaueste erforschen kann. Auch die beweglichen Uhrwerke sind hierzu zu zählen, die zum Teil so klein sind, dass sie den, der sie bei sich trägt, nicht beschweren, und doch die Zeit in so genau gleichen Abständen messen, dass man sich nichts besseres wünschen kann. Zu beidem haben meine Erfindungen sehr viel beigetragen.[121]

 

[74] Ich könnte natürlich noch vieles hinzufügen von allerlei Künsten, die wir neben der Geometrie und Astronomie erlangt haben, und zwar erst zu unseren Zeiten: von der Schwere der Luft, und der Kraft, mit der diese sich, wenn sie zusammengedrückt wird, wieder ausbreitet.[122] Von sonderbaren chemischen Experimenten könnte ich sprechen, wodurch flammende Flüssigkeiten erfunden werden,[123] kürzlich auch einige selbstleuchtende, die durch leichte Bewegung brennen.[124] Vom Blutkreislauf durch Pulsadern und andere Adern könnte ich auch sprechen, wovon man früher schon wusste, aber jetzt erst mittels des Vergrößerungsglases an einigen Fischschwänzen wirklich genau untersucht hat.[125] Mehr könnte ich auch noch schreiben über die Fortpflanzung der Tiere, wo man gefunden hat, dass keines anders als durch Samen von seinesgleichen erzeugt wird, was man auch bei den Gewächsen nachgewiesen hat; auch, dass sich im männlichen Samen viele tausend der lebhaftesten Tierchen befinden, und dass durch diese die Nachkommen der Tiere entstehen. Dies ist zweifelsohne wahr und ist eine ganz wunderbare und unerhörte Sache.[126]

 

Jetzt aber, nachdem wir viel erzählt haben über die Erfindungen der Erdbewohner, können wir vermuten, dass einige dieser auch den Planetenbewohnern bekannt sein dürften, andererseits aber auch zu glauben ist, dass die meisten dieser Erfindungen ihnen unbekannt sind. Was ihnen jedoch hiervon fehlt, das ersetzen sie mit ebenso viel anderen schönen, nützlichen und bewundernswerten Dingen. Obwohl wir gezeigt haben, dass in diesen Ländern vernunftbegabte Wesen anzutreffen sind, und Geometriker und Musiker, auch dass sie nach aller Wahrscheinlichkeit in Gesellschaften und Gemeinschaften leben, Hände und Füße haben, und unter Dächern und hinter Mauern leben, so ist doch nicht dran zu zweifeln, wenn Merkur[127] oder sonst ein mächtiger Genius uns dahin führen würde, wir solche [75] Gestalten und Neuigkeiten in ihrem Handel und Wandel finden würden, die wir niemals genug bewundern könnten. Weil uns aber alle Hoffnung genommen ist, solch eine Reise zu machen, so wollen wir uns jedoch die Mühe machen, im Geiste zu untersuchen, welche Gestalt und Aussehen die Himmelskörper für diejenigen haben, die auf den Planeten leben; denn dieses Thema gehört auch hierher. Wir werden auch berichten, was jeder Planet an Besonderheiten in Größe und Anzahl der Monde hat, und werden den Abstand der Fixsterne auf eine neue Art erforschen. Jetzt aber wollen wir erst vom langen und scharfen Nachdenken ausruhen und das erste Buch beschließen.

 

 

 


 

 

Cosmotheoros- Das zweite Buch

 

 

 

[76] Als ich vor vielen Jahren das Buch von Athanasius Kircher las, das Itinerarium extaticum genannt wird, und das von der Natur der Gestirne und den Dingen auf den Planeten handelt, wunderte ich mich, dass ich darin nichts von den Dingen fand, die mir schon damals sehr gut beweisbar erschienen, sondern nur unglaubhafte und unmögliche Vorgänge.[128] Dies habe ich nochmals verstärkt festgestellt, als ich, nachdem ich das erste Buch geschrieben hatte, das Werk von Kircher nochmal durchgegangen bin. Es scheint mir nun mehr, dass unsere Mutmaßungen nicht umsonst sind, sondern einen merklichen Nachdruck erhalten, wenn man sie mit denen von Kircher vergleicht. Damit dieses beurteilt werden kann, und es sich zeigt, wie vergeblich diejenigen es wagen, zu philosophieren, die die Grundsätze der Wahrscheinlichkeiten, derer wir uns hier bedienen, verwerfen, wird es nötig sein, das genannte Buch zu beschreiben.

 

Athanasius Kircher, der vortreffliche Mann, hat vorgegeben, dass er von einem Genius durch die Himmelsregionen und Sterne geführt wird, und hat so das, was er aus den Schriften der Astronomen entnommen hat, und auch das, was er selbst erfunden hat von den Planetenländern, und was man davon als glaubhaft annehmen kann, so erzählt, als ob er es mit eigenen Augen gesehen hätte. Ehe er aber diese ferne Reise antritt, setzt er zwei Dinge voraus, die er für sicher hält, nämlich, dass die Erdkugel sich nicht bewegt, und dass es Gottes Wille nie gewesen sei, dass es auf den Planeten etwas gäbe, das Leben oder Sinne besitzt, und also auch keine Gewächse. Deswegen schiebt er das Kopernikanische System zur Seite und geht vom Tychonischen System aus. Aber indem er die Fixsterne alle als Sonnen betrachtet, und einem jeden seine Planeten zuordnet, so entstehen ihm zahllose Kopernikanische Systeme (ob er dies gemerkt hat, weiß ich nicht), die er noch dazu ganz ungereimt und gegen alle Vernunft alle über ihre eigenen Bewegungen hinaus in vierundzwanzig Stunden mit unvorstellbarer Geschwindigkeit um die Erde herumlaufen lässt. Nachdem er zugibt, dass das meiste dessen, was er schreibt, von keinem Menschen gesehen werden kann, verfällt er gleich in die schlechte Argumentation, dass man sagen müsste, dass diese Sonnen alle umsonst scheinen und leuchten, und ihre Wärme vergeblich den anderen Kugeln mitteilen, auch wenn diese (auch nach seiner Meinung) der Erdkugel gleich sind, auch solche Elemente haben und alles andere so wie diese, nur keine Gewächse und Tiere haben. Dann kommt er auf noch ungereimtere Dinge. Weil er für die Planeten in unserem System keinen Nutzen und Zweck finden kann, [78]wendet er sich dem lange schon abgenützten Unsinn der Astrologie zu, und meint, dass diese vielen großen Himmelskörper mit dem Zweck existieren, dass durch ihren vielfältigen und durch bestimmte Ordnungen gesteuerten Einfluss die ganze Welt erhalten werde und in ihrem Wohlstand bestehen bleibe, und auch die Gemüter der Menschen durch diese Kräfte und Einflüsse bestimmt werden. Der astrologischen Kunst zuliebe erzählt er, dass ihm auf dem Planeten Venus alles lieblich und von schöner Gestalt erschienen sei, das Licht sei dort angenehm, das Wasser rauscht süß, alles sei voll herrlichem Geruch und überall voll glänzender Kristalle. Auf dem Jupiter gäbe es nur gesunde und wohlriechende Luft, das Wasser ganz rein und hell, das Land silberglänzend, so dass nämlich von diesen beiden Gestirnen das Glück und Heil auf die Erde und die Menschen strahlt, und sie schön und lieblich oder zur Klugheit und Ernsthaftigkeit geneigt macht. Auf dem Merkur soll es alles mögliche Heitere und Lebhafte geben, wodurch denen, die unter diesen Planeten geboren werden, Kunst und Verstand eingeflößt wird. Aber auf dem Mars, so meldet er, habe er nichts als grausame, schädliche und stinkende Dinge, Pechflammen und Rauch gesehen. Auf dem Saturn sei alles voll Trübsal, Schrecken, Wüsten und Dunkelheit, also dass von diesen beiden Planeten über die Welt und die Menschen alle bösen und unglücklichen Einflüsse kommen (diese beiden Planeten sind ohnehin bei allen Sterndeutern sehr verhasst, ich weiß nicht, warum), wenn sie nicht durch die Strahlung der gütigen Planeten verbessert und gelindert werden. Dieses und solche Dinge hat er von seinem Geleitsmann, dem Genius, erfahren, den er auch ernsthaft antworten lässt auf die Frage, ob man mit dem Wasser, das auf der Venus fließt, mit Recht einen Juden oder Heiden taufen dürfe. Sein Lehrmeister berichtet auch, dass der Himmel mit den Sternen nicht aus einer dichten Materie gemacht ist [79], sondern ganz flüssig, und unzählige Sterne hierin weit und breit verstreut sind, und auch nirgends fest gemacht sind (und bis hierher hat nicht unrecht), welche alle im Laufe eines Tages, so wie oben gesagt, ungeheure Umläufe zurücklegen. Er merkt nicht, dass, wenn es so eine Bewegung gäbe, bei einer solchen Bewegung die Sterne enorm auseinander getrieben würden, wenn sie mit einer solch unglaublichen Geschwindigkeit im Kreise herumgetrieben würden.[129] Es müssten sie also ihre intelligenten Kräfte[130] festhalten, so dass sie nicht davon fliegen und sich in den unendlichen Gefilden verlaufen würden. Denn er ordnet jedem Fixstern und auch den Planeten eine bewegende Intelligenz oder einen Engel zu, die diese antreiben und ihren Lauf regieren. Hierbei folgt er der Sekte derer, die in unbedachtsamer Weise und wider die Vernunft solche Irrlehren des Aristoteles angenommen haben.[131] Diese seligen Geister aber hat Kopernikus aus ihrer schweren Funktion enthoben, indem er die Erde sich selbst bewegen lässt. Die Notwendigkeit der Bewegung der Erde folgt schon aus diesem alleine, wenn man nicht freiwillig blind sein will. Manchmal denke ich, dass man etwas Besseres von Kircher zu hören bekommen hätte, wenn er seine wirkliche Meinung frei hätte verkünden dürfen. Ich weiß aber nicht, warum er sich nicht zurückgehalten hat, zu schreiben, wenn er es doch nicht wagte, seine echte Meinung zu schreiben. Wir aber wollen jetzt diesen berühmten Mann beiseitelassen und, nachdem wir in unseren Mutmaßungen im ersten Buch keine Bedenken hatten, Beobachter auf die Planeten zu setzen, wollen wir uns nach unserem Vorhaben zu ihnen begeben und jeden Planeten, einen nach dem anderen, ordentlich betrachten, und sehen, was für Jahre und Tage sie haben, und was die Astronomie über sie aussagt.

 

Wir wollen also mit dem innersten Planeten beginnen, der der Sonne am nächsten ist. Es ist bekannt, dass der Merkur um ein Drittel näher bei der Sonne steht als die Erde. Daraus folgt, dass die Merkurbewohner die Sonne dreimal größer sehen als wir, [80] das Licht aber, und die Hitze empfinden sie neunmal stärker als wir. Für uns wäre dies unerträglich, die Hitze würde alle Gewächse verdorren lassen, und Heu und Stroh, so wie wir es haben, anzünden. Jedoch kann es sein, dass sich dort Lebewesen befinden, die diese Temperatur als angenehm erleben. Und es wäre dann kein Wunder, wenn die Merkurbewohner fänden, dass wir, so viel weiter weg von der Sonne, vor Kälte umkommen müssten und uns mit sehr wenig Licht behelfen müssen; etwa so, wie wir über die Saturnbewohner denken.

 

Wohl aber könnte man eine Zweifelsfrage formulieren: Nachdem das Leben von Wärme herstammt und Leib und Gemüt Kraft und Schnelligkeit gibt, sollte man dann nicht vermuten, dass diese Hermapoliten (Merkurbewohner) uns an Verstand überlegen sind, weil sie der Sonne so nahe sind? Ich kann hieran nicht glauben, weil die Völker, die in Brasilien und Afrika wohnen, in den heißesten Ländern der Erde, den Bewohnern der gemäßigten Zonen weder an Klugheit noch an Fleiß gleichen, was man daraus ersieht, dass sie von Kunst und Wissenschaft beinahe nichts wissen, und selbst diejenigen, die am Ufer wohnen, wenig wissen von der Schifffahrt. Deswegen möchte ich auch nicht gerne denen, die auf dem Jupiter oder Saturn wohnen, plumpe und dumme Gemüter, oder einen Verstand, der geringer wäre als der unsere, anmessen[132] nur deswegen, weil sie so viel weiter von der Sonne entfernt leben, wo doch diese beide Kugeln so eine wunderbare Größe und ansehnliche Begleiter haben. Die astronomische Situation aber bei den Merkurialisten, und die Art, wie sie die übrigen Planeten zu gewissen Zeiten gegenüber der Sonne sehen, ist aus der Figur des Schemas, das wir im ersten Buch erklärt haben, leicht zu sehen. Zum Zeitpunkt von Oppositionen[133] müssen ihnen die Venus und die Erdkugel in besonders hellem Glanz erleuchten. Denn während bei uns die Venus so sehr leuchtet, wenn sie nur in der Sichelform des zunehmenden Mondes bei uns erscheint, so muss sie, wenn sie vom Merkur aus in der Opposition zur Sonne, und also im vollen Licht gesehen wird,[134] und dazu noch um einiges näher steht, sechsmal oder noch mehr größer erscheinen als bei uns, und dadurch dem Merkur-Volk, das ohnehin eines Mondes entbehren muss, die Nachtfinsternis gar nicht so wenig vertreiben. Wie lange aber die Tage auf dem Merkur sind, und ob es auch eine Abwechslung der Jahreszeiten gibt, hat man bisher noch nicht in Erfahrung gebracht, weil man nicht weiß, ob der Merkur sich täglich um eine Achse dreht,[135] und ob diese Achse schrägt auf der Bahnebene steht,[136] die er um die Sonne beschreibt, und in welcher Zeit diese Umdrehung geschieht. Dass es dort Tage und Nächte gibt, daran braucht man nicht zweifeln, weil man auf der Erde, dem Jupiter und dem Saturn diese ganz sicher hat. Außerdem ist es leicht zu folgern, dass die Länge eines Jahres dort kaum einen Viertel der Länge unseres Jahres dauert.

 

Diejenigen, die auf der Kugel der Venus wohnen, müssten die Dinge fast ebenso sehen wie die auf dem Merkur, nur sehen sie diesen niemals gegenüber der Sonne,[137] denn er steht nur ungefähr 38 Grad von ihr weg. Die Sonne aber erscheint ihnen im Durchmesser anderthalb mal so groß wie uns, als Scheibe aber mehr als so, weshalb sie auch zweimal so viel Licht und Hitze gibt. Das Jahr auf der Venus dauert siebeneinhalb unserer Monate. In der Venus-Nacht müsste unsere Erdkugel, an den Stellen wo sie gegenüber der Sonne steht, weit heller leuchten als die Venus jemals uns leuchtet. [82] So werden sie dann auch unseren einzigen Gefährten, den Mond, gut sehen können, falls sie nicht schlechtere Augen haben als wir. Ich habe mich oft gewundert, wenn ich die Venus mit Fernrohren von 45 oder 60 Fuß lang betrachtete, und wenn sie dem halbvollen Mond gleich war oder schon Hörner bekam, dass ihre Fläche ganz mit glattem Glanz überzogen ist, und ich nicht sagen kann, dass ich so etwas wie Flecken bei ihr wahrgenommen hätte, wie man sie am Jupiter und Mars ganz deutlich wahrnimmt, obwohl deren Scheiben sich bei weitem nicht so groß zeigen. Wenn es nun auf der Venus-Kugel Meer und Land gäbe, so müssten uns die Meere dunkler und die Ländereien heller erscheinen, so wie man von den höchsten Felsen auf der Erde herabsieht, und das Meer nicht so hell sieht wie das Land. Ich würde meinen, dass der starke Glanz der Venus der Grund wäre, dass man keinen Unterschied sehen kann zwischen Hell und Dunkel, aber als ich das Glas, das ich gegen das Auge halte, mit Rauch anlaufen ließ, um die Lichtstärke zu vermindern, habe ich immer noch die Fläche der Venus in einem glatten Licht gesehen. Also gibt es dort kein Meer, oder das Sonnenlicht wird dort vom Meer mehr und vom Land weniger reflektiert als bei uns, oder – was mir am wahrscheinlichsten erscheint- die von der Sonne erleuchtete Dunstschicht, die die Venuskugel umgibt, ist dicker als bei Jupiter oder Mars, und reflektiert alles Licht, das wir sehen, so dass man die darunter liegenden Meere und Länder nicht sehen kann.[138] Und sicher würde auch der reflektierende Dunstkreis der Erde verhindern, dass man den Unterschied von Land und Wasser von einem großen Abstand aus so deutlich sehen könnte wie von einem Felsen auf der Erde aus, ebenso wie man die Flecken auf unserem Mond [83] tagsüber nicht so deutlich wie in der Nacht sehen kann, weil die Dunstschicht zwischen dem Mond und unseren Augen liegt, und von der Sonne erleuchtet wird, was bei Nacht nicht geschieht.

 

Aber am Mars sieht man, wie schon erwähnt, einige Flecken, die dunkler sind als der Rest der Scheibe. An der Umdrehung dieser Flecken hat man feststellen können, dass Tag und Nacht sich ganz ähnlich wie bei uns abwechseln.[139] Zwischen Sommer und Winter aber werden die Marsbewohner nur wenig Unterschied finden, weil die Achse der täglichen Umdrehung nur ein wenig gegen die Bahn des Planeten geneigt ist, wie man an der Bewegung der Flecken festgestellt hat.[140] Diejenigen, die vom Mars aus die Erde anschauen, denen muss sie fast so wie uns die Venus erscheinen und durch Ferngläser in solchen Gestalten wie bei uns der Mond zu sehen sein; auch weicht sie nicht mehr als 48 Grad von der Sonne ab, in deren Scheibe sie so wie auch Venus und Mars gesehen werden kann, und dies geschieht nie anders. Die Venus aber wird ihnen selten erscheinen, so wie uns der Merkur. Dass der Erdboden auf dem Mars aus schwärzerer Materie besteht als auf dem Jupiter oder unserem Mond, ist ziemlich wahrscheinlich, es kann auch daher kommen, dass er so rot aussieht[141] und sein Licht nur auf eine Weise zeigt, ob er nun nahe oder ferne von der Sonne steht. Doch ist seine Kugel kleiner als die der Venus, obwohl er weiter von der Sonne weg steht, wie wir oben schon bemerkt haben. Auch hat er keinen Mond zum Gefährten, und scheint damit so wie Venus und Merkur weniger Würde zu haben als unsere Erde.[142] Das Licht und die Wärme der Sonne empfinden die Marsbewohner zwei- bis dreimal weniger als wir; wir nehmen aber an, dass sie trotzdem keine Unbequemlichkeiten erleiden.

 

Wenn nun diese Erdkugel vor den anderen Planeten, die ich bisher nannte, wegen ihres Mondes einen Vorzug hat, während sie sich in ihrer Große nicht viel unterscheidet, [84] wie sehr werden dann Jupiter und Saturn nicht den anderen drei Planeten und der Erde vorzuziehen sein! Wenn wir ihre Größe betrachten, womit sie die anderen Körper sehr weit übertreffen, oder die Vielzahl der Monde, die sie umgeben, so kann man gar nicht in Zweifel ziehen, dass diese zwei Planeten unter denen, die sich um die Sonne drehen, die vornehmsten Kugeln sind, gegen welche die vier anderen gar kleine Dinger und mit diesen zweien gar nicht zu vergleichen sind. Damit man den Unterschied zwischen der Erde und den anderen zwei Planeten besser begreife, habe ich in einer Abbildung unsere Erde gezeigt mit der Bahn des Mondes, und auch das Mondkügelchen samt der Systeme des Jupiter und Saturns, das eine mit vier, das andere mit fünf Monden geschmückt. Jeden Mond haben wir in seiner Bahn eingezeichnet, und dies alles in wahrer Proportion oder nicht weit entfernt davon.

