Die Aktualität von Eriksons Theorie der Lebensspanne

Die Aktualität von Eriksons entwicklungspsychologischer Theorie (Link zu Text auf NL)

Eriksons Theorie der LebensspanneDie psychosoziale Entwicklungstheorie von Erik Erikson ist auch heutzutage immer noch bedeutsam. Regelmäßig erscheinen neue Studien zu dieser Theorie, so wie in diesem Jahr in der führenden Zeitschrift Developmental Psychology. Das psychosoziale Modell von Erikson wurde hier in einer Langzeitstudie mit erwachsenen Probanden im mittleren und höheren Lebensalter empirisch überprüft (siehe unten). Jetzt, wo sich „Entwicklungspsychologie“ zur „Psychologie der Lebensspanne“ weiterentwickelt hat, ist die Theorie von Erikson besonders relevant. Oft wird empirische Unterstützung für seine Konzepte gefunden. Dies ist bemerkenswert, weil die empirischen Grundlagen für psychodynamische Konzepte häufig fehlen und Eriksons Modell außer durch die Psychoanalyse auch durch die Literatur (kein empirisches Fach!) inspiriert wurde: Shakespeares „Seven Ages of Man“

Erik Erikson war ein Kinder-Psychoanalytiker, der bei Anna Freud in Wien ausgebildet wurde. Auch hatte er eine Montessori-Ausbildung, die ihn dazu inspirierte, die normale und positive Entwicklung von Kindern vertiefend zu studieren. Dies bereicherte sein psychoanalytisches Denken. Nachdem er wegen dem Aufstieg der Nazis in den dreißiger Jahren aus Europa in die USA emigrierte, wurde er dort ein berühmter Kinderanalytiker. Er entwickelte ein Interesse an Anthropologie , nachdem er mit Margaret Mead, Gregory Bateson und Ruth Benedict in Kontakt gekommen war. Der anthropologische Einfluss ist in allen seinen Schriften stark erkennbar. Im Jahre 1950 erschien sein berühmtes Buch Kindheit und Gesellschaft, wo er acht Stufen der psychosexuellen Entwicklung sowie das Konzept der Identitätskrise beschreibt. Kind und Gesellschaft erweitert und vertieft das Modell Freuds. Die Freudsche Terminologie und das Freudsche Denken sind hier immer noch sehr erkennbar. Allerdings spielen bei Erikson soziale, gesellschaftliche und soziale Aspekte und persönliches Wachstum und innere Integration eine viel größere Rolle als bei Freud.  Erikson bewerkte (zusammen mit seiner Frau  Joan Erikson ) das Modell von Freud und wandte es auf die späteren Lebensphasen an. Er entwickelte das erste ganzheitliche Modell der Psychologie der Lebensspanne. Im Gegensatz zu Freud spricht Erikson nicht von „Trauma“, sondern von einer „Krise“ als einem bestimmten charakteristischen Konflikt in jeder Lebensphase. Dieser Konflikt ist nicht wie bei Freud intrapsychisch verursacht, sondern findet zwischen Individuum und Umwelt oder Gesellschaft statt. Aber dieser psychosoziale Konflikt kann durchaus auch ein innerer Konflikt sein, und braucht keineswegs die Form eines sozialen Gegensatzes anzunehmen. Persönliche Probleme entstehen dann, wenn eine zu einem bestimmten Stadium gehörende Entwicklungsaufgabe (oder Dilemma) nicht konstruktiv gelöst wird.

Eriksons Phasen der psychosozialen Entwicklung, Eriksons Theorie der Lebensspanne

Eriksons Theorie der Lebensspanne
Seven Ages of Man

Im ersten Lebensjahr geht es um den Aufbau von fundamentalem Vertrauen. Wenn ein Kind körperlich und sozial liebevoll betreut wird (Spiel, gute Interaktion), entwickelt es ein Urvertrauen. Konsequente und liebevolle Aufmerksamkeit legt den Grundstein für ein gutes Selbstvertrauen und Vertrauen in der Welt.

Im Kleinkindalter geht es um Autonomie. Das Kind kann und will neue Dinge tun und ausprobieren, und sollte dafür Freiheit, aber auch eine gute Unterstützung erhalten, sodass es nicht zu viele schlechte Erfahrungen macht und ängstlich wird.

Im Kindergartenalter entwickelt das Kind mehr und mehr eigene Initiative und muss hierzu Gelegenheit erhalten; muss aber auch realistische, schützende Grenzen respektieren.

Im Grundschulalter lernt das Kind, produktiv zu sein, und die Dinge selbst zu machen. Es kann selbst planen und Verantwortung übernehmen. Für ein gut entwickeltes Selbstvertrauen ist es wichtig, dass das Kind hierbei Erfolg erlebt.

Die Pubertät ist die Phase, in der es um die Ich-Identität geht. Wer bin ich, wie hängen die Teile meiner Person und meine Erfahrungen zusammen, und was will ich? Dies ist die Leitfrage in einem oft schwierigen Prozess, eine einheitliche Vision von sich selbst und der eigenen Zukunft zu entwickeln und die eigene Vision auch auf die Bedürfnisse der Gesellschaft anzupassen. In diesem Bereich der Identitätsentwicklung in der Pubertät und im frühen Erwachsenenalter (bis ca. 24 Jahre) wird jetzt – auch in Deutschland und den Niederlanden – intensiv geforscht, in den Spuren von Erikson und seines Nachfolgers Marcia.

Im jungen Erwachsenenalter bis zum Alter von 40 Jahren ist das Hauptthema der Aufbau intimer Beziehungen mit Partner und/oder Freunden.

Die Phase der sogenannten „Generativität“ in der Mitte des Lebens (Produktivität, Kreativität, soziales Engagement, die Sorge für zukünftige Generationen) wird auch häufig in neuen Studien untersucht, so auch in der neuen Studie in Developmental Psycholog (siehe unten). Dieses Stadium und das Konzept von Generativität/Produktivität/Engagement spricht moderne Menschen stark an und lässt sich gut mit den populären Vorstellungen der positiven und humanistischen Psychologie verbinden. Der humanistischen Psychologie ist Erikson sicherlich auch durch sein Buch über Gandhi nahe, wo er sein psychosoziales Modell an der Gandhi-Biographie zeigt. Erikson denkt- anders als hyperoptimistische Denker – immer in Gesellschafts- und Sozialbeziehungen, das bewahrt ihn vor den Exzessen einer oberflächlichen Selbstoptimierung.