 

Die Entdeckung der Monde Jupiters schreibt man allgemein Galilei zu:[143] welche Freude dieser, als er sie zum ersten Mal sah, gefühlt haben muss, kann sich jedermann leicht vorstellen. Einen Mond des Saturns habe ich selbst kürzlich entdeckt, den hellsten und bis auf einen anderen auch äußersten Mond; diesen habe ich 1655 mit meinen Ferngläsern, deren Rohr nicht mehr dann zwölf Fuß lang ist, als erster gefunden. Die übrigen hat Herr Domenico Cassini durch überaus fleißige Beobachtungen entdeckt, mit Gläsern, die Johannes Campus geschliffen hat für eine Rohrlänge von 36 und später sogar 136 Fuß. Den dritten und fünften Mond habe ich 1672, als Cassini diese Monde selbst gezeigt hat, gesehen, und sie auch danach noch öfter gesehen. 1684 hat Cassini mir geschrieben, dass er auch den ersten und den zweiten Mond gefunden hätte. Diese sind aber sehr schwer zu sehen, und ich kann nicht sicher sagen, dass [87] ich einen davon mit Sicherheit erblickt habe. Jedoch habe ich keinerlei Bedenken, Cassini, diesem vortrefflichen Mann, zu glauben, und auch diese zu den Begleitern des Saturns zu zählen. Ja, es ist sogar zu vermuten, dass es außer dieser Zahl noch einen oder mehrere weitere Monde gibt, und zwar deswegen, weil es zwischen den beiden ersten Monden einen größeren Zwischenraum gibt als zwischen den anderen, wo sich also der sechste Mond befinden könnte; oder es könnten außerhalb des fünften Mondes noch weitere andere herum kreisen, die, weil sie nicht hell genug sind, nicht gesehen werden können.[144] Auch der fünfte Mond ist nur im westlichen Teil seiner Bahn zu sehen, ansonsten aber gar nicht. Über den Grund hiervon werden wir im Weiteren noch sprechen.

 

Vielleicht wird man etwas Neues beobachten, wenn der Saturn wieder in die nördlichen Zeichen eintritt, und hoch über dem Horizont steht, und wenn man, werter Herr Bruder, Deine Ferngläser, die zwischen 170 und 210 Fuß lang sind (und es werden wohl nirgends größere oder mehr vollkommene Ferngläser gefunden werden) auf die Sterne richtet. Denn obwohl wir diese Fernrohre noch nicht auf den Himmel gerichtet haben, weil dies nicht ohne Schwierigkeiten möglich war[145], und die Abreise des Herrn Bruder diese Vorhaben und Studien unterbrochen hat, so haben wir uns doch dessen versichert, dass die Linsen ohne Mangel waren, indem wir sie auf unserem Landgut[146] testeten. Wir stellten eine Lampe neben einen Text und betrachteten diesen aus der Ferne mit der Hilfe der Linsen. Daran erinnere ich mich noch mit Lust, und auch an unsere Mühe beim Fertigmachen und Schleifen der Linsen, wobei wir immer wieder neue Möglichkeiten und Werkzeuge[147] erdachten und hiervon nicht genug bekommen konnten.

 

[88] Jetzt kehre ich aber zurück zu den vorher beschriebenen Skizzen, über die noch mehr zu sagen ist. Ich habe auf den Skizzen den Durchmesser des Jupiters ungefähr so groß gemacht wie zwei Drittel des Abstandes zwischen unserem Mond und uns, denn der Durchmesser des Jupiters ist zwanzigmal so groß wie der der Erde, und der Mond steht in einem Abstand zur Erde von dreißig Erddurchmessern. Die Bahn des äußersten Mondes des Jupiters habe ich in ein Verhältnis gesetzt zu der Bahn unseres Mondes wie 8 1/2 zu 1, weil dies den wirklichen Verhältnissen entspricht.[148] Es scheint auch, dass diese Gefährten des Jupiters, die jeder einzelne als ein Mond zu betrachten sind, nicht kleiner sind als unsere Erdkugel, wie aus ihren Schatten, die man öfters in der Scheibe des Jupiter beobachtet, abgeleitet werden kann.[149]

 

[Ich überspringe die folgende Passage, wo Huygens die Daten von Cassini betreffend Abstände und Durchmesser des Jupiter- und Saturn-Systems wiedergibt].

 

[…] So wurde alles mit viel Mühe und schlaflosen Nächten festgestellt.[150]

 

Wenn man diese Systeme betrachtet und miteinander vergleicht, muss man staunen über die Größe und die mächtige Ausstattung dieser zweier Planeten, die sie vor unserer kleinen Erdkugel auszeichnet.[89] Wem sollte wohl in den Sinn kommen, dass der Schöpfer aller Dinge unter allen Kugeln, die sich um die Sonne bewegen, nur diese Erde ausgeschmückt hat mit Tieren und Wesen, die die himmlischen Dinge mit Verwunderung betrachten, und er den anderen Planeten nichts zugeteilt hätte, und diese großen Erdklumpen nur geschaffen hätte, damit wir kleinen Menschen ihr Licht sehen und ihren Lauf erkunden?

 

Ich glaube sicher, dass es nicht an Menschen fehlen wird, die laut rufen werden, dass alles falsch sei oder ungewiss, was wir hier über die Größenordnung der himmlischen Regionen annehmen. Denn ich weiß wohl, wie schwer es ist, jemandem, der gewöhnt ist, die Landschaften der Erde zu bewundern, auf der so viele Völker, Städte und Königreiche sind-  wie schwer es also ist, so jemanden dazu zu bringen, zu glauben, dass es wo anders mehr Dinge gäbe, zu denen im Vergleich die Erde so gering ist, wie meine Schemata es zeigen. Wir aber haben diese Proportionen den Schriften der vortrefflichsten Astronomen unserer Zeit entnommen. Denn wenn die Erde von der Sonne zehn- oder elftausend ihrer eigenen Durchmesser entfernt ist, wie der Herr Cassini in Frankreich und bei den Engländern der Herr Flamsteed[151] aus den schärfsten Beobachtungen der Parallaxe[152] des Mars entnehmen;[153] wir auch selbst mit wahrscheinlicher Mutmaßung einen Abstand von 12.000 solcher Durchmesser gefunden haben,[154] so werden wohl auch die Größen dieser anderen Umkreise, die wir beschrieben haben, nicht anders sein.

 

Wir wollen jetzt aber weiter vom Jupiter sprechen, auf dem die Sonne in ihrem Durchmesser fünfmal kleiner zu sehen ist als bei uns, so dass demnach Licht und Wärme dort fünfundzwanzig Mal geringer sind als bei uns. Dass aber dieses Licht trotzdem nicht als schwach angesehen werden muss, zeigt die große Helligkeit, mit der Jupiter bei Nacht leuchtet.

 

So zeigt sich auch bei den Sonnenfinsternissen, wenn sie sich bei uns ergeben, dass auch wenn nur der fünfundzwanzigste Teil der Sonnenscheibe hell bleibt, man doch, so wie ich mich erinnere, gesehen zu haben, keine besondere Verdunklung spürt. Wenn jemand Lust hat, dieses durch ein Experiment festzustellen, und auch wissen will, wie hell die Sonne auf dem Jupiter leuchtet, der nehme ein Rohr von einer bestimmten Länge und befestige an dem einen Ende ein Blech, in dessen Mitte ein Loch von einer bestimmten Größe sei, die sich zur Länge des Rohrs verhalte wie 1: 570. Danach wende man dieses Rohr zur Sonne und lasse ihre Strahlen durch solch ein Löchlein auf ein Blatt weißes Papier fallen, auf eine solche Weise, dass kein anderes Licht auf das Papier fällt. Diese Strahlen werden das Bild der Sonnenscheibe ergeben, mit einer Helligkeit, wie sie die Bewohner des Jupiters an heiteren Tagen sehen. Wenn man dann das Papier weg nimmt und an dessen Stelle das Auge hält[155], so wird ihm die Sonne in solcher Größe und solchem Glanz erscheinen, wie jemandem, der sich auf dem Jupiter befindet. Wenn man nun in dem Rohr eine Öffnung macht, die um die Hälfte kleiner im Durchmesser ist, so kommt auf das Papier oder ins Auge ein Licht, so wie die Bewohner des Saturns es sehen. Dieses Licht ist um hundertmal schwächer als das, welches wir von der Sonne erhalten; es lässt uns jedoch in finsteren Nächten den Saturn hell genug sehen. Aber sowohl auf Jupiter als auch auf Saturn wird es wohl an trüben Tagen recht dunkel sein, jedenfalls für unsere Augen, aber den Bewohner dieser Planeten wird es ohne Zweifel hell genug sein, so dass sie nicht über Mangel klagen müssen, so wie auch den Nachteulen und Fledermäusen das Licht der Dämmerung, oder das wenige Licht, das man nachts sieht, angenehmer ist als das Licht, das bei Tag Luft und Erde erleuchtet. [91] Dass aber die Tage auf dem Jupiter nur fünf unserer Stunden dauern, und die Nächte eben so lange, darüber muss man sich sicher wundern bei der Größe dieser Kugel. Daraus kann man ersehen, dass die Natur sich bei der Länge der Tage nicht nach der Größe des Himmelskörpers oder seines Abstands zur Sonne gerichtet hat, zumal auch auf dem Mars die Tage ungefähr so lang sind wie bei uns. Aber in der Länge der Jahre, also in der Zeit, die die Planeten brauchen, um sich um die Sonne zu drehen, hat die Natur sich ganz gewiss nach den Abständen von der Sonne gerichtet. Die dritten Potenzen der Entfernungen zweier Planeten verhalten sich zueinander so wie die Quadrate der Umlaufzeiten, so wie der Herr Kepler zuerst beobachtet hat.[156] Diese Verhältnisse hat man auch bei den Gefährten (Monden) des Saturns und Jupiters beobachtet. Wo nun die Jahre und die Tage auf dem Jupiter so ganz anders sind als bei uns, so sind die Tage auch darin anders, dass sie immer von der gleichen Länge sind. Man lebt dort immerfort in einer Tag-und-Nacht-Gleiche, weil die Achse der täglichen Bewegung des Jupiters beinahe senkrecht steht auf der Fläche seiner Bahn (Eklipse), auf der er sich um die Sonne bewegt, und nicht so schräg geneigt ist wie die Erde- wie man festgestellt hat mit Beobachtungen mit Ferngläsern. Die Landschaften, die näher an den Polen liegen, sind jedoch wegen der schrägen Sonnenstrahlen kälter, aber die Bewohner haben nicht die Last der langen Nächte, wie diejenigen die auf der Erde nahe bei den Polen wohnen. Uns würden solche kurzen Tagen nicht passen, und wir denken, besser dran zu sein, weil unsere Tage mehr als doppelt so lange sind. Hierfür kann man jedoch keinen anderen Grund geben, als dass wir besser finden, was wir gewohnt sind.

 

Auf dem Jupiter sieht man keinen anderen Planeten als den Saturn, weil die anderen zu nahe bei der Sonne stehen, und auch selbst der Mars nicht mehr als 18 Grad von der Sonne weg steht. [92] Aber sicher haben die Bewohner mehr Nutzen von ihren vier Monden als wir von unserem einen, auch wenn sie sonst nichts hätten außer mehr Nächten mit Mondschein. Wenn sie aber auch, so wie oben vermutet, über die Meere fahren, so können sie mit den Monden ihre Richtung bestimmen; dabei noch ganz zu schweigen von dem schönen Schauspiel von Konjunktionen (Neumond) und Mond- und Sonnenfinsternissen.

 

Auch die Bewohner des Saturns sehen ein ähnliches Schauspiel, ja ein noch viel größeres, sowohl wegen der fünf Monde als auch wegen der wunderlichen Gestalten des Ringes, der ihnen Tag und Nacht vor Augen schwebt. Wir werden nun die gesamte Astronomie des Saturns besprechen, so wie wir es bei den anderen Planeten taten.

 

Zuerst müssen wir etwas bemerken, das auch für die anderen Planeten gilt, aber hier besonders zu bewundern ist, nämlich, dass die Fixsterne auf dem Saturn in den gleichen Figuren und variierendem Licht wie bei uns zu sehen sind; und dies wegen ihrer beinahe unvorstellbaren Entfernung, von der nachher noch die Rede sein wird, und gegen welche eine Strecke, die eine Kanonenkugel in fünfundzwanzig Jahren zurücklegt, ins Nichts fällt.

 

So sehen die Astronomen dort die Zeichen des Orions, des Bären, Löwen, und die anderen, die wir haben, die sich aber dann nicht um den Himmelsnordpol drehen wie bei uns, sondern bei jedem Planeten an einem anderen Ort des Himmels haften.

 

So wie die Jupiterbewohner von den Hauptplaneten nur den Saturn sehen, so sehen die auf dem Saturn nur den Jupiter, der bei ihnen nur ungefähr 37 Grad von der Sonne weg steht, so wie bei uns die Venus. Wie lange die Tage bei den Saturnbewohnern sind, kann man eigentlich nicht wissen, aber wenn man den Abstand und die Umdrehung des innersten Mondes mit dem des innersten des Jupiters vergleicht, [95] muss man annehmen, dass ihre Tage nicht länger sind als die des Jupiters, die wir als zehnstündig oder etwas kürzer[157] angegeben haben. Aber wo bei den Tagen des Jupiters Licht und Dunkelheit gleichlang dauern, ist das Verhältnis zwischen Licht und Dunkel auf dem Saturn sehr ungleich, und zwar ungleicher als bei uns. Auch der Unterschied zwischen Sommer und Winter ist noch größer als bei uns, wegen der Neigung der Achse des Saturns gegen seine Bahn, die um 31 Grad[158] geneigt ist (die Erde dagegen um 23,5 Grad). Gerade diese Abweichung des Saturns verursacht, dass auch seine Monde weit von der Bahn der Sonne abweichen, so wie die Saturnbewohner sie sehen. Dies ist auch die Ursache, warum sie ihre Monde nur zur Tag-und-Nacht-Gleiche in vollem Licht sehen, was sich in dreißig unserer Jahre dort zweimal ereignet. Diese Stellung der Achse verursacht für die Saturnbewohner manche wunderbare Erscheinungen. So dass man diese verstehen kann, werden wir hier die ganze Figur des Saturns und seines Ringes beschreiben. Wie wir schon bei früherer Gelegenheit beschrieben haben, als wir das ganze wunderbare Gebilde zuerst gezeigt haben, so wird zwischen dem Durchschnitt des Ringes und der Kugel des Planeten ein Verhältnis sein von 9:4, und wird der leere Raum zwischen beiden eben so breit wie der Ring sein. Aus Beobachtungen ergibt sich, dass dessen Dicke nicht besonders stark ist, und in Anbetracht des Durchmessers werden wir die Dicke sicher nicht überschätzen, wenn wir dafür sechshundert deutsche Meilen annehmen.[159]

 

Auf meiner Abbildung sieht man den Pol des Saturn AB, den Durchmesser, und den Durchmesser des Ringes, der schräg und also eiförmig gesehen wird, GN. Um die Pole sind zwei Gebiete von 54 Grad mit den Bogenstücken CAD EBF so eingeschränkt, dass die Bewohner (wenn der Saturn dort in seiner Kälte überhaupt bewohnt werden kann) den Ring niemals zu Gesicht bekommen können. [96] In den übrigen Regionen sieht man den Ring vierzehn Jahre und neun Monate lang (das ist ein halbes Saturn-Jahr), in der zweiten Hälfte des Saturn-Jahres ist der Ring in dieser Region dann nicht sichtbar.[160] Diejenigen, die in der breiten Region wohnen zwischen dem Polarkreis CD und dem Kreis TV (der unter dem Äquator und dem Ring liegt), sehen um Mitternacht einen hellerleuchteten Teil des Ringes, weil die Sonne den Teil des Ringes, der dem Saturn zugewandt ist, bestrahlt. Der Bogen erstreckt sich von Horizont zu Horizont, in der Mitte zeichnet sich der dunkle Schatten des Saturns auf dem Ring ab (GH). Nach Mitternacht aber bewegt sich dieser Schatten nach und nach auf die rechte Seite für den, der dieses auf der nördlichen Halbkugel beobachtet, und auf die linke Seite für den, der sich auf der südlichen Halbkugel befindet. In den Morgenstunden verschwindet der Bogen, jedoch bleibt noch ein schwacher Schein des Bogens, den die Bewohner den ganzen Tag sehen können. Allerdings gibt dieser Bogen ein schwächeres Licht als unser Mond tagsüber gibt,[161] jedenfalls wenn sie dort einen Dunstkreis haben, oder eine Luft, so wie wir es oben als wahrscheinlich nachgewesen haben. Und wenn sie diese Atmosphäre nicht haben, sehen sie den Ring, die Monde und die Fixsterne bei Tag nicht anders scheinen als bei Nacht. So muss der Ring auch noch umso schöner sein, weil man an verschiedenen Flecken und Ungleichmäßigkeiten erkennt, dass der Ring sich dreht. Und dieses müsste man von nahebei gut sehen, weil man schon von unserer Erdkugel aus die ungleichmäßige Helligkeit an der Fläche des Ringes sieht, welche an dem äußeren Rand kleiner ist als an dem inneren. Zugleich aber und indem der Schatten des Saturns auf den Teil GH des Ringes fällt, verdunkelt der Schatten des Ringes einen Teil der Saturnkugel (PF) und man sieht dort die Sonne nicht. [97] In einer Region von wechselnder Größe (PYEF) sehen die Bewohner weder die Sonne noch den Ring, der ihnen aber einen Teil der Sterne verbirgt. Da wundern sich diese Saturnbewohner, wenn sie die Sonne nicht sehen, und es tiefe Nacht wird, denn sie wissen nicht, wie dies geschieht. Sie sehen dann nur das Licht ihrer Monde. In der anderen Jahreshälfte, wenn die Sonne die gegenüberstehende Fläche des Ringes erleuchtet, hat nun die Halbkugel TBV ebenso den Genuss des Lichtes wie vorher TAV, die nun eine lange Verfinsterung erfährt. Nur zu den Zeiten der Tag-und-Nachtgleiche, wenn die Sonne auf den Ring der Länge nach scheint, und er auf diese Weise wenig Licht erhält, können die Saturnbewohner ihn nur schwer sehen, so wie wir selbst ihn dann auch durch unsere Ferngläser nicht beobachten können. Dies ist der Fall, wenn der Saturn, von der Sonne aus gesehen, sich im einundzwanzigeinhalbsten Grad der Jungfrau oder des Fisches befindet, so wie wir in unserem „Systema Saturnium“ erklärt haben, wo auch ausgeführt wird, in welcher Gestalt die Sonne während eines ganzen Saturnischen Jahres nach und nach aufgeht.

 

In dem Schema habe ich auch die Kugeln der Erde und des Mondes in der wahren Proportion ihrer Größe dargestellt, damit man sich wieder verdeutlichen und im Gedächtnis behalten sollte, wie gering unsere Erde ist im Vergleich zur Kugel und dem Ring des Saturns.

 

Die Art der saturnischen Nacht, die geschmückt ist mit den zwei einander gegenüberstehenden Bögen des Ringes und der fünf Monde, wird sich jedermann von dem her, was schon gesagt wurde, selbst vorstellen können.

 

Soweit meine Darstellung der Hauptplaneten.

 

[98] Nun wollen wir noch von den Monden sprechen, sowohl von denen des Saturns und Jupiters, als auch vor allem von unserem Erdmond, und zwar nicht nur, was die astronomischen Phänomene betrifft, sondern auch die Frage, welche Verzierungen sich auf ihrer Fläche befinden, und ganz besonders auch, ob sich dort etwas befindet von dem intelligenten Leben, das wir im zweiten Buch bisher noch nicht besprochen haben. Und zwar sollte man meinen, dass, nachdem die Kugel des Mondes uns so nahe ist, und man mit den Ferngläsern dort viel Details sehen kann, man von der ganzen Natur des Mondes ein besseres und glaubwürdigeres Bild hätte als von den Planeten, die so viel weiter entfernt sind. Es ist mit den Monden aber eine ganz andere Sache, und nämlich folgendermaßen, dass ich wenig von den Monden sagen kann, weil man nämlich noch nie einen solchen Himmelkörper von nahebei gesehen hat. Mit den Hauptplaneten ist das ganz anders, denn sie sind- wie dem Leser inzwischen zu Genüge bekannt sein dürfte- von der gleichen Art wie unsere Erde, welche wir aus der Nähe sehen; wir auch sehen, was da geschieht, was sich darauf befindet, und wir deswegen etwas ähnliches von den anderen Hauptplaneten vermuten können.

 

Aber das Folgende können wir ohne Zweifel vermuten, nämlich dass die Gefährten des Jupiters und Saturns von der gleichen Natur sind wie unser Mond, denn sie wandeln ebenso um diese Planeten und bewegen sich zusammen mit ihnen um die Sonne wie unser Mond mit der Erdkugel. Wir werden gleich noch eine andere Ähnlichkeit zwischen allen Monden besprechen. Dasjenige, was wir vom Zustand des Mondes erraten können (was aber sehr wenig ist), das werden wir auch von den vier Monden des Jupiters und den fünf Monden des Saturns vermuten, und annehmen, dass diese nicht viel anders beschaffen sind, wobei wir in festem Glauben bleiben, dass diese nicht geringer sind und auch nicht weniger verziert sind als unser Mond. [99]

 

Auf unserem Mond sieht man, selbst durch kleine Ferngläser von drei bis vier Fuß, dass die Fläche des Mondes eingeteilt ist in viele, sich weit erstreckende Gebirge und weite und breite Täler. Man sieht die Schatten der Berge auf der Mondseite, die von der Sonne abgekehrt ist, und man sieht einige kleinere Täler, die von einer beinahe kreisförmigen Bergkette eingeschlossen sind, in deren Mitte wiederum ein oder mehrere Berge hervorragen. Diese Runde hat der Herr Kepler zum Anlass seiner Meinung genommen, dass diese Täler unermesslich große Werke seien, Resultate der Arbeit von vernünftigen Mondbewohnern,[162] was aber nach meiner Meinung nicht wahrscheinlich ist, denn diese Täler sind allzu groß; und auch können natürliche Ursachen dergleichen runde Höhlungen leicht entstehen lassen. Ich kann nichts finden, was darauf deutet, dass es auf dem Mond Meere gäbe, obwohl Kepler und die meisten anderen dieser Meinung sind.[163] Denn auf sehr großen flachen Regionen, die viel dunkler sind als die bergigen Gegenden, und die, wie ich merke, für Meere gehalten werden, auf diesen finde ich, wenn ich sie mit sehr langen Fernrohren betrachte, einige kleine Aushöhlungen, in die der Schatten nach innen fällt, was heißt, dass es hier keine Meeresfläche geben kann.[164] Auch findet es sich, dass diese breiten Regionen gar nicht so glatt sind, wenn wir sie fleißig betrachten. Sie können deswegen keine Meere sein, sondern bestehen aus einer Materie, die weniger schimmert als die gröberen Teile, die sich wiederum unterscheiden in einer Weise, dass das eine mehr als das andere hervorsticht. Es will mir auch nicht scheinen, dass es dort Flüsse gibt; wir würden sie nämlich durch unsere scharfen Ferngläser sehen, jedenfalls, wenn sie wie die meisten Flüsse bei uns zwischen Bergen und sehr hohen Felsen dahinfließen. Es gibt auch keine Wolken, aus denen der Regen entstehen könnte [100], der die Flüsse mit Wasser speisen könnte. Wenn es Wolken gäbe, dann würden wir sehen, wie sie manchmal die eine Region und dann wieder die andere bedecken und unserer Sicht entziehen; was aber niemals geschieht, denn es erscheint dort immer heiteres Wetter.

 

So ist es auch offenbar, dass der Mond nicht von einem Dunstkreis oder von einer Atmosphäre umgeben ist, wie unsere Erde sie hat. Denn wenn dies so wäre, könnte man den äußersten Rand des Mondes nicht rundherum so scharf sehen, wie man es tut, wenn irgendein Stern dahinter steht. Wenn der Mond einen Dunstkreis hätte, würde das Licht langsam dämmernd nach außen verschwinden. Außerdem besteht der irdische Dunstkreis vor allem aus kleinen Wasserteilchen, die sich dort, wo es weder Meer noch Flüsse gibt, nicht in größerer Menge emporheben können. Dieser Unterschied zwischen der Erde und dem Mond macht, dass wir beinahe keine Mutmaßungen anstellen können. Wenn man Meer und Flüsse erblicken könnte, so würden wir gerne annehmen, dass auch die übrigen Verzierungen der Erde sich dort finden, und mithin die Meinung des Xenophanes richtig sein könnte, der erzählt hat, dass der Mond bewohnt sei und ein Land sei mit vielen Städten und Bergen.[165] Nun scheint es aber jedoch, dass auf einem dürren und wasserlosen Boden weder Gewächse noch Tiere existieren können, weil diese ihr Wesen und ihre Nahrung aus der Feuchtigkeit beziehen müssen.

 

Kann man aber denn glauben, dass eine Kugel von der Größe der Mondkugel nur dazu geschaffen sei, dass sie uns ihr schwaches Licht abgibt oder Ebbe und Flut erweckt? Sollte dort niemand sein, der den schönen Anblick der Erde sieht, wie sie sich um sich selbst dreht, und Europa, Afrika, dann Asien, und dann Amerika sehen lässt, mal mit vollem Licht, mal halb geteilt? [101] Sollten sich auch die Monde um Jupiter und Saturn ganz unnütz und verlassen herumdrehen? Obwohl ich nun aus Mangel an Beobachtung von ähnlichen Dingen hierüber nichts Sinnvolles vermuten kann, so will mir doch scheinen, dass diese Körper von solcher Vollkommenheit sind, dass etwas auf ihrer Fläche vorgehen müsste; dass etwas darauf wächst und lebt, was es auch sein mag, und wie wenig es auch unseren Umständen gleichen mag. Es könnte zum Beispiel das Leben der Gewächse und Tiere durch etwas anderes als Wasser erhalten werden.[166] Es könnte zum Beispiel nur ein wenig Feuchtigkeit auf dem Boden geben, die dieser nicht aufnimmt, und die die Sonnenstrahlen als einen Tau aufnehmen, der die Gewächse und Bäume erhalten könnte. Diese Meinung vertritt auch Plutarch, sehe ich, in seinem De Facie in orbe lunae (Über das Antlitz des Mondes)[167]. Denn es wäre auch bei uns nicht mehr als die äußerste Fläche des Meeres nötig, wie etwa eine dünne Haut, um die Erde zu befeuchten. Daraus könnte die Kraft der Sonne zwar keine Wolken ziehen, aber so etwas wie Tau. Dies sind aber nur kleine Wahrscheinlichkeiten oder beinahe nur Phantasie, jedoch haben wir nichts anderes, woraus die Natur unseres Mondes oder der anderen Monde abzuleiten wäre. Denn wie schon gesagt, müssen wir vermuten, dass alle Monde einander ähneln, welche Tatsache außer dem oben angeführten Beweis auch noch dadurch bekräftigt wird, dass genau so wie unser Mond uns immer dieselbe Seite zukehrt, auch die Jupiter- und Saturnmonde sich auf diese Weise um ihre Planeten drehen. Hierbei kann man sich wundern, wie man so etwas in Erfahrung bringen kann. Dies war aber nicht so schwer zu erraten, nachdem man, wie schon erwähnt, wahrgenommen hat, wie der äußerste Mond des Saturn nur dann sichtbar wird, wenn er im Westen dieses Planeten steht, [102], vom Osten aus aber immer unsichtbar ist. Hieraus kann man leicht ersehen, dass dies daher kommt, dass die eine Seite dieses Mondes viel dunkler ist als die andere, und dass dieser dunkle Teil, wenn er uns zugekehrt ist, wegen seines schwachen Lichtes nicht gesehen werden kann. Und nachdem er immer auf der Seite seiner Bahn, die nach Osten gekehrt ist, verdunkelt gesehen wird, und auf der anderen Seite aber niemals verdunkelt gesehen wird, so zeigt dies offenbar, dass immer nur die eine Seite seiner Kugel gegen den Saturn gewendet ist, was daraus notwendig folgt. Wer wollte nun daran zweifeln, dass die Natur eben dasselbe mit allen Monden getan hat, die um Jupiter und Saturn drehen, nachdem wir wissen, dass die Gestalt des entferntesten Mondes und die unseres Erdmondes nur von einer Seite aus von ihren Hauptplaneten gesehen werden kann?[168] Die Ursache dieses Phänomens kann kaum anders sein, als dass die Materie aller Monde schwerer und dichter sei auf der Seite, die von dem Planeten abgewendet ist. Denn auf diese Weise wendet dieser Teil sich mit größerer Kraft von dem Zentrum seines Umgangs ab; und durch die Bewegungsgesetze wendet sich diese eine Seite immerzu den Fixsternen und nicht den Planeten zu.

 

Weiterhin ergeben sich aus diesem Stand der Monde gegen ihre Planeten unterschiedliche seltsame Schauspiele für diejenigen, die auf dem Monden wohnen. Ob es diese Bewohner gibt, ist, wie schon gesagt, ausgesprochen unsicher, aber vorausgesetzt, dass es sie gibt, ist es ausreichend, wenn wir von den Bewohnern des Erdmondes erzählen. Der Mond hat zwei Seiten, und von der einen Seite sieht man die Erde ununterbrochen, während man von der anderen Seite aus die Erde niemals sieht. Diejenigen, die auf der Grenze zwischen den beiden Hälften wohnen, sehen die Erde manchmal, und manchmal nicht. Die Erdbetrachter auf dem Mond [103] sehen aber die in der Himmelsluft schwebende Erdkugel viel größer als uns der Mond erscheint, nämlich viermal größer in ihrem Durchschnitt. Dies aber ist erstaunlich, dass die Mondbewohner die Erde Tag und Nacht am gleichen Ort am Himmel unbeweglich stehen sehen. Manche sehen sie über ihrem Kopf stehen, andere sehen sie über dem Horizont, andere am Horizont, während die Erde sich um ihre Achse dreht, und dabei in einer Zeit von vierundzwanzig Stunden nacheinander alle ihre Länder zeigt und daher auch diejenigen bei den beiden Polen, die uns Erdbewohnern noch unbekannt sind. Ach, dass wir sie doch auch sehen könnten![169]

 

Außerdem sehen die Mondbewohner auch, wie die Erde innerhalb einer monatlichen Umdrehung ab- und zunimmt, nach und nach halb geteilt und in Sichelform erscheint, genauso wie der Mond bei uns in seinen Scheingestalten erscheint.[170] Die Erde erscheint aber den Mondbewohnern fünfzehnmal heller als der Mond uns.[171] Diejenigen, die auf der glücklichen, hellen Mondseite wohnen, die uns zugekehrt ist, haben sehr helle Nächte, doch kommt von dieser Helligkeit keine Wärme, obwohl der Herr Kepler in dieser Frage anders gedacht hat.[172] Die Sonne geht dort in der Zeit eines unserer Monate nur einmal auf und einmal unter, so dass also ihre Tage und Nächte fünfzehnmal länger sind als unsere, aber in einer ewigen Tag-und-Nacht-Gleiche gleich lang sind. Obwohl die Sonne von den Mondbewohnern nicht weiter entfernt ist als von uns, so müssen an solch langen Tagen diejenigen, bei denen sie hoch über den Horizont steigt, von einer grausamen Hitze gebraten werden, jedenfalls wenn ihre Leiber so empfindlich sind wie unsere. Die Sonne steigt bei denen am höchsten, die auf der Grenze der Halbkugel wohnen. Diejenigen, die weit von dieser Grenze entfernt wohnen, oder in der Gegend der Pole, werden von solchen langen Tagen nicht mehr Wärme genießen als die Menschen, die bei uns im Sommer um Island herum oder Nova Zembla herum Walfische fangen [104] und die auch im Sommer, wenn ihnen der Tag drei Monate lang ist, sehr große Kälte ertragen müssen. Die Pole auf dem Mond aber, um die die Bewohner die Fixsterne sich drehen sehen, gleichen gar nicht den unsrigen und stimmen auch nicht mit den Ekliptikpolen überein, sondern bewegen sich um diese immerzu in einem Abstand von fünf Grad herum. Dieser Umgang dauert neunzehn Jahre. Die Jahreslänge ist bei ihnen so wie bei uns, was sie an der Bewegung der Fixsterne abmessen, und an der Zeit, in der diese wieder zur Sonne gelangen. Diese Fixsterne sehen sie Tag und Nacht, nicht gehindert durch den Sonnenschein, weil sie keinen Dunstkreis haben, und ohne einen solchen würden auch wir Tag und Nacht die Sterne sehen. Ebenso werden sie bei ihren Observationen nicht durch Wolken gehindert und können demnach den Lauf der Planeten besser erkunden als wir, jedoch ist es viel schwerer für sie, das wahre Kopernikanische System zu erkennen, weil den astronomischen Anfängern dort ihr Mond unbeweglich vorkommen müsste, und sie leichter als wir in diesem Irrtum verharren könnten.[173]

 

All dies Gesagte kann man nun auch auf die Monde des Jupiters und Saturns beziehen, für die ihre Hauptplaneten das sind, was für unseren Mond die Erde ist. Alle die Tage-und Nacht-Längen sind zusammen so lange wie der Umgang eines Mondes, wie wir auch oben bemerkt haben. Daher haben die Bewohner des fünften saturnischen Mondes, dessen Umgang achtzig unserer Tage erfordert, Tage und Nächte, die jeweils vierzig der unseren gleichen. So haben sie auch fünfzehn unserer Jahre lang Sommer und Winter, weil der Saturn in dreißig Jahren einmal um die Sonne kreist. Demnach ist es offenbar, dass es wegen solch langwieriger Kälte und so langem Schlafen und Wachen dort ein ganz anderes Leben sein muss, auch wenn sonst alles gleich wäre.

 

[107] So haben wir nun alles erklärt, das die Haupt- und Nebenplaneten, die die Sonne umgeben, betrifft. Ehe wir aber weitergehen zur Sonne und zu den Fixsternen als einer dritten Art der Himmelskörper, wird es wohl der Mühe wert sein, dass wir die herrliche Größe der ganzen Sonnenwelt noch proportional und deutlicher darstellen als bisher geschehen.

 

[Es folgt eine nochmalige Beschreibung der Abstände im Sonnensystem, die ich hier weglasse]

 

[108] So also kann man eine Abbildung der Königsherrschaft der Sonne erhalten, in vollkommener und wahrer Proportion, wo die Erde zwölftausend ihrer Durchmesser von der Sonne entfernt steht, was in Meilen siebzehn Millionen deutsche Meilen ergibt. Diese mächtige Größe können wir aber vielleicht besser verstehen, wenn wir sie in der Schnelligkeit einer bestimmten Bewegung messen, so wie Hesiod[174] es getan hat. Dieser schrieb, als er die Höhe des Himmels und der Tiefe der Hölle beschreiben wollte, die er gleich weit weg einschätzte, dass, wenn ein eiserner Amboss vom Himmel herab geworfen würde, so würde er neun Tage und Nächte fallen und erst am zehnten auf der Erde landen, und genauso viel Zeit würde er auch brauchen, um von der Erde in die Hölle zu fallen.[175] Wir wollen uns hier aber nicht des Fallens eines Ambosses, sondern der fortdauernden Geschwindigkeit einer Kanonenkugel aus dem schwersten Geschütz bedienen, die man durch viele Erfahrungen ermittelt hat, und die Mersenne[176] in seinem Buch über die Artillerie[177] feststellt auf ungefähr hundert Toises[178] oder sechshundert Fuß in einer Sekunde oder in einem Pulsschlag, wobei ein Schall sich 180 Toises oder tausendundachtzig Fuß weit erstreckt.[179]

 

Wenn eine Kugel ununterbrochen mit dieser Geschwindigkeit von der Erde bis zur Sonne fliegt, hätte sie für diese Reise 25 Jahre Zeit nötig. Vom Jupiter zur Sonne bräuchte sie 125 Jahre, und vom Saturn aus 250 Jahre.[109] Diese Berechnung beruht auf dem Maße des Erddurchmessers, der nach den wertvollen Beobachtungen der Franzosen[180] 6.538.594 Pariser Toises beträgt. Ein einziger Grad des größten Zirkels ergibt 157.060 Toises. Von meiner Darstellung kann man sich überzeugen lassen, wie riesig das Sonnensystem ist und wie unbedeutend die kleine Erdkugel ist, auf der wir so viel unternehmen, so viele Schiffreisen machen, und so viele Kriege führen.

 

Wollte Gott, dass unsere Könige und Monarchen dieses erkennen und überlegen mögen, so dass sie sähen, wie schlecht sie handeln, wenn sie sich mit allen Kräften und vieler Menschen Not abmühen, um eine kleine Ecke dieser Erde zu besetzen.

 

Wir aber wollen wieder zu unserem Vorhaben zurückkehren und nun auch die Sonne betrachten, deren Größe gegenüber den Planeten und ihren Bahnen sich aus unserer bisherigen weitläufigen Beschreibung erweist. Einige haben es für möglich gehalten, dass es gar nicht so unglaublich sei, dass es auch auf der Sonne Tiere gäbe. Weil es uns hier aber noch viel mehr als bei den Monden an begründeten Vermutungen mangelt, weiß ich nicht, wie sie zu dieser Auffassung gekommen sind. Zumal auch, da man nicht weiß, ob die Materie dieser riesigen Kugel fest oder flüssig ist. Wegen der Natur des Lichtes, die ich an anderer Stellen erklärt habe,[181] kommt es der Wahrheit näher, dass die Sonne flüssig ist. Auch ihre vollkommene Rundung und das Licht, das über die ganze Fläche so gleichmäßig ausgebreitet ist, ist ein Hinweis hierauf. Denn dass der Umkreis der Sonnenscheibe ein wenig ungleichmäßig ist, was man manchmal, jedoch keineswegs immer, durch die Ferngläser sieht, und worin manche besonders wunderliche Flammenwellen und Ausbrüche zu erkennen meinen, dies alles ist nichts anders [110] als die zitterende Bewegung unserer Atmosphäre, wodurch auch die Sterne bei Nacht funkeln. So habe ich auch noch niemals etwas von den Lichtern sehen können, die, wie fast alle Beobachter meinen, neben den Sonnenflecken gesehen werden können; und ich zweifle auch sehr, ob in der Sonne etwas erscheinen kann, dass heller als die Sonne ist. Wenn ich die fleißigsten Beobachtungen untersuche, so finde ich, dass man an den dunklen kleinen Wolken, die die Flecken oft umgeben, und manchmal auch einfach so über die Sonne ziehen, dass man also auf diesen Wolken manche helle Punkte bemerkt.[182] Es scheint mir kein Wunder, dass diese Flecken in unmittelbarer Nähe der dunklen Flecken für heller gehalten werden als sie sind. Ganz gewiss muss man glauben, dass in der Sonne die allergrößte Hitze und Feuersglut herrscht, in der keine von unseren irdischen Gestalten oder etwas, das ihnen gleicht, auch nur einen Augenblick überleben könnte. Für ein Leben auf der Sonne müsste man sich demnach eine ganz andere Art lebendiger Dinge vorstellen, die von einer ganz anderen Natur wären, als welche wie wir jemals gesehen haben oder uns in die Sinne gekommen sind. Das ist aber dasselbe als zu sagen, dass man hier durch Mutmaßungen nichts erraten kann. Aber ohne allen Zweifel wurde ein so herrlicher und übergroßer Körper wie die Sonne mit höchster Absicht und zu einem besonderen Nutzen geschaffen. Ich meine aber, dass man diesen Nutzen im Überfluss erkennt, da die Sonne ihr Licht und ihre Wärme über den ganzen Chor der sie umgebenden Planeten so verwunderlich ausgießt. Alle Arten von Tieren beziehen daraus ihr Leben und das Leben wird durch Licht und Wärme auch angenehm gemacht; und das nicht nur bei den kleinen Planeten so wie unserer Erde, sondern auch auf den weit größeren Kugeln des Jupiters und Saturns, deren Größe im Vergleich zur Sonne gar nicht so gering ist. Dies sind alles Dinge von solcher Wichtigkeit, dass es kein Wunder wäre, wenn nur um dieser Dinge willen die Sonne erschaffen wurde. Kepler meint, dass die Sonne noch eine andere Aufgabe hätte, [111] nämlich, dass sie die Bewegung aller um sie herum drehenden Planeten durch ihre eigene Bewegung um ihre Achse antreibt, so wie er es in seiner Epitome Astronomiae Copernicanae[183] sich weitläufig zu beweisen bemüht.[184] Dem kann ich nicht beifallen, aus Gründen, die ich im Folgenden darlegen werde.