Die letzte Eriksonsche Stufe, bei alten Menschen, ist im besten Fall eine Phase der Ich-Integrität und Weisheit: Integration der früheren Aufgaben und Frieden mit sich selbst, dem Leben und dem Tod. Auch diese Phase wird jetzt in der Erikson-orientierten Forschung viel studiert, wie auch in der neuen Studie von Malone et al.

Übrigens ist es wichtig – und dies wird oft übersehen-, dass die Phasen von Erikson nicht hart und deterministisch abgegrenzt sind, sondern flüssig und variabel sind. Es ist auch nicht wahr, dass ein bestimmtes Thema (= innere Krise, Entwicklungsaufgabe) streng mit einem bestimmten Alter verbunden ist. Jede Krise kann auch auf einer anderen Altersstufe stattfinden, das betont auch Erikson selbst. Jedoch ist ein bestimmtes Dilemma in einem bestimmten Alter am wahrscheinlichsten. So spielen Identitätsfragen auch noch lange nach der Adoleszenz eine wichtige Rolle, auch wenn sie im frühen Erwachsenenalter am dringendsten sind.

Neue Untersuchung

Die Studie verwendet prospektive Längsschnittdaten, um zu untersuchen, wie sich die Qualität der gemessenen Eriksonschen psychosozialen Entwicklung in der Lebensmitte zu kognitivem und emotionalen Funktionieren verhält. Auch wurde untersucht, ob dabei Depression in der späteren Lebenshälfte eine Rolle spielt. Teilnehmer waren 159 Männer aus einer longitudinalen Studie zu Entwicklung Erwachsener. Die psychosoziale Entwicklung im Sinne von Erikson wurde zunächst im Alter von 30‑47 Jahren in Interviews gemessen. Später wurde im Alter von 75‑85 Jahren eine neuropsychologische Messung durchgeführt, die kognitiven Status und Steuerung sowie Gedächtnis erfasste. Darüber hinaus wurde depressive Symptomatik anhand der Geriatric Depression Scale gemessen. Die Ergebnisse zeigten, dass höhere Eriksonsche psychosoziale Entwicklung 3 bis 4 Jahrzehnte später mit besserer kognitiver Funktion und Kontrolle und geringere Depression zusammenhing. Dagegen zeigte sich kein Zusammenhang zwischen Eriksonscher Entwicklung und Gedächtnis. Depression im höheren Alter ist dabei eine Mediatorvariabele für die Beziehung zwischen Eriksonscher Entwicklung und kognitiver Funktion und Kontrolle. Alle diese Ergebnisse waren für Ausbildungsniveau und Intelligenz kontrolliert.

Die Ergebnisse haben wichtige Implikationen für das Verständnis der dauerhaften Vorteile des psychosozialen Engagements im mittleren Erwachsenenalter für die kognitive und emotionale Gesundheit im späteren Leben. Darüber hinaus kann es sein, dass weniger erfolgreiche psychosoziale Entwicklung Depressionen begünstigt.

Malone, Johanna C.; Liu, Sabrina R.; Vaillant, George E.; Rentz, Dorene M.; Waldinger, Robert J.

Midlife Eriksonian psychosocial development: Setting the stage for late-life cognitive and emotional health

Developmental Psychology, Vol 52(3), Mar 2016, 496-508.

 

Maria Trepp, Diplompsychologin

 

Persönlichkeitsveränderung im Laufe des Lebens

Persönlichkeitsveränderung im Laufe des Lebens

Was bestimmt das Handeln der Menschen? Viele von uns erklären menschliches Verhalten intuitiv mit Persönlichkeitsmerkmalen: also mit einem charakteristischen Muster des Denken, Fühlens und Verhaltens, das im Laufe der Zeit einigermaßen stabil und in verschiedenen Situationen konstant bleibt.

Um Persönlichkeitsmerkmale wüten seit den 1960er Jahren heftige wissenschaftliche Debatten, wobei einige Psychologen argumentieren, dass Situationen und nicht feste Persönlichkeitseigenschaften die wichtigsten Ursachen des Verhaltens sind. Persönlichkeit ist zum großen Teil oder jedenfalls zur Hälfte erblich. Lernpsychologen bezweifeln aber den Einfluss von Erblichkeit, und unterstreichen, dass Situationen und Lerngeschichte das Verhalten beeinflussen, mehr als stabile interne oder erbliche Faktoren.

In den letzten zwei Jahrzehnten wurde in umfangreichen Untersuchungen festgestellt, dass Persönlichkeitsmerkmale existieren, und auch durchaus das tatsächliche Verhalten einer Person vorhersagen können und auch Vorhersagekraft haben, was verschiedene Indikatoren von Lebenserfolg betrifft wie z.B. Einkommen.

Die Auswirkungen von Persönlichkeitseigenschaften auf Verhalten sind am einfachsten zu erkennen, wenn Menschen immer wieder in den unterschiedlichsten Situationen beobachtet werden. In einer einzigen bestimmten Situation wird das Verhalten einer Person durch sowohl die Persönlichkeit als auch die Situation beeinflusst. Aber wenn jemand in vielen verschiedenen Situationen beobachtet wird, kann man den Einfluss der Persönlichkeit auf das Verhalten feststellen.

Viele Untersuchungen und Berechnungen haben auch ergeben, welche Persönlichkeitsmerkmale für Verständnis von Verhalten am wichtigsten sind. Das Hauptmodell (universale Standardmodell) der Persönlichkeitspsychologie heißt Big Five oder auch Fünf-Faktoren-Modell (FFM). Dies ist ein Persönlichkeitsmodell, das fünf Hauptdimensionen der Persönlichkeit zeigt: Extraversion (Gegenpol: Introversion), Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, Neurotizismus (= negative Emotionalität) und Offenheit für neue Erfahrungen.

Big Five copyright ctp. publication at gmail
Big Five copyright ctp. publication at gmail

Persönlichkeitsmerkmale sind zwar relativ stabil über die Zeit hinweg, sie können sich jedoch auch während der Lebensdauer allmählich ändern und zwar  in der Regel in eine positive Richtung. Viele Studien zeigen, dass die meisten Erwachsenen verträglicher, gewissenhafter und emotional belastbarer sind, wenn sie älter werden. Diese Veränderungen entwickeln sich über Jahre oder Jahrzehnte. Mehrere Untersuchungen der letzten Jahre haben dies gezeigt, die interessanteste und ausführlichste (über 1 Million Probanden) stammt von Christopher J. Soto und anderen und wurde im Journal of Personality and Social Psychology veröffentlicht (Age Differences in Personality Traits From 10 to 65: Big Five Domains and Facets in a Large Cross-Sectional Sample, Journal of Personality and Social Psychology 2011, Vol. 100, No. 2, 330–348). Es geht hierbei um eine Querschnittsstudie, was heißt, dass verschiedene Personen auf verschiedenen Altersstufen untersucht wurden, und also nicht die gleichen Personen mehrere Male getestet wurden, wie bei einer Längsschnittstudie, die zuverlässigere Aussagen ermöglicht.

Die Untersuchung von Soto et al. ist aus mehreren Gründen sehr interessant:

  • Es werden Persönlichkeitsunterschiede bei Personen im Alter von 10 Jahren bis zu 65 Jahren untersucht
  • Die Ergebnisse werden geschlechterspezifisch analysiert
  • Die Ergebnisse werden nicht nur auf der Ebene der 5 Big Five-Dimensionen untersucht, sondern auch noch detaillierter: getrennt für zwei verschiedenen Facetten pro Big Five-Dimension. Bei manchen Big Five-Dimensionen sind dann auch die Alterstrends besonders interessant auf der Detailebene der Facettendimension, wie z.B. die Facettendimension Selbstdisziplin als Unterdimension der Gewissenhaftigkeit.

Ergebnisse der Querschnitt-Studie Persönlichkeitsveränderung bei Erwachsenen:

(Ergebnisse für Kinder; Jugendliche und junge Erwachsene siehe Originalstudie)

  • Gewissenhaftigkeit nimmt bei älteren Probanden zu, wobei Frauen gewissenhafter sind als Männer (siehe Diagramm Soto S. 337unten links)
  • Die Teildimension Selbstdisziplin ist hauptverantwortlich für die zugenommene Gewissenhaftigkeit, während Ordentlichkeit (die zweite Facette der Dimension Gewissenhaftigkeit) nicht besonders zunimmt (siehe Diagramm Soto S. 337unten rechts). Die Zunahme von Selbstdisziplin hängt vermutlich mit der Sozialisierung und Verantwortung in Arbeit und Familie zusammen.
  • Verträglichkeit verändert sich nicht stark bei älteren Personen, sie nimmt leicht zu. Frauen sind verträglicher als Männer (siehe Diagramm Soto S. 338 oben).
  • Neurotizismus, mit den Facetten Angst und Depression, nimmt während des Lebens ab (dies wird in allen ähnlichen Studien gefunden), wobei junge Frauen sehr viel höher scoren als junge Männer, und die Neurotizismus-Unterschiede zwischen den Geschlechtern im Laufe des Lebens abnehmen (siehe Diagramm Soto S. 338). Möglicherweise sind hormonelle Ursachen ein Grund der stärkeren Ausgeglichenheit bei älteren Frauen.
  • Extraversion bleibt während des Lebens in etwa gleich, und Frauen sind etwas extravertierter als Männer (siehe Diagramm Soto S. 340 oben).
  • Offenheit nimmt bei älteren Probanden leicht zu. Männer sind im Durchschnitt offener als Frauen. Auf der Ebene der Facetten zeigen sich große Unterschiede: Frauen aller Altersstufen sind aufgeschlossener für Ästhetik als Männer; während Männer ab dem Alter von 25 Jahren viel aufgeschlossener sind für neue Ideen als Frauen (S. 341 oben)

Alle diese Ergebnisse der Persönlichkeitsveränderung gelten nicht auf individueller Ebene, sondern können auch auf Generationsunterschiede zurückzuführen sein. Auch können die Ergebnisse kulturspezifisch sein, da die Fragen auf Englisch ausgefüllt wurden (…aber für jedermann im Internet zugänglich waren).

Maria Trepp, Diplompsychologin und Übersetzerin

(Dieser Text erscheint auch auf Niederländisch).

Gibt es eine Midlife-Crisis?

Gibt es eine Midlife-Crisis?

Eine neue Studie stellt fest, dass 40- und 50-Jährige häufiger eine Lebenskrise (Midlife-Crisis) erfahren als andere, und Frauen mehr als Männer. (Adult life stage and crisis as predictors of curiosity and authenticity, International Journal of Behavioral Development)

Übrigens stellt diese Untersuchung auch fest, dass wir in solch einer Krise offener für neue Erkenntnisse sind. Wir sind dann neugieriger auf uns selbst, auf andere und auf die Welt um uns herum.

Das klassische Midlife-Crisis-Modell geht von einer U-Form der allgemeinen Zufriedenheit während des Lebens aus: hoch am Anfang und Ende des Lebens, niedrig in der Mitte des Lebens. Menschen erleben im Alter von 40 und 50 oft eine Zeit der Unruhe, Unzufriedenheit und Angst. Körperliche Veränderungen wie Gewichtszunahme, schlechtere Augen, Brillenbedarf, und weniger oder graue Haare können sicher auch zu einer schlechteren Stimmung beitragen. Die Midlife-Crisis ist eine Phase schlechter Stimmung, die nicht als psychische Störung betrachtet wird, kann sich jedoch in eine Depression oder einen Burn-out weiter entwickeln.

u-Form Midlife-Crisis

Lesen Sie hier mehr: Is well-being U-shaped over the life cycle?

[und siehe hier die niederländische Version meines Blogs zur Midlife-crisis]

Im psychosozialen Entwicklungsmodell von Erikson wird diese Phase des Lebens durch einen Konflikt zwischen Stagnation und Generativität (dem Wunsch, etwas zu produzieren, das über das Individuum hinausgeht; Produktivität und Kreativität) charakterisiert. Stagnation würde dann mit dem Konzept der Midlife-Crisis zusammenfallen, oder jedenfalls mit einer Phase der Unsicherheit, bevor man die hohe Stufe der Generativität erreicht.

Witzigerweise wurde der gleiche U-Form-Effekt der Zufriedenheit bei Primaten gefunden! Dies könnte darauf hindeuten, dass biologische Faktoren, zum Beispiel hormonelle Faktoren, bei der Midlife-Crisis eine Rolle spielen, nicht nur soziokulturelle Faktoren wie hohe Arbeitsbelastung und Verantwortung für aufwachsende Kinder und älter werdende Eltern in den mittleren Jahren.