 

Dass die Sonne nur einer der Fixsterne sei, hat man vor der Erfindung des Fernrohrs als eine Meinung gesehen, die der des Kopernikus entgegengesetzt sei, denn die Durchmesser der Sterne, die man als Sterne 1. Größe bezeichnet,[185] hat man auf drei Bogenminuten geschätzt, und sie nach der Meinung des Kopernikus für so weit entfernt gehalten, dass das ganze Sonnensystem nur so groß wie ein Punkt wäre, wenn man es gegen die Sphäre der Fixsterne hielte. Das ganze Jahr über bleibt der Abstand zu den Fixsternen gleich, obwohl die Erde ihre Position verändert. Man hat hieraus den Schluss gezogen, dass jeder der Fixsterne, der heller als andere erscheint, dann größer sein müsste als unser Sonnensystem, was man ganz unwahrscheinlich fand. Dies war auch der Hauptbeweis des Tycho Brahe gegen Kopernikus.[186] Aber wenn man mit den Ferngläsern die Strahlen der Sterne entfernt, die man mit dem bloßen Auge sieht, (was am besten geschieht, indem man das Glas am Auge mit ein wenig Flammenrauch verdunkelt) und sie nicht anders als hell leuchtende Punkte erscheinen, ist diese Schwierigkeit aufgehoben worden und hindert nun nichts mehr, dass diese Sterne jeder für eine Sonne gehalten werden. Dies wird dadurch umso glaubhafter, als man weiß, dass sie mit ihrem eigenen Licht leuchten, denn ihre Entfernung ist so groß, dass sie ihr Licht unmöglich von der Sonne empfangen können. Es steht dem auch nichts im Wege, dass man glaubt, dass jeder von ihnen nicht kleiner sei als die Sonne,[187] so sie doch aus einer so unermesslichen Ferne ein so starkes Licht abgeben.[112]. Dieser Meinung sind inzwischen alle, die das System des Kopernikus übernommen haben. Man hat auch darin Recht, dass die Sterne nicht an einer Fläche haften, erstens weil es keinen Grund hierfür gibt, und zweitens, weil die Sonne, die einer der Sterne ist, nicht in einer Fläche mit den Fixsternen liegt. Es ist daher glaubhafter, dass die Sterne über den weiten Himmelsraum ausgestreut liegen und der Abstand von der Erde zu den nächsten Sternen der gleiche ist wie von diesen zu den nächsten, und dann wieder zu den nächsten, unendlich weit.

 

Ich weiß, dass Kepler in seiner erwähnten ‚Epitome‘ anderer Meinung ist. Denn obwohl er sehr wohl meint, dass die Sterne über den Himmelsraum ausgesät sind, so behauptet er doch, die Sonne habe einen viel weiteren Raum um sich hin, gleichsam eine leere Sphäre, über welcher erst der mit Sternen volle Himmel beginnt, denn er meint, wir würden sonst nur wenige Sterne und diese in sehr großer Ungleichheit sehen.[188] Kepler sagt: „…weil die allergrößten so klein scheinen, dass sie kaum mit den Instrumenten bemerkt und gemessen werden können, so folgt daher, dass diejenigen, die doppelt oder dreimal so weit entfernt stehen, auch zwei- oder dreimal kleiner erscheinen würden, wenn sie gleicher Größe sind, und dann gäbe es auch die, die man gar nicht mehr sehen würde. Daher würde man nur sehr wenig Sterne, und diese dann in sehr unterschiedlicher Größe sehen. [113] Dagegen aber kann man mehr als tausend sehen, die sich in ihrer Größe gar nicht so sehr unterscheiden.“ Hiermit kann Kepler aber seine Behauptung nicht beweisen. Er hat sich hauptsächlich damit getäuscht, dass er nicht wahrnimmt, dass Feuer und Licht von solcher Art sind, dass sie aus großen Entfernungen gesehen werden können, und auch aus solchen Entfernungen, aus denen andere Körper aus dem gleichen Sehwinkel wahrgenommen, ganz unsichtbar werden. Dies kann man schon mit den Laternen beweisen, die nachts in den Gassen unserer Städte angezündet werden. Wenn diese um hundert Fuß voneinander entfernt sind, so kann man doch zwanzig von ihnen in einer Reihe und noch weitere sehen, obwohl die Flamme der zwanzigsten Laterne kaum noch unter einem Winkel von sechs Winkelsekunden gesehen wird. Dies muss bei dem großartigen Licht der Sterne um noch viel mehr geschehen, so dass es daher kein Wunder ist, dass man ein- oder zweitausend dieser Sterne mit den Augen bemerken kann, aber durch die Ferngläser noch zwanzigmal mehr. Kepler hatte einen Grund für seine Darstellung, dass die Sonne etwas besonderes wäre vor allen anderen Sternen, und dass nur um sie ein Planetensystem herumdreht, und dass dieses mitten in der Welt gelegen wäre. Kepler will nämlich sein Mysterium Cosmographicum bestätigen, in welchem er die Abstände der Planeten von der Sonne mit den Durchmessern der Sphären vergleichen wollte, die die Euklidischen Polyeder[189] umfassen.[190] Dies könnte man nur als wahrscheinlich ansehen, wenn es nur um die Sonne herum eine Schar von Planeten gäbe, und die Sonne also einzigartig wäre. [114] Wenn man es sich genau überlegt, ist dieses ganze Mysterium ein pythagoreischer oder platonischer Traum.[191] Denn die Proportionen passen nicht zueinander, wie der Autor auch selbst zugibt; und um es aber doch stimmen zu lassen, hat er ganz unerhebliche Ursachen erdacht, und will mit noch schwächeren Beweisen darlegen, dass die äußerste Fläche der Welt, die alle Sterne in sich begreift, eine Sphäre sei und überdies die Anzahl der Sterne nicht unendlich sei. Das dümmste aber ist, dass er den Abstand  von der Sonne bis an die hohle Fläche der Sphäre der Fixsterne angibt als 600.000 Erddurchmesser, weil er sagt, dass der Durchmesser der Sonne sich zur Bahn des Saturns so verhält (er nimmt dies Verhältnis als 1:2000 an), so wie die Bahn des Saturns zu den äußersten Fixsternen. Dies ist aber ganz ohne Grund. Es ist sehr verwunderlich, dass dieser hochgelehrte Mann und große Geist der Astronomie solche Dinge hat vorgeben können. Wir aber haben-  mit den größten Wissenschaftlern dieser Zeit-  keine Bedenken, die Sonne und die Fixsterne als von ein- und derselben Natur einzuschätzen. Dadurch erscheint das Universum nun viel größer als man nach bisherigen Schätzungen meinen musste. Und was hindert uns nun, zu glauben, dass ein jeder solcher Stern oder eine solche Sonne um sich herum Planeten hat, die wiederum von ihren Monden begleitet werden? Ja, man stelle sich vor, dass es so ist, dann ergibt sich offenbar, dass wenn wir uns in Gedanken in diese Himmelsgegenden versetzen, die ebenso weit von der Sonne wie von den Fixsternen entfernt sind, so würden wir zwischen diesen und unserer Sonne keinen Unterschied bemerken. Wir können uns nicht vormachen, dass wir aus diesem Abstand die Körper der die Sonne umgebenden Planeten erkennen könnten, denn ihr geringes Licht ist dazu viel zu schwach, und ihre Umlaufbahnen fallen in einem einzigen hellen Punkt mit der Sonne zusammen. [115] Aus einem solchen Abstand würden wir nicht anders denken, als dass ein Stern wie der andere beschaffen ist, und alle von ein-und-derselben Natur sind, und wir würden nicht zweifeln, dass, wenn wir einen von ihnen aus der Nähe sähen, auch die anderen dieselbe Beschaffenheit haben. Durch Gottes Güte befinden wir uns nun nahe bei einem dieser Sterne, nämlich unserer Sonne, und befinden uns so nahe, dass wir sehen, wie sich um die Sonne sechs kleinere Kugeln drehen, mit ihren Begleitern. Warum sollte uns nun diese unsere Beurteilung nicht dienen, um zu vermuten, dass es der Wahrheit nahe kommt, dass nicht nur unser Stern  von einem solchen Geleite umgeben ist, und auch unser Stern vor den anderen keine Vorzug habe? Auch dass unser Stern nicht der einzige sei, der sich um seine Achse dreht, sondern auch die anderen so beschaffen sind? Daher ist es nicht ungereimt, wenn wir alles dasjenige, was, so wie ich hier dargelegt habe, auf den andern Sonnenplaneten wie unserer Erde angetroffen wird, auch für die zu anderen tausenden Sonnen gehörenden Planeten gleichermaßen einschätzen und glauben wollen. So wird es da Gewächse und Tiere geben, und darunter einige vernünftige, welche den Himmel verwundert betrachten, die Sterne observieren und lernen, ihre Beobachtungen zu verstehen, und sie werden außerdem auch alle diese Mittel besitzen, ohne welche, wie wir oben dargelegt haben, man dieses Wissen nicht erlangen kann.

 

Welch eine wunderbare, erstaunliche herrliche Weite der Welt muss man sich nun vorstellen? So viele Sternsonnen,[192] und so viele Planeten darum, und alle mit Pflanzen, Bäumen, Tieren, Meeren und Gebirgen geschmückt! Und noch mehr muss man sich wundern, wenn man auch noch an die Entfernung und Anzahl der Fixsterne denkt, die wir jetzt beschreiben werden.

 

[116] Die Entfernung zu den Fixsternen ist so groß, dass diejenige zur Sonne von 12.000 Erddurchmessern dagegen als sehr gering geachtet werden muss. Dies kann man aus mehreren Anzeichen ableiten, unter anderem aus diesem: wenn man nämlich zwei sehr nah bei einander stehende Sterne bemerkt, die sich stark unterscheiden, was ihre Helligkeit betrifft, so wie in der Mitte des Schwanzes des großen Bären, wo ein doppelter Stern zu sein scheint, dann nimmt man keine Veränderung des sichtbaren Raumes zwischen ihnen wahr, zu welcher Zeit des Jahres man sie auch betrachtet. Dies aber wäre doch zu erwarten, wegen der veränderten Ansicht, die sich aus dem jährlichen Umkreis ergibt, ebenso wie eine Parallaxe, wenn der heller scheinende Stern (wie zu vermuten) näher wäre. Es haben sich einige von uns Wissenschaftlern um die Erforschung des Raumes zu den Fixsternen bemüht, konnten aber wegen des Mangels an den hierzu benötigten genauen und enormen Fleiß erfordernden Beobachtungen keine Sicherheit erlangen. Es scheint mir also, dass der einzige Forschungsweg mir überlassen wurde, auf dem wenigstens etwas, das der Wahrheit ähnelt, in dieser so schwierigen Forschungsangelegenheit erlangt werden kann. Wenn jeder Stern eine Sonne ist, und wir annehmen, dass sie ebenso groß sind wie unsere Sonne, so wird die Entfernung des Sternes um so größer als die zur Sonne sein, um so viel kleiner der scheinbare Durchmesser des Sterns ist als der der Sonne. Nun erscheinen aber die Sterne, auch die von der 1. Größe, so klein, dass sie sogar durch die Ferngläser betrachtet nur wie helle Punkte ohne sichtbare Breite leuchten. Deswegen kann man sie durch eine solche Observation unmöglich messen. Weil es nun auf diese Weise nicht geht, habe ich versucht, den Durchmesser der Sonne auf eine besondere Weise zu verkleinern, so dass [117] man kein stärkeres Licht sehen würde, als man von dem Sirius (dem großen Hundsstern) oder von einem anderen der hellsten Sterne sieht.[193] Ich habe deshalb, wie oben schon erwähnt, die Öffnung eines leeren Rohres von zwölf Fuß mit einem sehr dünnen Blechlein zugedeckt, in dessen Mitte ich ein kleines Loch gemacht hatte, welches nicht größer war der zwölfte Teil einer Linie[194] oder der 144ste Teil eines Zolles. Dieses Rohr habe ich mit dieser Seite zur Sonne gewendet und die andere Seite ans Auge gehalten, und damit einen kleinen Teil der Sonne gesehen, der sich wie 1: 182 zum ganzen Durchmesser der Sonne verhält. Ich habe dieses kleine Teil als viel heller befunden als der Sirius bei Nacht erscheint. Weil ich nun gesehen habe, dass der Durchmesser der Sonne noch viel kleiner gemacht werden musste, habe ich es so gemacht, dass ich in ein so durchbohrtes Blech ein winziges gläsernes Kügelchen (das ich davor zum Mikroskopieren gebraucht hatte) vom gleichen Durchmesser wie das Löchlein gesteckt habe. Als ich dann durch das Rohr sah, bevor ich noch den Kopf mit Tüchern umwunden hatte, so dass das Tageslicht mich nicht beirren sollte, ist mir die Helligkeit nicht geringer als die des Sirius vorgekommen. Nun habe ich nach den Regeln der Dioptrik[195] berechnet, dass also der Durchmesser der Sonne nur 1/152 des vorigen 1/182sten Teils betrug, den ich davor durch das Rohr sah. Wenn man nun 1/152 und 1/182 miteinander multipliziert ist das Resultat 1/27664. Wenn nun die Sonne um so viel verkleinert oder entfernt wird (das kommt auf dasselbe hinaus), so dass ihr Durchmesser 1/27664 wird, so hat sie nicht weniger Licht als der Sirius. Wenn wir die Sonne nun so weit entfernen, muss ihre Entfernung gegenüber der, die sie jetzt hat, sich verhalten wie 27.664 zu 1, und ihr Durchmesser wenig mehr als vier Winkelminuten[196]. Vorausgesetzt, dass der Sirius so groß wie die Sonne ist, folgt, dass sein Durchmesser auch ungefähr 4 Winkelminuten misst und seine Entfernung sich zu unserer Entfernung von der Sonne verhält wie 27.664 zu 1. Welch ein unglaublich großer Abstand dies ist, wird sich zeigen, wenn wir es nun so tun, wie wir vorher mit der Sonne getan haben. Wenn eine abgeschossene und mit gleichmäßiger Geschwindigkeit fliegende Kanonenkugel 25 Jahre braucht, bis sie von der Erde zur Sonne gelangt, und man die Zahl 27.664 multipliziert mit 25, so erhält man 691.600, so dass die Kugel beinahe 700.000 Jahre brauchen würde, um mit all ihrer Geschwindigkeit den nächsten Fixstern zu erreichen. Aber uns scheint es, wenn wir die Sterne in einer heiteren Nacht sehen, als ob sie nach unserem Augenmaß kaum einige Meilen über unserem Kopf stehen. Nun haben wir bis soweit nur die Fixsterne untersucht, die uns am nächsten stehen. Weil aber andere Fixsterne, so wie oben erläutert, auch ganz ferne in der Himmelstiefe stehen können, so dass es von den nächsten Fixsternen bis zu den noch ferneren ebenso weit wie von der Sonne zu diesen und so auch wieder zu den folgenden sein könnte: welch eine Unermesslichkeit! Und wenn mehr als tausend Sterne mit bloßen Augen zu sehen sind, mit Ferngläsern aber schon zehn- oder zwanzigmal mehr, wie kann man dann wissen oder beschreiben, welche große Anzahl es noch mehr gibt von solchen, die so weit entfernt sind, dass sie auch mit Hilfsmitteln nicht wahrgenommen werden können? Welche Anzahl der Sterne kann als zu groß geachtet werden in Anbetracht der Allmacht Gottes? Mir ist oft, wenn ich über solche Dinge nachgedacht habe, in den Sinn gekommen, dass unsere Berechnungen noch auf die ersten Anfänge der Zahlen stützen, aber dass die Entwicklung zu unendlichen Dingen geht, welche nicht nur mit zwanzig oder dreißig oder hundert oder tausend Zahlen in unserem Dezimalsystem zu schreiben sind, sondern aus so viel Ziffern bestehen als Sandkörner im ganzen Erdklumpen enthalten sind. Wer aber sollte es wagen, zu sagen, dass die Zahl der Fixsterne nicht größer als eine solche Zahl sei? Es sind ja diejenigen schon hierin weitergegangen, die die Zahl der Fixsterne als unendlich angegeben haben, wie einige der Alten, aber auch Giordano Bruno, der solches mit vielen Beweisen gemeint hat erhärten zu können, die jedoch meiner Meinung nach nicht sehr überzeugend sind; jedoch meine ich auch nicht, dass jemand das Gegenteil mit klaren Gründen behaupten könnte. Es steht fest, dass der Raum der gesamten Natur unendlich ist, und was sollte daran hindern, dass neben einer bestimmten Sternenregion Gott auch noch ungezählte andere Dinge geschaffen und gemacht hat, die von unseren Gedanken ebenso weit wie von unseren Wohnungen entfernt sind. Und was, wenn Gott die Sterne nicht nur ohne Zahl erschaffen hat, sondern über ihnen noch ein Vakuum, eine Leere, gelassen hätte, so dass alles dies, was nach seinem Willen entstanden ist, gegen das, was seine Allmacht hervorbringen könnte, gleichsam nichts ist?

 

Ich will hier aber nicht weiterforschen, und die sehr schwere Frage der Unendlichkeit lieber beiseitelassen, damit ich mir nicht, nachdem ich nun so viele sehr große Fragen besprochen habe, wieder eine neue Mühe aufbürde. Dies aber will ich noch hinzufügen, woraus auch unsere Meinung über den Raum der ganzen Welt ersichtlich wird, wie weit nämlich sich Sonnen oder Sterne hierin erstrecken, die, wie wir gezeigt haben, wahrscheinlich auch mit Planeten umgeben sind.