Viele Filme und Komödien haben die Midlife-Crisis zum Thema, zum Beispiel der Film American Beauty, wo ein 42-jähriger Vater Lester eine Midlifecrisis durchmacht. Seine langweilige Arbeit macht ihn nicht glücklich. Von seiner Familie erfährt er weder Dankbarkeit noch Respekt für sich selbst als Mensch, nur das furchtbare Gefühl, bedeutungslos zu sein. Er verliebt sich in die beste Freundin seiner Teenager-Tochter…

„Mid-life crisis is what happens when you climb to the top of the ladder and discover it’s against the wrong wall.“ – Joseph Campbell

Aber es gibt viele Studien, die den Begriff der Midlife-Crisis ablehnen und eine andere Entwicklung der Entwicklung subjektiven Lebensglücks finden. Das Problem bei der Forschung zur Midlife-Crisis ist, dass verschiedene Generationen (Kohorten) miteinander verglichen werden. Wenn eine Langzeitstudie durchführt wird, in der eine ganz bestimmte Gruppe von Personen während des Lebens untersucht wird, kann (zumindest in bestimmten Kulturen) bei älteren Personen eine erhöhte Zufriedenheit im Leben festgestellt werden. (Siehe Scientific American, Most People Get Happier as They Approach Midlife.

Maria Trepp, Psychologin und Übersetzerin

 

Pluralistische Ignoranz

Pluralistische Ignoranz ist ein Begriff aus der Sozialpsychologie. Dieser Begriff beschreibt eine Situation, wo die Mehrheit der Gruppe ein Verhalten oder eine Meinung ablehnt, aber die Personen einzeln (und im Widerspruch zur Wirklichkeit!) davon überzeugt sind, dass die anderen Gruppenmitglieder das abgelehnte Verhalten oder die abgelehnte Meinung sehr wohl gut finden (oder auch umgekehrt: man selbst lehnt etwas ab, glaubt aber zu Unrecht, dass andere dies gut finden). Wenn Personen in einer Gruppe sich in einer unsicheren und schwer zu beurteilenden Situation befinden, und niemand weiß, wie man handeln soll, achtet man gern auf andere und deren Verhalten. Dieses Verhalten der anderen wird dann oft nicht als Unsicherheit interpretiert (während diese Interpretation auf der Hand liegt, wenn man auch unsicher selbst ist), sondern als Ergebnis einer bewussten Entscheidung. Man interpretiert daher das Verhalten anderer, die sich gleich verhalten wie man selbst, anders als das eigene Verhalten und passt sich dann auch noch an die verkehrt aufgefasste allgemeine Meinung an. Unterschiede zwischen privater Meinung und öffentlichem Verhalten sind in der sozialpsychologischen Literatur als eine Form von sozialem Einfluss gut dokumentiert. Sozialer Einfluss spielt auch eine zentrale Rolle bei diesem Phänomen der pluralistischen Ignoranz.

Beispiele:

  1. Der Lehrer fragt, ob es irgendwelche Fragen gibt. Niemand sagt etwas. Viele Teilnehmer nehmen dies als ein Zeichen dafür, dass die anderen alles verstanden haben, und dies, während die anderen Teilnehmer auch unsicher sind oder Fragen haben und selbst auch auf die Reaktionen der Gruppe achten.
  2. Des Kaisers neue Kleider: das Märchen von Hans Christian Andersen: jeder sieht, dass der Kaiser keine Kleider hat, aber glaubt fälschlicherweise, dass die anderen Leute sehr wohl die Kleidung des Kaisers sehen können. Man sagt nichts, um nicht dumm oder abnormal zu erscheinen.

pluralistische Ignoranz Kaisers neue Kleider

  1. Trinkgewohnheiten unter Studenten und der Einfluss von Gleichaltrigen auf diese Gewohnheiten. Untersuchungen zu Alkoholkonsum unter Studenten haben gezeigt, dass die meisten Studenten der Meinung waren, dass ein durchschnittlicher Student  viel positiver gegenüber Alkoholkonsum stand als sie selbst … aber dies dachte die Mehrheit der Studenten, während es logisch nicht wahr sein kann, dass es für mehr als die Hälfte der Studenten gilt, dass der durchschnittliche Student Alkoholkonsum positiver bewertet als der Student selbst!

Siehe Deborah A. Prentice, Dale T. Miller, Pluralistic Ignorance and Alcohol Use on Campus
Some Consequences of Misperceiving the Social Norm, Journal of Personality and Social Psychology, February 1993 Vol. 64, No.
2, 243-256

  1. Viele Beispiele von Vorurteilen: eine aktuelle Studie zeigt, dass viele Amerikaner über Atheisten nicht negativ denken, aber (zu Unrecht) denken, dass ihr Umfeld negativer ist als sie selbst, und darum eine öffentliche ablehnende Haltung einnehmen. (When Private Reporting Is More Positive Than Public Reporting: Pluralistic Ignorance Towards Atheists)
  2. Das bekannteste Beispiel der pluralistischen Ignoranz ist der Zuschauereffekt. In einer Notsituation mit mehreren Zuschauern greift niemand ein, da jeder die zögerliche Nichteinmischung der anderen als eine bewusste Entscheidung versteht und daraus ableitet, dass Maßnahmen nicht erforderlich sind.
  3. Halbesleben et al. (2007) argumentieren, dass die pluralistische Ignoranz der Grund sein kann, dass Arbeitnehmer ihre wahre Meinung zu einem Thema nicht mit Kollegen teilen, weil man denkt, dass die Gruppenidentität verteidigt werden muss und dass die Gruppe stillschweigend eine andere Meinung hat als man selbst. Das Ergebnis ist dann eine höhere Belastung und ein geringerer Grad der Beteiligung bei den Mitarbeitern. Für die Organisation als Ganzes kann pluralistische Ignoranz zu einer schwachen Organisationskultur führen, die eigentlich nicht von den Mitgliedern der Organisation unterstützt wird. Dies kann zu schlechten Entscheidungen führen, weil die Mitarbeiter ihre eigenen Überzeugungen nicht zum Ausdruck bringen und sich an eine vermeintliche gemeinsame Meinung anpassen.

Halbesleben JRB, Wheeler AR, Buckley MR (2007) Understanding pluralistic ignorance: application and theory. Journal of Managerial Psychology 22(1):65–83

  1. In Smarter Than You Think: How Technology Is Changing Our Minds for the Betterbeschreibt Clive Thompson die systematische Verwendung von pluralistischer Ignoranz durch autoritäre Regimes. Wenn jeder denkt, dass andere das Regime tolerieren, wird niemand den Aufstand wagen (siehe auch die Kleidung des Kaisers). Clive Thompson meint, dass die Verbreitung der digitalen und sozialen Medien die pluralistische Ignoranz aufheben kann. Aktivisten und Unterstützer können nun miteinander über die (versteckten) Ziele, Aktionen und Meinungen kommunizieren.

Maria Trepp, Psychologin und Übersetzerin

 

Posttraumatisches Wachstum- neue Forschungsergebnisse

Posttraumatisches Wachstum

Posttraumatisches Wachstum ist ein Begriff, der sich auf positive psychologische Veränderungen bezieht, die als Folge von Unglück, Trauma und anderen Schwierigkeiten des Lebens auftreten können. Nach Traumen und Missgeschick werden nicht ausschließlich Stresssymptome und PTSD (posttraumatische Belastungsstörung) festgestellt, sondern es kann auch erfolgreiches persönliches Wachstum stattfinden.

Viktor_Frankl posttraumatisches Wachstum
Viktor Frankl … trotzdem Ja zum Leben sagen

Primo Levi schreibt zum Beispiel über den Reife- und Erfahrungsprozess, den er selbst im Konzentrationslager durchgemacht hat, Viktor Frankl hat seinen KZ-Aufenthalt verarbeitet in dem Buch … trotzdem Ja zum Leben sagen, und die subjektiven Erlebnisberichte von vielen anderen, die großes und auch kleineres Missgeschick überwunden haben, sind zahlreich. Unglück und Trauma stellen große Herausforderungen an die adaptive Ressourcen des Einzelnen dar, und stellen eine Person vor erhebliche Herausforderungen, was das Selbst- und Weltverständnis betrifft, und die Möglichkeit, sich selbst einen sinnvollen Platz in der Welt zu geben. Traumatische Ereignisse lassen es nicht zu, das man einfach die Lebensweise wieder aufgreift, die man vor dem Trauma hatte. Es treten tiefgreifende, oft lebensverändernde psychologische Veränderungen im Denken und im Verhältnis zu der Welt auf, die zu einem persönlichen und bedeutungsvollem Veränderungsprozess beitragen können.  Oft reagieren Menschen, die einen solchen Prozess durchgemacht haben, besser auf erneute Belastungen, und erholen sich schneller davon. Dies kann das Ergebnis der Begegnung mit dem erschreckenden Ereignis und einem anschließenden Lernvorgang sein.

„Posttraumatisches Wachstum“ gehört als Denkmodell zur Welt der Positiven Psychologie. Der Begriff wurde von den Psychologen Richard G. Tedeschi und Lawrence G. Calhoun gepägt (Link zum Artikel mit Modell des posttraumatischen Wachstums, und hier ein Link zu einem deutschsprachigen Artikel), andere wie zum Beispiel Andreas Maercker sprechen von posttraumatischer Reifung. Tedeschi berichtete, dass 90 Prozent der Traumageschädigten von mindestens einem Aspekt des posttraumatischen Wachstums berichten, wie eine erneuerte Wertschätzung des Lebens.

Resilienz

Ein nahe verwandter Begriff aus der traditionellen Psychologie ist Resilienz, oder psychische Widerstandsfähigkeit/Belastbarkeit als „die Fähigkeit, Krisen zu bewältigen und durch Rückgriff auf persönliche und sozial vermittelte Ressourcen als Anlass für Entwicklungen zu nutzen“ (Wikipedia). Der Unterschied zwischen posttraumatischem Wachstum und Resilienz ist das Ausmaß der Erholung. „Wachstum“ oder „Reifung“ geht über Resilienz hinaus. Resilienz bedeutet Rückkehr auf die Grundlinie der Lebensqualität, während eine sich entwickelnde Persönlichkeit sich Herausforderungen sogar zunutze machen kann. (Artikel: Charles S. Carver, Resilience and Thriving, Issues, Models and Linkages)

Posttraumatische Reifung, Religion und Literatur

Das allgemeine Verständnis, dass Leid und Not möglicherweise zu positiver Veränderung führen können, ist Tausende von Jahren alt. Zum Beispiel enthalten die Lehren so gut wie aller Religionen von Hinduismus und Buddhismus über Islam und Christentum Elemente der potenziell transformativen Kraft des Leidens. Versuche, die Bedeutung des menschlichen Leidens zu verstehen, stellen ein zentrales Thema vieler philosophischer Untersuchungen dar und erscheinen in den Arbeiten von Romanautoren, Dramatikern und Dichtern.  Auch Victor Frankls auf Sinnerfüllung gerichtete Existenzanalyse richtet den Blick auf die Dimension von Person und Existenz und erfasst besonders das Sinnstreben als primäre und heilende Motivationskraft des Menschen. In der Logotherapie und Existenzanalyse werden dem leidenden Menschen existenzielle Handlungs- und Erlebensfreiräume gegenüber somatischen oder psychischen Erkrankungen aufgeschlossen. Die leidende Person erhält durch die Differenzierung von (psychophysischem) Symptom und (geistiger) Person einen entscheidenden Teil seiner Selbstbestimmungsfähigkeit und Würde zurück.

Bewältigung und Anpassung

Posttraumatisches Wachstum wurde in Bezug auf verschiedene natürliche wie auch von Menschen verursachte traumatische Ereignisse nachgewiesen, einschließlich lebensbedrohlicher Krankheit, Krieg, Missbrauch, Einwanderung und Tod geliebter Menschen.  Es wurde auch in vielen Ländern und im Kontext verschiedener Kulturen aufgezeigt, dass posttraumatisches Wachstum ein universelles Phänomen ist, aber auch einige kulturelle Unterschiede aufweist. Posttraumatische Entwicklung kann zudem nicht nur für den Einzelnen, sondern auch für Familien und Systeme beschrieben werden.