 

[120] Ich bin der Meinung, dass jeder Stern von einem Wirbelkreis schnell bewegter Materie umgeben wird, der sich in seiner räumlichen Beschaffenheit und seiner Art der Bewegung (bei der sich die Materie bewegt) stark von den Cartesianischen Wirbeln unterscheidet. Bei Descartes sind die Wirbel so groß, dass jeder von ihnen die anderen berührt und sie sich in einer platten Berührungsfläche anstoßen, auf eine Art, wie wenn Kinder Seifenblasen übereinander blasen.[197] Descartes meint auch, dass die ganze Materie eines jeden Wirbels sich bewege, indem sie sich nach allen Seiten drehen. Diese Bewegung würde aber durch die eckige Oberfläche der Wirbel stark gehindert. Und außerdem, wenn die Wirbel so wären, dass sich die ganze Materie gleichsam um die Achse eines Zylinders herumwälzt, so macht Descartes sich eine große Schwierigkeit, wenn er sich bemüht, die Kugelform der Sonne aus dieser Bewegung herzuleiten. Allerdings bemüht er sich umsonst, und mit solchen Beweisen, die nur bei unvorsichtigen Menschen ein Ansehen haben, in Wirklichkeit aber nichts erklären. Descartes meint, dass die Planeten in einer ätherischen Materie schwimmen und sich darin bewegen, und auf diese Weise in ihren Bahnen bleiben, und nicht mit zu großer Kraft vom Zentrum der Bewegung abweichen. Hiergegen aber finden sich aus astronomischen Gründen allerlei Einwände, von welchen wir einige in unserer Diatriba de causis gravitatis[198] behandelt haben. Dort haben wir auch eine andere Ursache angegeben, die die Planeten in den Grenzen ihrer Kreise hält, nämlich ihre Schwere zur Sonne hin. Wir haben darauf gewiesen, wie diese entsteht. Ich wundere mich, [121] dass Descartes diese Schwere übergangen hat, da er doch der erste war, der über die Schwere, durch welche die Körper zur Erde hin getrieben werden, etwas besseres geschrieben hat, als man vorher gewohnt war. Auch Plutarch erzählt in dem oben vermeldeten Buch De facie in orbe Lunae, es hätte schon jemand in alten Zeiten gesagt, es bleibe der Mond in seinem Kreis, weil die Möglichkeit, von der Kreisbewegung um die Erde abzuweichen ihm durch die gleiche Macht der Schwere, mit der er sich der Erde nähern will, genommen wird. Und eben das gleiche hat zu unseren Zeiten Alfonso Borelli gelehrt,[199] dass nämlich die Hauptplaneten ihre Schwere gegen die Sonne zu haben, die Monde aber gegen die Erde, Jupiter und Saturn, welche sie begleiten. Viel fleißiger und scharfsinniger hat Herr Isaac Newton[200] vor kurzem erklärt, wie aus diesen Ursachen die elliptischen Kreise der Planeten ihren Ursprung nehmen, in deren einem Brennpunkt die Sonne ihren Platz hat, so wie Kepler herausgefunden hat.[201] Es muss aber nach der Meinung, die ich über die Natur der schweren Dinge habe, und wodurch sich die Planeten mit ihrem Gewicht zur Sonne neigen, der Wirbelkreis der himmlischen Materie um die Sonne nicht nur auf einer Seite, sondern so gedreht werden, dass er durch mancherlei sehr schnelle Bewegungen auf allen Seiten zu seinen unterschiedlichen Teilen weggerissen wird, und doch nicht verfallen kann, wegen der um ihn befindlichen Himmelsluft, die nicht mit der gleichen, schnellen Bewegung getrieben wird. In meiner oben genannten Abhandlung habe ich mich bemüht, die Schwere der Körper auf die Erde hin und das Wirken der Schwere zu erklären. Und ich vermute, dass die Schwere der Planeten gegenüber der Sonne von der gleichen Art ist. [122] Auch folgt daraus die Rundung unserer Erde, der Planeten und der Sonne, was gerade in der Theorie von Descartes so viel Schwierigkeiten macht.

 

Ich achte auch die Ausmaße der Wirbelkreise viel kleiner als Descartes dies tut. Meiner Meinung nach sind sie in der großen Tiefe des Himmels verteilt, wie kleine Kreise, die in einem Teich oder See mit einem Stab gemacht werden können, aber die weit, einige hundert Schritte, voneinander entfernt liegen. So wie die Bewegungen solcher Kreise sich nicht berühren oder beeinflussen, genau so glaube ich, dass auch die Wirbelkreise der Sterne oder Sonnen sich verhalten. So können diese Kreise einander auch nicht zerstören oder einander verschlingen, wie Descartes meint, wenn er zeigen will, wie ein Stern in einem Planeten verwandelt wird. Es scheint mir, dass er, als er dies geschrieben hat, nicht an die unermessliche Entfernung zwischen den Sternen gedacht hat. Dies wird deutlich, wenn er schreibt, dass ein Komet bei uns sichtbar wird, sobald er in den Wirbel, dessen Zentrum die Sonne ist, eintritt. Denn wie könnte ein solches Gestirn wie zum Beispiel ein Komet, das nur durch den Schein der Sonnen erleuchtet wird - wie Descartes mit den meisten Philosophen behauptet- wie also könnte so ein Gestirn von einem Abstand aus gesehen werden, der wenigstens zehntausend mal so viel ist wie von der Erde bis zur Sonne? Denn es kann der überaus große Raum um die Sonne herum Descartes nicht unbekannt sein, weil er gewusst hat, dass im System des Kopernikus der Orbis magnus, das ist die Bahn der Erde, gegen das Sonnensystem nur ein kleiner Punkt sei. Alle diese Gedanken von Descartes über Kometen, Planeten und den Ursprung der Welt sind mit so nichtigen Argumenten gesponnen, dass ich mich oft wundere, wie er so viel Mühe hat aufwenden können, um solche Phantasien zusammenzuschmieden.

 

Mir scheint, dass wir viel erreicht hätten, wenn wir die Beschaffenheit der Dinge in der Natur verstehen würden- wovon wir noch weit entfernt sind. Wie aber das Universum zustande kam und seinen Anfang genommen hat, das wird meiner Meinung nach vom menschlichen Verstand oder seiner Vorstellung niemals verstanden werden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

Literatur

 

 

 

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Vermij, Rienk, Huygens: de mathematisering van de werkelijkheid, Amsterdam 2004

8888

 

 

Wikipedia: Für die Information in den Fußnoten wurden Wikipedia-Artikel verwendet

 

 

 

 

 



[1] Meine Seitenangaben […] beziehen sich auf die Seiten der PDF-Version, nicht auf die Seiten im deutschen Original.

 

Das lateinische Original mit einer französischen kommentierten Übersetzung ist zu lesen in den Oeuvres complètes. Tome XXI. Cosmologie (ed. J.A. Vollgraff). Martinus Nijhoff, Den Haag 1944; auch online zugänglich http://www.dbnl.org/tekst/huyg003oeuv21_01/huyg003oeuv21_01_0115.php

[2] Unter Berücksichtigung des lateinischen Originals und der niederländischen und französischen Übersetzung.

[3] Dieses Gedicht befindet sich in der Originalversion, nicht aber in der deutschen Übersetzung des 18. Jahrhunderts. Hier eine Übersetzung von J. H. Voß.

[4] Der Übersetzer ist der Nürnberger Astronom Johann Philipp von Wurzelbau, der, wie Christiaan Huygens, Mitglied der Pariser Akademie war; allerdings erst ab 1699, nach dem Tod von Huygens. Wurzelbau wird im Original nicht genannt. (Siehe Karin Reich und Eberhard Knobloch, Bausteine zu Leben und Werk von Johann Philipp von Wurzelbau (1651-1725). In: Beiträge zur Astronomiegeschichte, Volume 9, 2008, S 89 ff.)

[5] Gemeint ist Paulus, der im zweiten Korintherbrief den dritten Himmel nennt. [2. Kor 12:2]. Paulus über die Erkenntnis der Natur und die Sünder, siehe Römer 1, 19-23: 19 Denn was man von Gott weiß, ist ihnen offenbar; denn Gott hat es ihnen offenbart, 20 damit daß Gottes unsichtbares Wesen, das ist seine ewige Kraft und Gottheit, wird ersehen, so man des wahrnimmt, an den Werken, nämlich an der Schöpfung der Welt; also daß sie keine Entschuldigung haben 21 dieweil sie wußten, daß ein Gott ist, und haben ihn nicht gepriesen als einen Gott noch ihm gedankt, sondern sind in ihrem Dichten eitel geworden, und ihr unverständiges Herz ist verfinstert. 22 Da sie sich für Weise hielten, sind sie zu Narren geworden 23 und haben verwandelt die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes in ein Bild gleich dem vergänglichen Menschen und der Vögel und der vierfüßigen und der kriechenden Tiere.

[6] Auch hier ist der „Christenheide“ Paulus gemeint: 1.Kor 13:8-12 Denn wir erkennen stückweise und wir weissagen stückweise; wenn aber einmal das Vollkommene da ist, dann wird das Stückwerk abgetan. Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, dachte wie ein Kind und urteilte wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindisch war. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel wie im Rätsel, dann aber von Angesicht zu Angesicht; jetzt erkenne ich stückweise, dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin.

[7] Im Original: “Wandelsterne”. Das Wort „Planet“ geht zurück auf griechisch planáomai (Deutsch „umherirren, umherschweifen“). Planeten wurden früher auch als Wandelsterne bezeichnet; oft wurde auch der Mond als Planet/Wandelstern angedeutet. Huygens nennt den von ihm entdeckten Mond des Saturns in seinem Systema Saturnium einen „Planeten“.

Der „Wandelstern“ stand dem „Fixstern“ gegenüber, dessen Position sich am Nachthimmel scheinbar nicht verändert, siehe auch Huygens‘ Text über die Fixsterne.

[8] Das heliozentrische Weltbild war schon im dritten Jahrhundert v. Chr. von Aristarchos von Samos vertreten und begründet worden. Auch in Indien war in vedischen Sanskrit-Texten ein heliozentrisches Weltbild beschrieben worden.

[9] Englisch 1698, Niederländisch 1699, Französisch 1702, Deutsch 1703, Russisch 1717, Schwedisch 1774.

[10] 2. Chronik 2, 5 [Salomo]: Und das Haus, das ich bauen will soll groß sein; denn unser Gott ist größer als alle Götter. 6 Aber wer vermag's, daß er ihm ein Haus baue? denn der Himmel und aller Himmel Himmel können ihn nicht fassen.

 

[11] Constantijn Huygens Jr. (1628 -1697), der ältere Bruder von Christiaan, war ein niederländischer Staatsmann.

Er ist auch bekannt für seine Arbeit an wissenschaftlichen Instrumenten (zusammen mit seinem jüngeren Bruder Christiaan) und als Chronist seiner Zeit.

[12] In seinem Hauptwerk De Revolutionibus Orbium Coelestium (1543) beschrieb Kopernikus das heute allgemein akzeptierte Modell des Sonnensystems, nach dem sich die Planeten um die Sonne bewegen und die Erde sich um die eigene Achse dreht.

[13] Als Christiaan Huygens 1650 begann, sich für Ferngläser zu interessieren, half sein Bruder ihm beim Herstellen der Linsen. Mit dem ersten Teleskop, das die Brüder machten, entdeckte Christiaan den Saturn-Mond Titan. Die Brüder konstruierten immer größere Teleskopobjektive mit immer größeren Durchmesser und Brandpunktabstand.

[14] Constantijn war ab 1689 Sekretär von Wilhelm von Oranien, der Wilhelm III. von England wurde. Constantijn lebte meist in London.

[15] Auch die Naturwissenschaft wurde in Huygens’ Zeit „Philosophie“ oder „Naturphilosohie“ genannt.

[16] Huygens und viele andere nahmen an, dass es eine Himmelssubstanz gäbe, den Äther, der unter anderem das Licht überträgt. Erst Albert Einsteins Relativitätstheorie hat den Äthertheorien die Grundlage entzogen.

[17] Nikolaus von Kues (1401 -1464) Philosoph, Theologe und Mathematiker.

Nikolaus arbeitet in „De docta ignarantia“ (Von der Wissenschaft des Nichtwissens/ Die belehrte Unwissenheit) die Hypothese einer Vielheit von Welten aus, was einen einen radikalen Bruch mit dem geozentrischen Weltbild bedeutete. Für ihn hat die Welt weder einen Mittelpunkt noch einen Umfang. In einer solchen Welt kann es keine absolute Bewegung geben, da es kein ruhendes Bezugssystem gibt; alle Bewegung ist relativ (dieses Prinzip hat auch Huygens scharf formuliert). Nikolaus argumentiert allerdings nicht empirisch und astronomisch, sondern metaphysisch.

Nikolaus von Kues spricht im 12. Kapitel seiner Wissenschaft des Nichtwissens von Sonnen- Mond- und Sternen-Bewohnern. 

[18] Giordano Bruno (1548 -1600 ) italienischer Priester, Dichter und Philosoph, wurde durch die Inquisition der Ketzerei und Magie für schuldig befunden und zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt.

Bruno postulierte die Unendlichkeit des Weltraums, die Mehrheit der Welten und die ewige Dauer des Universums, wobei er subjektiv-intuitiv, aber nicht naturwissenschaftlich argumentierte.

[19] Johannes Kepler (1571-1630), deutscher Naturphilosoph, evangelischer Theologe, Mathematiker, Astronom, Astrologe und Optiker, entdeckte die Gesetze der Planetenbewegung, die nach ihm keplersche Gesetze genannt werden.

Kepler: „Nach meiner Ansicht findet sich auf den Sternen auch Feuchtigkeit, sowie Gegenden, die von den Ausdünstungen der Feuchtigkeit berieselt werden, daher auch lebendige Geschöpfe, denen diese Zustände zum Nutzen gereichen. Auch hat nicht nur der unglückliche Bruno, der in Rom auf glühenden Kohlen geröstet wurde, sondern auch der verehrte Brahe die Ansicht gehegt, dass es auf den Sternen Bewohner gibt. Ich folge dieser Ansicht umso lieber, da ich ja mit Aristarch behaupte, dass die Erde mit den Planeten auch die Bewegung gemeinsam hat.“ Zitat aus Keplers Briefen nach dem französischen Kommentar der Oeuvres complètes.

[20] Tycho Brahe (1546 - 1601), dänischer Adliger und bedeutender Astronom. Seine präzisen Messungen (noch ohne Teleskop gemacht) veranlassten ihn, zwischen dem ptolemäisch-geozentrischen und dem kopernikanisch-heliozentrischen Planetensystem einen Kompromiss zu entwickeln, das „tychonische Weltbild“.

Johannes Kepler war ab 1600 Brahes Assistent. Kepler erbte von Tycho Brahe umfangreiche und sehr genaue Datenreihen über die Position der Planeten.

[21] Bruno erklärte in De l'Infinito, Universo e Mondi (Über die Unendlichkeit, das Universum und die Welten), dass die Sterne, wie unsere Sonne seien, dass das Universum unendlich sei, es eine unendliche Anzahl von Welten gebe und diese mit einer unendlichen Anzahl intelligenter Lebewesen bevölkert seien.

[22] Gemeint ist Bernard le Bovier de Fontenelle (1657 - 1757).

1686 kamen seine Entretiens sur la pluralité des mondes (Unterhaltungen über die Vielzahl der Welten) heraus, ein fiktiver Dialog, in dessen Rahmen ein gebildeter Mann von Welt bei einem nächtlichen Spaziergang im Park Vorträge hält über das astronomische Wissen nach Nikolaus Kopernikus, Galileo Galilei, Johannes Kepler und René Descartes und dabei die Möglichkeit nicht ausschließt, dass es auch auf Sternen außerhalb der Erde vernunftbegabte Wesen gibt. Fontenelle war, wie Huygens, Mitglied der Pariser Wissenschaftsakademie. Entretiens sur la pluralité des mondes zeigen viele Gemeinsamkeiten mit Huygens’ Cosmotheoros, wobei Fontenelle selbst auch das Wissen, das er von Huygens und Cassini übernahm, verarbeitete. Doch ist dieses Buch nicht wirklich astronomisch orientiert. Albert van Helden weist darauf hin, dass Fontenelle in den ersten Auflagen seines Buches noch ptolemäische Abstände und Größen verwendete.

 

 

[23] Lukian von Samosata; nach 180, war ein bekannter Satiriker der Antike.        

Lukian schrieb die  ersten bekannten Weltraumfahrten in der Literatur (Die Luftreise; Wahre Geschichten),

[24] In der kleinen Schrift „Traum oder die Astronomie des Mondes“, verbindet Kepler wissenschaftliche Erkenntnis und Phantasie.

[25] Archytas von Tarent war ein antiker griechischer Mathematiker, Physiker und Staatsmann, der sich für die Unendlichkeit des Universums aussprach.

[26] Dieses Zitat des Archytas findet sich bei Marcus Tullius Cicero.

[27] Der Reformator Andreas Osiander hatte dem Hauptwerk von Kopernikus De Revolutionibus Orbium Coelestium eigenmächtig und anonym ein Vorwort hinzugefügt, in dem das neue Weltbild als bloßes Rechenhilfsmittel dargestellt wird, und damit Kopernikus' Aussagen verfälscht.

[28] Huygens hat die abgeplattete Form der Erde postuliert und berechnet.

[29] Die Entdeckungsreisen auf der Erde und die neuen Erkenntnisse nennt Huygens immer wieder. Im 17. Jahrhundert wurde nicht nur der Himmel, sondern vor allem auch die Erde erforscht, und Huygens’ Cosmotheoros handelt mindestens so sehr von die Entdeckung der Erde wie von der Entdeckung des Himmels.

[30] Abbildung.

[31] Gemeint ist wohl ein Planetarium (zu sehen im Museum Boerhave in Leiden), das Mondphasen, Sonnenstand und die Stellungen der großen Planeten anzeigt, von Huygens auch in einer kleinen Schrift („De automato“) beschrieben und skizziert. 

[32] Etwa seit der Zeitenwende wissen Astronomen, dass die Erdachse präzediert, das heißt, dass die Richtung der Erdachse sich durch eine Art Kreiselbewegung langsam ändert. Der heute bekannte Wert von 25.700 bis 25.800 Jahren wurde im 13. Jahrhundert festgestellt, siehe auch nächste die Seite des Haupttexts zum Nordpolarstern.

[33] Tycho Brahe hatte einen Kompromiss vorgeschlagen zwischen ptolemäisch-geozentrischen und dem kopernikanisch-heliozentrischen Planetensystem, das „tychonische Weltbild“.

[34] Das 3. keplersche Gesetz beschreibt die Beziehung zwischen Abstand der Planeten von der Sonne und ihrer Umlaufzeit. Mit dem 3. keplerschen Gesetz kann man die relativen Entfernungen der Planeten allein aus ihren Umlaufszeiten bestimmen.

[35] Das nördliche Ende der Rotationsachse der Erde zeigt gegenwärtig auf einen Punkt am Himmel, der knapp ein Grad neben dem Polarstern im Sternbild Kleiner Bär liegt. Um diesen Punkt (Himmelsnordpol) scheint sich für einen irdischen Beobachter der Himmel einmal am Tag zu drehen.

[Aufgrund der Präzessionsbewegung der Erde beschreibt der Himmelsnordpol im Zeitraum von etwa 25.700 Jahren eine Kreisbahn am Himmel um den Ekliptikpol]

[36]Hipparchos von Nicäa (190 -120 v. Chr.) war der bedeutendste griechische Astronom seiner Zeit. Er gilt als Begründer der wissenschaftlichen Astronomie. Hipparchos entdeckte die langsame Präzession der Erdachse.

[37] Pierre Gassendi (1592-1655 ) war ein französischer Theologe, Naturwissenschaftler und Philosoph. Gassendi stand im Kontakt mit vielen Gelehrten und Wissenschaftlern seiner Zeit. Huygens schreibt ausführlich über Gassendi und dessen Saturn-Beobachtungen in dem Buch „Systema Saturnium“. Gassendi hatte 1655 eine Biografie von Kopernikus publiziert (zu lesen via Google books „The life of Copernicus“), und hat eine Schrift verfasst (De coeli siderumque substantia, 1658) in der besprochen wird, ob Himmel und Sterne bewohnbar sind.

[38] Galilei und das heliozentrische Weltbild: Kontroverse Diskussionen am Florentiner Hof veranlassten Galilei zu erklären, dass eine mit dem Kopernikanischen System verträgliche Bibelauslegung möglich sei (Brief an seinen Schüler und Nachfolger in Pisa, Benedetto Castelli, 21. Dezember 1613; Brief an die Großherzogin-Mutter Christine von Lothringen, 1615, jedoch erst 1636 veröffentlicht). 1630 vollendete Galilei den Dialogo di Galileo Galilei sopra i due Massimi Sistemi del Mondo Tolemaico e Copernicano (Dialog über die zwei wichtigsten Weltsysteme, das Ptolemäische und das Kopernikanische). Als vermeintlich stärkstes Argument für das kopernikanische System diente Galilei seine – irrige – Theorie der Gezeiten.

 

Kepler und das heliozentrische Weltbild: Kepler betrachtete das kopernikanische System nicht mehr nur als ein (hypothetisches) Modell zur einfacheren Berechnung der Planetenpositionen, sondern als eine physikalische Tatsache.

[39] Der Herausgeber der Oeuvres complètes gibt an, dass Cassini und Römer gemeint sind.

[40] Anspielung auf Athanasius Kircher (siehe Zweites Buch).

[41] Systema Saturnium (1659)

[42] Johannes Hevelius (1611 -1687) war ein deutscher Astronom und gilt als Begründer der Kartografie des Mondes, worüber er sein berühmtes Werk Selenographia sive Lunae Descriptio schrieb. Huygens schreibt ausführlich über Hevelius und dessen Saturn-Beobachtungen in dem Buch „Systema Saturnium“, und korrespondierte mit Hevelius über dessen und die eigenen Beobachtungen des Saturns (1656)

[43] Merkurtransit: Vorübergang des Planeten Merkur vor der Sonne. Johannes Hevelius beobachtete den Merkurdurchgang vom 3. Mai 1661, den auch Christiaan Huygens während seines Aufenthalts in London verfolgte.

[44] Zu Huygens‘ Größen- und Abstandsschätzungen der Planeten siehe Andriesse, S. 145 und Van Helden, Measuring the Universe.

[45] Das Mikrometer ist eine besonders engmaschige Strichplatte, die in die Bildebene des Objektivs eines Fernrohrs oder Mikroskops gebracht wird. Mikrometer ermöglichen eine genaue Streckenmessung. Van Helden, Measuring the Universe, S. 118: „In the first half-century of its existence, after Galileo's dramatic revelations in 1610, the telescope was a qualitative instrument only. Although its poten­tial for precision measurements had been recognized very early, this goal remained elusive (with the isolated exception of Gascoigne's micrometer) until after 1659 when Huygens published a description of a primitive but effective micrometer, possible only for the newer, so-called astronomical telescope. His publication led some of his French colleagues to construct screw micrometers, and this in turn caused the English to "rediscover" and publicize Gascoigne's earlier micrometer. The micrometer had a profound effect on the determination of planetary apparent diameters.[…] Where be­fore astronomers could only estimate the apparent size of a body, and their results varied widely, now they could measure it, that is, they could compare it directly with a known standard, and their results were strongly convergent. The micrometer thus changed these measurements from an "art" to a "science," […]

[46] Siehe auch die Beschreibung in Systema Saturnium und Diopotrica 3.

Huygens verwendete kupferne Plättchen, die er durch Biegen und mit Zwischenstücken so anpasste, dass der Himmelskörper, den er betrachtete, genau dazwischen passte.

[47] Das erste Fernrohr wurde um 1608 von Hans Lipperhey konstruiert. Dieses Holländische Fernrohr baute Galileo Galilei 1609 nach und entdeckte damit die vier größten Monde des Jupiters und die Berglandschaften des Erdmondes. Das erste Astronomische Fernrohr wurde 1611 von Johannes Kepler gebaut. Christiaan und Constantijn Huygens haben das Astronomische Fernrohr weiterentwickelt und Huygens entdeckte den Saturnmond Titan mit seinem Teleskop. Giuseppe Campani verbesserte das Astronomische Teleskop und Cassini konnte damit dann weitere Saturnmonde entdecken (Huygens ließ sich diese von Cassini zeigen), wie auch die Teilung des Saturnringes.

Huygens schreibt hierüber in seinem Text über Teleskope (Dioptrica 3).

[48] Vincent Icke: “Wir nennen so ein Argument Analogie. Es ist kein echter Beweis, und das wusste der Mathematiker Huygens natürlich genau. In einer Analogie wird etwas glaubwürdig gemacht, indem man gleiche Umstände anführt. Unsere Sonne ist ein gewöhnlicher Stern; weil sie Planeten hat, dürften andere Sterne die auch haben. Wir sind aus allereinfachsten Atomen gemacht, wie Wasserstoff, Kohlenstoff, Stickstoff und so weiter; dann könnten an anderer Stelle im Universum auch wohl Lebewesen existieren.“

Vergleiche zum Analogieargument auch John Locke, Versuch über den menschlichen Verstand, Sechzehntes Kapitel “Von den Graden des Zustimmens”:

§ 12. (In Dingen, wo die Sinne keine Auskunft geben können, ist die Analogie die Hauptregel der Wahrscheinlichkeit.)”: “[…] der Gegenstand [fällt] nicht in das Bereich der Sinne und [kann ] deshalb auch

nicht bezeugt werden. Dahin gehören […]  das Dasein stofflicher Dinge, die entweder wegen ihrer Kleinheit oder zu grossen Entfernung durch die Sinne nicht bemerkt werden; z.B. die etwanigen Pflanzen, Thiere und verständigen Bewohner der Planeten oder anderer Aufenthaltsorte in dem grossen Weltall.”

[49] Huygens nimmt also an, dass auch Jupiter und Saturn der Erde gleichen; man wusste noch nicht, dass diese Planeten Gasplaneten sind.

[50] Newton

[51] Der griechische Naturphilosoph Demokrit (460 -371 v. Chr.) postulierte, dass die gesamte Natur aus kleinsten, unteilbaren Einheiten, den Atomen, zusammengesetzt sei.

[52] René Descartes (1596 -1650), französischer Philosoph, Mathematiker und Naturwissenschaftler und Freund von Constantijn Huygens, dem Vater Christiaans. Das Werk von Christiaan Huygens ist bei aller kritischer Auseinandersetzung stark beeinflusst von Descartes. Huygens war ein kritischer Cartensianer, auch und gerade im Cosmotheoros, der mit Descartes-Kritik endet. Kritik an Descartes ist keine Selbstverständlichkeit, weil viele Anhänger von Descartes diesen als eine beinahe göttliche Autorität verehrten.

Hier spielt Huygens wohl auf Descartes‘ extrem mechanistisches Denken (lebendige Körper als Maschinen) an.

[53] Huygens verteidigt hier eine transzendent-teleologische Denkweise gegen den Materialismus von Descartes und Demokrit.

Viele von Huygens‘ Gedanken sind auch bei seinem Briefpartner und Freund (und Descartes-Kritiker) Leibniz zu finden, der aber gegenüber Descartes noch wesentlich kritischer war als Huygens.

Leibniz nannte die Philosophie der Atomisten eine „faule“ Philosophie, da diese Auffassung, welche die Atome als letzte Bausteine ansieht, die lebendige, sich verändernde Welt nicht tiefgründig genug analysiere.

[54] Gott gehorcht der Mathematik, ein Gedanke, den man auch bei dem Pythagoreer Leibniz antrifft.

[55] Lat. „miracula“- siehe auch das Konzept der Wunderkammern des Wissens in der Einleitung.

[56] Gutes Argument, das aber auch Huygens‘ eigene Argumentation stark unterminiert.

[57] Merkwürdig unmodernes Argument: nach modernem Denken ist es umgekehrt: aus der gleichen Materie werden sehr verschiedene Formen gebildet. Dieser Satz wurde übrigens in der niederländischen Übersetzung falsch übersetzt, nämlich passend zur modernen Naturwissenschaft: Die Form variiert mehr als die Materie.

[58] Thales von Milet (624-546 v. Chr)

[59] Giovanni Domenico Cassini (1625 -1712), war ein französischer Astronom und Mathematiker italienischer Herkunft. Die Teleskope von Eustachio Divini und Giuseppe Campani ermöglichten ihm spektakuläre Entdeckungen. Mit Hilfe des Großen Roten Flecks auf dem Jupiter bestimmte Cassini dessen Eigendrehung (1665).

Wie Christiaan Huygens war er Mitglied der Académie des Sciences in Paris. Nach Huygens entdeckte er weitere Saturn-Monde (1671 Japetus und 1672 Rhea) und 1675 erstmals die Lücke im Saturnring, die heute Cassinische Teilung heißt.

Zusammen mit Cassini stellte Huygens 1670 fest, ob seine Vorhersagen über die Form des Planeten Saturn eintreffen würden, was dann tatsächlich der Fall war. (Vermij, S. 108)

[60] Huygens’ eigene Entdeckung der „Syrtis Major“ auf dem Mars.

[61] Stark subjektives Argument: Spekulation oder Ironie?

[62] Betont subjektiv.

[63] Nach dem Wörterbuch der Gebrüder Grimm ist ein Entenbaum ein am Meeresufer wachsender Baum mit muschelartigen Früchten. Nach der Legende sollen aus diesen Früchten, wenn sie ins Wasser fallen, kleine Enten schlüpfen.

Victor Petriconi schreibt in Percebes und die Sage vom Entenbaum: „Die Diskussion über den merkwürdigen Baum, dessen abgerissene Äste mit den daran wachsenden “Muscheln” immer mal wieder anstranden, durchzog das ganze Mittelalter bis ins 18. Jh. hinein. Viele deuteten die aus den an Treibholz wachsenden “Muscheln” herausragenden Fangarme der kleinen Krebse als bereits entwickelte Federchen der künftigen Enten, bzw. Gänse, und der Kosmograph Hector Boethius schreibt 1526: „ ... So werden doch unseres Wissens einzig und allein [die Gänse] durch die Beschaffenheit der Meere erzeugt. ... so glaube ich, dass diese Gänse auf den Bäumen wachsen, mit den Schnäbeln daran hängend, ungefähr wie Äpfel und andere Früchte mit ihren Stielen an den Zweigen hängen.”  Mitte des 16. Jh. gelangte der Entenbaum in die Kräuterbücher, wo ihn der Theologe Sebastian Münster bedenkenlos abbildet, ja der Mythos pflanzt sich fort und Caspar Baudin errichtet um 1623 in seiner Historia plantarum universalis eine ganze Sektion “Arbores anatiferae” (Abteilung Entenbäume) mit mehreren Untersektionen.“ http://www.p-hh.de/index.php?page=26&id=476

Kepler beschreibt in seinem Somnium über Lebewesen auf dem Mond, die aus einer Art Pinienzapfen entstehen, und verweist in Fußnote 221 nach den Entenbäumen in Schottland.

[64] Die Entdeckung der Neuen Welt (deren Bewohner laut päpstlichen Beschluss von 1537 auch Menschen sind) gibt das Vorbild für denkbare Bewohner und Lebenswelten auf den Planeten- für Huygens wie auch für andere Denker vor ihm so wie Kepler.

[65] Yuccapalme?

[66] Wie Leibniz: unsere als die beste aller möglichen Welten? Huygens’ Korrespondenzpartner Leibniz weist auf einen notwendigen Zusammenhang zwischen Gutem und Üblem hin: Es gebe nämlich Gutes, das nur zum Preis der Existenz von Übel zu haben ist. Die wirkliche Welt ist die beste in dem Sinne, dass das Gute in ihr auch von Gott nicht mit einem geringeren Maß an Übel verwirklicht werden kann. Der Aufklärer Gotthold Ephraim Lessing hat in einem geistreich-kritischen Gedicht „Die lehrende Astronomie” den übertrieben optimistischen Leibniz-Ton bei Huygens angepackt: „So hat das Übel Gott erlesen/Der Welt zur Füllung, nicht zum Wesen.

[67] Huygens unterstellt eine Universalität der Moral. So wie die Naturgesetze im ganzen Universum gelten, so auch die Moral.

[68] Traité de la lumière, „Abhandlung über das Licht“; Christiaan Huygens bemerkte um 1650, dass eine Lichtausbreitung analog zu Wasserwellen die Lichtphänomene erklären würde. Er formulierte sein huygenssches Prinzip, welches kugelförmige Elementarwellen beschreibt, die sich überlagern.

[69] Andreas Vesalius (1514-1564) war ein flämischer Anatom der Renaissance. Er gilt als Begründer der neuzeitlichen Anatomie und erforschte die zentrale Bedeutung der Netzhaut.

Auch Johannes Kepler und Descartes hatten sich ausführlich mit dem Sehprozess und der Physiologie des Auges beschäftigt. Huygens selbst hat eine kleine Schrift veröffentlicht „Über das Auge und das Sehen“.

Es ist unklar, warum Huygens die Netzhaut als „schwarz“ bezeichnet.

[70] Jupiter hat in der Tat eine Atmosphäre, die allerdings nicht klar begrenzt ist, da fast der ganze Planet aus Gasen besteht.

Nur wenige Himmelskörper können eine Atmosphäre (gasförmige Hülle) bilden und langfristig an sich binden.

[71] Die Vier-Elemente-Lehre war bis ins 17. Jahrhundert hinein bestimmend für die (Al)chemie. Erst Robert Boyle (1627–1692), Zeitgenosse und persönlicher Bekannter von Christiaan Huygens, leitete eine Entwicklung ein, die zum heutigen Elementbegriff im Periodensystem der Elemente führte.

[72] Die Rotationsachse der Erde ist ca 23,5° gegen die Erdbahnebene geneigt (Schiefe der Ekliptik, die Huygens oben schon genannt hat). Weil die Erdachse ihre Richtung im Raum beibehält, während die Erde im Laufe eines Jahres einmal um die Sonne läuft, ist auf einer Hälfte der Bahn die Nordhalbkugel und auf der anderen Hälfte die Südhalbkugel der Sonne zugeneigt. Auf der betreffenden Halbkugel herrscht wegen der stärkeren Sonneneinstrahlung Sommer.

[73] Huygens schätzt die Tiere sehr hoch ein, und wertet dagegen das routinierte menschliche Leben, auch die menschliche Gesellschaft, im Verhältnis ab.

[74] Für René Descartes (1596-1650), Verfechter der mechanistischen Naturauffassung, sind Tiere nichts anderes als “Maschinen”. Tiere kennen keinerlei “émotions de l´ame”, keinerlei Gefühle der Seele. Sie haben gar keine Seele, kein Bewusstsein, keine Gedanken, keine Gefühle.

„Auch ist es sehr bemerkenswert, dass, obwohl manche Tiere in manchen Handlungen mehr Geschicklichkeit zeigen als wir, man doch sieht, dass ebendieselben Tiere in vielen anderen Handlungen gar keine zeigen; so dass, was sie besser als wir machen, keineswegs Geist beweist, denn in diesem Falle würden sie mehr Gaben besitzen als einer von uns und es auch in allen anderen Dingen besser machen, sondern (es zeigt sich) vielmehr, dass sie keinen Geist haben und allein die Natur in ihnen nach der Disposition ihrer Organe handelt. Man sieht ja auch, dass ein Uhrwerk, das bloß aus Rädern und Federn besteht, richtiger als wir mit aller unserer Klugheit die Stunden zählen und die Zeit messen kann.“ (Abhandlung über die Methode des richtigen Vernunftgebrauchs, 1637)

[75] Huygens hat eine Abhandlung über die Theorie des Würfelspiels (De ludo aleae, 1655) verfasst, wodurch er heute als einer der Begründer der Wahrscheinlichkeitsrechnung gilt.

[76] Mit großer Wahrscheinlichkeit ist Huygens hier sehr ironisch. Er gibt selbst an, dass – was die spezifischen Eigenschaften der Planetenbewohner betrifft- Wahrscheinlichkeit auf Wahrscheinlichkeit gestapelt wird, darunter einige womöglich sehr geringe Wahrscheinlichkeiten. Er sagt erst, dass sein Ausgangspunkt die Tatsache ist, dass die Menschen sich selbst nicht als allzu einzigartig betrachten sollen („die übrigen Planeten unserer Erde an Würde in nichts nachstehen“), und nun wird dieser Ausgangspunkt plötzlich zum „Beweis“. Es erscheint mir sehr unwahrscheinlich, dass Huygens diesen Zirkelbeweis nicht bewusst ironisch eingeführt hat. Sicher ist es sein Ziel, zu argumentieren, dass es intelligentes Leben außerhalb der Erde gibt, aber so spezifisch und übertrieben anthropomorph wie es die sichere Existenz von Astronomen auf anderen Planeten wäre, hat er es wahrscheinlich nicht ernsthaft „beweisen“ wollen.

[77] Huygens spielt (bewusst?) mit Wahrscheinlichkeiten: aus der nicht abzuleugnenden kleinen Wahrscheinlichkeit, dass es Astronome auf anderen Sternen gibt, macht er plötzlich eine vermeintliche sehr große Wahrscheinlichkeit.

Auch wenn es eher wahrscheinlich als unwahrscheinlich ist, dass es außerirdisches intelligentes Leben gibt, geht man davon aus, dass es relativ oder sogar extrem selten im Universum verbreitet ist. Die Wahrscheinlichkeiten sind also klein, und nicht, so wie Huygens (ironisch?) annimmt, groß.

[78] Ironie: der genannte ferne Bobachter weiß nicht, dass es auf der Erde sicher Astronomen gibt, ein Faktum, das wir Menschen aber kennen. Das aufgeführte Argument gilt natürlich nur unter der Voraussetzung, dass die bedingte Wahrscheinlichkeit für die Möglichkeit, dass es Astronomen geben kann, gleich wäre für alle Planeten- was für uns Menschen nicht der Fall ist. Wir wissen, dass es hier Astronomen gibt; von anderen Sternen können wir dies höchstens vermuten.

[79] Die astronomische Epoche kann als eine Momentaufnahme verstanden werden, in der alle relevanten Zahlenwerte festgehalten werden.

[80] Im französischen Kommentar wird darauf gewiesen, dass die Chinesen hierüber anderer Meinung sind.

[81] Quipu, im Dezimalsystem aufgebaute Knotenschrift der Inka (ca. 1400 bis 1532), Methode zur numerischen Buchhaltung.

[82] Vincent Icke: „Huygens war direkt an der Begründung der wissenschaftlichen Physik beteiligt, die wir jetzt kennen […] das größte Ereignis aus dieser Zeit [besteht] nicht in einer von [den großen]  Entdeckungen, so bedeutend sie auch gewesen sind. Es geht mehr um die Erfindung einer Arbeitsweise, einer Vorgehensweise: einer Art um Kenntnis zu erwerben, die seitdem nicht mehr verbessert wurde.

Das ist meiner Meinung nach das Wichtigste: Huygens und seine Mitgelehrten verursachten eine Wende in der Entwicklung der Wissenschaft durch einen Übergang von Postulat zu Hypothese, von Feststellung zur Unterstellung.

[83] Gemeint ist das heliozentrische System

[84] Die Astrologie verschwand ab 1640 langsam aus dem wissenschaftlichen Diskurs. Es ist nicht ganz klar, warum dies geschah, aber sehr wahrscheinlich hatte das kritische Denken von Descartes starken Einfluss hierauf. 

[85] In Wirklichkeit war es zur Zeit des Erscheinens des Cosmotheoros schon neunzig Jahre her, dass Kepler seine neuen Erkenntnisse veröffentlichte (1609).

[86] Ptolemäus hat versucht, die aristotelische Lehre von unveränderlichen und vollkommenen, perfekten Kreisbahnen der Planeten mit widersprüchlichen Beobachtungen in Einklang zu bringen und schuf deshalb ein Rechenmodell auf Basis der Epizykeltheorie.

Das heliozentrische Weltbild erklärt die Schleifen der Planetenbahnen durch Überlagerung mit der Erdbewegung und scheint deshalb auf Epizykel verzichten zu können. Da das neue Modell des Kopernikus aber immer noch von kreisförmigen Umlaufbahnen für die Planeten ausging, mussten Unstimmigkeiten wieder durch Verwendung der Epizykel erklärt werden.

Erst durch Johannes Kepler wurde die Epizykeltheorie überflüssig: Das „natürliche“ Modell der Planeten auf ellipsenförmigen „Keplerbahnen“ um die Sonne benötigt keine Korrektur durch überlagerte Epizykel.

[87] Logisch gesehen ist dies ein Argument gegen und nicht für Astronomen auf den Planeten. Huygens entkräftet nicht das Gegenargument, dass, falls es menschenartige Wesen auf anderen Planeten gäbe, es immer noch lang nicht wahrscheinlich wäre, dass diese (schon) eine Entwicklungsstufe erreicht haben, wo sie Astronomie betreiben können.