Posttraumatisches Wachstum tritt auf beim Versuch der Anpassung an stark negative Umstände, die hohe psychische Belastung erzeugen können, wie zum Beispiel große Lebenskrisen, die in der Regel zu unangenehmen psychischen Reaktionen führen.  Persönliches Wachstum tritt nicht als eine direkte Folge des Traumas auf, sondern bei der individuellen Auseinandersetzung mit der neuen Realität in der Zeit nach dem Trauma. Diese Auseinandersetzung ist von entscheidender Bedeutung für das Ausmaß und die Art des posttraumatischen Wachstums. Berichte des persönlichen Wachstums nach einer Zeit von traumatischen Ereignissen sind erfreulicherweise weit zahlreicher als Berichte über psychiatrische Störungen wie eine posttraumatische Belastungsstörung. Aber persönliche Not und eine Belastungsstörung können auch oft neben und zugleich mit Wachstum vorkommen.

Als Vorhersagevariabelen für posttraumatisches Wachstum wurden eine Reihe von Faktoren genannt, die mit adaptivem Wachstum nach einem Trauma in Verbindung gebracht werden. Spiritualität korreliert stark mit posttraumatischer Reife und umgekehrt sind viele der tiefsten spirituellen Überzeugungen ein Ergebnis von Traumabelastung. Soziale Unterstützung ist auch gut dokumentiert als Puffer zur Prävention von psychischen Erkrankungen und Stress-Reaktionen. Richard G Tedeschi und andere haben festgestellt, dass die Fähigkeit, Situationen zu akzeptieren, die nicht geändert werden können, von entscheidender Bedeutung ist für die Anpassung an die traumatischen Lebensereignisse. Sie nennen dies „Akzeptanzbewältigung“, und stellten fest, dass die Auseinandersetzung mit der Realität ein signifikanter Prädiktor für posttraumatisches Wachstum ist.

Menschen, die posttraumatisches Wachstum erlebt haben, erfahren zum Beispiel Folgendes:

  1. Intensivierung der Wertschätzung des Lebens: Der durch das traumatische Erlebnis ausgelöste Reifungsprozess führt zu einer Veränderung der Prioritäten. Die Bedeutung der kleinen, alltäglichen Dinge nimmt zu. Materielle Dinge verlieren an Wert, persönliche Beziehungen gewinnen an Wert.

  2. Intensivierung der persönlichen Beziehungen: Das traumatische Ereignis hat einen Teil der alten Beziehungen zerstört. Die überlebenden Beziehungen („in der Not erkennt man die wahren Freunde“) werden intensiviert. Gleichzeitig nimmt die Fähigkeit zur Empathie zu. Traumabetroffene Personen empfinden ein erhöhtes Mitgefühl mit anderen, vor allem mit notleidenden Menschen.

  3. Bewusstwerdung der eigenen Stärken: Gerade durch das Bewusstwerden der eigenen Verletzlichkeit wächst auch das Gefühl der inneren Stärke. Man weiß nun, dass zwar die Sicherheit im Leben jederzeit angreifbar ist, aber auch, dass man die Folgen schlimmer Ereignisse meistern kann.

  4. Entdeckung von neuen Möglichkeiten im Leben: Nachdem alte Ziele zerbrochen bzw. entwertet wurden, sucht man nun nach neuen Zielen und Aufgaben. Dies kann mit einem Berufswechsel oder mit intensivem sozialen Engagement verbunden sein.

  5. Intensivierung des spirituellen Bewusstseins: Das durch das traumatische Ereignis herbeigeführte Grenzerlebnis wirft existenzielle Fragen auf. Die daraus resultierenden Reflexionen über den Lebenssinn und/oder über Gott können zu einer größeren spirituellen Erkenntnis und zu größerer inneren Zufriedenheit führen. (Wikipedia)

Zwei Persönlichkeitsmerkmale tragen besonders dazu bei, aus traumatischen Erfahrungen persönliches Wachstum machen zu können: Extraversion und Offenheit für Erfahrungen. Auch sind Optimisten besser in der Lage, die Aufmerksamkeit und Ressourcen auf die wichtigsten Fragen zu konzentrieren und unkontrollierbare oder unlösbare Probleme loszulassen. Eine warme, unterstützende Umgebung kann bei posttraumatischem Wachstum helfen, wenn gemeinsam eine Möglichkeit gefunden wird, die belastenden Ereignisse zu einer sinnvollen Lebenserzählung mit Perspektive und konzeptueller Verarbeitung zu machen. Erzählungen und Geschichten von Trauma und Überleben sind immer wichtig für das posttraumatische Wachstum, weil die Entwicklung dieser Erzählungen dazu zwingt, Fragen der Sinngebung und Bedeutung zu stellen und zu beantworten. Hier können die Ansätze der narrativen Psychologie von großer Hilfe sein. Konstruktive Bewältigungs- und Coping-Strategien, sowohl kognitive als auch soziale und emotionale, können eine adaptiven Spirale in Gang setzen.

Maercker hat gezeigt, dass die persönliche Reifung nach Traumatisierung durch die Fähigkeit des kognitiven Neubewertens sowie die Tendenz zur Selbstberuhigung als emotionalem Coping erklärt werden kann. Eine Liste von verschiedenen Coping-Strategien findet sich in dem Artikel The Dialectical Behavior Therapy Ways of Coping Checklist: Development and Psychometric Properties von Andrada D. Neacsiu et al. Konstruktives Coping- Verhalten kann z. B. sein: Um Rat fragen, Ratschläge befolgen, sich auf verschiedene Inhalte positiver Gedanken konzentrieren, Pläne machen, Gut für sich sorgen: (Essen, Schlafen, Sport), Aktivitäten unternehmen….

Siehe für Bewältigungsstrategien auch den Artikel von Donald Meichenbaum im Handbook of Posttraumatic Growth: Research and Practice (zu lesen in Google books).

Zwei Fragebögen zur Erfassung der selbstwahrgenommenen persönlichen Reifung nach schweren Lebensereignissen bzw. Traumen, „Persönliche Reifung nach Belastungen (PRB)“ von Park et al. (1996) und „Posttraumatische Persönliche Reifung (PPR)“ von Tedeschi und Calhoun (1996), wurden in ihren deutschsprachigen Versionen überprüft, wobei letzterer sich als brauchbarer erwies, siehe Andreas Maercker & Robert Langner, Persönliche Reifung (Personal Growth) durch Belastungen und Traumata: Validierung zweier deutschsprachiger Fragebogenversionen.

Kritik

Der Psychologe Anthony Mancini meint, dass posttraumisches Wachstum nicht wirklich stattfindet, sondern meist nur eine positive Illusion ist. Dies kann in manchen Fällen durchaus wahr sein. Mancini selbst hat jedoch selbst mit Kollegen Untersuchungen ausgeführt bei Überlebenden des Amoklaufs an der Virginia Tech (2007), bei dem 32 Menschen getötet und 29 verletzt wurden. Das Ergebnis dieser Untersuchung war, dass 60 % der untersuchten Studentinnen hinterher keinerlei psychische Beschwerden empfanden, 20 % unter einem posttraumischen Belastungssymptom litten – und 15 % sich deutlich besser fühlten! Eine Besonderheit war, dass diese Studentinnen sich vor dem traumatischen Ereignis depressiv gefühlt hatten und nun nach dem traumatischen Geschehen weniger depressiv und ängstlich waren. Mancini findet also selbst den Beweis für ein mögliches posttraumatisches Wachstum, das er übrigens auf den oben unter Punkt 2 genannten Effekt der sozialen Unterstützung zurückführt.

Maria Trepp, Diplompsychologin und Übersetzerin

 

 

Neue Art der Traumabehandlung: EMDR versus (Progressive) Counting

Neue Art der Traumabehandlung: EMDR versus (Progressive) Counting

EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) ist eine Therapie, die oft erfolgreich ist und bei Psychotraumas unterschiedlicher Art eingesetzt wird. Viele Menschen erfahren nach schrecklichen traumatischen Erlebnissen psychische Probleme. Manchmal ist dies aber auch nach weniger einschneidenden Erfahrungen der Fall. Die negativen Folgen der großen und kleinen Traumata können z. B. sein: ein zwanghaftes Wiedererleben der traumatische Erfahrung, Dissoziation,  Verdrängung, Angstreaktionen oder ein negatives Selbstbild. In schweren Fällen können Traumata zu einer posttraumatischen Belastungsstörung führen.

Verhaltenstherapie bietet verschiedene Behandlungsmöglichkeiten für psychische Traumata, unter anderem Prolonged exposure (PE)-Therapie oder Flooding wobei der Klient die traumatischen Erfahrungen unter Aufsicht wiedererlebt, bis Gewöhnung auftritt, und der Stimulus der belastenden Erinnerung keine Stressreaktion mehr hervorruft.

Eine Variante davon ist die EMDR-Therapie, eine Therapie, die auf den ersten Blick den Anschein von Quaksalberei und Unsinn erweckt, deren Wirksamkeit aber wiederholt nachgewiesen wurde. Vereinfachte Zusammenfassung: Der Klient wird gebeten, sich auf die schlimmsten Erinnerungen zu konzentrieren, während der Therapeut vor den Augen des Klienten die Finger hin und her bewegt, etwa eine halbe Minute lang.

EMDR versus (Progressive) Counting

Der Klient folgt der Bewegung der Finger mit den Augen. Dann berichtet der Klient über die in der kurzen Zeit hochgekommenen Gedanken, Bilder und Gefühle, konzentriert sich wieder hierauf , wobei der Therapeut die Finger bewegt etc. Dies wird fortgesetzt, bis der Klient keine traumatischen Erinnerungen mehr erlebt.

Mehrere Forscher ( siehe z. B. Marcel A. van den Hout, Iris M. Engelhard, How does EMDR work, Journal of Experimental Psychopathology 2012, Volume 3 (2012), Issue 5, 724–738) kommen in letzter Zeit zu dem Schluss, dass EMDR gut funktioniert, aber dass die bewegenden Finger kein notwendiger Teil der Behandlung sind. Es hat den Anschein, dass der helfende Mechanismus neben Extinktion/Löschung (einer Lernmethode, die auf klassischer Konditionierung basiert) auch die hohe Belastung des Arbeitsspeichers ist, die bewirkt, dass die belastenden Erinnerungen abgeschwächt werden, wenn gleichzeitig mit der Vorstellung der unangenehmen Erinnerungen eine andere das Gedächtnis belastende Aufgabe durchgeführt wird, wie die Beobachtung der Finger des Therapeuten oder auch Konzentration auf die Atmung (siehe den Vergleich von Achtsamkeit und EMDR).

In letzter Zeit erscheinen auch Artikel, die EMDR mit verschiedenen therapeutischen Zählmethoden vergleichen (Counting- oder Progressive Counting-Verfahren), die leichter als EMDR durchzuführen und zu erlernen sind und zu sehr guten und ermutigenden Ergebnissen führen.

In Traumatology 2015, Vol. 21, No. 1, 1-6 beschreiben Ricky Greenwald und seine Kollegen vom Trauma Institut & Child Trauma-Institut, Northampton, Massachusetts in einem Artikel die Counting-Methode und Greenwalds eigene Progressive Counting-Methode.

Die Counting Methode (CM)

ist eine Traumabehandlung, wobei der Therapeut laut von 1 bis 100 zählt, während der Klient einen imaginären „Film“ seiner traumatischen Erinnerung sieht, von Anfang bis Ende des traumatischen Ereignisses. Danach bespricht der Klient seine Erinnerungen und Erfahrungen im Detail mit dem Therapeuten. Diese Methode hat in ersten (Vor-)Untersuchungen zu guten Ergebnissen geführt.

Progressive Counting (PC)

oder Progressive Zählweise ist basiert auf CM, mit Anpassungen für eine verbesserte Effizienz und die Akzeptanz von Klienten. Bei CM erlebt der Klient den imaginären Film des Traumas nur einmal pro Sitzung und spricht dann den Rest der Zeit darüber. Bei PC erlebt der Client wiederholt imaginäre Erinnerungs“filme“ in einer einzigen Sitzung. Auch kann sich der Klient bei PC dafür entscheiden, die Erinnerung nicht zu besprechen; so ist die Privatsphäre garantiert.

Darüber hinaus ist die Dauer des ersten „Films“ bei PC nur eine Zählung bis 10; das nächste Mal bis 20; das nächste Mal bis 30; und so weiter, bis zu einem Maximum von 100. So wird die Belastung allmählich erhöht. Später, wenn die traumatische Erinnerung etwas verblasst ist, wird die Zeit der Zählung und der imaginären Filme schrittweise reduziert.

Progressive Zählung ist eine effektive Methode, die einfacher durchzuführen und zu erlernen ist als EMDR. Die ersten Ergebnisse sind sehr ermutigend, und die weitere Forschung wird zeigen, ob diese oder andere Variationen von EMDR zu Verbesserungen bei der Traumatherapie führen können.