[88] Nach Aristoteles (384-322 v. Chr.) soll Anaxagoras die Auffassung vertreten haben, dass die Menschen die klügsten Lebewesen seien, weil sie Hände haben. Die Hände seien also die Ursache dafür, dass der Mensch das intelligenteste Lebewesen geworden sei. Dieser materialistischen Erklärung widersprach Aristoteles, indem er ihr seine teleologische Erklärung entgegenstellte. Diesem Erklärungsansatz zufolge haben die Menschen Hände, weil sie die klügsten Lebewesen sind. Die teleologische Erklärung setzt voraus, dass der Kosmos und die Natur zweckmäßig und sinnvoll aufgebaut sind. So sind für Aristoteles "Hände ein Werkzeug, und die Natur weist, ebenso wie ein kluger Mensch jegliches Ding immer demjenigen zu, der es gebrauchen kann." (Aristoteles, Teile der Tiere IV 10, 687a 8-10). Anaxagoras' Erklärung kommt ohne diese schwer zu beweisende Prämisse aus.

Huygens, der an anderer Stelle teleologisch denkt, folgt hier Anaxagoras.

[89] Auch hier erscheint mir der Ton sehr ironisch.

[90] Vgl. Ovid Metamophosen I, 85-86: „[…] Gab er dem Menschen erhabenen Blick, und den Himmel betrachten/
Lehret' er ihn, und empor zum Gestirn aufheben das Antlitz.“

Gotthold Ephraim Lessing kommentiert diese Passage - wie auch den gesamten Cosmotheoros- mit treffender Satire in seinem Gedicht „Die lehrende Astronomie“ : „Dank sei dem Schöpfer, der mein Haupt/
Auf hohe feste Schultern baute/ Und mir die Pracht zu sehn erlaubt, / Die nie ein hängend Tieraug schaute!/
Hier lern ich mich und ihn erkennen, /Und hier mich nichts, ihn alles nennen.“

[91] Ironie: Huygens in der göttlichen Rolle, der den Planetenbewohnern den Schildkrötenpanzer gnädig erspart…

[92] Die Anthropomorphiten waren eine christliche Sekte, entstanden im vierten Jahrhundert in Syrien und erweitert in Scythia, die entschieden, dass Gott eine menschliche Form hat.

[93] Vergleiche Immanuel Kants Spätschrift Anthropologie in pragmatischer Hinsicht (1798): „Es ist merkwürdig, daß wir uns für ein vernünftiges Wesen keine andere schickliche Gestalt, als die eines Menschen denken können. Jede andere würde allenfalls wohl ein Symbol von einer gewissen Eigenschaft des Menschen – z. B. die Schlange als Bild der boshaften Schlauigkeit –, aber nicht das vernünftige Wesen selbst vorstellig machen. So bevölkern wir alle andere Weltkörper in unserer Einbildungskraft mit lauter Menschengestalten, obzwar es wahrscheinlich ist, daß sie nach Verschiedenheit des Bodens, der sie trägt und ernährt, und der Elemente, daraus sie bestehen, sehr verschieden gestaltet sein mögen.“

 

[94] Merkwürdiger Denkfehler.. Ironie?

[95] Ironie: wie könnte man je Verhältnisse, deren Existenz bei weitem nicht feststeht, den eigenen Verhältnissen vorziehen?

[96] Ironie

[97] Wolkenformationen in der Jupiteratmosphäre enthalten kleine Kristalle aus gefrorenem Ammoniak sowie Spuren von Verbindungen mit Kohlenstoff, Schwefel und Phosphor.

[98] Auffällig auf dem Jupiter sind die hellen und dunklen äquatorparallelen Wolkenbänder und der Große Rote Fleck – ein riesiger ovaler Antizyklon, der bereits seit rund 300 Jahren mit nur leichten Veränderungen beobachtet wird. Erstmals wurde er 1664 von dem englischen Naturforscher Robert Hooke gesehen.

[99] Ironie: aus der Tatsache, dass man keine Grund angeben kann, warum etwas nicht so sein könnte, folgt nicht, dass die Sache sich so verhält wie es möglicherweise annehmlich ist.

[100] Jupitermonde und geografische Länge auf der Erde:

Die geografische Länge ist schwierig zu bestimmen, insbesondere auf Schiffen auf dem offenen Meer. Huygens hat sich hiermit ausführlich beschäftigt (wie auch viele andere Astronomen, für die die Navigation ein Schwerpunktthema war).

Die Bestimmung der Länge mit Genauigkeit wurde erst um 1750 gelöst.

Die Gründung der ersten Observatorien war u.a. motiviert durch die Suche nach genauen Längenangaben.

Jupitermonde: Die von Galilei entdeckten Jupitermonde umkreisen den Jupiter so schnell, dass rund 1000-mal jährlich ein exakt vorausberechenbares Erscheinen oder Verschwinden eines Mondes eintritt. Sie sind also gewissermaßen als „Zeitmarken“ für die Messung der geografischen Länge geeignet. Dieser Lösungsweg war zwar auf Schiffen unbrauchbar, da wegen der Schiffsbewegungen die Beobachtungen bei weitem nicht genau genug sein konnten (Huygens spekuliert, dass die Monde auf dem Jupiter selbst aber wohl eine gute Hilfe bei der Navigation seien), dennoch bemühten sich Wissenschaftler wie Giovanni Domenico Cassini um exakte Längengradbestimmungen mittels Beobachtung der Jupitermonde.

[101] Nach heutiger Kenntnis hat nur die Venus kein Magnetfeld.

[102] Euklid von Alexandria (ca. 360  - ca. 280 v. Chr.) war ein griechischer Mathematiker.

Die überlieferten Werke umfassen sämtliche Bereiche der antiken griechischen Mathematik. Wie Huygens hat sich Euklid auch mit Musiktheorie, Optik und astronomischen Phänomenen beschäftigt.

Euklids Elemente oder Die Elemente ist eine Abhandlung, in der Euklid die Arithmetik und Geometrie seiner Zeit zusammenfasst und systematisiert. Das Werk zeigt erstmals musterhaft den Aufbau einer exakten Wissenschaft, da die meisten Aussagen aus einem begrenzten Vorrat von Definitionen, Postulaten und Axiomen hergeleitet und bewiesen werden. Dieses Vorgehen beeinflusste bis heute nicht nur die Mathematiker, sondern auch viele Physiker, Philosophen und Theologen bei ihrem Versuch, ihre Wissenschaft auf Axiomen aufzubauen.

Die Elemente wurden 2000 Jahre lang als akademisches Lehrbuch benutzt und waren bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts das nach der Bibel meist verbreitete Werk der Weltliteratur.

[103] Apollonios von Perge (*ca. 262 v. Chr. in Perge; †ca. 190 v. Chr. in Alexandria) war ein griechischer Mathematiker. In seinem bedeutendsten Werk Konika ("Über Kegelschnitte") widmete er sich eingehenden Untersuchungen über die Problematik der Kegelschnitte, Grenzwertbestimmungen und Minimum-Maximum-Problemen. Er wies nach, dass die drei verschiedenen Kegelschnitte (Ellipse, Parabel und Hyperbel), deren Namen und Definitionen er einführte, vom selben allgemeinen Kegeltypus stammen.

[104] Archimedes von Syrakus (*um 287 v. Chr. Syrakus auf Sizilien; †212 v. Chr. ebenda) war ein antiker griechischer Mathematiker, Physiker und Ingenieur. Seine Werke waren auch noch im 16. und 17. Jahrhundert bei der Entwicklung der höheren Analysis von Bedeutung. Huygens nennt hier die Werke De quadratura parabolae (Quadratur der Parabel; Inhalt: Fläche eines Parabelsegments) und De sphaera et cylindro (Kugel und Zylinder; Inhalt: Volumen von Kugel und Zylinder).

Mit seinen Überlegungen zur Flächen- und Volumenberechnung nahm Archimedes Ideen der Integralrechnung späterer Denker und Dialogpartner von Huygens (Leibniz, Newton) vorweg.

Huygens selbst hat auch über die Quadratur des Kreises und der Parabel veröffentlicht: dies war seine erste Veröffentlichung 1651.

[105] Die Analysis ist ein Teilgebiet der Mathematik, dessen Grundlagen (Infinitesimalrechnung) von Huygens‘ Dialogpartnern Gottfried Wilhelm Leibniz und Isaac Newton unabhängig voneinander entwickelt wurden.

[106] Ironie: ein Beweis ist vor allem schlüssig und überzeugend.

[107] Enharmonik war in der antiken Musiklehre eine Bezeichnung für eine Art der Tonleiterbildung. Der Begriff wird später unterschiedlich angewendet, für verschiedene oder gerade für gleiche Tonstufen. Vielleicht ist hier die enharmonische Verwechslung gemeint (Wechsel in eine andere Tonart).

[108] Descartes‘ erstes naturwissenschaftliches Werk, das mathematisch-physikalisch orientierte Musicae compendium (1618), war dem niederländischen Arzt und Naturforscher Isaac Beeckman gewidmet, der Descartes und seine Philosophie stark beeinflusst hat.

[109] Huygens verwendet nun die Planetenbewohner deutlich als Bauchsprechpuppen und Vertreter seiner eigenen Theorien. Hier an dieser Stelle geht er außerdem auffallend stark ins Detail; die Musiktheorie muss ihm sehr am Herzen gelegen haben.

[110] Starke Ironie: Huygens selbst hat es beobachtet.

[111] Das pythagoreische Komma ist eine Abweichung, die bei Tasteninstrumenten entsteht, die pro Oktave nur zwölf verschiedene Töne erzeugen können. Sie lassen sich nicht so stimmen, dass in allen Tonarten mit absolut reinen Intervallen gespielt werden kann. In der Praxis wird versucht, beim Stimmen von Musik-Instrumenten dieses pythagoreische Komma, also diesen „Fehler“, möglichst sinnvoll auf alle Töne zu verteilen.

[112] [Hier folgt im Text eine sehr detaillierte Passage, ein Exkurs, den ich hier überspringe, weil dieser nur für Musikliebhaber und/oder zusammen mit den musiktheoretischen Publikationen von Huygens verständlich ist, und mit dem Thema des Briefes und des Buches nichts zu tun hat. Vermutlich hatte Constantijn Huygens, an den der Brief in erster Linie gerichtet ist, viel Kenntnis über Musiktheorie].

[113] Die hypothetischen Planetenbewohner als unser Spiegel und unsere Gelegenheit zur Selbstreflexion.

[114] Hier sehr sorgfältig formuliert.

[115] Ironie, vor allem in Kombination mit dem ersten Teil des Satzes.

[116] Ein Kernbestandteil des Pythagoreismus war der Vegetarismus.

Der Pythagoreismus verbindet sich mit auch mit Huygens‘ Gedanken über Musiktheorie: die Pythagoreer teilten die Grundüberzeugung, dass die gesamte erkennbare Welt eine auf der Basis bestimmter Zahlen und Zahlenverhältnisse aufgebaute, prinzipiell harmonisch gestaltete Einheit sei.

Die Musik war derjenige Bereich, in dem die Grundidee einer auf Zahlenverhältnissen beruhenden Harmonie am einfachsten demonstrierbar war. Den musikalischen Gesetzmäßigkeiten galt die besondere Aufmerksamkeit der Pythagoreer.

Pythagoras wurde in der Antike allgemein als Begründer der mathematischen Analyse der Musik angesehen. Die Musik war durch die pythagoreische Idee der klingenden Himmelsharmonie mit der Astronomie verbunden, und durch die Messbarkeit der Tonhöhen mit der Mathematik.

Der von Huygens in der Einleitung seines Briefes zitierte Archytas war der bedeutendste Pythagoreer des 4. Jh. v. Chr.

In der Neuzeit haben sich seit der Renaissance einzelne Naturphilosophen so stark von pythagoreischem Gedankengut beeinflussen lassen und so nachdrücklich zur pythagoreischen Tradition bekannt, dass man sie als Pythagoreer bezeichnen kann. Ihnen ging und geht es darum, das Universum als einen nach mathematischen Regeln sinnvoll und ästhetisch durchstrukturierten Kosmos zu erweisen. Diese harmonische Ordnung soll in den Planetenbahnen ebenso wie in musikalischen Proportionen und in der Zahlensymbolik erkennbar sein. Besonders eifrig bemühte sich Johannes Kepler, die Planetenbewegungen als Ausdruck einer vollkommenen Weltharmonie zu erweisen und astronomische Proportionen mit musikalischen zu verbinden. Auch bei Leibniz trifft man pythagoreische Gedanken an, und nicht zuletzt bei Huygens selbst, zum Beispiel in seiner berühmten Schrift über den Saturn, wo er in der Einleitung über die göttlich vorherbestimmte Zahl von zehn Planeten schreibt (wozu er auch die ihm bekannten Monde zählt).

[117] Unbekannt. Auch die Herausgeber der Oeuvres complètes geben an, nicht zu wissen, wer gemeint ist.

[118] Schießpulver und Bomben durchlöchern scheinbar Huygens‘ standhaften Optimismus: eine echte Anfechtung. Jedoch ist auch diese Passage ironisch, denn Huygens hat selbst dafür gesorgt, dass sich sogar im Falle des Schießpulvers das Gute mit dem Schlechten mischt: er hat als Direktor der französischen Wissenschaftsakademie die (nützliche) Erforschung des Schießpulvers als einen Programmpunkt vorgeschlagen, und später selbst einen Motor entworfen, der mit Schießpulver funktionierte:  eine Vorstufe der Dampfmaschine. Huygens dachte selbst an viele Verwendungsmöglichkeiten in der Zukunft, wie angetriebene Wagen und Flugzeuge. Floris Cohen 2010, S. 476.

[119] “Wissenschaft”, “Kunst” und “Handwerk” sind bei Huygens, wie auch im 17. Jahrhundert generell, austauschbare Begriffe. Huygens‘ Briefpartner Leibniz benannte wissenschaftliche Disziplinen als „Messkunst“, „Sehkunst“ usw. , und auch in der Praxis von Huygens gingen jedenfalls Wissenschaft und Handwerk (Instrumentenbau) ineinander über.

[120] Christiaan und sein Bruder Constantijn hatten schon zusammen Teleskope gebaut. Später hat Huygens sich in den Mikroskopbau vertieft und darüber publiziert.

[121] Huygens hat sehr präzise Pendeluhren konstruiert und hierüber veröffentlicht, Horologium Oscillatorium, 1673. Später konstruierte er auch Taschenuhren mit Spiralfedern und Unruh.

[122] Huygens hat Luftpumpen gebaut und damit experimentiert.

[123] In dem Tagebuch seiner Londonreise von 1689 beschreibt Huygens, dass Robert Boyle ihm solche Experimente vorführte.

[124]  Leibniz hatte 1678 Phosphor (aus Urin gewonnen) an Huygens geschickt. E.J. Aiton, Leibniz, -A Biography, S. 78.

[125] Huygens stand in Kontakt mit dem niederländischeren Naturforscher und Mikroskopbauer Antonie van Leeuwenhoek (1632 -1723). Im Jahr 1668 bestätigte Van Leeuwenhoek die Entdeckung des Kapillarsystems (Blutkreislauf) durch den italienischen Anatomen Marcello Malpighi und zeigte, wie rote Blutkörperchen durch die Kapillaren eines Froschbeines zirkulierten; 1674 lieferte er die erste genaue Beschreibung von roten Blutkörperchen. Diese waren 1658 von seinem Kollegen und Konkurrenten in der mikroskopischen Forschung Jan Swammerdam entdeckt worden.

[126] Van Leeuwenhoek beschrieb 1677 Samenzellen von Insekten und Menschen und widersprach der vorherrschenden Theorie von der Spontanzeugung der kleinsten Lebewesen. Huygens hat selbst bei Van Leeuwenhoek Samenzellen im Mikroskop beobachtet.

[127] Der Götterbote. Planetennamen sind auch Götternamen.

[128] Athanasius Kircher (1602 -1680) war ein deutscher Jesuit und Universalgelehrter des 17. Jahrhunderts. Wie sein Zeitgenosse Christiaan Huygens interessierte er sich für Fachgebiete wie Mathematik, Astronomie, Mechanik, Musiktheorie. Kircher war und blieb während seines gesamten Lebens ein Mann der katholischen Kirche. Stets versuchte er, die Ergebnisse seiner Arbeit in Einklang mit der Lehrmeinung der Kirche zu bringen. Entsprechend der offiziellen Lehrmeinung wandte er sich in seinem Werk Magnes (1641) gegen das Kopernikanische Weltbild und unterstützte das von Tycho Brahe; präsentierte in seinem hier von Huygens besprochenem Werk Itinerarium extaticum (1656, revidiert 1671) mehrere, alternativ mögliche Systeme, einschließlich des Kopernikanischen. Kircher galt als einer der populärsten Gelehrten der damaligen Welt. Er mischte genuine Forschung mit Intuition und bloßer Spekulation. René Descartes nannte Kircher „mehr Quacksalber als Gelehrten“.

 

 

[129] Zentrifugalkraft, zuerst von Huygens beschrieben.

[130] [Intelligentiæ motrices]

[131] Aristoteles nimmt an, dass die Himmelskörper von Gott bewegt werden, und dass Himmel und Erde sich grundlegend unterscheiden, was Bewegungsgesetze betrifft. Die Naturwissenschaft des 17. Jahrhunderts wendete sich scharf gegen die Theorien des Aristoteles, die der Lehre der katholischen Kirche zugrunde lagen.

[132] Dies schreibt Fontenelle in seinem Klassiker über die Pluralität der Welten, Kapitel „Vierter Abend“. Gratis ebook-download der englischen Version: http://www.archive.org/details/conversationson00font

[133] Wenn der Merkur zwischen Sonne und Venus bzw. Erde steht.

[134] Die inneren Planeten Merkur und Venus können von der Erde aus nicht in Opposition zur Sonne gesehen werden. Vom Merkur aus kann die Venus aber wohl in Opposition zur Sonne stehen.

[135] Die Merkurtage dauern sehr lange, ein Merkurtag entspricht 176 Tagen auf der Erde.

[136] Merkurs Rotationsachse steht fast senkrecht auf seiner Bahnebene. Deswegen können auf Merkur Jahreszeiten nicht wie auf der Erde zustande kommen. Wegen seiner stark exzentrischen Bahn schwanken die Temperaturen allerdings stark mit dem Abstand zur Sonne und ergeben sich Jahreszeiten.

[137] (in Opposition)

[138] Die Atmosphäre der Venus ist von außen völlig undurchsichtig. Das liegt hauptsächlich an einer stets geschlossenen Wolkendecke an der Unterseite der Dunstschicht, die vor allem aus Schwefelsäure besteht.

Die Wolkenoberfläche streut 75 % des Lichts der Sonne zurück. Die Erde reflektiert dagegen nur ca. 30 %.

[139] Huygens selbst hat eine dunkle, dreieckige Zone (Syrtis Major) auf der Marsoberfläche entdeckt. Aus deren Positionsveränderungen errechnete er die Eigenrotation des Mars von rund 24,5 Stunden (heutiger Wert: 24,6h).

[140] Dies stimmt nicht, die Rotationsachse ist um 25° gegen die Bahnebene geneigt. Hätte Mars eine erdähnliche Umlaufbahn, würden die Jahreszeiten aufgrund der Achsenneigung ähnlich denen der Erde sein. Jedoch führt die starke Ellipsenvorm seiner Umlaufbahn zu einer beträchtlichen Auswirkung auf die Jahreszeiten.

[141] Die rote Farbe wird durch Eisenoxid-Staub verursacht, der sich auf der Oberfläche und in der Atmosphäre verteilt hat.

[142] Die Planeten unterscheiden sich also in „Würde“, etwas das Huygens im ersten Buch grundsätzlich ablehnt, wenn es um die Planeten und ihre Bewohner geht, die nach Huygens alle ebenso viel Würde haben müssen wie die Erde und die Menschen.

Inzwischen weiß man, dass der Mars zwei kleine Monde hat.

[143] Zurecht vorsichtig formuliert: Die Galileischen Monde Io, Europa, Ganymed und Kallisto wurden 1610 unabhängig voneinander durch Galileo Galilei und Simon Marius entdeckt.

[144] Inzwischen sind mehr als sechzig Monde beim Saturn angetroffen, und es werden in den letzten Jahren immer mehr. „Falls man ein Objekt In der Größe eines Lastwagens apart benennen will, dann hat Saturn zehntausende Monde.“(Vincent Icke). Es gibt keine allgemeine Definition für die Mindestgröße eines Mondes.

[145] Der Gebrauch von sehr langen Fernrohren verursachte verschiedene technische Probleme: das Rohr bog sich durch.

[146] Hofwijck, das Landhaus der Familie Huygens außerhalb von Den Haag, wo Christiaan Huygens ab 1688 wohnte, ist noch immer erhalten, jetzt als Huygens-Museum.

[147] Die Brüder Huygens schliffen nicht nur selbst die Linsen, sie entwarfen auch Linsenschleifmaschinen.

[148] Ausgehend vom Abstand Jupiter – Kallisto von 1.883.000 km und Erde-Mond von 384.400 km ist das heute bekannte Verhältnis der Abstände kleiner, etwa 5:1.

[149] Zum Vergleich: der Jupitermond Io hat einen Durchmesser von 3643 km, Europa 3122 km, Ganymed (der größte Mond im Sonnensystem) um 5262 km. Kallisto hat einen Durchmesser von 4821 km; der Erdmond 3476 km, also sehr ähnlich wie die Jupitermonde. Die Erde hat einen Durchmesser von 12.756 km. Huygens überschätzt die Größe der Jupitermonde, wie er auch überhaupt die Größe aller Planeten um ca. 30% überschätzt, siehe Albert van Helden, Measuring the Universe S. 126 ff.

[150] Dies ist eine Anerkennung des Werks von Cassini, der, wie Huygens an seinen Bruder Lodewijk schrieb, in seinem Observatorium wohnte, und keine klare Nacht ausließ bei seiner Arbeit.

[151] John Flamsteed (1646 -1719) war ein englischer Astronom, mit dem Huygens in Kontakt stand.

[152] Als Parallaxe bezeichnet man die scheinbare Änderung der Position eines Objektes, wenn der Beobachter seine eigene Position verschiebt. Aufgrund der Parallaxe lassen sich Entfernungen abschätzen und berechnen.

[153] 1672 ermittelte Cassini in Paris zusammen mit Jean Richer in Cayenne den Abstand Erde–Mars. Damit konnte man erstmals den Abstand Erde–Sonne und damit alle Abstände im Sonnensystem angeben.

[154] Diese Schätzung stimmt recht gut: der Abstand Erde-Sonne beträgt gemittelt 150 Millionen Kilometer, der Durchmesser der Erde 12.756 km. Nach Albert van Helden (Measuring the Universe, S. 122) war es mehr oder weniger Zufall, dass Huygens diesen Abstand so gut einschätzte.

[155] Was heutzutage streng abgeraten wird, man darf niemals direkt in die Sonne blicken.

[156] Drittes keplersches Gesetz

[157] Die Saturntage sind etwas länger als zehn Stunden.

[158] Die Rotationsachse des Saturn ist in Wirklichkeit um ca. 27 ° gegen seine Umlaufbahn geneigt.

[159] Vincent Icke: „[…] heutzutage wissen wir, dass die Ringe des Saturns aus kleinen Brocken Eis und Gestein bestehen, ungefähr so groß wie ein größerer Rucksack, oder kleiner, die alle in beinahe exakt derselben Ebene um den Planeten drehen: das Ringsystem ist nur ungefähr zehn Meter dick. Wenn das Ringsystem dicker wäre, würden die Brocken so oft aufeinander stoßen, dass der Ring von selbst wieder platter werden würde.“

[160] Vincent Icke: „Dies ist eine etwas problematische Feststellung, denn Huygens nimmt hier implizit an, dass der Ring eine dicke Scheibe ist, durch die kein Sonnenlicht dringt. In dem Falle ist der Ring nur sichtbar, wenn das Sonnenlicht darauf fällt. Wenn der Äquator des Planeten in der Ebene des Ringes liegt- was in der Tat der Fall ist- sieht nur die Hälfte der Saturnianer den erleuchteten Ring, die anderen sehen die dunkle Unterseite, hinter der sich die Sterne verbergen. Wir wissen jetzt, dass der Ring kein fester Körper sein kann, und eigentlich hätte Huygens das auch wissen können. Eine der Regeln für Bahnbewegungen, die er kannte, ist das dritte keplersche Gesetz: die Umlaufzeit um die Sonne und um einen Planeten nimmt nach außen ab. Die Innenseite des Ringes müsste sich also viel schneller drehen als die Außenseite, wodurch so ein großer Körper auseinander gerissen würde. Kleinere Objekte können diese Kraft vertragen, aber auch dann ist etwas davon zu merken, so wie Gezeitenkräfte. Die Ringe des Saturns bestehen aus einer hauchdünnen Wolke Eissteinchen, so platt, dass ein Skalenmodell in der Größe eines Bierdeckels hundertmal dünner sein würde als ein Stück Papier.”

[161] Vincent Icke: „[…] wie Huygens dazu kommt, zu behaupten, dass das Licht schwächer ist als das unseres Mondes, weiß ich nicht. Der Saturn steht zwar mehr als achtmal weiter weg von der Sonne als unser Mond, und fängt beinahe 70-mal weniger Licht, aber wie viel davon reflektiert wird, hängt davon ab, wie weiß das Material des Ringes ist und - wenn man den Ring mit dem Mond vergleicht- , wie schwarz der Mond ist, und das konnte Huygens nicht wissen.“

[162] Siehe Keplers spielerische Erläuterung im Anhang seines Somniums (S. 102ff)

[163] Die Tiefebenen auf dem Mond werden auch heute noch „Maria“ (Meere) genannt, weil man sie früher für Meere hielt.

[164] Huygens beschreibt die Einschlagkrater.

[165] Xenophanes von Kolophon (* um 570 v. Chr.; † um 470 v. Chr.) war ein vorsokratischer Philosoph und Dichter. Nach Cicero hatte Xenophon gesagt, dass der Mond wie unsere Erde bewohnt sei (Cicero, Acad. II, 39). Ausführliche Texte des Xenophon zu diesem Thema sind nicht überliefert.

[166] Neue Forschungsergebnisse lassen vermuten, dass auf dem Saturnmond Titan (der von Huygens zuerst beobachtet wurde) eine primitive Lebensform auf Methanbasis existieren könnte, also ohne Wasser.

[167] Plutarch, Moralische Abhandlungen, Seite 267 ff.

[168] Titan hat eine an den Saturn-Umlauf “gebundene Rotation”. Das bedeutet, dass immer dieselbe Seite dem Planeten zugewandt ist, wie dies für den Erdmond und alle anderen großen Trabanten ebenfalls gilt.

[169] Verstand und Gefühl, Wissenschaft und literarische Mittel, Genauigkeit und Phantasie treffen sich hier auf eine ganz besondere Weise.

[170] Vincent Icke: „[…] nicht nur sieht man die Erde an einem festen Platz am Himmel drehen, diese prächtige blauweiße Kugel, sondern sieht man auch die Zunahme und Abnahme der Erdscheingestalten. Man kann ‚Volle Erde‘ haben, wenn man auf dem Mond steht: dann ist es Nacht auf dem Mond. Steht dagegen die Sonne hoch am Mondhimmel, dann sieht man vom Mond aus die Nachtseite der Erde. Dazwischen hat man dann noch die halbe Erde und die Hörner, die Sichelformen, wenn die Sonne beinahe hinter der Erde steht.“

[171] Vincent Icke: „Das ist eigentlich eine kleine Unterschätzung, trotz der Tatsache, dass die Erdoberfläche nur 13-mal größer ist als die des Mondes und nicht 15-mal. Huygens wusste nicht, dass die Mondoberfläche ungefähr so schwarz ist wie eine Schultafel, und darum 90 Prozent des Lichtes absorbiert. Aber die Erde mit den strahlenden Ozeanen und weißen Wolken reflektiert das Sonnenlicht viel besser, darum kommt von der Erde noch viel mehr Licht als fünfzehn volle Monde. Darum auch ist es in der Mondnacht auf dem Mond nicht dunkel, denn da am Himmel, auf ihrem festen Platz, steht unsere Erde und scheint so hell auf die Oberfläche des Mondes, dass man dies selbst von der Erde aus sehen kann.“

Es war Leonardo da Vinci, der zuerst eine Erklärung für die Erscheinung des „aschgrauen Glanzes“ innerhalb der schmalen Mondsichel fand, der auch Erdschein, Erdlicht oder aschgraues Mondlicht genannt wird: dies ist das Sonnenlicht, das von der Erde auf die von der Sonne unbeleuchtete Seite des Mondes geworfen wird, und von dort aus wieder zurückreist zum Wahrnehmer auf der Erde.

[172] Kepler in seinem “Somnium”, wo er die Perspektive der Mondbewohner ausführlich beschreibt: “..so erleuchtet doch die Volva [=die Erde] die [Mond-] Länder und schützt sie vor Kälte, denn eine solche Masse, ein solcher Glanz kann unmöglich nicht wärmen.“

[173] Vermutlich meint Huygens hier, dass der Anblick der stillstehenden Erde weniger Fragen verursacht als der Anblick des auf- und untergehenden Mondes.

[174] Hesiod (vor 700 v. Chr) war ein griechischer Dichter; Hesiods Werke sind mit die Hauptquelle der griechischen Mythologie.

[175] Hesiod, Theogonie, (720-819: Hades)

„So tief unter die Erde, so weit von der Erde der Himmel.

Denn so weit von der Erde zum Tartos ist es dem düstern.

Müsste ja doch neun Tag' und Nächte ein eherner Amboss

Fallen vom Himmel herab, am zehnten zur Erde gelangend, -

Denn gleich weit von der Erde zum Tartos ist es dem düstern.

Wieder dann müsste neun Tag' und Nächte ein eherner Amboss

Fallen herab von der Erde, am zehnten den Tartaros treffend.“

[176] Marin Mersenne (1588 -1648) war ein französischer Theologe, Mathematiker und Musiktheoretiker.

Als vehementer Gegner des Aristotelismus sowie mystischer Lehren (Alchemie, Astrologie,) unterstützte er die modernen Naturwissenschaften, die astronomischen Theorien des Galilei und die Philosophie René Descartes’. Ab 1623 korrespondierte Mersenne intensiv mit führenden Gelehrten oder suchte sie persönlich auf, darunter Galilei, Descartes und Constantijn Huygens, den Vater von Christiaan Huygens. Dadurch wurde Mersenne ein wichtiger Vermittler von Informationen und Kontakten zwischen den zeitgenössischen Wissenschaftlern. Huygens machte er auf die Verwendbarkeit des Pendels in der Zeitmessung aufmerksam (was zur Erfindung der Pendeluhr führte).

[177] Mersenne unternahm verschiedene Experimente mit Kanonen, unter anderem, um die Schallgeschwindigkeit zu messen. Es ist nicht ganz deutlich, welches Buch Mersennes hier gemeint ist.

[178]Die Toise (entspricht dem deutschen Wort Klafter), Symbol T, ist eine alte französische Längeneinheit. Im Laufe der Zeit gab es Toisen mit verschiedenen Längen und Bezeichnungen. Ursprünglich war die Toise carlovingienne oder Toise des maçons 1,9603 m lang und hatte 6 pieds (Fuß).  

[179] Mersenne maß den ersten Wert für die Schallgeschwindigkeit in Luft, indem er die Zeit zwischen der Sichtung eines Mündungsfeuers und der Wahrnehmung des Schusses maß. Er erhielt den (zu hohen) Wert 448 m/s. In der Harmonie Universelle von 1636 versuchte er erneut eine Messung mit einer anderen Methode: Er maß die Zeit, bis der Direktschall als Echo von einer in bekanntem Abstand stehenden Wand zurückkam, und erhielt so den Wert 316 m/s. Der korrekte Wert entspricht etwa 342 m/s.

[180] Cassini und andere, siehe auch oben.

[181] Abhandlung über das Licht; über die Wellennatur des Lichts.

[182] Sonnenfackeln (deren Existenz Huygens also bestreitet) sind Gebilde mit erhöhter Helligkeit und Temperatur auf der Sonne. Sie befinden sich in der Nähe der Sonnenflecken und breiten sich flächig und in langen Lichtlinien aus.

Christoph Scheiner (1573-1650), Jesuitenpater, Optiker und Astronom in Ingolstadt, gilt als Mitentdecker der Sonnenflecken. In dem Werk Rosa Ursina sive Sol beschrieb er die Bahn der Sonnenflecken im Lauf eines Jahres, berechnete die Rotationszeit der Sonne und fand ihre Achsenneigung. Im letzten Teil des Buches schreibt er über Sonnenflecken und Sonnenfackeln.

[183] “Grundriss der kopernikanischen Astronomie“, 1617-21

[184] Kepler versuchte die Planetenbewegung auf eine Kraft zurückzuführen, die dem Magnetismus ähnelte, die Anima motrix. Diese Kraft ging, wie er glaubte, von der Sonne aus. Obwohl er die Gravitation nicht entdeckte, scheint er als erster versucht zu haben, ein empirisches Gesetz anzuwenden, um die Bewegung sowohl der Erde als auch der Himmelskörper zu erklären.

[185] Als Sterne 1. Größe werden seit der griechischen Antike die hellsten Fixsterne bezeichnet.

Am gesamten Sternhimmel gibt es etwa 20 Sterne 1. Größe.

[186] Das aristotelische Dogma, dass Gott nichts umsonst erschafft, und zwischen den Himmelkörpern also kein enormer nutzloser leerer Raum existieren darf, war für Tycho Brahe ein Hauptargument gegen das kopernikanische System. Thomas Bührke, Sternstunden der Astronomie: von Kopernikus bis Oppenheimer, S. 106.

[187] Die Sonne ist ihrer Größe nach ein mittelgroßer Stern.

[188] Siehe auch Volker Bialas, Johannes Kepler.

[189] Gemeint sind die von Euklid genannten platonischen Körper, siehe nächste Anmerkung.

[190] In seinem 1596 veröffentlichten Buch Mysterium Cosmographicum (Das Weltgeheimnis) versuchte Kepler, die Bahnen der damals bekannten fünf Planeten Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn mit der Oberfläche der fünf platonischen Körper in Beziehung zu setzen. Die Umlaufbahn des Saturns stellte er sich dabei als Großkreis auf einer Kugel vor, die einen Würfel (Hexaeder) umschließt. Der Würfel umschließt wiederum eine Kugel, welche die Jupiterbahn beschreiben soll (siehe Abbildung bei Wikipedia, Kepler-solar-system-1.png). Diese Kugel wiederum schließt ein Tetraeder ein, das die Marskugel umhüllt. Huygens bezieht sich hier auf Keplers erstes Buch, das dieser geschrieben hat, bevor er seine wichtigen, nach ihm benannten Gesetze gefunden hatte.

[191] Kepler war ein pythagoreischer Mystiker. Er glaubte, dass die Grundlage der Natur mathematische Beziehungen seien und alle Schöpfung ein zusammenhängendes Ganzes. Diese Auffassung stand im Gegensatz zur Platonischen und Aristotelischen Lehre, wonach die Erde grundsätzlich verschieden vom Rest des Universums sei. Kepler steht deshalb mehr in der Tradition von Pythagoras als von Plato, trotz der Verwendung der platonischen Körper.

[192] Huygens verwirft auch das heliozentrische Modell als zu begrenzt, wenn er von vielen Sonnen spricht.

[193] Sirius ist der hellste „Fix“stern am Nachthimmel. Mit 8,6 Lichtjahren Entfernung ist Sirius eines der nächsten Gestirne. Sirius ist knapp doppelt so groß wie die Sonne, leuchtet allerdings mit 25-facher Leuchtkraft im Vergleich zu der Sonne.

[194] Die Linie ist eine altdeutsche Maßeinheit die etwas mehr als 2 Millimeter misst. (Altdeutsches Einheiten-System: Linie>Zoll>Fuß>Elle>Klafter>Rute>Meile)

[195] Lehre vom Sehen mit gebrochenen Strahlen; Theorie von Linsen, Mikroskopen und Fernrohren.

[196] Als Größenvergleich für eine Winkelminute kann der Mond herangezogen werden. Für einen Beobachter auf der Erde erstreckt sich der Durchmesser des Mondes über einen Winkelbereich von ca 31 Winkelminuten.

[197] Vincent Icke: „Descartes‘ Gedanke war, dass für die Planetenbahnen eine Erklärung zu finden sein musste, dass also eine Kraft diese Bewegungen steuern musste.

Er stellte die Behauptung auf, dass die Planeten in ihren Bahnen angetrieben werden durch eine matière subtile, eine unsichtbare Materie. In der Astronomie würde man heutzutage vielleicht dunkle Materie oder dunkle Energie sagen, ein hypothetischer „Stoff“, der den handfesten Stoff, aus dem wir gebaut sind, in Wirbeln oder „vortices“ mit sich mitnimmt. Der Grund, dass diese Wirbel bestehen bleiben konnten, war nach Descartes, dass sie durch die Wirkung von angrenzenden Wirbeln beeinflusst würden.“

[198] Abhandlung von der Ursache der Schwerkraft.

[199] Giovanni Alfonso Borelli (1608 -1679) war ein italienischer Physiker und Astronom.

1666 erschien Borellis astronomisches Hauptwerk: „Theoricae Mediceorum plantarium ex causis physicis deductae“. Die Planeten schwimmen im Gleichgewicht zur Sonne (sowohl angezogen als auch abgestoßen) im Äther und werden von Sonnenstrahlen im Kreis herumgeführt.

Borelli hat Huygens in einer wichtigen Sache unterstützt: Als Huygens 1659 seine Beobachtungen am Saturn (den neuen Mond Titan und das Ringsystem Systema Saturnium), publizierte, bekam er Probleme mit der katholischen Kirche, die seine Entdeckungen als ketzerisch beurteilte, weil sie das kopernikanische System stützten. Der Jesuit Honoré Fabri und der Instrumentenmacher Guiseppe Divini publizierten eine Wiederlegung der Beobachtungen und Theorien von Huygens, worauf dieser mit einer Verteidigungsschrift kam. Schließlich kam eine Beurteilungskommission unter Leitung von Giovanni Alfonso Borelli zur Schlussfolgerung, dass Huygens recht hatte. Im Auftrag der Kommission wurde ein Modell des Saturns und seines Ringes gebaut, und dieses aus dem Abstand mit einem Fernrohr betrachtet, wobei man genau die wahrgenommenen Scheingestalten des Saturns fand.

[200] Sir Isaac Newton (1642-1726) war ein englischer Naturforscher. Isaac Newton ist der Verfasser der Philosophiae Naturalis Principia Mathematica, in denen er mit seinem Gravitationsgesetz die universelle Gravitation und die Bewegungsgesetze beschrieb. Er beschrieb die Schwerkraft als Ursache der Planetenbewegungen.

[201] Die keplerschen Planetengesetze wurden später von Newton in den allgemeineren Zusammenhang seines Gravitationsgesetzes gestellt.

Das erste keplersche Gesetz (Die Umlaufbahn eines Trabanten ist eine Ellipse; einer ihrer Brennpunkte liegt im Schwerezentrum des Systems) ergibt sich aus Newtons Gravitationsgesetz, sofern die Masse des Zentralkörpers wesentlich größer als die der Trabanten ist und die Wechselwirkung des Trabanten auf den Zentralkörper vernachlässigt werden kann.