Maria Trepp

 

 

 

 

 

 

Erlernte Hilflosigkeit: Psychologie und Folter

Erlernte Hilflosigkeit: Psychologie und Folter

Erlernte Hilflosigkeit“ ist eines der wichtigsten Konzepte in der klinischen Psychologie. Dieses Modell beschreibt die Entstehung von Depressionen als einen Lernprozess, wobei Menschen meinen, ihre Umgebung nicht beeinflussen zu können, auch dann, wenn sie dies aufgrund der Tatsachen eigentlich wohl könnten. Nach traumatisierenden Erfahrungen und Situationen mit Kontrollverlust unterschätzen Menschen später ihre tatsächlichen Einflussmöglichkeiten. Mithilfe von psychologischer Intervention können sie erneut lernen, Einfluss zu nehmen und ihr Leben zu kontrollieren.

Die Theorie der erlernten Hilflosigkeit, die vielen Menschen geholfen hat, über kognitive Verhaltenstherapie ihre depressiven Beschwerden zu überwinden, geht zurück auf Martin Seligmanns Experimente mit Elektroschock bei Hunden.

seligman Erlernte Hilflosigkeit: Psychologie und Folter wikimedia

Martin Seligman

Wenn Hunde Elektroschocks in einer bestimmten Situation nicht vermeiden können, vermeiden sie diese auch später nicht mehr, selbst wenn dies dann möglich ist.  Diese schrecklichen Experimente an Tieren haben zu wichtigen Erkenntnissen in der Depressionsforschung geführt. Menschen können die gelernte Hilflosigkeit überwinden und lernen, nach Traumen oder realem Kontrollverlust ihre Einflussmöglichkeiten zurückzugewinnen, und können sich so emotional, kognitiv und sozial wieder erholen und ihr Verhalten an die realen Möglichkeiten anpassen.

Doch hat die grausame Basis der Erkenntnisse, nämlich die Folter an Tieren, inzwischen auch zu schrecklichen Folgen in der Menschenwelt geführt. Während Seligmann selbst sich jetzt ganz der positiven Psychologie widmet,

 

wurden seine  Erkenntnisse vom US-Militär als äußerst interessant beurteilt und in Zusammenarbeit mit Psychologen der APA (American Psychological Association, dem sehr einflussreichen nordamerikanischen Fachverband für Psychologie, deren Vorsitzender Seligmann auch zeitweise war) zum Entwerfen von Foltersituationen, sogenannter weißer Folter (Schlafentzug, Waterboarding etc ) genutzt.

Ein neuer unabhängiger Bericht (Titel ALL THE PRESIDENT’S PSYCHOLOGISTS, von Autoren unter der Leitung des ehemaligen Bundesanwalt David Hoffman) behauptet, dass die American Psychological Association (APA) während der Bush-Ära in der Folge der Terroranschläge 9/11 heimlich mit Regierungsbeamten daran arbeitete, eine ethische Rechtfertigung der Folter-Programme für Gefangene zu schaffen. Die Autoren analysierten rund 600 neu veröffentlichte E-Mails, die zeigen, dass dies alles geschah nach der erhöhten Aufmerksamkeit der Medien für Verhörmethoden, im Zusammenhang mit der Offenbarung des Missbrauchs im Gefängnis Abu Ghraib im Irak.

Der Bericht kommt zu dem Schluss:  „Die APA hat sich heimlich mit Beamten des CIA, dem Weißen Haus und dem Verteidigungsministerium abgestimmt, um eine Ethik-Politik für Verhöre der Sicherheitsdienste zu schaffen, die sich mit der damals geheimen rechtlichen Orientierungshilfe zur Ermächtigung des CIA-Folterprogramms vertrugen.“

Die Autoren hoffen, dass ihre Untersuchung dazu beitragen wird, die Bedeutung der Psychologie neu zu definieren, und warnen, dass Menschen Vertrauen verlieren werden in den Berufsstand, wenn Psychologen Menschen auch absichtlich Schmerzen zufügen – und dies ganz unabhängig vom individuellen Hintergrund oder den Motiven des betreffenden gefolterten Individuums.

Das vollständige Dokument basiert sich auf die Überprüfung von mehr als 50.000 Dokumenten, und weit über 200 Interviews von 148 Menschen und rechtfertigt die langjährigen Kritiker der APA in dieser Frage.

Die Prioritäten der APA waren anscheinend PR-Strategie und das Wachstum des Berufsstand der Psychologen, anstatt das Wohlergehen der verhörten Personen. Der Bericht stellt fest, dass viele E-Mails und Diskussionen von der gesellschaftlichen Stellung und von Positionierungsfragen der APA handeln, und davon, wie die APA ihren Einfluss maximieren kann und die positive Beziehung mit dem Verteidigungsministerium ausbauen kann. Viele E-Mails und Diskussionen handeln davon, was die Medienstrategie der APA sein sollte in einem Medienumfeld, das als „feindlich“ wahrgenommen wurde. Es gebe kaum Hinweise auf Reflexionen, Analysen oder Diskussionen über die beste oder richtige ethische Position in Anbetracht der Art des Berufs und der besonderen Kenntnisse, die Psychologen haben zu Funktionen von Gedanken und Emotionen; Fähigkeiten, die es Psychologen ermöglichen, sowohl zu heilen als auch zu schaden.

Zwei Psychologen, James Mitchell und Bruce Jessen, entwickelten auf Basis der Theorie von der „erlernten Hilflosigkeit“ eine Reihe von Zwangstechniken und führten auch persönlich Verhöre durch, in denen sie einige CIA-Gefangene folterten.  Sie verdienten Millionen Dollar für diese Dienste.

Die beiden Psychologen hatten keine Erfahrung als Verhörleiter, keine spezielle Kenntnisse von Al Qaeda, keinen Hintergrund in der Terrorismusbekämpfung, und keine relevanten kulturellen oder sprachlichen Kompetenzen. Es gibt übrigens keinen Beweis, dass die von ihnen benutzten Methoden auf Basis von „erlernter Hilflosigkeit“ nützliche Informationen produzierten oder überhaupt produzieren könnten. Im Gegenteil, psychologische Forschung zeigt, dass Folter keine verwendbaren Fakten zutage fördert.

Die APA entschuldigt sich jetzt auf der eigenen Website für „zutiefst beunruhigende“ Resultate und Organisationsfehler; und gibt erste Richtlinien- und Verfahrenshandlungen bekannt, um diese schweren Mängel zu korrigieren.

Siehe auch: Tortured by Psychologists and Doctors

Maria Trepp Übersetzerin Psychologin